Narrenspiel

von Skysha
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
08.12.2019
16.12.2019
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Abgestandene Luft füllte ihre Lungen und tiefe Dunkelheit umgab sie, als sie die Augen aufschlug. Sie nahm lediglich ihren wilden Herzschlag und die bleierne Schwere ihrer Gliedmaßen wahr, während sie mit Entsetzten feststellte, dass sie an einem Ort festsaß, der kaum größer war als sie selbst.
Sie schlug mit den Fäusten gegen die Oberfläche, die sich nur wenige Zentimeter über ihrem Gesicht befand. Obwohl sie kaum Kraft in den Armen hatte, erzitterte die Decke unter ihren Hieben. Ihre Kehle war staubtrocken und als sie unter der Anstrengung aufstöhnte, würgte sie ein Husten hervor, welches ihren Hals beinahe zerberste.  
Kalter Schweiß rann ihre Schläfen hinab und weil ihre Arme immer schwächer wurden, benutzte sie ihre Füße, um die Decke aufzustemmen. Mit einem lauten Knarzen sprang sie auf und sie musste sich die Hände vors Gesicht halten, da das plötzliche Licht ihre Augen blendete.
Schwerfällig richtete sie sich auf und schaute sich im Raum um - oder viel mehr der Höhle - die aussah als wäre sie seit Jahren nicht mehr betreten worden. Die Steinwände schauten kahl auf sie herab und es gab nicht einen sichtbaren Ausgang. Ein Schauer legte sich um ihren Körper und sie schlang die schlaffen Arme um sich herum. Ihre zitternden Atemstöße kondensierten und ihr Herzschlag pochte wild in ihren Ohren.
Krampfhaft versuchte sie sich daran zu erinnern, wo sie sich befand und wie sie hierher gekommen war. Doch in ihrem Kopf herrschte eine gähnende Leere - sie wusste nicht einmal wer sie war. Nur ein einziger klarer Gedanke kämpfte sich an die Oberfläche ihres Bewusstseins; sie musste raus aus dieser Höhle und das sofort.
Sie schwang ihre Beine aus dem Sarg, in dem sie eben noch eingesperrt war, und richtete sich wackelig auf. Es dauerte keine drei Sekunden bis sie ihr Gleichgewicht verlor und sich abstützen musste.
„Immer mit der Ruhe, meine Liebe! Warum hast du es denn so eilig?“
Eine mächtige Stimme erfüllte den Raum und ließ sie aufschrecken. Mit aufgerissenen Augen suchte sie ihre Umgebung ab, konnte aber nicht sagen, woher die Stimme kam.
„Hier bin ich!“ kam es von rechts, doch als ihr Blick in die Richtung zuckte, kam der nächste Ruf bereits von links.
„Jetzt bin ich hier!“ Ein irres Lachen hallte von den Wänden wider. „Was ist, kannst du nicht mit mir mithalten?“
Sie verzog die Lippen zu einer schmalen Linie. „Was bist du?“, presste sie rau hervor. Nicht einmal der Klang ihrer eigenen Stimme rief eine Erinnerung hervor.
„Was ich bin?“, donnerte es von der Decke herab. „Du willst wissen was ich bin? Nicht wer? Wie unhöflich! Wie unerhört! Muss ich mich wirklich dazu herabwürdigen mich einer einfachen Sterblichen vorzustellen? Erkennt die Sterbliche meine Stimme denn nicht von alleine?“
Sie setzte sich auf den Rand des Sargs und rieb sich mit geschlossenen Augen die Schläfen. „Bei allem Respekt“, sagte sie. „Ich weiß nicht einmal wer ich bin.“
„Natürlich weißt du das nicht! Deshalb bist du doch zu mir gekommen! Um deine Erinnerungen zurück zu bekommen!“
Sie blinzelte verwirrt. „Deshalb bin ich hier? Warum kann ich mich nicht daran erinnern wie ich hierher gekommen bin? Hast du mir meine Erinnerungen genommen? Kannst du sie mir wiedergeben?“
„Fragen über Fragen über Fragen über Fragen! Erwartest du von mir dir einfach zu antworten? Ganz ohne Gegenleistung?“
„Ich wüsste nicht, was ich dir anbieten sollte“, erwiderte sie mit mahlendem Kiefer. Die Stimme bereitete ihr Kopfschmerzen und irritierte sie. Es war offensichtlich, dass er mit ihr spielte und unglücklicherweise befand sie sich in einer Situation, in der sie das tolerieren musste.
„Einen einzigen Gefallen, nicht mehr und nicht weniger. Wenn du ihn mir erfüllst, kriegst du alle deine Erinnerungen wieder.“
Sie schnaubte. „Ich soll dir einen Gefallen erfüllen? Ich weiß noch nicht einmal wer du bist.“
„Sterbliche! Ich werde dir deine Unwissenheit nur einmal verzeihen! Ich bin Clavicus Vile!“
Ihr Mund öffnete sich, doch sie war nicht dazu im Stande Wörter mit ihm zu formen. Ein Daedra-Prinz! Sie sprach mit einem Deadra-Prinzen! Sie schluckte.
„Ich sehe, es hat dir die Sprache verschlagen!“ Erneut entkam ihm Gelächter. „Nun, jetzt da du im Bilde bist, weißt du, dass ich in der Lage bin dir dein Gedächtnis zurückzubringen. Alles, was du dafür tun musst, ist ein Handel mit mir einzugehen. Gefallen gegen Gefallen.“
Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich habe von dir gehört. Ich weiß, dass du Wünsche gewährst und ich weiß ebenso wie trügerisch du dabei vorgehst. Man kann einem Handel mit dir nicht trauen.“
„Ich! Ein Betrüger!“, rief er erbost wobei ihr eine Gänsehaut über die Arme lief.
„Ich erfülle jeden Handel, den ich eingehe! Jeden einzelnen! Und du, Sterbliche, hast du wirklich eine andere Wahl, als mein großzügiges Angebot anzunehmen?“
Sie biss sich auf die Unterlippe. Er hatte nicht Unrecht mit seinem Einwand. „Also was verlangst du von mir?“, fragte sie widerwillig.
„Oh, eine Kleinigkeit! Beinahe unbedeutend im Vergleich zu der Aussicht deine Erinnerungen, deine Identität wiederzubekommen! Was ich von dir will, ist ganz einfach: Finde das Drachenblut und bringe es zu mir. Sie hat noch eine alte Schuld bei mir zu begleichen.“
„Das Drachenblut?“, hakte sie stirnrunzelnd nach. Eine Flamme der Erkenntnis flackerte in ihrem Inneren auf. Natürlich hatte sie vom Drachenblut gehört. Sie wusste, dass sie ihr den Sieg über den Weltenfresser zu verdanken hatten.
Sie hielt inne. Also konnte sie sich doch an Dinge erinnern! Auch wenn sie willkürlich waren und nichts mit ihr selbst zutun hatten, so war es doch beruhigend zu wissen, dass sie nicht alles vergessen hatte.
„Wie soll ich das schaffen? Ich weiß nicht wer sie ist oder wo ich nach ihr suchen soll.“
„In Himmelsrand, natürlich! Dort wo sie zuletzt gesehen wurde!“
„Himmelsrand ist groß“, sagte ich genervt.
„Himmelsrand? Groß? Ich vergesse immer wie eingeschränkt ihr Sterblichen denkt!“
Während des gesamten Gesprächs ist seine Stimme fortwährend von einer Seite des Raums auf die andere gesprungen.
„Für einen Daedra-Prinzen mag Himmelsrand vielleicht winzig sein. Aber ich bin nur eine... Bei den Acht, was bin ich denn überhaupt?“ Sie hielt sich ihre blassen Hände vor die Augen. Ein Mensch, so viel war sicher. Sie betastete ihre schulterlangen Haare und hob eine Strähne hoch. Braun und glatt.
„...Eine Bretonin?“, riet sie ins Leere und bekam sogleich eine ohrenbetäubende Antwort.
„Richtig beim ersten Versuch! Diese Information hätte ich dir sogar umsonst gegeben!“
Sie sah an sich herunter und war nur wenig beeindruckt von dem Anblick. Sie war in nichtssagende Lumpen gekleidet, die Füße steckten in dünnen Halbschuhen.
„Und eine Bettlerin?“
Noch mehr Gelächter. „Wärst du das gerne? Eine Bettlerin?“
Sie brummte wütend. „ich denke nicht, dass jemand gerne ein Bettler wäre.“
„So amüsant dein kleines Ratespiel auch ist, wäre es nicht viel einfacher mein Angebot anzunehmen? Damit du weißt, dass ich es ernst meine, werde ich dir sogar deinen Namen verraten! Ganz ohne Gegenleistung.“
Misstrauisch hob sie ihre Augenbraue. „Ich muss dir nichts dafür geben? Nichts dafür tun?“
„Das habe ich doch gesagt! Willst du ihn nun oder nicht?! Ich bin nicht immer so freigiebig!“
Nach einem kurzen Moment nickte sie.
„Cillia!“
„Cillia?“, wiederholte sie stirnrunzelnd. Sie hatte gehofft irgendwelche Erinnerungen mit diesem Namen zu verbinden, doch es regte sich absolut nichts in ihrem Gedächtnis. Außerdem war das nicht gerade der klangvollste Name.
„Nicht zufrieden? Hättest du gerne einen anderen? Vyctabyth? Oder Elondrinchen? Wie wäre es mit Carolaryna?“
„Woher hast du nur diese schrecklichen Namen?“ Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich bleibe bei Cillia, ob es nun der echte ist oder nicht.“
„Nun, denn! Wirst du das Drachenblut zu mir bringen?“
Sie kaute nachdenklich an ihrem Fingernagel. „Du bist doch ein Deadroth. Kannst du sie nicht selber finden?“
„Natürlich könnte ich das! Aber das wäre nicht halb so unterhaltsam für mich!“
„Natürlich nicht“, murmelte ich genervt. Nach einer kurzen Weile atmete ich tief aus. „Nehmen wir mal an, ich stimme zu. Wie sollte ich bei der Suche vorgehen? Verrätst du mir wo sie zuletzt gesehen wurde?“
„Rifton“, war die überraschend schnelle Antwort.
„Rifton... Hat sie was mit der Diebesgilde zu tun?“
„Finde es selbst heraus! Ich kann nicht die ganze Arbeit für dich tun!“
„Ich soll sie also finden und zu dir bringen. Ich muss niemanden dabei verletzen? Und sobald, sie hier ist, kriege ich meine kompletten Erinnerungen wieder?“
„So wahr mein Name Clavicus Vile ist!“
Sie starrte auf den sandigen Boden unter sich. Das Angebot gefiel ihr überhaupt nicht, aber was hatte sie schon für eine Wahl?
„Ich tue es.“
„Sehr schön! Wunderbar! Wir haben einen Handel!“ rief er vergnügt und ein ungutes Gefühl breitete sich in ihrem Inneren aus. Hoffentlich hatte sie die richtige Entscheidung getroffen.
Ein Knirschen erklang und Cillia verdeckte mit zusammengezogenen Gesicht ihre Ohren. „Was ist das?“, rief sie gequält, doch die Frage ersparte sich.
Zu ihrer Rechten wurde plötzlich ein Ausgang sichtbar. Das Geräusch rührte daher, dass ein Felsbrocken zur Seite geschoben wurde.
Sie erstarrte als sie eine Person, in der Öffnung sah. Sie trug einen langen Umhang, der sowohl Körper als auch Gesicht verbarg. Unterwürfig hielt sie ihr einen Stoffhaufen hin, doch Cillia rührte sich nicht.
„Wer bist du?“, fragte sie alarmiert, doch Clavicus antwortete an ihrer Stelle.
„Ein einfacher Diener. Mach dir nicht die Mühe mit ihm zu reden. Er hat seine Stimme für einen Wunsch eingetauscht.“
Cillias Augen weiteten sich. Er stand ungerührt dort und weil sie nicht das Gefühl hatte, dass eine Gefahr von ihm ausging, stemmte sie sich hoch und verzog schmerzhaft das Gesicht, weil ihre Beine ihr Gewicht kaum halten konnten. Wie lange war sie nur in diesem Sarg gewesen?
Sie tastete sich langsam vorwärts und nahm das Bündel vorsichtig entgegen, ohne die Augen von ihm zu nehmen.
„Danke“, sagte sie und musterte es neugierig. Eine Lederrüstung. Nicht gerade hochwertig aber allemal besser, als die Lumpen, die sie am Leib trug.
Aus den Augenwinkeln sah sie etwas aufblitzen und im nächstem Moment machte sie einen Satz nach hinten.
Der Fremde hatte ein Schwert auf sie gerichtet. Panik überkam sie in dem winzigen Raum, denn er blockierte den einzigen Fluchtweg.
Doch er griff sie nicht an, sondern drehte das Schwert in einer schnellen Bewegung so, dass die Spitze nun auf den Boden zeigte. Er streckte den Arm erwartungsvoll aus.
Cillias Augen schnellten zwischen ihm und der Waffe hin und her und schließlich schnappte sie sich das Schwert und brachte Abstand zwischen sie beide.
Seine Pflicht war damit wohl erfüllt, denn er verließ den Raum und ließ sie allein.
Nach einem Moment fing sie an sich umziehen und erschrak als die Daedrastimme erneut erklang.
„Noch eine Sache! Ich werde es als Bruch unseres Paktes betrachten, solltest du versuchen deine Erinnerungen auf andere Weise zurückzubekommen!“
„Das war nicht Teil der Abmachung“, sagte ich empört.
„Natürlich war es das! Ich hatte es bis eben nur nicht erwähnt!“
„Du kannst sowas nicht einfach hinterher entscheiden!“
Stille.
„Hallo?“
Keine Antwort.
Sie seufzte. „Großartig.“
Sie nahm das Schwert und befestigte es an ihrem Gurt. Ihr Schritt wurde langsam sicherer, auch wenn das Gehen ihr immer noch Mühe bereitete. Außerdem knurrte ihr Magen. Ob es hier wohl etwas zu essen gab?
Sie verließ die Höhle und durchschritt einen schmalen Gang, der sich schier unendlich zu ziehen schien.
Als sie endlich am Ausgang ankam, fand sie eine Halle vor, die von einer enormen Statue geziert wurde. Sie stellte einen fast menschlich aussehenden Mann mit zwei Hörnen auf dem Kopf und einem Hund an seiner Seite dar. Ein merkwürdiges Gefühl überfiel sie und sie wandte ihren Kopf ab. Der Mann von vorhin stand neben einer Tür und guckte in ihre Richtung. Er öffnete die Tür und bedeutete ihr mit einer Handbewegung ihm zu folgen.
Sie kam seiner Aufforderung nach, umschloss aber das Schwer mit einer Hand. Man wusste ja nie.
Sie betrat eine Art Eingangsbereich, an dessen Ende sich eine schwere Doppeltür befand. Der Mann wartete dort auf sie und als sie bei ihm ankam tippte er mit einem langen Finger gegen sie. Ein lilafarbener Strohm entstand dort wo sich die beiden Türen berührten und im nächsten Moment öffneten sie sich wie von selbst.
Cillia hatte keine Zeit den Zauber zu bewundern, denn ein Schwall eiskalter Luft wehte ihr entgegen. Blendendes Weiß stach in ihre Augen und sie musste den Blick abwenden.
Als sie wieder vor sich sah, tanzten winzige Schneeflocken vor ihrer Sicht, verirrten sich in ihrem Haar und schmolzen als sie auf ihre Haut trafen. Der Anblick der Schneelandschaft verschlug ihr den Atem.
Sie ging ins freie und nahm einen tiefen Atemzug. Die frische Luft belebte ihren Geist, aber sie machte sich Sorgen, dass ihre Lederrüstung sie auf Dauer nicht warmhalten würde.
Weit und breit war nichts als Schnee zusehen und sie fragte sich wie sie von hier wegkommen sollte.
Cillia drehte sich um, um den Mann zu fragen doch mit Schrecken musste sie mitansehen wie sich die Tür schloss und sie allein gelassen wurde.
„Hey!“ rief sie und lief auf den Eingang zu. Sie klopfte gegen das Metall, doch die Türen erzitterten nicht einmal unter den Schlägen.
„Molag Bal soll dich holen, du dreckige Ratte!“ schrie sie ihren Frust hinaus.
Sie gab auf, sobald sie einsah, dass sie nur ihre Kraft verbrauchte und rieb ihre tauben Hände aneinander.
Panik stieg in ihr auf, als sie bis an den Rand des Hangs trat und hinunter blickte. Sie war so weit oben, dass sie den Boden nicht einmal sehen konnte.
Sie entdeckte zwar einen schmalen Pfad der runterführte, aber wie lange konnte sie diesen Schneemaßen standhalten?
„Clavicus!“ rief sie. „Wie soll ich von hier wegkommen?“ Sie bekam keine Antwort. „Clavicus!“ Doch es hatte keinen Sinn. Auf seine Hilfe konnte sie nicht zählen.
Sie nahm ihren gesamten Mut zusammen und ging auf den Pfad zu.
Zu ihrem Erstaunen schmolz der Schnee unter ihren Füßen sobald sie ihn betrat und die Kälte schrumpfte sogar auf ein erträgliches Maß.
„Clavicus?“
„Ab mit dir! Du hast eine Vereinbarung einzuhalten!“, donnerte die Stimme.
Sie unterdrückte ein Lächeln. Vielleicht war die Lage doch nicht so aussichtslos.
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