Begegnungen

GeschichteRomanze / P6
OC (Own Character)
08.12.2019
14.02.2020
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Er würde zu spät zur Arbeit kommen. In diesen Tagen bedeutete das, sein Glück herauszufordern. Vielleicht war er ja schon paranoid, aber er hätte schwören können, dass die Betriebsleitung geradezu auf jede Möglichkeit lauerte, ein Raubtier entlassen zu können. In dieser Beziehung war Kevin in einer besseren Position als er: Tobias hatte ehrlicherweise Otter nicht einmal zu den Raubtieren gezählt, bevor er angefangen hatte, mit Kevin zu arbeiten.

Damals, bei ihrer ersten gemeinsamen Mittagspause, hatte Tobias recht taktlos danach gefragt, worauf Kevin demonstrativ in den Seeigel gebissen hatte, den er sich zum Essen mitgebracht hatte, mit Schale und Allem. Tobias hatte nur zu deutlich verstanden.

Er wusste, dass es Kevin auf die Nerven ging, das jeder ihn als süß und knuddelig ansah, aber gerade jetzt genoss er die großen Vorteile dieses Klischees und begann es auch zu pflegen: Tobias hatte Kevin seit Wochen nicht mehr Meeresfrüchte zur Pause essen sehen.

Die Sonne strahlte warm und hell auf den Gehsteig vor dem gelben Wohngebäude. Die festungsartige Sicherheitsstahltür stach geradezu aus dem sonstigen Erscheinungsbild des Gebäudes, das den Charme einer vergangenen Epoche hatte, hervor. Tobias stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite und betrachtete diese scheußliche Tür, während er wartete.

Lilly tauchte als erste auf und hielt eifrig für Hazel die Tür auf, die einen riesigen Koffer hinter sich herzog, zumindest war er für Hasenstandard riesig. Lilly hatte ihren rosafarbenen Rucksack und ein lilafarbenes Kleid an, offensichtlich hatte sie sich für das Treffen mit ihren Großeltern herausgeputzt.

Als sie Tobias auf der anderen Seite der Straße bemerkte, begann sie zu strahlen und wie immer konnte er gar nicht anders, als zurückzulächeln. Sie war wie immer ein kleiner Sonnenschein.

Mit einem Satz übersprang sie die Stufen, um quer über die Straße zu rennen.

„Lilly!“ Hazels strenge Stimme brachte ihre Tochter am Rand des Gehsteiges auf ihren Zehenspitzen zum Anhalten. Lilly strich sich demonstrativ ihr Kleid glatt und schaute übertrieben deutlich nach links und rechts, bevor sie die Straße überquerte.

Tobias gluckste. Oh mein Gott, wie sehr würde er dieses kleine Häschen vermissen.

„Toby, fang mich!“ Lilly sprang an ihm in die Höhe. Nur wenige Zentimeter fehlten ihr, um auf seiner Schulter zu landen, es gelang ihr aber, sich an seinem Hemd festzuklammern und sich mit leichter Unterstützung seiner Pfote auf ihren Aussichtpunkt hochzuziehen.

„Bald kannst du ganz bis ganz nach oben springen!“, meinte Tobias ermutigend.

Er ging mit langen Schritten Hazel entgegen und hob ihren Koffer ohne ein Wort darüber zu verlieren an, was ihm ein kleines dankbares Lächeln einbrachte.

Schweigend gingen sie gemeinsam in Richtung Hauptbahnhof. Lilly wirkte nicht bekümmert. Sie war viel zu sehr von der Vorfreude erfüllt, ihre Großeltern, ihren Vater und ihrer Halbgeschwister schon lange vor Weihnachten wiederzusehen, um darüber nachzugrübeln, warum sie überhaupt nach Nageria umzogen.

Hazel hatte ihre Augen auf den Weg vor sich gerichtet und versuchte keine Emotionen zu zeigen, aber ihre herunterhängenden Ohren verrieten genug.

Tobias zermarterte sich den Kopf, was er sagen könnte, aber ihm fiel nichts ein. Oder anders: Es fiel ihm viel zu viel ein: alles Dinge, die er nicht gesagt hatte, alles, was er sich wünschte, ihr zu sagen, es aber nicht in Worte fassen konnte.

Auf dem Hauptbahnhof war, wie an jedem Morgen, das übliche Gewimmel von Pendlern aller Arten und Größen zu sehen. Lilly drehte ihren Kopf, bei dem Versuch alles und jeden zu sehen, in alle möglichen Richtungen. Sie war zwar schon vorher auf dem Bahnhof gewesen, aber damals hatte sie immer nach oben schauen müssen, niemals abwärts.

Auf den ersten Blick sah es so aus, als wären die üblichen Geschäfte wie an jedem Arbeitstag zu Gange, aber bei genauerer Betrachtung fiel Tobias auf, das es doch gewisse Unterschiede zu sonst gab: Die deutlichere Polizeipräsenz war das Eine, die vorsichtigen Blicke, die die Tiere jedem Raubtier zuwarfen, an dem sie vorbeikamen, das Andere. Einige waren diskret, aber andere starrten ihn geradezu unverschämt an.

Inmitten der Menge von Säugetieren, die in ihrer üblicher Arbeitskleidung unterwegs waren, konnte er eine ungewöhnlich große Zahl kleinerer Tiere mit Koffern entdecken, hauptsächlich Beutetiere, an der einen oder anderen Stelle ein Frettchen oder ein Otter, die offensichtlich vorhatten, eine Weile aus der Stadt zu verschwinden.

Obwohl Hazel neben ihm ging, hatte sie kein einziges Wort gesprochen, seit sie ihre Wohnung verlassen hatte. Ab und zu strich sie beim Gehen mit ihrer Pfote an seinem Hosenbein entlang, einfach, um ihm zu zeigen, dass sie in Gedanken bei ihm war. Für mehr fehlte ihr der Mut.

Wenn Tobias etwas kleiner gewesen wäre, hätte er ihre Pfote halten können, aber solange sie nicht nach oben langte, konnte er sie nicht ergreifen.

Obwohl er ihren Koffer in die andere Pfote genommen hatte, so dass die auf ihrer Seite frei war ergriff Hazel sie nicht, aber in einer schnellen und scheinbar beiläufigen Bewegung rieb sie ihre Wange sachte gegen seinen Pfotenrücken, als sie sich ihren Weg durch die Menge auf der überfüllten Hauptebene bahnten.

Die Rolltreppe, die sie zum Bahnsteig 8 hinunterführte, wo der Zug nach Nageria bald abfahren würde, war die Lösung für sein Problem: Tobias trat, Lilly immer noch auf seiner Schulter, als erster auf die Rolltreppe. Hazel blieb zwei Stufen hinter ihm. Als sie sich abwärts bewegten, blickte Tobias hinter sich und sah, dass Hazels Pfote jetzt auf derselben Höhe wie seine eigene war.

Hazel ließ ihren Blick über die Tiere auf dem Bahnsteig unter ihnen schweifen, als sie eine große warme Pranke spürte, die sich zärtlich um ihre Pfote schloss. Überrascht schaute sie nach oben und sie blickte in Tobias warme, braune Augen.

Er hielt sie sanft, so dass sie sich leicht, wenn sie es gewollt hätte, aus seinem Griff hätte winden können, aber stattdessen drückte Hazel so fest zurück, wie sie nur konnte.

In Tobias Gesicht breitete sich ein vorsichtiges Lächeln aus und auch er verstärkte zärtlich seinen Griff, so dass ihre Pfote fest gegen seine große Handfläche gepresst wurde.

Auch als sie von der Rolltreppe traten, hielten sie sich weiter fest, obwohl Hazel dabei ihren Arm fast über Kopfhöhe halten musste.

Tobias sah einen Hirsch, der von dem Anblick so überrascht wirkte, dass er zweimal hinsehen musste, als sie an ihm vorbeigingen. Die starke Anspannung in der Luft brachte die sonst eher uninteressierten Reisenden deutlich mehr dazu auf ihre Umgebung zu achten als üblich.

Sie waren schon ein besonderer Anblick: Ein großer Tiger mit einem winzigen Häschen auf seiner Schulter, der einen Koffer in Hasengröße in einer Pranke trug und gleichzeitig Hazel an der anderen führte.

Die anderen Tiere auf dem Bahnsteig taten gar nicht, als würden sie es übersehen. Zu Tobias Beruhigung ließen sie sie in Frieden, obwohl in den Blicken der meisten Ablehnung oder Skepsis zu erkennen war.

Mit einem sanften elektrischen Surren fuhr der Zug in den Bahnhof ein und eine weibliche Stimme verkündete über die Lautsprecher seine Ankunft.

„Du musst jetzt leider Absteigen, kleine Lady“, sagte Tobias zu Lilly, die immer noch auf seiner Schulter stand, wie der Papagei eines Piraten.

Als er sich hinkniete, damit Lilly von ihm herunterklettern konnte, musste er den Koffer und Hazels Pfote loslassen. Sie war zwar ziemlich gut darin, in die Höhe zu springen, aber beim Landen brauchte sie noch Übung und Tobias war einfach zu groß, dass sie einfach herunterhopsen konnte.

„Warum kannst du nicht mit uns zu Oma mitkommen?“, fragte Lilly und macht einen Schmollmund, während sie sich von seiner Schulter heruntergleiten ließ.

Hazel warf ihm einen traurigen Blick zu und einen Augenblick sah es so aus, als würde sie in Tränen ausbrechen.

„Ich wünschte, ich könnte Lilly, das weißt du doch“, sagte er und legte vorsichtig einen Finger unter ihr Kinn, „aber ich würde nicht in das Haus passen, oder?“

„Oh“, auf Lilly Gesicht erschien ein kleines Lächeln. „Nein! Du würdest nicht mal durch die Tür passen!“

„Genau“, sagte er. Er sah, dass Hazel sich ihre Pfote an den Mund presste, in ihren Augen begannen Tränen zu glitzern. „Was wäre nur, wenn ich stecken bleibe?“

„Opa, wäre so sauer“, kicherte Lilly.

„Du willst doch nicht, dass sich dein armer Opa aufregt“, sagte er und tätschelte ihre Wange mit den Spitzen von zwei Fingern.

„Der Schnellzug nach Nageria wird in wenigen Minuten von Gleis 8 abfahren.“

Die Durchsage klingelte in seinen Ohren. Er ließ seine Pfote von Lillys Wange heruntergleiten.

„Ihr müsst euern Zug erwischen.“ Er versuchte sein Lächeln aufrecht zu halten, aber er musste trotzdem traurig aussehen, denn Lilly sprang schnell auf seinen Oberschenkel und umschloss mit ihren Armen so viel von seinem kräftigen Hals, wie sie umfassen konnte.

„Tschüß, Toby!“, sagte sie und schloss ihre Pfoten um ein paar Büschel seines Fells zu kleinen Fäusten. „Ich versprech‘ dir, dass ich dich jeden Tag anrufe!“

Tobias legte zärtlich seine große Pranke auf Lillys Rücken und erwiderte die Umarmung.

Neben sich konnte er Hazel leise wimmern hören, aber bevor er zu ihr schauen konnte, fühlte er, wie sie ihr Gesicht in seinem Halsansatz vergrub.

„Ich werde dich vermissen.“ Ihre Stimme wurde durch sein Fell gedämpft, aber er hörte sie deutlich.

„Ja, ich auch.“

Er würde sie beide vermissen, er würde Hazel vermissen, aber das hier war das einzige logische, was sie tun konnten. Sie wären in Sicherheit, und das war das, was am meisten zählte.

Hazel fühlte Tobias Arm, wie er sich um sie legte, und sie und Lilly in eine warme Umarmung schloss. Um sie herum begann sich der Bahnsteig allmählich zu leeren, da die anderen Tiere den Zug bestiegen. Sie hielten einander fest, um das Unvermeidliche noch ein klein wenig hinauszuzögern.

„Ah, ihr werdet den Zug verpassen.“ Tobias Stimme klang belegt. Zögerlich zog er seine Pfoten von den beiden Häschen zurück.

Tränen liefen gleichmäßig über Hazels Gesicht und ließen das Fell unter ihren Augen dunkel erscheinen. „Hey“, flüsterte er und schmiegte seine große Pfote an ihre Wange. „Es wird alles gut werden.“

Er glaubte selbst nicht an seine Worte, aber er hoffte, dass sie sich doch als wahr herausstellen würden, aber gerade in diesem Moment war es ihm unmöglich, sich vorzustellen wie.

Auch Hazel konnte es nicht. Sie hob ihre eigene Pfote zu seiner auf ihrer Wange und hielt ihn fest. Der Bahnsteig war jetzt fast leer, es wurde höchste Zeit, um in den Zug zu steigen.

Im letzten Augenblick drehte Hazel ihren Kopf und presste ihre Lippen auf seine Handfläche. „Leb wohl.“

Sie konnte es nicht über sich bringen, ihn noch einmal anzusehen, vor Angst, dann völlig zusammenzubrechen. Eilig packte sie ihren Koffer und machte sich mit Lilly im Schlepptau auf den Weg zum Zug. Diese lief rückwärts, um Tobias zu winken.

Selbst als sich die Türen des Zuges sanft hinter Hazel und Lilly geschlossen hatten, blieb Tobias auf dem Bahnsteig knien. Es kümmerte ihn nicht, dass er von anderen Passanten angestarrt wurde, er bemerkte es kaum.

Mit einem elektrischen Sirren glitt der Zug aus dem Bahnhof. Eine herrenlose Zeitung wurde von dem Luftstrom vom Rand des Bahnsteigs mitgerissen und flatterte auf die Schienen.

Das Fell auf seiner rechten Pfote war noch immer von Hazels Tränen feucht und er konnte noch das Prickeln dort spüren, wo ihre Lippen seine Handfläche berührt hatten.

Es tat so weh.

Der Schmerz war so wirklich, als ob er von einem Taser getroffen wurde. Er bemerkte gar nicht, dass er weinte, bis seine Sicht durch die Tränen unscharf wurde.

„Hey, Tiger!“ Eine strenge Stimme war auf dem Bahnsteig zu hören. Der Zug war nicht mehr zu sehen und Tobias war sich nicht sicher, wie lange er schon hier auf derselben Stelle gesessen hatte.

Er drehte seinen Kopf langsam und erblickte einen Polizisten, ein Rhinozeros, das sich forschen Schrittes auf ihn zubewegte, die Brauen auf der Stirn grimmig zusammengezogen.

„Kein Herum …“, das Rhinozeros schien seine ursprüngliche Absicht vergessen zu haben, als er das tränenüberströmte Gesicht des Tigers erblickte, eine gewisse Unsicherheit war in seinen Augen zu erkennen. „Kein Herumlungern auf dem Bahnsteig“, sagte er schließlich mit einer deutlich gedämpfteren Stimme als zuvor.

„Tut mir leid“, sagte Tobias und wischte sich sein Gesicht mit dem Pfotenrücken ab. „Ich wollte gerade gehen.“

Er versuchte sein Bestes, um respektvoll zu klingen, aber welchen Grund er auch immer gehabt haben mochte, um auf der Seite von Recht und Gesetz zu bleiben, er schien mit dem letzten Zug die Stadt verlassen zu haben. Das einzige, was er wirklich wollte, war diesem unsensiblen Bullen mitzuteilen, dass er sich gefälligst um seinen eigenen Scheiß kümmern sollte.

Man musste dem Polizisten zu Gute halten, dass er nichts weiter sagte, sondern nur etwas peinlich berührt dastand, während Tobias sich langsam auf seine Füße aufrappelte und den Staub von den Knien klopfte.

Tobias würdigte das Rhinozeros keines weiteren Blickes, sondern stopfte die Pfoten in die Taschen und verließ langsam das große Bahnhofsgelände.

Draußen erblickte er den riesenhaften LCD-Bildschirm auf der Gebäudewand dem Bahnhof gegenüber, der wie immer das glückliche Gesicht von Gazelle zeigte. Die Pop-Sängerin wiederholte dieselbe Nachricht, wie sie es schon seit über einem Jahr tat, er konnte sich gar nicht mehr erinnern, wann diese Installation eingerichtet worden war.

Tobias hatte sich noch niemals darüber Gedanken gemacht, aber die sonst angenehme Stimme schien ihn jetzt geradezu zu verspotten, als er aus dem Bahnhof trat.

Willkommen in Zoomania.
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