Wahre Geschenke

von Reeney
OneshotFreundschaft / P12
Chen Guo Ye Xiu
08.12.2019
08.12.2019
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Glossar:

Feng Shu Yan Mu - 风梳烟沐, Cleansing Mist
Jia Shi - 嘉世, Excellent Era
Jun Mo Xiao - 君莫笑, Lord Grim
Schirm der tausend Chancen - 千机伞, Myriad Manifestation Umbrella
Xing Xin - 兴欣, Happy
Yi Ye Zhi Qiu - 一叶之秋, One Autumn Leaf
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Wahre Geschenke


Kalte Luft strömte in das Xing Xin Internetcafé, als seine Besitzerin Chen Guo durch die Eingangstüren hineintrat. Während der Angestellten An Xiulan am nahen Empfangstresen ein Frösteln überkam, seufzte die Besitzerin erleichtert darüber, endlich wieder im Warmen zu sein.
"Willkommen zurück. Wie war das Mittagessen mit deinem ehemaligen Klassenkameraden, Chefin?", fragte Xiulan zum Gruß.
Guo zuckte mit den Schultern, während sie näher an den Tresen heran trat.
"Ganz in Ordnung, aber er hatte nicht viel Zeit. Er muss auf seine kleine Tochter aufpassen, weil seine Frau spontan den ganzen Nachmittag verplant hat", erklärte Guo mit einem weiteren Seufzer.
Ihr ehemaliger Mitschüler war ebenso wie sie selbst 27 Jahre alt, doch während er bereits Ehefrau und Kind hatte, war sie ein einsamer Single. Gerade in der Vorweihnachtszeit beneidete sie solche Leute um ihr Glück. Andererseits sah sie in ihren Angestellten ihre Familie, mit welcher sie mehr als zufrieden war.
"Wie schade", kommentierte Xiulan, doch Guo nahm die Worte kaum noch wahr.
Ihre Aufmerksamkeit war auf etwas anderes gefallen: Eine rote Schachtel, um die ein goldfarben glänzendes Band gewickelt war, stand auf der tiefer gelegenen Oberfläche der Rückseite des Empfangsschalters.
"Oh! Was ist das?", fragte Guo sogleich neugierig nach.
Die andere warf kurz einen Blick auf die Schachtel, dann sah sie wieder zu ihrer Chefin.
"Ein Geschenk für Bruder Ye", erklärte sie nüchtern.
Im ersten Moment war Guo enttäuscht. Sie hatte gehofft, es sei für sie oder  für ihre Gegenüber, stattdessen war es für Ye Xiu. Selbst jemand mit dem leblosen Gesichtsausdruck eines Untoten hatte also Bekannte, die ihm Geschenke machten. Wie beneidenswert und schwer vorzustellen. Andererseits arbeitete er erst seit ein paar Wochen im Internetcafé und Guo wusste noch nicht allzu viel über ihren neusten Angestellten.
"Wofür? Geburtstag hat er nicht und Weihachten ist erst in ein paar Tagen", hakte die Besitzerin weiter nach.
"Ich weiß es nicht", kam sogleich die Antwort.
"Hm ... er ist noch nicht wach, oder?"
Xiu hatte die Nachtschicht und schlief danach meist bis in den Nachmittag, ehe man ihn im Raucherbereich des Internetcafés an einem der Computer das MMORPG Glory spielen sah. Guo warf sogleich einen Blick in die entsprechende Ecke, doch die Sicht war von diesem Platz aus zu stark eingeschränkt.
"Keine Ahnung, aber ich glaube nicht, dass er wach ist", entgegnete derweil Xiulan.
"Ach, ich sehe mal nach", teilte Guo mit und griff mit ihren Händen direkt nach dem Geschenk. "Falls er wach ist, gebe ich ihm das hier gleich!"
Die Besitzerin grinste, bevor sie mit dem Geschenk in der Hand auf die Reihen voller Computer zusteuerte.
Aus der Nähe konnte sie sich vergewissern, dass Xiu vor keinem der Bildschirme saß. Daraus folgerte sie sogleich, dass der junge Mann noch im Bett lag, so wie es zu dieser späten Mittagszeit für ihn üblich war. Guo war ein wenig enttäuscht. Sie wollte wissen, was in dem Geschenk war und um das herauszufinden, sollte Xiu es öffnen. Vorsichtig schüttelte Guo die Schachtel, in der Hoffnung, durch die Geräusche einen Eindruck bekommen zu können, was die Schachtel beinhaltete. Unglücklicherweise war so gut wie nichts zu hören.
"Guo Guo? Was machst du da?", ertönte es von der Seite und bald drängte sich das Gesicht einer kurzhaarigen jungen Frau in Guos Blickfeld.
"Klein Tang!", überrascht und erfreut überkam es die Internetcafébesitzerin, als sie die Jüngere erkannte.
Tang Rou war nicht nur eine weitere Angestellte, sondern auch eine gute Freundin.
"Jemand hat ein Geschenk für Ye Xiu abgegeben", begann Guo zu erklären, als bereits ein wissendes Lächeln auf Rous Lippen erschien.
Es machte deutlich, dass die Kurzhaarige die andere bereits durchschaut hatte.
"Von wem ist es?", fragte Rou.
Guo zuckte mit den Schultern. Ihr Blick wanderte zurück zum Empfangstresen.
"Das habe ich gar nicht gefragt ..."
Sie richtete ihr Augenmerk wieder auf Rou und zuckte lächelnd erneut mit den Schultern.
"Aber wir würden den Absender eh nicht kennen, oder?", sprach Guo weiter, wobei ihr Gesichtsausdruck sogleich wieder nachdenklich wurde. "Oder ..."
Bevor Xiu im Xing Xin Internetcafé nach einem Job gefragt hatte, war er bei Jia Shi, einem bekannten E-Sportverein, der sich professionell mit Glory befasste, angestellt. Der Verein hatte seinen Sitz nur eine Straße vom Internetcafé entfernt und das war einer von vielen Gründen, weswegen Guo sowie viele andere Bewohner der Gegend Jia Shi favorisierten und sich über viele ihrer Profi-E-Sportler informierten. Xius Talent in Glory mochte nicht ausgereicht haben, um für den Verein bei Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen - so zumindest Guos Annahme, denn genau genommen wusste sie nicht einmal, ob er als Spieler rekrutiert worden oder für die Ausarbeitung benutzerdefinierter Waffen zuständig gewesen war -, jedoch schließ das nicht aus, dass er sich mit prominenten Spielern angefreundet hatte.
Der Gedanke ließ Guos Augen funkeln. Sofort griff sie nach einem Handgelenk von Rou und zog diese mit zum Empfangstresen.
Xiulan teilte einem Gast gerade einen PC zu, so dass Guo sich einen Moment gedulden musste, bevor sie die junge Frau ein weiteres Mal befragen konnte.
Die Chefin drückte das Geschenk Rou in die Hände, um die Arme verschränken zu können, als sie sich gegen den Empfangstresen lehnte.
"Schwester An, weißt du, von wem das Geschenk ist? Jemand von Jia Shi?", fragte sie schließlich, kaum dass sich der Gast zu seinem Computer begab.
Die Angesprochene strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
"Der Sohn des Kiosk-Besitzers die Straße runter hat es vorbei gebracht. Er hat ausdrücklich betont, dass er nur der Bote ist. Mehr weiß ich auch nicht", erklärte sie und fügte den Worten ein Lachen hinzu.
Gleich darauf sah Xiulan zu Rou, ehe sie einen Blick auf die Uhr warf. Etwas enttäuscht stellte sie fest, dass es noch eine Stunde dauern würde, ehe die Kurzhaarige sie ablösen sollte.
"Hm ... also könnte es wirklich von jemanden aus Jia Shi kommen. Machen wir es auf!", forderte Guo, wobei sich ihre Arme schnell wieder von einander lösten, um wenig später eine Faust als Zeichen ihres Entschlusses in eine Handfläche fallen zu lassen.
Rous Augen weiteten sich bei den Worten ihrer Freundin. Während Guo annahm, dass das daran lag, dass sie ein fremdes Geschenk öffnen wollte, beschlich Rou ein besorgniserregender Gedanke, von wem das Geschenk sein konnte. Sie hatte bereits eines Nachts ein paar von Xius ehemaligen Kollegen kennengelernt. Selbst wenn diese damals betrunken waren, so war es offensichtlich gewesen, dass es nicht nur am Alkohol gelegen hatte, dass sie nicht gut auf Xiu zu sprechen gewesen waren. Xiu hatte sich in Jia Shi nicht nur Freunde gemacht. Was wenn dieses Geschenk von einem seiner Feinde stammte? Immerhin sollte ein Freund keinen Grund haben, die Schachtel weder zu adressieren, noch persönlich zu überreichen. Ein Feind hatte dafür umso mehr Grund dazu, denn wüsste Xiu, dass das Geschenk von keiner Person kam, die ihn gut leiden konnte, so war fraglich, ob er den Inhalt überhaupt sehen wollte und weswegen man ihn überhaupt beschenkte.
Diese Vermutung trieb Rou dazu, zustimmend zu nicken.
"Ja", äußerte sie ihre Zustimmung gleich darauf verbal und Guo schnappte sich wieder lächelnd die rote Schachtel.
"Falls etwas ist, ich bin oben in meiner Wohnung", verkündete Guo an die Arbeitende gerichtet, bevor sie gleich in Richtung Treppen stürzte.
Letztendlich wollte sie nicht vor den Augen der Kunden ein fremdes Geschenk öffnen. Nicht nur, dass es ihrem Ruf schaden würde, sie dachte dabei durchaus auch daran, Xius Privatsphäre zumindest vor gänzlich Fremden zu schützen.
Rou folgte der Älteren nach oben. Neben weiteren Räumen voller Computer für die Gäste, befand sich die Wohnung der Besitzerin direkt im zweiten Stock des Internetcafés. Momentan wurde die Wohnung von drei Leuten bewohnt: Chen Guo, Tang Rou und bis ein Platz im Wohnheim der Angestellten frei werden würde auch Ye Xiu.
Als die beiden Frauen die Wohnung betraten, wanderte Guos Blick erneut umher. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass Xiu bereits wach war und sich hier irgendwo aufhielt.
"Schau mal, ob er im Bad ist oder wach ist", wies Guo die Jüngere an, die dem sogleich nachkam.
Guo selbst zog ihre Schuhe aus, stellte sie ab und schritt dann direkt auf den Wohnzimmertisch zu. Das Geschenk landete auf dem Tisch und bald darauf landete Guos Wintermantel auf einer Armlehne der Couch, auf welche sich die junge Frau niederließ.
Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis Rou wieder bei ihr war und sich neben sie setzte.
"Er scheint noch zu schlafen", teilte diese mit.
Guo nickte und widmete sich mit all ihrer Aufmerksamkeit der Schachtel. Innerlich rang sie mit sich. Obwohl sie sich dazu entschlossen hatte, einen Blick so schnell wie möglich hinein zu werfen, hörte sie bereits den Rat ihres Gewissens, es nicht zu tun. Noch konnte sie warten, bis Xiu aufwachen würde, sie könne ihm das Geschenk dann einfach überreichen und von ihm fordern, es gleich vor ihren Augen zu öffnen.
"Worauf wartest du?", kam es von Rou.
"Vielleicht sollten wir das doch nicht tun", wandte Guo mit dem Blick zu ihrer Freundin ein.
Letztendlich griff die Kurzhaarige daraufhin nach dem Geschenk. Instinktiv wollte Guo etwas einwenden. Nun, da nicht sie die aktiv Handelnde war, fiel es ihr leichter, das Vorhaben als falsch zu bewerten. Dennoch schwieg sie, während Rou an einem Ende der goldenen Schleife zog und so das Band von der Schachtel löste. Die Jüngere hob den Deckel von der Schachtel und sofort spähten die beiden mit all ihrer Neugierde hinein.

Unterdessen erfasste die Spitze einer Lanze den Brustkorb eines Kobolds. Blut spritzte, als sie sich tiefer in den Körper rammte und dafür sorgte, dass der rote Anteil im kleinen Balken über dem Kopf des Monsters sank. Ye Xiu, der den Lanzen schwingenden Avatar steuerte, vernahm derweil lauter werdende Schrittgeräusche. Ein weiterer Gegner stürmte auf ihn zu. Xiu wusste, dass dieser von hinten kam, da er mit dem Rücken zur eigentlichen Wegrichtung stand, jedoch erkannte er in den Geräuschen nicht bloß die grobe Richtung, sondern den exakten Winkel. Der Kobold vor ihm setzte zu einem weiteren Angriff an. Dann, als die Schritte eine bestimmte Lautstärke erreicht hatten, führte Xiu einen weiteren Angriff aus und ließ seinen Charakter zeitgleich um 160° um die eigene Achse drehen. Ein verschwommenes Abbild einer düsteren Waldumgebung zog vorbei, während der Sterbenslaut des Kobolds verkündete, dass die Lanze ihn gesteift und ihm seine letzten Lebenspunkte geraubt hatte, noch ehe dessen eigener Angriff sein Ziel gefunden hatte. Kaum dass der Charakter die halbe Drehung vollendet hatte, erfasste die Lanzenspitze im Zuge derselben Attacke ihr nächstes Ziel: den angerannten Gegner. Es war ein Dieb, der weitgehend der Charakterklasse Dieb, für die sich ein Spieler in Glory entscheiden konnte, entsprach.
"Woah, der Kleine hat tatsächlich Augen im Hinterkopf!", ertönte eine männliche Stimme, während der Dieb in die Luft geschleudert wurde.
"Ich habe dir ja gesagt, dass er den kompletten Überblick hat! Mit Yi Ye Zhi Qiu im Team, werden wir das Verlies endlich schaffen", kam es von einer zweiten, männlichen Stimme, die dem Teamleiter gehörte.
"Einfach unglaublich. Ich verliere den Überblick ja schon, wenn ich mich einfach nur ein bisschen drehe. Verdammte First-Person-View!"
"Deswegen spielst du also einen Priester?", mischte sich Xiu ein. "Weil dir bei einer Klasse, die nicht nur im Hintergrund rumsteht und wartet, bis jemand 'Heilen' schreit, schwindlig werden würde?"
Ein Priester besaß nur wenige Angriffsfertigkeiten, als Folge dessen lief der Charakter des Angesprochenen in einigem Abstand seinen Kameraden hinterher, die den von Monstern besetzten Weg zum Boss frei machten. Wenn es für einen kritisch wurde, war der Priester nah genug, um schnell heilen zu können. Da die Monster jedoch nur aus der einen Richtung kamen oder eher das Team diesen entgegen lief, musste er zudem die Blickrichtung seines Charakters kaum ändern. So mochte es tatsächlich wirken, als ob die Klasse weder anspruchsvoll noch bewundernswert sei.
"Verdammt! Warte nur ab, wenn dir das Leben ausgeht, dann bist du auf mich angewiesen!", entgegnete der Priester, wobei sein Unterton von Begeisterung in Zorn übergegangen war.
Von Seiten Xius war nur ein Lachen zu hören.
"Wieso habt ihr das Verlies bisher nicht geschafft?", fragte Xiu.
Er kannte die Teammitglieder nicht. Nur mit einem von ihnen, dem jetzigen Teamleiter, der einen Assassinen spielte, hatte er bereits am gestrigen Tag ein Verlies einer niedrigeren Levelstufe absolviert.
"Das wirst du sehen, sobald wir den Boss erreicht haben", antwortete der Teamleiter.
Da er bereits einmal mit Yi Ye Zhi Qiu gespielt hatte, wusste er, dass der Kampfmagier am gestrigen Tag noch nicht das Mindestlevel für das heutige Verlies erreicht hatte und Xiu demnach nicht wusste, was ihn im Verlies erwarten würde.
Xiu nahm das so hin. Zusammen mit dem Rest seines Teams kämpfte er sich weiter durch Wellen bestehend aus Kobolden und Dieben, bis sie schließlich das Ende des Waldweges erreicht hatten und eine Lichtung in Sicht kam.
Eine einsame Figur stand in der Mitte der Lichtung. Yi Ye Zhi Qiu lief direkt auf sie zu, dicht gefolgt von den übrigen Teammitgliedern. Aufgrund der düsteren Atmosphäre im Verlies war der Bossgegner schwer zu erkennen. Aus der Ferne erkannte man nur die Silhouette, Details wurden erst sichtbar, sobald man in den Angriffsradius des Bosses trat. Während der Kampfmagier diesen Bereich betrat, leitete Xiu einen Angriff ein, jedoch sprang das, was wie der Kopf des Bosses aussah, in die Höhe. In diesem Moment erkannte Xiu, dass das, was er für den Boss gehalten hatte, mehr als ein Gegner war: Ein hoher Baumstumpf und darauf ein kleiner, fetter Kobold.
Es war zu spät, um den Angriff abzubrechen, die Kriegslanze berührte den Baumstumpf und ein Betäubungseffekt wurde ausgelöst. Für zwei Sekunden war Yi Ye Zhi Qiu bewegungsunfähig.
Seine Kollegen kannten den Boss bereits, weswegen sie nicht denselben Fehler machten, sondern nur den echten Boss angriffen, so dass dieser daran gehindert wurde, den Bewegungsunfähigen anzugreifen. Dennoch war der Kobold so klein und wendig, dass ein Kampf gegen ihn schwierig war. Nicht nur, dass er wenig Angriffsfläche bot und schnell auswich, ein weiteres Problem war die Teamzusammenstellung. In Glory konnten keine zwei Charaktere in einander stehen. Selbst wenn die Attacke eines Teammitglieds durch ein anderes einfach hindurch flog ohne Schaden anzurichten, rannte ein Charakter in einen anderen, so behinderte das beide. Ein so kleiner Gegner sollte nicht von mehreren Nahkämpfern gleichzeitig angegriffen werden, unglücklicher Weise waren die meisten Mitglieder des Teams Nahkämpfer.
"Ihr hättet euch lieber einen Schützen suchen sollen", kommentierte Xiu mit dem Blick auf die Anzeige, wann sein Charakter wieder agieren könne.
Kaum dass die Betäubung abgeklungen war, drehte Yi Ye Zhi Qiu seinen Kopf, um mit dem Blick dem Geschehen zu folgen. Dabei drehte jedoch nicht nur der Charakter den Kopf, sondern auch sein Spieler.
Der Gedanke, dass der Kampfmagier gar nicht mehr sein Charakter war, schob sich inmitten des Bosskampfes.
"Wäre ein Schütze mit passendem Level an mir vorbei gelaufen, hätte ich ihn bestimmt mit Teameinladungen überhäuft", entgegnete derweil der Assassine, der dabei gehetzt nach vorne sprang.
Einer seiner Kollegen hatte den Kobold durch eine Attacke in seine Richtung gelenkt. Xiu erkannte die Strategie, die das Team ausgearbeitet hatte, um mit lauter Nahkämpfern dem Boss zuzusetzen. Wie einen Ball passten sie sich durch Angriffe den kleinen Kobold zu, jedoch erforderte diese Strategie eine Präzession, die nicht jedes Teammitglied besaß.
"Ye Zhi Qui! Hier!", rief der Teamleiter und gleich darauf flog der Kobold dem Kampfmagier entgegen.
Es war nicht länger Yi Ye Zhi Qui, der dem Gegner entgegen sprang, Xiu trat an den Platz seines Charakters. Ein Drang, aufzuspringen ging durch seinen Körper, endete jedoch in keiner Bewegung. Dennoch sorgte der Drang dafür, dass der Verstand Xius nur allzu bald einzusetzen begann und ihn aus dem Halbschlaf zurück in seine aktuelle Lebenssituation holte.


Xiu öffnete die Augen. Seine Umgebung war genauso düster wie der Wald in seinem Traum. Seine Gefühlslage war ebenso kaum heller. Auf der einen Seite war es ein entspannender Traum gewesen. Es erinnerte Xiu an die Zeiten, als er mit Glory angefangen hatte, als das Spiel noch nicht so beliebt und weit davon, als Profisport mit Vereinen und eigener Liga anerkannt zu werden, entfernt war. Auch wenn es das Verlies oder diese Mitspieler damals nicht wirklich gegeben hatte, er hatte ähnliche Situationen erlebt. Zusammen mit seinem Kampfmagier Yi Ye Zhi Qiu hatte er vor vielen Jahren Glory für sich entdeckt, er hatte sich selbst von NPCs und ihren Effekten überraschen lassen, er hatte die Strategien anderer Spieler beobachtet und befolgt, während er selbst erst Erfahrung sammeln musste.
Es erinnerte Xiu daran, wie viel sich in all den Jahren verändert hatte. Wer hätte damals geahnt, dass er als Glorys Lehrbuch Ye Qiu einer der bekanntesten Profispieler werden und sein Yi Ye Zhi Qiu betitelt als Kampfgott in Fernsehsendungen und auf Leinwänden zu sehen sein würde? Xiu hatte es in diesen zehn Jahren wirklich weit gebracht und in all der Zeit hatte es nur wenige Tage gegeben, die er nicht mit Yi Ye Zhi Qiu verbracht hatte. Dieser Charakter war nicht bloß eine virtuelle Gestalt, sondern gehörte zu Xiu dazu wie ein Familienmitglied. Yi Ye Zhi Qiu war ihm tatsächlich in all den Jahren mehr eine Familie gewesen als Xius richtige Verwandtschaft, doch jetzt hatte er seinen Charakter nicht mehr.
Mit Xius Vertrag als Profispieler bei Jia Shi hatte er seinen Charakter an den Verein verkauft und dieser hatte den Kampfmagier an den Newcomer Sun Xiang übertragen und Xiu zum Rücktritt gezwungen.
Das Ganze war keinen Monat her. Xiu bereute die Entscheidungen nicht, die zu dieser Trennung geführt hatten, jedoch fühlte es sich so an, als habe er Yi Ye Zhi Qiu im Stich gelassen. Er vermisste seinen Charakter und sein Herz war erfüllt von der Sorge, dass Xiang Yi Ye Zhi Qiu lediglich auf eine materielle Art wertschätzte.
"Natürlich verträgt er das!"
Der laute Ausruf, der durch die Wände in sein Zimmer drang, überraschte Xiu. Er erkannte die Stimme. Sie gehörte seiner neuen Chefin Chen Guo. Es war für ihn wie ein Zeichen, dass er aufstehen sollte.
Genau dies tat er nun. Xiu spürte, dass er noch nicht ganz ausgeschlafen war, als er auf seinen Beinen stand und das Zimmer verlies. Er fragte sich, wieso er wach geworden war, wenn er gleichzeitig noch so müde war. Stand heute etwas Wichtiges an? Er konnte sich nicht erinnern, dass dem so war.
"Guten Morgen Ye Xiu. Du bist früh wach", ertönte erneut Guos Stimme.
Xiu realisierte mit seinem träge in der Luft hängenden Blick, dass er am Rand zum Wohnzimmer stand.
"Der Lärm war nicht zu überhören", murrte er schläfrig, während er zu den beiden auf der Couch sitzenden Damen saß.
Wobei sich Guo viel eher über den Tisch und ihren Mantel, der quer über dem Tisch lag, beugte.
Ob dieser Mantel nun neu oder an einer Stelle kaputt war, ob er etwas mit dem vorigen Ausruf zu tun hatte oder nicht, interessierte Xiu ziemlich wenig.
"Entschuldige, wir werden leiser sein", antwortete derweil Rou.
"Ist schon gut, ich werde eh nicht mehr schlafen. Haben wir noch etwas zum Frühstücken hier oben?", fragte Xiu, der nicht so recht wusste, was er im Wohnzimmer wollte.
"Ah, ich habe die Reste vorhin gegessen", erklärte die Kurzhaarige.
Xiu nickte, drehte sich um und schlürfte ohne ein weiteres Wort davon.

Die beiden Frauen sahen dem Älteren mit dem zerzausten, schwarzen Haar hinterher, bis die Tür zum Badezimmer zu hören war.
Erleichtert seufzend lehnte sich Guo auf der Couch zurück.
"Das war knapp ...", stellte sie dabei fest.
Kurz wog sie ab, wie lange der junge Mann brauchen würde, um sich fertig zu machen, bevor er wieder im Wohnzimmer auftauchen würde. Sie vermutete, dass die Zeit reichen würde, um das Geschenk wieder zu verpacken, so dass sie gleich nach einer Ecke ihres Mantels griff.
"Pass auf!", zischte Rou noch hervor, als die Ältere den Mantel von dem darunter versteckten, geöffneten Geschenk zog, allerdings bemerkte Guo zu spät, auf was sich die Worte der Kurzhaarige bezogen.
Anstelle nur den Mantel zu sich zu ziehen, hatte sie die Geschenkverpackung ebenso vom Tisch gezogen. Während Rou schnell reagierte und einen Teil zu fassen bekam, fiel der Rest auf den Boden. Das dabei entstehende Geräusch war nicht so laut als dass sich die beiden erwarten mussten, dass Xiu gleich in den Raum stürmen würde, doch das minderte ihre Sorge nicht.
In Rous Händen befanden sich die rote Schachtel und ein Paar großer Handschuhe. Diese waren Teil Eins des Geschenks. Als Rou die Schachtel geöffnet hatte, war zwischen den Handschuhen eine weitere, kleine, grüne Schachtel platziert gewesen. Das silberfarbene Band, das diese verschlossen hatte, hatten die Damen aus Neugierde entfernt und da Guo die Geschenke in aller Eile auf den Tisch gelegt und ihren Mantel darüber geworfen hatte, war der Inhalt nicht länger sicher verpackt gewesen.
So bot sich nun unter dem Tisch ein Anblick über die Folgen ihres Leichtsinns. Kopfüber stand ein goldgebackener Muffin auf dem Teppich, ein Teil von ihm stütze sich auf der Kante des grünen Schachteldeckels, die ebenso wie der Muffin von Bröseln, Zuckergusssplittern und der übrigen Geschenkverpackung umgeben war.  
Guo biss sich auf die Unterlippe. Sie nuschelte einen Fluch, dann legte sie den Mantel wieder über die Lehne, bevor sie sich bückte, um die Schachtel und den Muffin aufzuheben.
Als sie wieder aufrecht saß, drehte sie die Süßspeise in ihrer Hand, um diese von allen Seiten zu betrachten. Der Muffin war zum größten Teil noch in einem Stück, nur wenig Teig war abgebrochen, allerdings sah die obere Hälfte nicht mehr schön aus. Der Abdruck der Schachtelkante zog sich durch die Oberseite und hatte dafür gesorgt, dass sich beinah die Hälfte des Zuckergusses gelöst hatte. Dass dieser einst eine symmetrische Schneeflocke darstellen sollte, konnte man gerade noch erahnen. Schlimmer als der unförmige Anblick der Schneeflocke waren jedoch die kleinen Teppichfussel die in den Überresten des Zuckergusses klebten.
"..."
Chen Guo stand der Mund offen, nur langsam und mit einem Ausdruck des Schuldbewusstseins auf der Stirn drehte sie ihren Kopf zu Rou.
"Ich befürchte, den können wir ihm so nicht mehr anbieten", sprach sie zögernd.
"Du hättest wissen können, dass das passiert", warf Rou ein. "Rede einfach mit Ye Xiu. Ich bezweifle, dass er es dir übel nimmt."
"Nichts da! Wie soll ich ihm erklären, dass wir sein Geschenk geöffnet haben?", zischte Guo zurück.
Diesmal bemühte sie sich darum, etwas leiser zu sprechen. Sie spähte zudem in Richtung Gang, falls Xiu etwas gehört haben sollte und wieder angelaufen kam. Diesmal schien er sich jedoch nicht in seiner Alltagsroutine zu stören. Das erleichterte es Guo zwar, die Sache ihm nicht gleich erklären zu müssen, löste ihr Problem jedoch nicht.
"Besser, wir backen selbst Muffins und dann tauschen wir den hier einfach aus", sprach Guo weiter.
Rou antwortete nicht, jedoch verkündete ihr Gesichtsausdruck ihre fehlende Begeisterung.
"Was? Sieh mich nicht so an. Ich kann backen. Du musst nur die Zutaten für mich besorgen und erzählst ansonsten niemanden hiervon. Auch Ye Xiu nicht", fuhr Guo fort.
Rou entgegnete dies mit einem Seufzer, ehe sie sich erhob.
"Na gut", willigte sie schließlich ein.
Ihr Blick wanderte noch einmal zwischen den Handschuhen in ihrer und dem Muffin in Guos Händen hin und her. Der Inhalt, aber vor allem Guos Aussage, dass der Muffin selbstgebacken sein musste und nur von einem Mädchen, stammen konnte, hatte Rou überzeugt, dass das Geschenk von keinem von Xius Feinden stammte, obwohl keine Nachricht in den Schachteln gelegen hatte, die den Absender offenbarte. Wenigstens kannte sie eine gute Freundin Xius, wenngleich zu wenig, um eine Antwort darauf zu finden, wieso diese Xiu ein Geschenk nicht persönlich überreichte.
"Ich leg das in meinem Zimmer in den Kleiderschrank. Überlege dir derweil, was du brauchst", erklärte Rou, die nun die Handschuhe in die größere Schachtel legte, Guo die kleinere Schachtel abnahm und auch diese zusammen mit den Verpackungsbändern in die rote Schachtel warf.
"Mach ich, mach ich. Du findest mich unten", erwiderte Guo, die daraufhin die Wohnung verließ, um die Überreste der Süßspeise in einem der Mülleimer im Internetcafé loszuwerden, während Rou ihr Zimmer aufsuchte.
Nur knapp verpasste sie Xiu, der wenig später aus dem Bad kam.

Kaum dass der neuste Angestellte sich angezogen hatte, war er ins Internetcafé gegangen, hatte dort sein Frühstück in Form von Instantnudeln und einer Zigarette zu sich genommen, bevor er im Raucherbereich des Ladens vor dem Bildschirm saß, von dem er sich in für Stunden nicht wegzubewegen plante.
Dass Rou einkaufen ging, bekam er nicht mit, lediglich dass sie nicht im Spiel eingeloggt war, allerdings wusste er, dass sie irgendetwas mit Guo zu tun hatte und ab 15 Uhr begann ihre Schicht. Von da an saß sie am Empfangstresen und las Guides zu Glory, wenn sie nicht gerade einen Kunden bedienen musste. Xiu befürwortete es, dass Rou in dieser Zeit mit Guides ihr Wissen erweiterte. Auf diese Weise gab es für ihn weniger grundlegende Dinge zu erklären, wenn sich ihre Charaktere in der Welt von Glory trafen.
An Guo dachte er gar nicht, ihm fiel auch nicht auf, dass sich die Besitzerin nicht wie sonst im Internetcafé aufhielt, während er in Glorys Welten abtauchte.
Keinen Tag nachdem er Yi Ye Zhi Qiu abgeben und den Verein verlassen musste, hatte er auf dem neusten, zehnten Server einem Charakter neues Leben eingehaucht. Jun Mo Xiao hieß er und wie so viele andere, gewöhnliche Charaktere war er an diesem Nachmittag mit Leveln beschäftigt. Er hatte noch die ein oder andere Quest bei einem NPC abzugeben, doch ansonsten befand er sich auf einem freien Feld umgeben von Monstern. Es war weder spannend, noch abwechslungsreich, dafür ein notwendiger Schritt, um möglichst schnell das nächste Level zu erreichen. Gelegentlich sendete Jun Mo Xiao Spielern im selben Levelbereich Teameinladungen. Als Team teilten sie die Erfahrungspunkte, für den erfahrenen Xiu ging das Leveln dadurch nicht wirklich schneller voran, für sein Teammitglied dagegen schon. Gewöhnlich tauschte er sich gerne mit den Teammitgliedern aus, analysierte deren Können und gab Tipps zur Verbesserung. Heute jedoch war er sehr schweigsam.
In Gedanken hing er größtenteils bei Yi Ye Zhi Qiu. Er erinnerte sich daran, wie er vor beinah zehn Jahren mit dem Kampfmagier gleiche Monster von derselben Karte in Glory gefegt hatte. Es war damals ein ganz anderes Gefühl gewesen als heute. Es hatte viel mehr Spielinhalte neu zu entdecken sowie neue Taktiken zu entwickeln gegeben. Was geschah, wenn man mit dieser Attacke diese Stelle des Gegners traf? Was geschah, wenn man 100-mal dieselbe Stelle traf? Es hatte viel auszutesten geben und Glory war ein Spiel, das auf Details wertlegte und solche Bemühungen auszahlte.
Allerdings waren auch dabei die Möglichkeiten begrenzt. Selbst wenn Xiu einige Details inzwischen vergessen haben mochte, selbst wenn es noch ein paar Dinge gab, die er nicht kannte, das Kämpfen gegen einfache Monster hatte nicht mehr denselben Reiz wie damals. Er war inzwischen eine andere Art des Kampfes gewohnt, die gegen andere Spieler, noch dazu gegen die Besten der Besten. Das war gar kein Vergleich, doch auch dorthin, an die Spitze der Profiliga strebte er mit Jun Mo Xiao. Dieses Ziel wäre damals, als er noch mit Yi Ye Zhi Qiu gelevelt hatte, in keiner Weise realistisch gewesen.
Das war nicht das Einzige, was Xiu sich damals nicht einmal erträumt hätte.
Yi Ye Zhi Qui galt als der beste Kampfmagier in Glory, sowohl was sein Equipment als auch das Können seines ursprünglichen Spielers anging. Ein Großteil seines Equipments war selbstgemacht. In Glory war das eigene Entwerfen und Aufleveln von Equipment ein Fachgebiet für sich, viele normale Spieler scheiterten an den Anforderungen, während Vereine meist eine eigene Abteilung dafür besaßen. So war selbstgemachtes - auch genannt 'silbernes' Equipment in der Profiszene zwar Gang und Gebe, in der Spielwelt von Glory, vor allem auf den normalen Servern, die mehr auf PvE und Leveln ausgelegt waren als auf PvP jedoch eine Seltenheit. Kaum ein neuer Charakter hatte bereits silbernes Equipment, auf dem zehnten Server gab es nur einen: Jun Mo Xiao.
Mit Level 20 erreichte man in Glory einen entscheidenden Punkt. Konnte man zuvor alle Klassen und jede Kampfart testen, entschied man sich nun für eine Klassenspezifikation. Mit Yi Ye Zhi Qui hatte Xiu sich damals für den Weg des Kampfmagiers entschieden und damit für die Kriegslanze. Die Spielmechanik erzwang keine solche Wahl, unterstützte die Entscheidung, keine Klasse zu wählen, jedoch auch nicht. Wer keine Spezifikation wählte, der konnte keine Fertigkeiten mit Freischaltungslevel 20 oder höher erlernen, der müsste verschiedene Waffen mit sich führen, um Basis-Fertigkeiten verschiedenster Klassen nutzen zu können, was das Gewicht im Inventar erschwerte, dadurch den Charakter einschränkte und zudem kostete der Wechsel der Waffe im Kampf wertvolle Zeit. Schon lange hatte kein Charakter versucht, nach Erreichen von Level 20 den abenteuerlichen Weg zu gehen, doch auf dem zehnten Server gab es einen: Jun Mo Xiao.
Die selbstgemachte Waffe Jun Mo Xiaos war für diesen Kampfstil entwickelt worden. Der Schirm der tausend Chancen war eine einzige Waffe, die innerhalb eines einzelnen Augenblicks einen von vielen Waffentypen annehmen konnte.
Mit dieser Waffe konnte Jun Mo Xiao den Weg des Unspezialisierten zu einer eigenen, lohnenswerten Klasse erheben. Auch für Xiu, der in den übrigen Spezifikationen bereits zahlreiche Erfahrung gesammelt hatte, öffnete es Tore zu Combos, die bislang unmöglich waren sowie zu neuen Strategien. Es war aufregend und in dem niedrigen Levelbereich, in dem sich die führenden Charaktere auf dem zehnten Server aktuell befanden, war Jun Mo Xiao allen anderen Klassenspezifikationen über im Vorteil. Über 100 Fertigkeiten standen ihm zur Auswahl und das allgemeine Charakterlevel auf dem zehnten Server unter Level 35 lag, waren die übrigen Charaktere weit davon entfernt, ihre besten Fertigkeiten freischalten zu können.
Als ob Jun Mo Xiao dadurch nicht schon genug Aufmerksamkeit auf sich zog, hielt hinter ihm ein zurückgetretener Profi die Fäden in der Hand. Zehn Jahre Erfahrung sorgten dafür, dass Jun Mo Xiao auf höchstem Niveau durchstartete. Dadurch war ein Kampf gegen NPCs nicht nur ein Kinderspiel, er hatte gänzlich neue Möglichkeiten was die Interaktion mit Mitspielern betraf. Ein erfahrener E-Sport-Profi begann üblicherweise auf keinem Server von vorne, Konkurrenz war demnach für Jun Mo Xiao schwer zu finden, dafür eine Menge von Gilden, deren Verlies-Rekorde er brechen oder für sie aufstellen konnte. Ein neues Spiel hatte sich Xiu aufgetan, das zu Ye Yi Zhi Qius Zeiten mit demselben Level undenkbar gewesen war: Er ließ die großen Gilden, die sogar von Vereinen unterstützt wurden, um ihn werben, schenkte ihnen einen Rekord im Austausch für seltene Materialien, die sich in Glory alleine kaum erfarmen ließen. Sein Name erschien beinah täglich in spielinternen Meldungen zu neuen Errungenschaften, die Spielerschaft erfuhr, wie er erfahrene Experten der bekannten, großen Gilden und ganze Gruppen an Spieler im Alleingang schlug, so dass Jun Mo Xiao bereits eine Server-lokale Berühmtheit war und manche Gilden Profis ihrer Vereine um Rat gefragt hatten. Das alles nach nicht einmal einem Monat und ohne dass der Öffentlichkeit bekannt war, dass der Profi Ye Qiu Jun Mo Xiaos Spieler war.
Mit Ye Yi Zhi Qiu hatte es Jahre gedauert, bis dessen Bekanntheitsgrad gewachsen war. Er hatte sich langsam entwickelt und der Kampfmagier selbst hätte es kaum wagen können, eine ganze Gilde herauszufordern und dann auch noch als Sieger hervorzugehen. Zu diesen Zeiten hatte Xiu mehr auf Teamwork setzen müssen, er hatte es genossen, tat dies eigentlich noch immer, aber auch eher in den Kreisen der Profiliga. Damals war der Weg das Ziel gewesen, mit jedem Schritt, denn Ye Yi Zhi Qui nach vorne gewagt war, hatte Xiu einen Schritt nach vorn getan, war Ye Yi Zhi Qui gefallen, so hatte es auch Xiu schwer getroffen und er musste sich überwinden, um Ye Yi Zhi Qui erneut aufstehen zu lassen. Jeder Moment war intensiv erlebt worden, hatte ein Gefühl geweckt und einen Eindruck hinterlassen, nie hatte er gewusst, wann das Ende, seine Grenzen erreicht sein würden. Noch immer wusste Xiu nicht, wo seine Grenzen lagen, doch er kannte den Punkt, vor dem sie nicht erreicht sein konnten. Dieser Punkt war sein Ziel und der Weg dorthin mochte zwar bedeutend sein, aber doch vom Gefühl her kaum mehr als ein angenehmer Zeitvertreib.

Nachdem Xiu beinah vier Stunden vor dem PC verbracht hatte, war der Erfahrungspunktebalken Jun Mo Xiaos um ein gutes Stück mehr gefüllt. Zufrieden registrierte er dies, als seine Chefin an seine Seite herantrat.
"Ye Xiu?", sprach sie um seine Aufmerksamkeit bemüht.
Jun Mo Xiao erlegte ein weiteres Monster, dann suchte er eine nahe gelegene Stelle auf, an welcher ihn kein wildes Monster angreifen würde.
Daraufhin drehte Xiu den Kopf zu Guo, die ihm, kaum dass er zu ihr sah, eine rote Schachtel, zugeschnürt durch ein goldfarbenes Band, gegen die Brust drückte. Das zusammen mit einem strahlenden Grinsen auf ihren Lippen.
"Boss ... du weißt, dass wir noch nicht Weihnachten haben?", sprach der Dunkelhaarige, nahm das Geschenk jedoch in seine Hände.
"Das ist nicht von mir. Ein Bote hat es vorbei gebracht", erklärte Guo.
Xiu schmunzelte. Wenn dem so war, dann hatte er bereits einen Verdacht, von wem das Geschenk stammte.
"Mach auf!", forderte Guo.
Der Ältere stellte die Schachtel auf seinen Schoß ab, warf noch einen Blick auf den Bildschirm, um sich zu vergewissern, dass Jun Mo Xiao von keinem anderen Spieler angegriffen wurde, ehe er der Aufforderung nachkam.
Eine Braue hob sich als er die Handschuhe sah. Er zog sie heraus und eine weitere, grüne Schachtel, verschlossen durch ein silbernes Band fiel ihm in die Hand. Auch diese wurde geöffnet und bei dem Anblick zog sich seine Stirn regelrecht kraus.
Guo beugte ihren Kopf vor, so dass dieser über Xius Schulter nach vorne ragte. Ihre Aufmerksamkeit lag dabei eher auf Xius Gesichtszügen als auf dem Inhalt, den sie bereits kannte.
"Und? Was hältst du davon?", fragte sie.
Guo wurde mit rollenden Augen, die sich in ihre Richtung drehten, belohnt. Obwohl sie mit Xiu reden wollte, ließ der nahe Anblick sie frösteln. Wie konnte ein Mensch, wenn er so ein nettes Geschenk bekam, in dem viel Mühe steckte, so distanziert und leer gucken?
"Freust du dich etwa nicht? Sei nicht so herzlos!", kommentierte sie.
"Doch, natürlich", antwortete der Angestellte so monoton, dass es nun Guos Brauen waren, die zweifelnd in die Höhe schossen.
Sie selbst stellte sich aufrecht hin. Es störte sie, wie wenig gewillt er aussah, den Muffin zu probieren.
"Dann iss!", kommandierte Guo, jedoch schien ihr, sie würde zu einem Stein sprechen.
"Wozu? Das ist doch nicht von dir, richtig? Also esse ich es, wann ich will."
"Ausrede! Denkst du, darauf falle ich rein? Wieso siehst du aus, als würdest du denken, dass der Muffin vergiftet ist?", sprach Guo, wobei sie sich daran erinnerte, dass auch Rou sie zuvor gefragt hatte, ob Xiu den Muffin vertragen würde.
"Bist du gegen etwas allergisch?", fügte sie mit besorgter Sanftheit hinzu.
"Nein, aber Gebäck kann eine tödliche Falle sein. Probier du zuerst", entgegnete Xiu und streckte Guo den Muffin entgegen.
Sofort schwang die Fürsorglichkeit der jungen Frau in Zorn um. Welcher Mensch machte nur so jemand Herzlosem Geschenke? Sie verstand es einfach nicht.
"Vergiss es! Beleidige nicht den Bäcker, sondern iss endlich! Was machst du, wenn der irgendwo hier hockt und dich heimlich beobachtet?"
Xiu sah sich einmal um.
"Das bezweifle ich", äußerte er schließlich, was Guo tief seufzen ließ.
Dem Angestellten entging das nicht und auch sein Gesichtsausdruck wurde für einen Moment sanfter.
"Schon gut, schon gut", murmelte er, dann beäugte er noch einmal den Muffin, während er diesen näher an seine Lippen hob.
Die Zuckergussglasur war ein bisschen krumm, ließ vermuten, dass dieser Muffin wirklich aus der Hand einer Frau stammte, die er kannte, so dass Xiu tatsächlich an der Genießbarkeit der Süßspeise zweifelte. In Erwartung eines unausgeglichenen Mischverhaltens der Zutaten biss er hinein. Zu seiner Überraschung begegnete er keinem bedenklichen Geschmack.
Xiu schluckte den Bissen hinunter und sah erneut zu Guo.
"Sehr lecker!", gab er bekannt und vernichtete damit all den Ärger in Guos Gesichtszügen.
Die Internetcafébesitzerin freute sich. Immerhin war das eine Anerkennung ihrer Backkünste, selbst wenn jemand anderes das Lob ernten würde. Das war beinahe schade.
"Gutes Timing. Ich habe deine Lieferung gerade bekommen", sprach Xiu.
Im ersten Moment dachte Guo, der junge Mann würde immer noch mit ihr reden, schließlich war keine weitere Person in ihre Nähe getreten, allerdings stellte Guo schnell fest, dass Xiu mit einem weiteren Spieler in Glory sprach. Sie bemerkte den weiblichen Kanonenexperten, eine Unterklasse der Schützen, der auf dem Bildschirm zu sehen war und mit einer Wink-Aktion Jun Mo Xiao grüßte. Feng Shu Yan Mu stand oberhalb des Charakterkopfes in der Luft geschrieben.
"Wenn du mir Geschenke machen willst, dann schick mir nichts, das eh mir gehört", kam es erneut von Xiu.
Guo konnte dem nur grob folgen, da sie aufgrund der Kopfhörer, die der Spieler trug, die Worte der Kanonenexpertin nicht hören konnte.
"Was sagt sie?  Die Handschuhe sind gar nicht neu?", warf Guo neugierig ein.
Xiu spähte aus den Augenwinkeln zu seiner Chefin und nickte bestätigend.
"Sie beschwert sich, dass ich ihr Weihnachtsgeschenk nicht als Geschenk anerkenne. Wie siehst du das? Wenn ich dir etwas schenken würde, das dir gehört, wäre das für dich auch kein Geschenk, richtig?", fragte Xiu.
Guo warf unterdessen einen Blick auf die Handschuhe. Es war kein Etikett an ihnen angebracht, allerdings waren auch keine Gebrauchsspuren zu sehen, weswegen sie, neben der Tatsache, dass sie wie ein Geschenk verpackt waren, angenommen hatte, es würde sich um Neuware handeln. Dass dem nicht so war, erklärte allerdings, woher Xiu so gut wusste, von wem das Päckchen stammte.
"Richtig", antwortete sie und hob den Blick wieder zu ihrem Gesprächspartner und dem Bildschirm. "Aber der Muffin ist doch frisch, nicht wahr?"
Während Guo auf diesen Umstand hinwies, sprach Xiu bereits zu Feng Shu Yan Mu. "Mein Boss sieht das auch so. Du hättest mir wenigstens den Rest meiner Sachen mitschicken können."
Ohne den Blick zu der Internetcafébesitzerin zu richten, sprach Xiu an diese gewandt weiter: "Der Muffin ist nicht selbstgebacken, Boss."
Guo wusste nicht, womit sie sich zuerst befassen sollte. Mit der Frage, weswegen der junge Mann seine Sachen bei anderen Leuten aufbewahrte, oder der Möglichkeit, völlig umsonst gebacken zu haben.
"Eh? Hat sie das gesagt?", entgegnete Guo energisch, als sie unbewusst eine Entscheidung fällte.
Sie wollte nicht, dass Xiu mit dieser Aussage über den ursprünglichen Muffin Recht hatte, immerhin war der, von dem Xiu abgebissen hatte, sehr wohl mit viel Mühe selbstgebacken.
"Noch nicht, aber es wäre ein Wunder, wenn sie auf einmal so gut backen könnte", entgegnete er.
Guo sah, wie der weibliche Avatar eine weitere Aktion ausführte. Tränen strömten über das Gesicht Feng Shu Yan Mus.
"Du irrst dich! Du bist echt beleidigend", interpretierte Guo die Reaktion der fremden Spielerin.
Xiu schüttelte den Kopf.
"Nein, sie hat es gerade bestätigt."
Guo wollte das nicht glauben.
"Dann frag sie, wo sie ihn gekauft hat!"
Gleich darauf stellte Xiu die Frage an Feng Shu Yan Mu. Erneut strömten Tränen über ihr Gesicht, bevor in der Chatbox ein Link erschien. Xiu klickte darauf und nur einen Moment später öffnete sich ein Fenster des Internetbrowsers, in dem die Website eines Konditors für winterliches Gebäck, gegen Aufpreis auch ohne Firmenlogo auf dem Verpackungsmaterial, warb.
Guo sah auf das Werbebild. Zwischen Lebkuchen und Pralinen war tatsächlich ein Muffin mit einer Zuckergussglasur in Form einer Schneeflocke abgebildet.
"Willst du dir einen bestellen, Boss?", fragte Xiu, während er mit dem Mauszeiger die Worte 'Frischegarantie dank Expressversand. Wir beliefern ganz China' umkreiste.
Ohne ein Wort zu sagen, nahm Guo einen Schritt Abstand, ehe sie sich umdrehte und davoneilte. All die Mühe hätte sie sich sparen können! Sie hätte lediglich einen neuen Muffin bestellen müssen, dann wäre das Geschenk exakt wie zuvor gewesen, Xiu hätte es nur einen Tag später bekommen, was bestimmt nichts gemacht hätte, da es ohnehin noch nicht Weihnachten war. Nun, dafür bekam nun jeder ihrer Angestellten einen Muffin. Guo hatte gleich ein ganzes Blech gebacken. Auf einem Teller befand sich das übrige Gebäck in der Küche des Wohnheims der Angestellten. Dort, wo Guo gebacken hatte, um bloß nicht von Xiu gefunden zu werden.
Der Beschenkte sah seiner Chefin einen Moment nach.
"Hast du die Nachricht gesehen?", fragte Feng Shu Yan Mus Spielerin Su Mucheng.
Anders als Xiu war sie noch immer ein bei Jia Shi unter Vertrag stehender E-Sport-Profi. Guo war sogar ein großer Fan von Mucheng, doch da wie bei Jun Mo Xiao und Xiu nicht bekannt war, dass sie Feng Shu Yan Mu steuerte, hielten die meisten sie für eine gewöhnliche Spielerin. Nur wenige wussten es besser und diese kannten meist auch Jun Mo Xiaos Spieler.
Xiu richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm.
"Welche Nachricht?", hakte er nach.
Ein Lachen ertönte aus seinen Kopfhörern.
"Sag bloß, du hast ihn gegessen! Ich habe einen Zettel zwischen das Muffinpapier und den Teig gesteckt", erklärte Mucheng noch immer lachend.
Xiu spähte zu dem restlichen Muffin. Er hatte nur einen Bissen genommen, das meiste Papier war noch genau dort, wo es hingehörte. Er zog es an den Kanten von dem Teig, doch ein Zettel war nicht zu sehen. Ein weiterer Blick folgte in die Schachteln sowie unter seinen Sitzplatz.
"Da ist nichts. Was stand drauf?", sprach er.
Seine Gesprächspartnerin zögerte, dafür setzte sich Feng Shu Yan Mu in Bewegung.
"Das auszusprechen würde komisch klingen. Lass uns leveln", kam es schließlich von ihr, als Feng Shu Yan Mu ihre Kanone auf eines der Monster richtete.
Gleich darauf ertönte ein Schuss und das Monster verlor die Hälfte seiner Lebenspunkte.
In Xius Gedanken regte sich bereits ein Verdacht, weswegen er keinen Zettel fand, und auch einer, was auf diesem stand.
"'Nicht vor Weihnachten essen'?", hakte er bezüglich seinem zweiten Verdacht nach, während sich auch Jun Mo Xiao erneut in Bewegung setzte und Feng Shu Yan Mu dabei eine Teameinladung schickte.
Xiu wusste, wieso Mucheng ihm nicht erst zu Weihnachten etwas geschickt hatte. Das Weihnachtsevent in Glory war meist sehr lukrativ, insbesondere für Charaktere, die das Höchstlevel noch nicht erreicht und die beste Ausrüstung noch nicht erwirtschaftet hatten. Es war denkbar, dass er an diesen Tagen auf nichts anderes als auf das Spiel achten würde, so dass ein reales Geschenk in dieser Zeit seine Beachtung nicht bekommen würde. Mucheng wusste das, jedoch schließ das ein Kommentar, das eine Beachtung zu dieser Zeit forderte, noch lange nicht aus.
Die Spielerin lachte, ging allerdings nicht weiter darauf ein.

Der Muffin war aufgegessen, die Sache beinah vergessen, als die Nacht den Tag ablöste. In Kürze begann Xius Schicht, so dass er sich ganz seiner Alltagsroutine entsprechend mit Jun Mo Xiao ausloggte. Meist war das nur für wenige Minuten, nur solange bis er von dem Computer im Raucherbereich zu einem der Computer am Empfangstresen gewechselt hatte. Heute würde er jedoch einen kleinen Umweg machen. Mit einer Hand nahm er seine Handschuhe, mit der anderen den Rest. Letzteres landete in einem Mülleimer, während er sich auf dem Weg in das obere Stockwerk machte.
Als er den Wohnungsbereich betrat, hörte er den Fernseher. Er achtete erst einmal nicht darauf, ging in sein Zimmer und legte dort die Handschuhe ab. Danach wollte er jedoch kurz einen Blick in das Wohnzimmer werfen, um Guo mitzuteilen, dass er seine Schicht beginnen würde.
Kaum im Wohnzimmer erkannte Xiu, dass sein Vorhaben unmöglich war. Seine Chefin lag auf der Couch und schlief. Das war an sich kein seltener Anblick, üblicher Weise war es jedoch gute acht Stunden später, wenn Xiu Guo so zu sehen bekam.
"Boss, es ist noch nicht einmal Elf und du schläfst schon?", flüsterte er, wohl wissend, dass sie ihn nicht hören würde.
Xiu machte einen weiteren Abstecher, diesmal in Guos Zimmer. Er holte die Bettdecke aus diesem, überlegte dabei, ob er langsam mitzählen sollte, wie oft das nötig war, bevor er schließlich im Wohnzimmer vor der Couch stand und die Decke vorsichtig über die Schlafende legte.
Dabei entgingen seinem wachen Blick die goldbraunen Punkte im Teppich nicht. Xiu betrachtete diese etwas genauer und entdeckte neben den Bröseln etwas Weiteres: Unter der Couch lag eine winzige, weiße Papierrolle. Nur so dick wie ein Zahnstocher und so lang wie eine Entertaste. Xiu griff nach ihr und rollte den Zettel auseinander.
'Sorge dich nicht um Yi Ye Zhi Qiu. Ich passe auf, dass Sun Xiang ihm nichts antut. Du wirst auf ewig sein einzig wahrer Spieler sein!'
Ein warmes Schmunzeln umspielte Xius Lippen und blieb, als aufrichtige Worte einem Windhauch gleich über seine Lippen kamen.
"Danke. Danke euch beiden."
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