Die Angst unter dem Meer

GeschichteRomanze, Fantasy / P12 Slash
07.12.2019
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„Also, wir standen da, mit erhobenen Fäusten—“

   „Und dann haben sie zugeschlagen“, sagte Nina. Jesper hob eine Augenbraue. „Oh, du hast mir die Geschichte schon mal erzählt.“

   „Ja, also, sie waren Soldaten aus Fjerda und sie hatten rausbekommen, wo Kaz zweitausend Kruge versteckt hatte. Offensichtlicher Weise konnten wir sie nicht gehen lassen“, er wedelte mit der Hand vor seinem Blechkrug herum. „Also sage ich zu Kaz: warte, lass sie uns ins Meer tunken.“

   „Aber das war ausser Frage, weil das Meer zu weit weg war.“

   „Klappe halten, das ist meine Geschichte.“

   „Du bist verdammt noch mal zu langsam, verstanden?“

   „Mit erhobenen Fäusten…?“, Wylan machte mit seinen Armen kleine Kreise in der Luft. Jesper Geschichten fesselten ihn wie die Handschellen der Stadtwache.

   „Ich hab sie einfach ohnmächtig geschlagen, einen nach dem anderen — alleine,“ Jesper warf Wylan einen bedeutungsvollen Blick zu. „Ich hab sie so arg zugerichtet, sie haben nie mehr drüber gesprochen.“

   Nina zögerte. Wylan konnte es an ihren Augen sehen, die in Jespers Gesicht nach einer Antwort suchten. Ihr Oberkörper beugte sich von Jesper weg. Es war das Gesicht von jemandem, der ein Puzzlestück suchte, obwohl es im Kamin schon zu Asche verbrannt war. „Als du‘s mir erzählt hast, klang es irgendwie... anders.“

   Inej verdrehte die Augen. Das machte sie nur nach ein paar Becher Bier. Keiner von ihnen nahm es ihr übel. Das Bier schmeckte schreckliche, aber niemand wollte an den nächsten Morgen denken. Wieso die Nachtszene von Ketterdam sich trotz des tropfenden Daches und des mickrigen Getränkeangebots hier tummelte, blieb Wylan verborgen. „Es hat keinen Zweck, ihn zu beeindrucken, Jes. Er hat bereits eine tiefere Meinung von dir als vom Anker eines gestrandeten Schiffes.“

   „Ich kann die Nordmänner fragen, wenn ihr wollt. Das ist die wahrste Version der Geschichte, die es gibt,“ Jesper verschränkte die Arme vor der Brust. Etwas regte sich am anderen Ende der runden Bank. Kaz bereitete sich vor, zu sprechen.
   Seine Augenlider waren halb geschlossen, seine Schultern hingen untypisch schlaff nach unten und seine Arme waren trotzig vor seiner Brust verschränkt: Kaz Brekker war betrunken.

   Kaz fühlte, wie seine Augen nach etwas auf dem Tisch suchten, obwohl er sich ganz offensichtlich noch nicht ganz im Klaren darüber war, was. Vielleicht eine Münze. Seine Arme spiegelten die Haltung von Jesper wider, jedoch strahlten sie weder Beleidigung noch Argwohn aus. Wylan kannte diesen Blick. Er war wie sein Pläne schmieden Gesicht, einfach… schlimmer. Seine Augen suchten nicht nach einer verlorenen Münzen. Viel mehr durchforstete er gerade die tiefen seines Gehirns nach einer peinlichen Begebenheit, die er zum Besten geben konnte. Er erinnerte ihn an seinen Onkel Boerhave. Die Abendessen mit seiner Familie waren ausnahmslos bedrückend und quälend gewesen, aber wann immer Onkel Boerhave den langen Weg aus Nowj Sem (er leitete ein Projekt für arme Schulkinder) auf sich nahm, ging Wylan mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlafen. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er seinen Mund geöffnet hatte, einige Sekunden wartete, bis die Aufmerksamkeit komplett auf ihn gelenkt war, und gesprochen hatte.

   „Das… stimmt nich,“ nuschelte Kaz.

   „Mein Bruder", hatte er in das fröhliche Gelächter gesagt. Seine Stimme hatte Aufmerksamkeit gefordert, „hat geweint, als du zur Welt kamst." Wieso seinem Vater so etwas peinlich sein sollte, hatte der kleine Wylan nicht begriffen. Mittlerweile war jedoch die Liebe, die er aus diesem Geheimnis bezogen hatte, lange verflogen.

   Verständlicherweise sassen nun alle Krähen nach dieser Ansage auf heissen Kohlen. Wylan hatte bereits seinen ganzen Becher getrunken weshalb seine Kohlen nicht so heiss waren, wie in nüchternem Zustand.      
                                                               
   „Er schaut dich an wie… wie ein Hund, der—“

   „In Ordnung, kein Gebräu mehr für dich!“, Jesper schnappte den Becher unter Kaz‘ Nase weg und stürzte den Inhalt mit einer besorgniserregenden Geschwindigkeit runter die bei dieser Alkoholkonzentration gewiss nicht nötig gewesen wäre. „Oh nein! Das Bier ist alle! Wylan, sei ein guter Junge und hol mehr.“

   Es war keine Bitte und Jespers Zwinkern gab Wylan das Gefühl, ein Kellner in einem Lusthaus zu sein. Aber bitte, schliesslich war er der Neue. Er musterte Matthias‘ abwesende Miene als er sich durch die Reihe hinaus quetschte. Bier holen war gut. Nichts Schlimmes. Nichts konnte schief gehen. Einmal in seinem Leben stellte man ihm eine Aufgabe, die er mit lösen konnte, oder? Wylan lief zur Bar. Der Raum geriet an den Rändern seines Sichtfelds ein wenig aus den Fugen und seine Füsse fühlten sich ein wenig zu leicht an dafür, dass er Stunden zuvor noch über den Muskelkater des Jahrhunderts geklagt hatte. Sein Kopf war sich sicher, er torkelte nicht, jedoch hätte es auch gut sein können, dass er es tat. Trotz des langsam wirkenden Alkohols in seinem System konnte jeder, der seine angespannten Schultern sah, sehen, dass er sich wie ein kleiner Prinz im Besprechungssaal seines Vaters fühlte. Wylan war sich dessen bewusst, obendrauf war er sich jeder seiner Zellen bewusst. Wie die Zahnräder in einer Maschine klickten seine Füsse einer nach dem anderen nach vorne. Der kleine Mann hinter dem Tresen musste zweimal nach seiner Bestellung fragen, bis er endlich das glitschige Tablett entgegennehmen konnte und sich einen Weg zurück bahnen konnte, wenn auch etwas wackliger als zuvor. Er befand sich auf der Zielgeraden, als aus den Schatten eines hölzernen Pfeilers eine grosse Gestalt hervor trat.

   „Hey du!”, es war der Junge, der Wylan seit dem Moment, in dem er die Wirtschaft betreten hatte, ständig von der Seite anquatschte. Er trug die Kleider eines Bäckers und war unglaublich nervig, da er mit seinem gebrochenen Kerch mehr Aufmerksamkeit auf die Krähen lenkte, als es ihnen lieb war. Während Kaz Wylan verstohlene Blicke zuwarf zogen ihn Jesper und Nina mit dem ganzen Schlamassel auf, bis der fremde Junge nach einer Weile in der Menge verschwunden war. Wylan hatte gehofft, er wäre Nachhause gegangen, wurde jedoch bitter enttäuscht. „Bist wohl der Diener dieser Angeber?”, sagte er auf Wylans Schweigen. Er konnte schlecht auf die Seite ausweichen aus Angst, die Getränke zu verschütten und der Weg nach vorne wurde ihm von einem Jungen versperrt, der mehr als einen Kopf grösser war als er. Die roten Haare kamen ihm wie ein Haltesignal vor. „Komm, die sind’s nicht wert. Wenn du mit mir kommst, bring ich dir alles, was du brauchst”, der Junge kam einen Schritt näher und beugte seine breiten Schultern nach unten. Eine Lücke tat sich hinter ihm auf und Wylan ergriff die Chance beim Schopf. Der Junge folgte ihm nicht. „Ein ander mal, vielleicht!”, rief Wylan seinem verletzten Gesicht nach. Er fragte sich ob der Alkohol ihm die Wahrheit oder den erst besten Müll entlockte.

An diesem Abend waren ausnahmslos alle Sitz- und Stehfläche besetzt. Als Wylan erkannte, dass es Mauern gab, die man alleine nicht bezwingen konnte, bog er in einen Teil der Wirtschaft ab, wo weniger Menschen rumlungerten. An einer Ecke erkannte er Jesper. Die Biere auf dem Tablett waren trotz ihrer Deckel ein wenig überlaufen und Wylan war sich nicht sicher, ob er es mit allen sechs Krügen intakt zurück schaffen würde. Jesper könnte ihm gewiss behilflich sein…

   „Oh!“, sagte Wylan. Seine vorsichtigen Schritte hatten ihn näher zu seinem Freund gebracht. Den ganzen Weg über war er so sehr auf das Tablett fokussiert gewesen, wie er selten auf etwas fokussiert war. Doch jetzt hätte man ihm sagen können, er trage ein Tablett mit sechs randvollen Bechern und er hätte den Sprecher einen Lügner genannt. Aber natürlich nur, wenn er ihn überhaupt bemerkt hätte.

Jesper war nicht allein, ein Junge stand vor ihm. Er war klein und in Lumpen gehüllt, die vor langer Zeit vermutlich Sonntagskleider gewesen waren, jetzt aber wie Arbeitsklamotten von gestern Abend aussahen. Die Haare des Jungen konnte Wylan nur mit seinen eigenen vergleichen und die dünnen Finger, die sich in Jespers Nacken krallten, ähnelten den dünnen Zweigen eines Dornenstrauchs, die sich in den Kleidern der Verlorenen und der Suchenden verfingen. Seine Lippen bewegten sich in Harmonie gegen den wunderschönen, vollen Mund von Jesper. Einen Moment lang stellte sich Wylan vor, er wäre der Junge. Ebenso schnell verlor er sich in den blonden Locken des Jungen, seinen langen Wimpern, sogar die braunen Lederschuhe mit den abgenutzten Schnallen erhaschten einen Teil seiner Aufmerksamkeit. Diese Fantasie wurde rasch von der Frage verdrängt, wie Jesper so schnell jemanden Willigen gefunden hatte. Zum Schluss liess Empörung ihn die Welt um sich vergessen. Hatte Jesper nicht gesehen, dass Wylan der Willige die ganze Zeit schon gewesen war? Seine Augen schmerzten und gegen alle seine Prinzipien kämpfte er sich durch die unsichtbaren Mauern, die vor ihm in die Höhe ragten. Sein Magen wollte verzweifelt nach links oder nach rechts oder sogar nach oben ausweichen, einfach nicht geradeaus. Sein Gehirn schrie über die automatisierten Zweifel an und er stellte sich endgültig vor die beiden anderen. Sein Magen gab Ruhe. Mal ehrlich, er hatte gerade mal vor fünf Minuten den Tisch verlassen.

   „Hier ist dein Bier“, sagte Wylan. Grummelte Wylan. Säuselte Wylan. Um ehrlich zu sein wusste er nicht, was er gerade tat. Jesper drehte sich nach einer Sekunde der Ignoranz (des Schocks) zu ihm um und starrte ihn an, als hätte er sich auf wundersame Weise in Pekka Rollins verwandelt. Wylan verdrehte die Augen zur triefenden Decke. Ein Anblick, den ihm hätte erspart bleiben können. Er drückte Jesper einen Krug in die unwillige Hand und stolzierte, Kopf voran, zu seinen Freunden. Selbstbewusstsein war ein Gefühl, dass ihm zu einem grossen Teil fremd war. Sobald aber ein Teil seines Selbst bedroht wurde, das ein Leben lang vernachlässigt und ignoriert wurde und auf das er gerade lernte, Anspruch zu erheben, hätte er das Wort für die weltbeste Enzyklopädie in Schnürchen Schrift definieren können. Ausserdem war Selbstbewusstsein ein lustiges Tier, welches sich beim Wink mit der Flasche im Kopf des Säufers zufrieden einrollt.

   Anstatt sich an seinen vier sitzen gebliebenen Komplizen vorbei zu pressen, balancierte Wylan das Tablett geschickt, wie er glaubte, in seiner Hand und kletterte über die Stuhllehne wobei er ein Pärchen auf der anderen Seite störte, um an seinen Platz zu kommen. Er knallte die Getränke auf den Tisch. „Kaz, zahl aus“, spuckte er in die Runde. Matthias hob eine Augenbraue. Wylan blitzte zurück. Während die anderen nach ihren Getränken griffen, holte er einen Stapel Papiere aus seiner Tasche. Sein Kopf barst beinahe und die blonden Locken des anderen Jungen brachte er nicht aus seinem Kopf. Das Bild von Jesper, der in die falsche Richtung gebeugt gewesen war, liess seine Schultern nicht mehr los. Wieso schaut er mich nicht an? Mit den feinsten Strichen rief er die Haarpracht einer Prinzessin ins Leben. Die geraden Strähnen kamen durch zittrige Hände kraus auf das teure Papier.

   Seit sein Vater sich dazu entschieden hatte, ihn zu enterben und somit jegliche emotionale Verbindung zu ihm gekappt hatte, glaubte Wylan nicht mehr daran, jemals geliebt zu werden. Seit einer seiner Lehrer ihm zu nahe gekommen war wusste er, dass er es nicht verdient hatte. Wie eine Robbe hatte er am Boden gelegen mit dem einzigen Unterschied, dass er vor Kälte bis in die Knochen zitterte. Seit dem verfehlten Mordversuch seitens seines Vaters hatte er zurück ins Meer gewollt, doch die eisigen Hände des Bodens hatten ihn an Ort und Stelle gehalten. Erst als er Jespers Lachen das erste Mal sah, fühlte er die Sonne wieder auf seiner Haut. Das Eis war vollkommen geschmolzen als Kaz ihn bei sich aufnahm und er nicht mehr um seine Existenz fürchten musste. Der Auftrag, ins Eistribunal einzubrechen, war eine Welle, die seine Flossen leicht berührte; nicht viel, aber der Anfang von etwas Besserem. Seitdem hatte er geglaubt, dem Meer jeden Tag ein Stückchen näher zu kommen. Jetzt war er nur noch eine Handbreit von der Rettung entfernt. Er konnte den Morgen sehen. Das letzte Bisschen, hatte er sich gesagt, war die Liebe, die Geborgenheit. In vielerlei Hinsicht gaben ihm die Krähen genau das, aber wie ein trotziges Kind wollte Wylan, was er begehrte, und, wie ihm bald klar wurde, was er nicht haben konnte. Ein Quäntchen Hoffnung verweilte jedoch stets in ihm. Jetzt fühlte er sich wie eine ausgequetschte Orange. Bei Ghezen, er hätte es früher wissen sollen. Er hatte es nicht verdient.

   „Hey, Wy.“

   Wylan fiel das Stück Kohle aus der Hand, als er Jespers Arm hinter sich spürte. Konnte er es nicht einfach einmal lassen? Frustriert packte er seine sieben Sachen in die braune Umhängetasche, die ihn noch nie im Stich gelassen hatte, und stülpte sie um sich, ohne ganz die Orientierung zu verlieren. Diesmal quetschte er sich an Nina und Matthias vorbei, anstatt über die Lehne zu flüchten. Das Pärchen hinter ihnen machte ihn krank.

   „Uff, Jes, was hast du jetzt angestellt?“, fragte Inej und warf Kaz einen hämischen Blick zu.

   Wylan blickte nicht über seine Schulter, nachdem er die Enge der Bank verlassen hatte. Er spitzte seine Ohren nicht nach hinten, als er den vollgestopften Holzboden durchsuchte. Wo war dieser Junge? Der mit den breiten Schultern und den roten Haaren? Der, der ihn den ganzen Abend blöd von der Seite angemacht hatte? Böden, die so durchweicht und zerfressen waren, könnten einen Menschen ohne viel Aufwand verschlingen. Wylan torkelte trotzdem ein wenig im Kreise bis er den Dummkopf endlich lokalisiert hatte. Der Junge bemerkte ihn sofort und lief auf Wylan zu, um einen weiteren dummen Spruch rauszulassen. Aber Wylan liess es gar nicht erst so weit kommen. Liebe war das, was er formte. Er war schliesslich ein Krämer und Krämer nahmen sich, was sie begehrten.

   So schlecht sieht er nicht aus, dachte er, als er den fremden Körper an sich zog. Er wuschelte durch die langen Haare des grösseren Jungen und küsste ihn wie die Liebhaber es in der Komedie Brute taten. Seine Augen waren geschlossen, er hoffte jedoch, dass Jesper ihn sah, dass alle ihn sahen. Er brauchte niemanden, um ihn zu bemerken. Er konnte das genauso gut selber tun. Die Zunge des Fremden fühlte sich genauso an wie die Haare in seiner Hand -- schmutzig und gespickt mit undefinierbaren Dingen. Nach den Bechern Ale, die durch seinen Mund geflossen waren, ekelte er sich jedoch vor nichts mehr. Erst als er die Hände auf seinen Hüften spürte, die ihn hastig gegen den nächsten Balken drückten, riss er die Augen auf. Die Berührung brannte wie ein heisses Eisen auf seiner Haut. Sogar durch seine Weste und sein Hemd breitete sich ein Gefühl des Übels in seinem Magen aus. Erschrocken zog er sich von dem rothaarigen Jungen zurück und ersetzte seinen Mund mit seiner Hand. Bevor er wusste, wie es um ihn geschah, riss er seinen Arm aus dem Griff des Fremden und rannte auf den Ausgang zu.

   Jesper sass ratlos auf der Bank. In seinem Magen mischte sich Wut mit Reue. Seine Gedanken rasten. Er blickte auf den leeren Platz neben sich und berührte den edlen Stoff der Krämerjacke. Vier Paar Krähenaugen waren auf ihn gerichtet; fragend, scheltend, lachend und bemitleidend. Jesper packte den hellbraunen Haufen unter seiner Hand und alles, was er sagen konnte, war, „er hat seine Jacke vergessen“.

   Wylan atmete tief ein und aus. Küssen war für ihn nie ein Problem gewesen, nur wenn ein Fremder ihn mit seinen Händen auskundschaftete, wurde es zu viel für ihn. Er fragte sich, ob es bei ihm bekannten Menschen dasselbe wäre -- diese Theorie hatte er noch nicht in die Praxis umsetzen können.

   Die Luft vor der Türe hätte kalt und frisch sein sollen. Während sie seine Lungen ordentlich vereiste, umhüllte ihn stattdessen der rauchige Atem fremder Menschen. Er kroch in seinen Rachen und Wylan musste ein Husten unterdrückten für den Fall, er würde an die Strassenecke kotzen. Das wäre das ultimative Mittel, um alle Augen auf sich zu richten, davon war er überzeugt. Er verfluchte seine nicht vorhandenen Trinkgewohnheiten. Wäre er doch nur nicht so ein Leichtgewicht, dann sich ihm nicht jedes Mal der Magen umdrehen.

   Mit einem flüchtigen Blick zur Tür versicherte Wylan sich, dass der Rotschopf ihm nicht gefolgt war. Er hielt sich am Gürtel seiner Tasche fest und versuchte, ihn richtig herum zu drehen. Das verdammte Ding hatte sich bereits in der ersten Woche nach seinem Erwerb als eine widerspenstige Schlange herausgestellt. Irgendetwas mit dem Stoff war falsch und jetzt, nach einigen Jahren, hatte sich das Band schon daran gewöhnt, verdreht zu sein. Egal wie fest Wylan daran herum rupfte, es wollte einfach nicht richtig sein.

   Seine Schritte trugen ihn nicht weit. Der Bürgersteig vor der Wirtschaft hielt einer Handvoll von Leuten Stand die dem Trubel von drinnen entgehen wollten. Wylan wurde von ihren Stimmen und dem sanften Licht, das aus den Fenstern der Häuser in die Nacht drang, eingelullt. Sein Gehirn schwamm immer noch in dem seichten Teich aus widerwärtigem Bier, den er an diesem Abend gesammelt hatte. Die dunkle Strasse machte ihm Angst und er wusste, würde er in seinem Zustand abhauen, würde seine unsichere Haltung und sein gebrochenes Fjerdan in grössere Schwierigkeiten bringen als damals, als er seinem Vater ein Buch an den Kopf geworfen hatte. Wylan seufzte mit seinem ganzen Leib und aus ganzer Seele. Er setzte sich mit einem Ruck auf eine Mauer die die Wirtschaft von einer Schule abgrenzte. Wylan rümpfte die Nase.

   Seine Beine schlugen gegen die fest aufeinander geklebten Steine unter ihm. Sein Blick wanderte von einem rauchenden Jüngling zur nächsten betrunkenen Witwe. Das war das Leben, das sein Vater ihm bei seiner Geburt nie gewünscht und ihm nach seinem achten Geburtstag nie gegönnt hätte. Verrückte hat er sie genannt, die gescheiten Leute der Strasse. Stolz erfüllte seine zitternden Hände. Jesper hin oder her, er würde bei seinen Verrückten bleiben. Ein kaltes Schaudern erfasste seinen Körper. Vielleicht war es doch Zeit, wieder reinzugehen. Er verhielt sich albern. Morgen stand ein langer Tag bevor und sie brauchten diesen Stress nicht. Wylan lächelte und dachte daran, welche Geschichten die anderen in ein paar Tagen über diesen Abend zusammenspinnen würden. Er hob den Blick zu dem glänzenden Monster in der Ferne. Dort oben stand es; das Eistribunal. Die Angst, die er bei seinem Anblick spüren sollte, lag unter Wasser und würde mit dem kommenden Morgen an Land gespült werden. Doch bis dahin wiegte er sich in weicher Unwissenheit. Ein Mann mit Bierbauch zog ein letztes Mal an seiner Zigarre, stampfte sie auf dem Boden aus und ging zurück hinein. Bevor er über die Schwelle gehen konnte, kam ihm ein Junge entgegen der nach guter Manier die Tür für den Alten aufhielt. Der Mann nickte Jesper entgegen und verschwand. Wylan fühlte förmlich, wie der Alkohol sich in seine Glieder legte, als Jesper auf ihn zukam.

   „Nichts kann man dir recht machen“, schnaubte Jesper. Er stellte sich vor Wylan und fixierte ihn mit einem ernsten Blick. „Du bist ein verwöhnter Bengel, weisst du das?“

   Wylan gluckste und legte seine Hände auf Jespers Schultern. „Aber ich bin dein verwöhnter Bengel“, Jesper beäugte ihn misstrauisch. Es war ungerecht, dass man Jesper die Röte im Gesicht nicht ansah während Wylan das Blut sogar in seinen Ohren spürte, dieses Mal aber nicht aus Scham. Er schaukelte sanft hin und her und schaute Jesper mit geneigtem Kopf an. „Magst du mich? Bin ich hübsch?“, Jesper schaute zum Schulhof.

   „Fragst du das alle fremden Männer, die du verschlingst?“

   Wylan hielt inne. Er war hier nicht derjenige, der fremde Männer abschleppte. „Aber ich küss dich ja nicht“, erwiderte er leise. Die Worte rutschten ihm aus dem Mund wie eine Robbe ins Wasser. Er störte sich nicht an ihnen, genau das hatte er sagen wollen.

   In Jespers Gesicht lag Sorge und Verwirrung und Trotz. Wylan glaubte, einen Fehler gemacht zu haben, von dem er nichts mehr wusste und schlang seine Arme um Jespers Hals. So fest, dass seine Hände die jeweils andere Schulter berührten. Jesper murmelte etwas als er ihn um die Mitte umarmte und sein Gesicht in seiner Brust verbarg. Er wusste nicht, wie lange sie so umschlungen beieinander waren, aber als Jesper sich von ihm löste und seine Hände auf seine Knie legte, stand Wylan immerhin mit den Zehenspitzen wieder auf dem Grund der Tatsachen. Jespers Finger trommelten auf seine Hose. „Lass uns reingehen und ein Glas Wasser trinken.“

   „Du verstehst gar nichts“, sagte Wylan und nahm Jespers Hand. Er hüpfte von der Mauer und bereute es augenblicklich.

   „Nein. Du verstehst gar nichts“, murmelte Jesper, aber Wylan war in der Wirtschaft verschwunden.

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