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von Geiger
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Gen
RK800-51-59 Connor
07.12.2019
20.04.2020
2
4.036
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07.12.2019 2.245
 
[x] wake up


'Dienstag | 30.09.2038 | 10:14

Modell: RK800 'Connor'
Modellnummer: #313 248 317
Auftrag: S190936

Detroit Police Department
1301 3rd Ave, Detroit, MI 48226,
US

Befund: Eingeliefert am 19.09. aufgrund schwerwiegender Schäden an den für die Funktion essentiellen Biokomponenten ersten Grades mit Beteiligung der Außenverkleidung.

Status: Der Android RK800 - #313 248 317 'Connor', konnte erfolgreich repariert und rekonstruiert werden. Das System wurde wiederhergestellt, Speicherdateien sind unversehrt. Kann wieder in Betrieb genommen werden.'


Kurz überfliegst du noch einmal die Daten auf dem Formular. Dann unterschreibst du schließlich und heftest es an dein Klemmbrett um es am Mittag der Rechnungsabteilung von CyberLife zu übergeben. Elf Tage hast du die Reparatur des Modells betreut und angeleitet. Nun kommt der Moment auf den du dich jedes Mal freust, wenn deine Arbeit abgeschlossen ist. Du fühlst ein leichtes Kribbeln in den Mundwinkeln, als du zu dem Androiden siehst, der vor dir auf der Arbeitsfläche liegt, verkabelt mit dem Rechnerkomplex zu deiner Linken.

„So, Zeit aufzuwachen.“,

murmelst du in dich hinein, setzt dich an deinen Rechner und gibst einige Befehle ein. Kurz darauf erscheint ein blauer Kreis auf dem weißen Bildschirm, der den LEDs an den Schläfen der Androiden nachempfunden ist. Du lächelst. Der Kreis ist ein Ladescreen. Die Software fährt hoch.

Der Android auf der Ablagefläche vor dir blinzelt einige Male gegen das grellweiße Deckenlicht deines Labors. Das Kinn in die Hand gestützt sitzt du neben der von den Mitarbeitern liebevoll als „Stuhl“ bezeichneten Arbeitsliege und blickst auf den Bildschirm. In der Tat ähnelt sie ein wenig der eines Zahnarztes und eigentlich war diese Werkstatt ja auch eher so etwas wie ein Behandlungszimmer. Als der Androide dich sieht, wendest du deinen Blick von dem blauen Kreis und lächelst ihn an.

„Hallo Connor. Willkommen zurück!“

„Dr. [l/N].“

Fast hast du das Gefühl, dass er sich benommen anhört, wie als erwachte er nach einer Narkose, doch du weißt es natürlich besser.

„Das ist richtig! Du erinnerst dich also an mich? Hervorragend! Der Speicher funktioniert also schon mal.“

„Es ist noch nicht allzu lange Herr, Frau Doktor.“

Er lächelt.

„Das ist wahr, Connor. Sag, wie fühlst du dich?“

Diese Formulierung ist tatsächlich nicht unüblich, auch wenn es Kollegen gibt, die es als merkwürdig wahrnehmen einen Androiden konkret nach seinem Befinden zu fragen. Dennoch ist es im Zusammenhang mit der Rekonstruktion sinnvoll, wenn nicht sogar unerlässlich. Du hättest selbstverständlich auch die einzelnen Komponenten durchgehen können um Connors Analyse zu bekommen, oder nach ein Statusupdate von eben jenen verlangen, doch ein Mensch schließt nunmal von sich selbst auf andere und du bist da keine Ausnahme. Und so ist es nur natürlich, ihn nach seinem Empfinden zu fragen, als wäre er aus Fleisch und Blut wie du selbst. Diese Art der Bequemlichkeit deckt seine Software natürlich ab.

Der RK800 schweigt für einen kurzen Moment, während er seine Daten überprüft. Dann nickt er bestätigend.

„Alle Biokomponenten funktionieren fehlerfrei, der Speicher ist vollständig und die Außenverkleidung unversehrt.“

Du nimmst eine Taschenlampe und leuchtest ihm damit in die Augen. Wie bei einem Menschen kontrahieren seine Pupillen nach Lichteinfall. Allerdings blinzelt er nicht.

„Mund auf.“

Connor folgt deiner Aufforderung. Du nimmst ein kleines Fläschchen neben dir, ziehst die Pipette auf und träufelst ihm eine klare Flüssigkeit auf die Zunge. Er schließt die Lippen wieder.

„NaCl (aq), Kochsalzlösung, 30%.“

„Sehr gut!“

Der Android setzt sich auf, während du das Ergebnis des Analyseprüfung in ein Testformular einträgst.

„Meine Daten melden das Ausstehen des Nerventests.“

Du ziehst beeindruckt die Augenbrauen nach oben und nickst bewundernd.

„Das stimmt, Connor. Ich bin begeistert.“

Der Android schaut sich abwesend in deinem Labor um, während er keine Antwort gibt.

Nun ist es so, dass wenn man lange Zeit in der Forschung und Instandhaltung von humanoiden Robotern verbringt, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass man nach einer Weile ein Gespür für Normabweichungen entwickelt, wenn man mit ihnen konfrontiert wird. Du allerdings bist noch nicht lange in diesen Gebieten tätig, doch es gibt eine Sache, die in diesem Moment dafür sorgt, dass du hellhörig wirst und diese nennt sich Frequenz.
Genauer gesagt, die Frequenz in der du mit dem RK800 und speziell mit diesem einen Modell zu tun hast.

Du kannst nicht genau sagen, weshalb der Androide sich atypisch verhält und unter normalen Umständen mit einem anderen Roboter hättest du es wahrscheinlich auf deine mangelnde Erfahrung in der Praxis geschoben. Doch du wurdest eindeutig von CyberLife darauf hingewiesen, dass bei diesem Modell – da es sich um einen Prototypen handelt, der viel mit Abweichlern zu tun hat – ganz besonders Vorsicht und Aufmerksamkeit geboten ist. Und eben dieser hatte gerade nicht auf eine Aussage geantwortet, die deiner Meinung nach in der Sozialkompetenz seiner Software verankert sein müsste. Und dieses Umschauen war dir auch nicht ganz koscher.

Du drehst dich zu ihm und siehst ihn fragend an. Connor wendet sich dir wieder zu, erwidert stumm deinen Blick. Schließlich schnaubst du.

„Ich betreue dich nun schon eine ganze Weile, Connor.“, beginnst du schließlich und spielst dabei abwesend mit dem Daumen an dem Mechanismus deines Kugelschreibers. „Aber irgendwie… ich kann es nicht genau erklären, das ist wahrscheinlich die menschliche Subjektivität… kommst du mir anders vor. Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist?“

Für einige Sekunden bleibt der Androide stumm und sieht dir regungslos in die Augen. Allen Anschein nach überprüft er seine Prozessoren nach einer passenden Antwort, oder erneut seine Daten. Schließlich zucken seine tiefbraunen Iriden ein weiteres Mal zur Seite, huschen suchend durch den Raum. Dann antwortet er.

„Meine Analyse bestätigt volle Funktionalität. Doch sind auch technische Komponenten nicht fehlerfrei. Sie sollten Ihre Testverfahren fortsetzen, Dr. [l/N].“

Du nickst nur verstehend. Wahrscheinlich ist es wirklich nur deine eigene Menschlichkeit, die in ein unbekanntes Verhalten zu viel hineininterpretiert. Menschen sind es nunmal gewohnt zu interpretieren, bis sie schwarz werden. Du widerstehst dem Drang den Kopf über dich selbst zu schütteln.

„In Ordnung.“, sagst du schließlich und öffnest eine Schublade in deinem Schreibtisch. Ein kleines, schwarzes Gerät kommt zum Vorschein. Du entnimmst es seinem Behältnis und schaltest den rechteckigen Kasten an. Ein leises, elektrisches Summen ertönt, als es anspringt. Dann nimmst du den Gummigriff am Ende eines vom Gerät wegführenden Kabels in die Hand und richtest den am anderen Ende angebrachten Metallstab auf Connors Brust.

Nichts zeugt mehr von den Schüssen, die seine Haut und die darunter liegende Thiriumpumpe zerfetzt hatten, kein blaues Blut klebte mehr an seiner Verkleidung. Beide Komponenten waren vollständig repariert und/oder ersetzt worden. Nun gilt es seine künstlich eingesetzten Nerven auf Reaktion zu prüfen.

Du führst den Stab an seine Haut. Kurz bevor der Kontakt zustande kommt siehst du, wie seine LED gelb aufleuchtet. Das hatte sie noch nie bei dieser Behandlung. Doch du tust so, als wäre es dir nicht aufgefallen. Ein leises Knacken ertönt, als das Gerät die freigelegte Haut seiner Brust berührt und elektrische Stromstöße seine Nerven reizen. Auf dem Bildschirm erscheinen die Ausschläge des Interferenzmusters.

„Ja, das sieht doch gut aus würde ich sagen.“,

meinst du schließlich nachdem du noch einige weitere Stellen an seinem Bauch und Rücken überprüft hast. Du schaltest das Gerät wieder aus und verstaust es in der Schublade. Connor folgt nachdenklich deinen Bewegungen. Schließlich scheint er sich zu überwinden eine Frage zu stellen.

„Sind Sie sicher?“

Seine Stimme erscheint dir merkwürdig dünn und leise, als ihm diese Worte von den Lippen purzeln, während sein Blick fragend zwischen den Interferenzaufzeichnungen auf dem Bildschirm und dir hin und her huscht. Du ziehst verwirrt die Augenbrauen zusammen.

„Natürlich.“, bestätigst du deine Interpretation. Dann wendest du dich, nachdem er nicht überzeugt aussieht, zum Bildschirm und fährst mit dem Finger den Graphen entlang bis zur ersten Amplitude. „Siehst du diese Ausschläge, Connor?“ Er nickte beunruhigt. „Sie entsprechen den hellblauen Werten dort oben rechts. Hier direkt unten drunter siehst du in Dunkelblau das Spektrum in dem sich die Werte bewegen sollen um als normal zu gelten. Wie du siehst befinden deine sich absolut in der Norm.“

Er scheint beruhigt als er deine Erklärung hört, nickt und schaut sich ein weiteres Mal um.

„Suchst du etwas?“

Er schüttelt hastig den Kopf.

„Nein.“

Misstrauisch ziehst du eine Augenbraue hoch, lehnst dich schließlich vor und entfernst die Kabel aus seinem Hals, den Ohren und dem Scheitel. Er lässt die Behandlung über sich ergehen. Danach wendest du dich wieder deinem Formular zu um die Werte einzutragen.

„Deine neue Kleidung liegt dort hinten.“,

sagst du, ohne dabei genau zu erwähnen, wo dort hinten eigentlich sein sollte. Er fand sie trotzdem und streifte sie sich über die modellspezifische Unterbekleidung.
Nachdem du die Werte eingetragen hast, siehst du ihm dabei zu, wie er sich sein Hemd zuknöpft. Er ist definitiv seltsam. Gerne würdest du das in den Akten erwähnen, doch scheint es dir nicht sonderlich klug. Denn während du dir definitiv sicher bist, dass er sich atypisch verhält, weißt du nicht, wie du diese Beobachtung sinnvoll und vor allem nachvollziehbar schriftlich festhalten sollst.

Eins Bemerkung im Sinne von 'Sein Verhalten erscheint mir menschlicher.‘ war in deinen Augen weder wissenschaftlich noch kompetent genug um sie in den Akten niederzulegen. Wenn du verhindern willst, dass man dir wegen Unzurechnungsfähigkeit kündigt, dann solltest du diese Art von Sätzen tunlichst vermeiden. Nichtsdestotrotz solltest du diese Sache definitiv im Auge behalten. Du atmest tief ein.

„Connor?“

Er wendet sich dir zu, während er seine Jacke überstreift.

„Ich verstehe deine Gedanken betreffend deiner Funktionalität. In letzter Zeit bist du sehr häufig beschädigt worden. Vielleicht wäre es sinnvoll auf dich zu hören und die Überwachung anzuziehen. Ich würde gern die Frequenz der Wartung und Prüfung deines Systems erhöhen.“

Er nickt verzögert und unsicher, sieht sich noch einmal um, als er deinen Vorschlag hört. Innerlich schüttelst du erneut ungläubig den Kopf über dieses Verhalten.

„Ich würde dich bitten die entsprechenden verantwortlichen Instanzen des DPDs zu informieren, dass wir auf ein Mal die Woche anziehen.“

Wieder nickt der Androide und richtet sich die Ärmel. Dann verabschiedet er sich. Gerade als er aus der großen, gläsernen Tür gehen will, hältst du ihn allerdings noch einmal zurück.

„Ach ja, und Connor?“

Er dreht sich um.

„Sei vorsichtig.“

Er zögert einen Moment, lässt seinen Blick erneut durch den Raum in dem du sitzt streifen. Dann nickt er und schließt die Tür.

Erschöpft lässt du dich nach hinten in deinen Stuhl fallen. Bereitwillig fängt die breite Lehne dein Gewicht. Du schaust erledigt in die weißen, flachen Lampen in der Deckenverkleidung. Das durfte doch wohl nicht wahr sein.

Du wusstest ganz genau, dass eine zunehmende Vermenschlichung der Androiden zu dem Abweichlerproblem geführt hat, das nun ganz Detroit im Griff hatte. Immer mehr Roboter scheinen sich ihres Programmes entziehen zu wollen und während einige von ihnen gerade im kriminalistischen Zusammenhang für eine Massenpanik sorgen, bist du dir sicher, dass die Dunkelziffer deutlich höher ist, als die öffentliche Meinung annimmt.
Als leitende Spezialistin für Robotik und künstliche Intelligenz von CyberLife in der Abteilung für Reparaturen und Rekonstruktionsmechanik hast du viel mit Humanoiden zu tun, die auf unterschiedliche Arten und Weisen beschädigt worden waren. Und viel zu oft fällt dir dabei die steigende Emotionalität der Androiden auf, die Beschädigung eines unbekannten, nicht greifbaren Parameters, der sonst nur in der Humanmedizin zu beobachten ist.

Du betrachtest diese Entwicklung durchaus als kritisch. Auch wenn du den Androiden nicht ihre Emotionen absprechen möchtest, weißt du doch, dass diese Entwicklung eine extrem gefährliche war für Wirtschaft, Politik und vor allem Menschenrecht und in diesem Zusammenhang, für das Fortbestehen der Menschheit, eine entscheidende Rolle spielte.

Den restlichen Tag verbringst du damit Papierkram zu erledigen, denn es hatte sich einiges angesammelt.
Als du endlich, eine halbe Stunde nach eigentlichem Feierabend noch deine Unterlagen zur Rechnungsabteilung bringen willst, klingelt mit einem Mal dein Geschäftshandy.

„CyberLife Abteilung für Reparatur und Rekonstruktionsmechanik, [l/N], hallo?“

„Dr. [l/N], hier ist Lieutenant Anderson, DPD, Zuständiger für den Androiden Connor.“

Die rauchige, genervt klingende Stimme am anderen Ende kratzt unangenehm in deinen Hörer. Du verziehst die Nase.

„Guten Tag Lieutenant Anderson, hätten sie vielleicht eine Modellnummer für mich?“

Du weißt natürlich, dass es sich nur um ein ‘Connor‘ Modell handeln kann, da du nur diesen einen RK800 betreust, doch es ist immer besser zur Sicherheit noch einmal nachzufragen.

„Modell…? Verdammte Scheiße! CONNOR?!“, du hältst dein Handy schnell gute 10 Zentimeter auf Abstand als der raue Mann nach seinem Androiden rief um seine Modellnummer zu erfahren.

„In Ordnung, Lieutenant……. Ja, wir haben seine Betreuungsintervalle angezogen……… Nein, Lieutenant, das wird Sie sicherlich nicht in Ihrer Arbeit behindern………ich………Nein, wir haben keine Kameras in den Laboren, wie kommen Sie............“

Du stockst, als es dir mit einem Mal wie Schuppen von den Augen fällt.

Natürlich!

Danach hatte der Android die ganze Zeit Ausschau gehalten!
Schlaues Kerlchen, du nickst anerkennend mit dem Kopf, auch wenn es niemand sehen konnte. In einer anderen Situation hättest du ihn ohne Probleme anlügen können. Schickt er allerdings seinen leicht cholerischen Verantwortlichen mit einer Anschuldigung vor, so ist es hochwahrscheinlich, dass die Antwort der Wahrheit entspricht!

„Ich versichere Ihnen, dass wir keinerlei Kameras in den Laboren und Werkstätten installiert haben. Ihre Privatsphäre ist absolut gesichert. Eine solche großflächige Installation wäre rein finanziell gar nicht möglich. Machen sie sich keine Sorgen. Kameras haben wir nur in den Verkaufsräumen und vereinzelt in Fluren und Vorstellungsräumen.“,

differenzierst du daher noch einmal genauer. Den Lieutenant konntest du letztlich nicht von deinen Worten überzeugen. Doch du bist dir sicher, dass sein Android deine Worte gehört hat und seine Schlüsse daraus zieht.

Begeistert schüttelst du den Kopf und legst auf.

„Connor, Connor, was bist du nur für ein Fuchs.“
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