Die letzte Calore

GeschichteDrama / P12
OC (Own Character)
06.12.2019
14.01.2020
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ICH SCHAUTE MICH sorgsam um. Schon früh waren meine Brüder Melvin und Damian und ich auf uns selbst gestellt. Denn unsere Eltern wurden in der schicksalhaften Nacht vor siebzehn Jahren umgebracht. Umgebracht von der Scharlachroten Garde, die die Welt an sich reißen wollte. Und zurück ließen sie uns. Damian, Melvin und mich. Mich, Maeva Aurelia Calore. Mich, die gerade einmal eine Woche alt war.


Doch dann erfuhr die Scharlachrote Garde von uns, vor allem von Melvin, dem rechtmäßigen Thronerben. Und sie machten Jagd auf uns. Sie würden nicht aufhören, nicht aufhören, bis sie uns einen nach dem anderen ausgelöscht haben. Angefangen mit Melvin. Und enden werden sie mit mir.


In den letzten Jahren hatte mir die Scharlachrote Garde alles genommen, was mir lieb und teuer war. Meine Brüder hatten sich gemeinsam mit mir in einem kleinen Dorf niedergelassen, wo ich aufgewachsen war. Ich hatte eine recht simple Kindheit. Ich spielte mit dem Nachbarsjungen, hatte Freunde gefunden, hatte mich eingelebt. Doch dann fand die Scharlachrote Garde heraus, dass wir uns in dem Dorf niedergelassen hatten, und sie griffen es an. Sie legten ein Feuer, und alle Bewohner starben. Meine Brüder und ich konnten uns rechtzeitig retten.


Dann ließen wir uns in einem Dorf nahe Delphie nieder. Doch auch hier wurden wir gefunden, Menschen, mit denen wir uns angefreundet hatten, starben. Da war ich 12 Jahre alt.


Mit 13 Jahren teilte ich meinen ersten Kuss mit einem Jungen, den ich in einem Dorf nahe Wash kennenlernte. Wir waren wenige Tage ein Paar, als die Scharlachrote Garde uns auf die Schliche kam. Nael starb, als er mich retten wollte.


Und dann, an meinem sechzehnten Geburtstag, war der schicksalhafte Tag. Wir hatten uns auf den Weg in ein kleines Dorf nahe Archeon gemacht, um eine Nacht dort zu übernachten. Melvin hatte etwas zu essen kaufen wollen. Doch er war nie zurück gekehrt. Wir fanden ihn nie, sahen ihn nie wieder. Doch die Scharlachrote Garde strahlte aus, wie sie ihn töteten. Wir verloren Melvin. Wir verloren nicht nur unseren Bruder, sondern auch unseren Freund, unseren Beinahe-Vater. Doch an diesem Tag, als ich mit Tränen in den Augen zuschauen musste, wie mein geliebter Bruder starb, wusste ich, dass sich etwas ändern musste. Dass ich etwas ändern musste.


• ━━━━☆━━━━•


Ich stolperte Damian hinterher, auf meinem Rücken lag der schwere Rucksack, und drückte mich mit seinem Gewicht beinahe herab. Damian, Melvin und ich hatten immer aus zwei Rucksäcken gelebt. Immer am Existenzminimum, doch das hatte mir immer ausgereicht. Wie denn auch nicht? Wir befanden uns seit ich neun Jahre alt war immer auf der Flucht. Und die neun Jahre davor hatten wir immer in der Angst gelebt, jederzeit flüchten zu müssen. Dort hatte ich noch viele Kleider gehabt, immer etwas zu essen. Doch seit dem Angriff auf das kleine Dorf in der Nähe von Corvium hatte sich alles geändert. Wir waren ständig auf der Flucht, mussten ständig in der Angst leben, jederzeit angegriffen zu werden. Immer hatte Melvin den zweiten Rucksack getragen, denn er wollte nie, dass ich zu viel belastet wurde. Schließlich war ich ja das Mädchen und seine Schwester. Ich seufzte und musste nachdenken. Melvin. Es war erst zwei Tage her, seit er....seit er ermordet wurde. Immer noch nicht konnte ich es glauben. Melvin, mein Melvin, mein Bruder, mein Helfer, mein bester Freund, war tot. Ermordet von der Scharlachroten Garde. Ermordet durch die Hand der Roten.


Meine Brüder hatten die Scharlachrote Garde immer gehasst und dieser Hass hatte sich von ihnen auf mich übertragen. Aber wie sollten wir sie denn auch nicht nicht hassen? Sie hatten unsere Eltern auf dem Gewissen, sie waren Schuld daran, dass Melvin gestorben war. Sie waren Schuld daran, dass wir kein Zuhause mehr hatten, dass wir uns ständig auf der Flucht befanden, dass Menschen gestorben waren, weil wir sie lieb gewonnen hatten. Natürlich gab es auch Rote, die nicht zur Scharlachroten Garde gehörten. Beispielsweise Nael, oder Maisie, oder Lara. Sie waren Kinder aus dem Dorf nahe Wash, in dem ich meinen ersten Kuss mit Nael teilte. Nael. Wie könnte ich ihn je vergessen? Wie? Er hatte mir binnen weniger Tage mein Herz gestohlen. Wir lebten in diesem Dorf wenige Monate. Nachdem ich Menschen in Delphie und in Harbor Bay gefunden hatte, die ich liebte und verlor, verschloss ich mein Herz. Doch Nael, Mai und Lara schafften es, dass ich mein Herz für sie öffnete. Dann, an einem ruhigen Nachmittag, an dem wir campen gingen, griff mich die Scharlachrote Garde an. Nael warf sich vor mich, und bekam die volle Ladung Energie ab. Er starb noch in meinen Armen. Lara und Mai haben beide überlebt, ich war mit ihnen zum Dorf gerannt, und musste sie in der Krankenstation zurücklassen, während meine Brüder und ich erneut flohen.


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Damian und ich liefen zu dem kleinen Dorf, in dem wir uns niederlassen wollten. Das Gewicht des Rucksacks lastete schwer auf meinen Schultern, und ich wusste, dass ich bald erneut eine Pause brauchte, die Damian mir auch zugestehen würde. Wir wussten beide, dass wir nicht lange bleiben konnten, dass wir nicht lange an einem Ort bleiben konnten. Denn die Scharlachrote Garde war uns auf den versen, das spürten wir beide. Ich hasste dieses Gefühl, dieses Gefühl der Unterdrückung. In dem Dorf nahe Archeron, das Melvin uns ausgesucht hatte, würden wir kurz sicher sein, doch eine hundertprozentige Sicherheit würde Wir nicht haben. Niemals. Denn wir sind die letzten Erben des Throns von Norta, und damit eine Bedrohung für die Scharlachrote Garde, die immer mehr Zulauf gewinnt. Noch ist eine silberne Familie auf dem Thron - die Samos, die Familie meiner Mutter - doch wie lange, das wussten wir nicht. Würden sie sicher sein?


Nach einem unendlich scheinenden Weg erreichten wir endlich das Dorf kurz vor der Hauptstadt. Nachdem meine Brüder und ich neun Jahre in einem kleinen Dorf am Rande Nortas lebten, machten wir uns auf den Weg nach Archeon. Zu dieser Zeit hatten es die silbernen geschafft, den Thron zurückzurerobern und die Familie Merandus schaffte es auf den Thron Nortas. Es war der erste Sieg der Silbernen, seit langem. Meine Brüder hofften, dass wir nun zurückkehren konnten, denn sie hatten immer - so vermutete ich jedenfalls - darauf gehofft, ihr Geburtsrecht einfordern zu können, und endlich denen ihnen gebürtigen Thron anzunehmen. Dass wir unser Geburtsrecht endlich erfüllen konnten. Vor allem Melvin hatte immer davon geträumt. Der Gedanke, dass er es nun nie erleben würde, stimmte mich traurig. Schließlich sollte er den Thron von Norta einmal beherrschen.


Vollkommen in Gedanken versunken bemerkte ich nicht, wie Damian stehen blieb, und lief prompt in ihn hinein. Gerade, als ich etwas sagen wollte - ein Fluch, irgendetwas, dass er nicht plötzlich stehen bleiben solle - und hatte schon den Mund geöffnet, als er sich den Zeigefinger auf den Mund hielt. Ich schloss sofort den Mund und lauschte, genau wie Damian. Und dann hörte ich es. Das leise, aber dennoch hörbare, knacken von Zweigen. Damian schaute mich warnend an.


„Ich habe dich lieb", wisperte er leise und drückte mir etwas metallenes in die Hand. Ich verstand nicht, was er mir sagen wollte. Doch bevor ich etwas erwidern konnte, schubste er mich, und ich stürzte eine Abhang hinab
Ich war noch immer bei bewusstsein, doch im Nachhinein wünschte ich mir, ich wäre es nicht gewesen. Denn das, was ich hörte, war grausamer, als die Ohnmacht. Ich hörte schreie, Kampfgeräusche und dann kam das schlimmste. Zuerst die Stille. Dann das triumphierende Geschrei der Männer, ihr Lachen. Ich wusste, was das bedeutete. Mein Bruder, mein geliebter Bruder Damian, war gestorben.


• ━━━━☆━━━━•


Mit müden Schritten schleppte ich mich die letzten Schritte bis vor das riesige Haus. Meine Schritte wurden immer schwerer, und ich wusste nicht mehr, wie lange ich den Weg noch schaffen würde. Ich musste es schaffen. Ich musste es einfach. Ich musste das Haus meiner Tante, Elizabeth Samos, erreichen. Gerade hatte ich das Haus meiner Tante erreicht, welches ich aus den Erzählungen meiner Brüder kannte, als meine Beine unter mir zusammen brachen. Kurz bevor ich auf dem Boden aufschlug, kam mir ein letzter Gedanke. Ich wusste, was ich war, und wer ich war.


Die letzte Calore.
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