Internat Esperanza

von LPRM
GeschichteMystery / P18
06.12.2019
17.02.2020
28
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"Was meinst du damit? Wie?", fragte ich entgeisterte und starrte immer wieder von ihr zu Stefan Sherwood. Ich war geschockt und verwirrt und hatte noch nicht so ganz begriffen, wie das überhaupt passieren konnte.
"Woher weiß er wo wir sind? Ich dachte wie wären hier sicher?", fragte ich fast schon ein wenig enttäuscht von Stefan. Er war dafür verantwortlich, dass alle hier in Sicherheit waren und jetzt wusste mein Vater, wo wir uns aufhielten!
"Ganz ruhig", meinte Stefan mit unterdrückter Stimme. Ich sah ihm direkt ins Gesicht und erkannte erst jetzt die dunklen Ringe unter seinen Augen. Er hatte nicht geschlafen und vermutlich auch nicht gegessen. Natürlich nicht. Immerhin wurde seine Tochter von einem Mörder entführt und er machte sich genauso fertig, wie ich auch.
"Das Paket kam per Post. Er selbst würde hier nicht reinkommen, auch nicht mit seiner Mannschaft", informierte er mich, doch ich schüttelte bereits den Kopf.
"Zwei von ihnen waren aber hier", setzte ich seiner Erklärung entgegen, "mit Janina Sterling sogar drei."
"Und genau das ist das Problem", mischte Claire sich ein und wandte sich uns beiden zu, "Janina hat sie reingelassen. Doch nun haben wir keine undichte Stelle mehr. Stefan hat bereits alles Nötige getan um das sicherzustellen, das kannst du mir glauben." Ich wusste nicht recht ob sie das nur sagte, um mich zu überzeugen. Vielleicht wollte auch sie einfach nur, dass es so war.
"Beim letzten Mal hat er den Maulwurf übersehen. Bist du dir wirklich sicher?", fragte ich mit einem prüfenden Blick zu Bonnies Dad und im nächsten Moment fühlte ich mich auch schon schuldig. Wie kam ich nur dazu ihn zu verdächtigen? Alsbald ich nicht mehr nur an ihn dachte, schoss mir die Erleuchtung blitzschnell durch den Kopf.
"Er hat die Adresse von Marie und John nicht wahr. Sie arbeiten mit ihm zusammen und haben es ihm gesagt!", schrie ich beinahe und musste mich beherrschen nicht laut zu werden. Niemand durfte etwas davon mitbekommen.
"So ist es", meldete sich Stefan wieder zu Wort, "wir glauben, dass die beiden damit betraut waren uns ausfindig zu machen und das haben sie in den letzten Wochen wohl auch getan. Es hat gewiss einige Zeit gedauert, doch wir können auch nicht komplett untertauchen."
"Sechzehn Jahre", schoss es aus meinem Mund und plötzlich wurde mir klar, dass sie mich auch schon eher hierher geschickt hätten, wenn sie denn gewusst hätten wo das Internat lag. Ich war immer nur eine Schachfigur für die beiden und meinen Vater gewesen und jetzt schien das Spiel zu beginnen, denn er hatte Katie und Bonnie und uns gefunden.
Claire stand auf und fasste mich an den Schultern. In meinen Augen hatten sich Tränen gebildet, denn ein weiteres Mal war alles was ich gekannt hatte zerstört worden. Die Illusion einer glücklichen, aber keineswegs perfekten Familie war zerbrochen.
Um nicht gleich loszuheulen entwand ich mich ihrem Griff und wechselte das Thema um mich abzulenken.
"Du hast etwas von einem Paket gesagt", wandte ich mich an Stefan und der nickte, als er sich wieder an das eigentliche Thema erinnerte, "was ist damit?"
Meine Tante machte einen Schritt vor mir zurück und bedeutete mir mich auf die Couch zu setzen. Nun erkannte ich auch das braune Päckchen, das auf dem Tisch davor lag. Auch Stefan setzte sich zu uns und nahm den Haufen verschiedener Blätter, wie ich zuerst vermutete ihn die Hand.
"Vielleicht ist es am besten, wenn du es dir selbst durchsiehst", meinte er schließlich und reichte mir alles. Die beiden hatten es sichtlich schon durchgesehen. Mit leicht zitternden Händen nahm ich das Paket in Empfang und zog den Blätterstapel ganz aus der Braunen Hülle.
In dieser Bewegung bemerkte ich, dass es keine Blätter, sondern einige Fotos waren und als ich sie näher betrachtete, stockte mir der Atem und ich hielt inne.
"Sind das Mom und ich?", fragte ich mit unsicherer Stimme und erneut begannen meine Augen zu tränen. Ein Blick zu Claire bestätigte mir, dass das auf dem Foto Linda und ich als kleines Kind waren. Neugierig beute ich mich über das Foto und ich erkannte eine blonde Frau mit grauen Augen, die von den Gesichtszügen her eine Schwesternschaft mit Claire aufwies, wenn man es denn wusste. Sie war schlank und trug einen schwarzen Rock und ein grünes Oberteil. In ihren Armen hielt sie ein in eine Decke gewickeltes Baby, das zu schlafen schien. Ich hatte noch nie ein Kinderfoto von mir gesehen und als ich nachdachte wurde mir bewusst, dass die Aufnahme wohl kurze Zeit vor ihrem Tod stattgefunden haben musste. Meine Mutter wirkte so unnatürlich glücklich und hatte keinerlei Ahnung, dass sie bald sterben würde.
Länger ertrug ich den Anblick nicht, also blätterte ich weiter. Erschreckenderweise fand ich noch drei weitere Bilder von mir von deren Existenz ich gar nicht wusste. Einmal war ich als fünfjährige auf unsere Schaukel im Garten zusehen ein anderes Mal auf der Couch im Wohnzimmer als ich dreizehn war und das letzte Foto war noch gar nicht so alt. Ich musste etwa fünfzehn sein und ich befand mich in einem Sessel mit Headphones in den Ohren und hörte Musik. Alle Aufnahmen schien geheim gemacht worden zu sein.
Hektisch und überrumpelt blätterte ich weiter, in der Erwartung noch mehr Fotos von mir zu finden, doch das war nicht der Fall.
Durchaus kamen weitere Aufnahmen zum Vorschein, doch ich war nicht auf ihnen zu sehen. Es war Claire und bei ihr war der Stapel deutlich dicker.  Auch hier zeigten die Bilder sie in verschiedenen Lebenslagen und wenn ich nicht so große Panik gehabt hätte, dann hätte ich einige durchaus lustig gefunden.
Durch meine Finger ließ ich eine Sammlung von Erinnerungen gleiten, die ich nicht erlebt hatte: Claire als sechzehnjähriges Mädchen auf einem braunen Pferd, eine erwachsene Claire auf der Straße in Jeans und Pulli, Claire mit meiner Mom auf einem Foto, Claire posierend mit einem Hund, dem sie über den Kopf strich, Claire auf einem Familienfoto (auf das ich keine zwei Sekunden länger blicken konnte als nötig), Claire mit dem Baby-Ich auf dem Arm und freudestrahlend in die Kamera blickend, Claire neben einem schwarzhaarigen Mann mit eher ernster Miene. Zuletzt fand ich ein Foto, das mich an ihre Gesichte des Anschlages erinnerte.
Man sah Claire vor der Haustür eines großen Hauses und im Hintergrund spielte ein Feuerwerk über den schwarzen Nachthimmel. Durch die bunten Farben wurde sie erleuchtet und man sah, dass sie gerade dabei war, die Tür aufzusperren.
Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid, das ihre schlanke Figur betonte und ihre Haare waren zu einer Steckfrisur gebändigt, auch wenn einige Strähnen ausgebüchst waren. Gleich würde sie dort hineingehen und alle tot auffinden, alle bis auf mich.
Jetzt konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. "Wieso hat er mich nicht getötet?", wimmerte ich und legte meinen Kopf auf Claires Schulter. Diese erschrak ein wenig, doch ließ die Berührung zu.
"Marie und John haben dich wohl noch verstecken können, denn ich habe dich daraufhin schreien gehört und dich auf dem Dachboden gefunden. Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass er... Ich hätte dich nicht weggeben sollen, ich dachte so könnte ich dich beschützen, doch genau das Gegenteil ist passiert. Jetzt bist du in noch größerer Gefahr."
Nun weinte auch die dunkelhaarige Frau und auch ich ließ meinen Tränen freien Lauf und weinte mich bei ihr aus. Es störte mich nicht, dass Stefan neben mir saß und so tat als würde ihn das nicht stören. Womöglich tat es das auch nicht, doch in dem Moment kümmerte ich mich nicht darum.
Dennoch war es seine Stimme, die uns dazu brachte uns voneinander zu lösen.
"Nicht nur sie ist in Gefahr. Er hat es auf euch beide abgesehen. ich würde sogar sagen, insbesondere auf dich Claire. Dass er an Lin Interesse hat, ist verständlich, doch was könnte er von dir wollen?"
Claire setzte sich gerade hin und schien krampfhaft nachzudenken.
"Die Schule, die Freigabe aller die wir beschützen vermutlich", schloss sie und auch ich kam auf denselben Gedanken, doch Sebastian schüttelte den Kopf.
"Nein", sagte er, "da muss noch mehr sein. Das ist nicht alles. Aus irgendeinem Grund, hat er es auf dich abgesehen."




P.S. über zwischenzeitliche Reviews würde ich mich sehr freuen.
LG. LPRM
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