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Feuer

von Akhem
KurzgeschichteTragödie / P16
Faun
06.12.2019
06.12.2019
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Sie alle erstarrten zur gleichen Zeit. Sie alle hatten die Hufschläge gehört. Sie alle verloren einen kostbaren Augenblick, bis sie aufsprangen und sich in den Büschen versteckten wie verschreckte kleine Tiere.
Es würde ihnen nichts nützen, wurde Oliver klar. Er spürte Niel neben sich, der kaum wagte zu atmen – aber in ihrer kopflosen Hast hatte niemand von ihnen daran gedacht, das Feuer abzudecken.
Eine frische Feuerstelle so weitab der üblichen Wege – selbst wenn der, der da auf sie zuritt, zu feige war, um sie zu suchen und es mit ihnen aufzunehmen – er würde im Dorf davon erzählen. Vermutlich auch oben auf der Burg. Wer konnte in diesem bitterarmen Landstrich denn noch Pferde halten – außer den Boten des Königs?
Sie mussten dafür sorgen, dass die Nachricht den König nie erreichte. Einen Herzschlag lang schloss Oliver die Augen. Das Leben eines Kurierreiters, der dem König trotz seiner Verbrechen loyal war, gegen sie alle – die Rechnung war brutal in ihrer Einfachheit.
Jener Reiter kam näher. Welche Nachricht er auch brachte, es musste eine eilige sein – die Flanken seines Pferdes waren dunkel vom Schweiß. Er hatte die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht gezogen. Oliver konnte nicht erkennen, wer dort ritt – wahrscheinlich war es besser so.
“JETZT!”
Wie eine große Katze sprang er Ross und Reiter an, den Dolch in der Hand. Ineinander verknäult miteinander ringend gingen sie zu Boden.
“OLLI!” Ihr Schrei – zu hoch für den eines Mannes – reichte aus, um ihn innehalten zu lassen. Sie schob seine Hände weg, schlug ihre Kapuze zurück, der wallendes blondes Haar entschlüpfte...
“Laura?”, flüsterte er. Das hier war ein Traum. Ein schrecklicher, wunderschöner Traum.
Sie streckte eine Hand aus, legte sie an seine Wange, so sacht, als wäre sie sich selbst nicht ganz sicher, dass dieser Augenblick kein Traumgesicht war. Zum ersten Mal seit Jahren ließ er eine so zärtliche Berührung zu.
“Und ich habe dir nicht geglaubt...”
“Ich störe die beiden Turteltauben ja nur ungern, aber was zur Hölle macht die Prinzessin hier im Wald?” Hastig sprangen sie auseinander.
“Ich habe einen Beweis gefunden. Heute morgen. Es tut mir so unglaublich leid, dass ich euch nicht geglaubt habe. Vor allem dir, Olli. Ich bin hier... um zu helfen.”
“Und du weißt zufällig genau, wo wir zu finden sind.” Niel schnaubte. “Die Vögel auf den Dächern haben dir das ganz sicher nicht gezwitschert. Eher ein verliebter Gockel.”
Oliver fuhr auf. “Laura und ich haben kein Wort miteinander gewechselt, seit – seit ich verurteilt worden bin.”
“Und ich bin der König von Frankreich! Verdammt, Oliver, du hast so viel riskiert – für sie?”
“Das war wirklich Zufall!”, beteuerte Laura. “Vielleicht – vielleicht hat irgendetwas mein Pferd gelenkt – ich wusste von nichts, bitte glaub mir das, Niel. Ich wusste nicht einmal, dass ihr noch hier seit – ich wollte einfach nur weg von der Burg, so weit, so schnell weg wie irgend möglich...”
“Was ist passiert?”, fragte Oliver. Laura atmete tief durch.
“Ich bin heute morgen schon mal ausgeritten, einfach zum Vergnügen. Als ich zurückkam, war ich so durstig und ich willte nicht warten, bis mir eine der Mägde etwas zu trinken bringen kann – also habe ich mir selbst am Brunnen einen Eimer hochgeholt.” Ihre Stimme zitterte. “Da war eine Hand im Brunnen. Eine Kinderhand.”
“Niel, beruhig dich.” Rüdiger redete auf Niel ein, der kurz vor dem Platzen zu sein schien. “Die Prinzessin ist jetzt nun mal hier. Jetzt ist es sowieso zu spät. Lasst uns das Beste daraus machen.”
“Und was genau soll das sein?”
“Ich kenne die Losung für die Zugbrücke und jedes Tor in der Burg”, antwortete ihm Laura. “Die Wachen sind darauf trainiert, mir zu gehorchen und keine Fragen zu stellen. Ich könnte eine Menge Leute als meine Eskorte einschleusen. Ich kenne da oben jeden Winkel und jeden Gang. Mit mir habt ihr einen entscheidenden Vorteil.”
“Laura... das ist ein Angebot, das alles ändern könnte, aber... bist du sicher, dass du helfen willst? Trotz allem ist er immer noch dein Vater... ich kann das nicht von dir verlangen.”
“Aber ich kann es anbieten.”
“Als ob sie wirklich helfen würde! Die führt uns zur Burg und lässt uns einsacken, und eh die Sonne wieder aufgeht, baumeln wir am Galgen! Verdammt, Olli, warum kannst du was Laura angeht nicht einmal mit deinem Kopf denken?”
“Gibts es noch andere?”, fragte Laura, “Leute, die ihr als Verstärkung dazurufen könntet?”
“Wofür willst du das wissen, hm?”, fauchte Niel zurück. “Rechnest du schon aus, wieviele Wachen dein Vater schicken muss, um uns zu holen? Na, Pech, Prinzessin, da wird nichts draus, wenn du diesen Wald nicht wieder verlässt-” Im Bruchteil eines Augenblicks sprang Oliver vor Laura und zog seinen Dolch erneut. Schwer atmend standen sie voreinander, starrten sich über das blanke Metall in ihren Händen hinweg in die Augen.
“Wir waren einmal wie Brüder”, flüsterte Niel, der genauso kalkweiß geworden war wie er selbst.
“Laura hat Recht.” Alle blickten auf Rüdiger. Er beteiligte sich selten an den Streitereien, die unweigerlich ausbrachen, wenn eine kleine Gruppe Menschen so lange auf engem Raum zusammenlebte, aber wenn er einmal sprach, hatten seine Worte Gewicht.
“Wir könnten so tief in die Wälder gehen, dass selbst das Heer, das der König dann aussenden wird, wenn der Prinzessin etwas passiert, uns nicht finden wird. Können wir so überleben? Fünf, zehn Jahre, so lange, bis einer von uns sich verletzt oder ernsthaft krank wird? Vermutlich. Aber dafür haben wir nicht alles verloren. Wir wären Gejagte wie alle anderen Geächteten auch. Wir würden sterben, ohne je eine Gelegenheit zur Rache bekommen zu haben. Laura gibt uns eine Chance dazu. Oder sie führt uns in den Tod – aber der findet uns irgendwann sowieso.”
“Danke, Rüdiger”, sagte Oliver, als Niel langsam sein Messer sinken ließ.
“Ich habe das nicht für dich getan.”
“Ich weiß.”
“Ich könnte Leute zusammenrufen", schaltete sich Laura ein. "Oder es zumindest versuchen. Ein paar Gefallen einfordern. Es gibt Leute in den umliegenden Dörfern, die mir folgen würden... hoffe ich.”
“Ich komme mit.” Alte Gewohnheiten.
“Warum küsst du ihr nicht gleich den Mantelsaum, oder besser die -” Rüdiger schlang Niel grob den Arm um die Schultern und hielt ihn zurück.
“Lass gut sein.”
Oliver schnappte sich die Zügel des Pferdes, mit dem Laura gekommen war. Dem Rappen dampften immer noch die Flanken.
“Ich sollte Atra wohl besser hierlassen”, wandte Laura ein, “die Gefahr ist gering, dass grad einer von der Wache draußen unterwegs ist, aber sie würde nur Aufsehen erregen.”
“Dreieichen ist nicht weit von hier, nicht wahr?”
Sie sah ihn seltsam an. “Das stimmt. Aber warum fragst du?”
“Nimm sie mit. Bitte. Wenn alles schiefgeht... die Wachen werden mit uns beschäftigt sein. Wenn du es bis in die Klosterfreiheit schaffst, fällst du nicht mehr unter die weltliche Gerichtsbarkeit. Vielleicht lassen sie es bei Arrest im Kloster bewenden...”
“Oliver... nein. Ich habe so lange das Offensichtliche nicht glauben wollen. Viel schlimmer noch, ich habe dir nicht geglaubt. Wenn ich früher zu euch gekommen wäre... vielleicht hätte ich einige retten können. Vielleicht würden manche dieser Mädchen dann noch leben.” Wohlweißlich vermied sie es, den Namen seiner Schwester auszusprechen. “Ich bin es euch schuldig. Und ihnen.”
Er schüttelte den Kopf. “Er ist dein Vater. Es ist nur natürlich, dass du es nicht sehen wolltest oder konntest. Laura-” wie fremd fühlte sich ihr Name nach all den Jahren auf ihren Lippen an - “dein Opfer ist ehrenvoll, aber es macht sie nicht wieder lebendig. Wirf dein Leben nicht weg. Versprich mir das.”
“Reden wir später darüber.” Würde es ein Später geben?

Bis zum Mühlenteich konnte er sie begleiten, danach mussten sich ihre Wege trennen. Ihm war nicht wohl dabei, sie allein ins Dorf gehen zu lassen, aber so nachlässig die Wachmannschaften geworden waren, ganz ließ sich nicht ausschließen, dass dort noch Wachen herumliefen. Die Prinzessin würden sie nicht behelligen. Aber wenn sie einen Vogelfreien in ihrer Begleitung entdeckten, würde ihr Aufstand scheitern, bevor er begonnen hatte.
Mit der nervösen Stute neben sich wartete er am Waldrand, in den Schatten verborgen, wartete mit rasendem Herzen, während sich Augenblicke zu Stunden auszudehnen schienen. Dann flammten Lichter auf in der Nacht.
Sie kamen näher. Es wurden stetig mehr. Hatten die Wachen doch Alarm geschlagen?
Ihm wurden die Knie weich, als sie auf der anderen Seite des Mühlbachs auftauchte, ein Bauernheer hinter sich. Narbige Hände hielten Fackeln, doch auf den verhärmten Gesichtern las er nur grimmige Entschlossenheit.
"Es sind dann doch ein paar mehr geworden, als ich dachte." Er zog seinen mickrigen Dolch, fiel vor ihr auf die Knie, hielt ihr die Waffe hin, mit dem Heft zuerst.
"Heil Königin Laura!" Stille. "Heil Königin Laura!" brüllte er in die Nacht heraus und dann, endlich, antworteten sie. Sie alle, die ihr gefolgt waren.
Sie nahm das Messer, nur er konnte sehen, dass ihre Finger zitterten, als sie sich um den Griff schlossen; sanft berührte sie mit der Waffe seine Schultern, einmal, zweimal, gab sie ihm dann zurück. "Erhebe dich, mein Ritter", flüsterte sie. Zum ersten Mal an diesem Tag lächelte sie.

Danach schien ihm die Welt, als sei sie ein Stück zur Seite gerückt, vom tristen Alltagstrott hinein in die Sphäre der Legenden und der Sagen. Was auch immer heute Nacht geschehen würde, die Leute würden Lieder über sie singen, mehr oder weniger heimlich; und wahrscheinlich würden diese Lieder länger leben als sie.
Beim Anblick der Schar, die Laura hatte versammeln können, vergingen selbst Niel einmal die spitzen Kommentare. Oliver versuchte, aus den zerlumpten Gesetalten etwas zu formen, das als Eskorte einer Prinzessin durchgehen mochte, versuchte sich an die Bruchstücke erinnern, die er gelernt hatte, als er oben auf der Burg ausgeholfen hatte, vor Jahren, die so lang erschienen. Wahrlich der Stoff für Sagen, dachte er bei sich, eine Prinzessin und ein Stallbursche nehmen es gemeinsam mit dem bösen König auf.

“Wenn ihr die Güte hättet, mir die Losung zu nennen, Eure Hoheit.” Dem Torwächter schien nicht ganz wohl dabei zu sein, vor der Prinzessin auf das Protokoll zu bestehen und für einen Moment fragte sich Oliver, ob er etwas ahnte. Hatte er am Morgen gesehen, wie Laura alleine ausritt, und fragte sich, wie sie unversehens zu einer Eskorte gekommen war?
“Amicis et gaudiis”, antwortete Laura. Sie hielt sich kerzengerade und sah dem Posten direkt in die Augen, bis dieser zu Boden sah.
Was immer das heißen mochte. Vermutlich war es Latein. Er merkte sich die Worte trotzdem. Wer weiß, wozu das noch gut sein konnte.
Sie konnte nur in Viererreihen über die Zugbrücke gehen. Quälend langsam zog der Tross an den Reihen bewaffneter Posten vorbei. Wenn ihnen etwas auffiel, wenn sie jemanden erkannten... er zog sich das nach Kuhstall riechende Schultertuch, das die Frau des Stellmachers ihm geliehen hatte, tiefer ins Gesicht.
Sie ließen sich einschließen, so viel wurde ihm klar, als sich die Reihen bewaffneter Krieger klirrend hinter ihnen schlossen. Wenn sie es bis zum König schafften, dann würden sie keine Zeit mehr haben, sich den Weg zurück freizukämpfen. Sie würden zwischen der Leibwache des Königs hinter ihnen und der Torwache vor ihnen aufgerieben werden.
Vielleicht sollte es so sein. Jeder von ihnen hatte liebe Menschen auf der anderen Seite, die auf ihn warteten... eine solche Tat erforderte immer ein Opfer. Wenn sie dafür sorgen konnten, dass der König nie wieder mordete, dann war das dieses Opfer vielleicht wert. Sein Blick glitt über seine Kameraden, soweit er sie im Halbdunkel erkennen konnte. Niel spannte gerade seinen Bogen neu, den er zerlegt unter seinem Mantel an den Wachen vorbeigeschmuggelt hatte. Rüdiger hielt ein schartiges, aber beeindruckend großes Hackbeil fest in der Hand. Stefan zog lange Dolche, die aus alten Sensenblättern gemacht worden waren. Doch die kerzengerade, schlanke Gestalt, die den Zug anführte, war es, auf der sein Blick schließlich ruhte. Wenn bloß Laura überlebte. Wenn sie sich im Kampfgetümmel davonschleichen konnte – es musste doch Geheimgänge geben in dieser Burg – wenn ihr Stand sie nur genügend schützen würde, dass sie dem Richtblock entging... er dachte diese Gedanken nicht ohne Schuld. Es waren seine Kameraden gewesen, die die Jahre der Not im Wald mit ihm zusammen durchgestanden hatten, und doch galten seine Gedanken ihr.
Vom oberen Burghof klang Lachen herüber, Gläserklirren, Flötenspiel. Er zechte mal wieder dort oben. Vermutlich wartete schon das nächste kleine Mädchen in den Kerkern der Burg darauf, dass dem König wieder einmal der Sinn nach einer anderen Art von Unterhaltung stand.
Blindlings folgte er dem Tross, den Laura zielstrebig anführte, ließ sich mitziehen, geblendet vom Hass, von kalter Wut und heißem Schmerz. Nie wieder, schwor er sich. Nie wieder. Was es auch kosten mochte.
Das Zischen des Pfeils, der von der Sehne flog, ging fast im Festlärm unter. Er hörte nur Lauras überraschten Schrei, schreckte hoch und sah noch, wie Niel die halbhohe Brüstung überwand, sein Messer fest in der Hand. Ohne nachzudenken stieß er den Burschen neben ihm zur Seite, packte die Mauerkrone mit beiden Händen und zog sich hoch.
Niel hatte die Überraschung auf seiner Seite. Die meisten Leute im Hof waren Spielleute, Tänzerinnen und andere Gäste, die der Gastfreundschaft wegen ihre Waffen zurückgelassen hatten. Schlagend und stoßend bahnte er sich seine Weg durch die Menge, setzte aber gegen keinen die Waffe ein, der sich nicht selbst zur Wehr setzte.
Der König stand vornübergebeugt vor seinem Thron, hielt sich die Schulter – Oliver kannte den schwarzgefiederten Pfeil, der in der Wunde steckte.
Die Leibwache war völlig schreckensstarr. Niel rannte einfach zwischen ihnen hindurch, stürzte sich auf den König, die Messerklinge blitzte im Fackellicht auf – Oliver konnte ihn über den Kampfeslärm hinweg nicht hören, aber er wusste, welchen Namen er auf den Lippen trug, als er dem König das Messer bis zum Griff in den Hals rammte. Es war ihm, als atmete tief unten in der Burg etwas auf.
Energisch wischte er die zweite Sicht zur Seite. Jetzt musste er die unter den Seinen beschützen, die er noch retten konnte.
Wild entschlossen packte er seinen Dolch, sprang hinein ins Getümmel. Er hatte die langen, blanken Schwerter der Leibgarde gesehen. Was sollte er mit seiner armseligen Klinge gegen sie ausrichten? Aber versuchen musste er es.
Die meisten der Leute, die eben noch fröhlich gezecht hatten, rannten panisch umher, suchten nach einem Ausweg, den es nicht gab. Sie liefen ihm ständig vor die Füße, aber keiner von ihnen versuchte ernsthaft, ihn aufzuhalten. Bald stand der Ritter vor ihm, der gerade noch zur Linken des Königs gewacht hatte – Niel beschäftigte sich bereits mit seinem Kameraden und schien sich wacker zu schlagen, aber Oliver konnte es sich nicht leisten, groß auf ihn zu achten.
Seine Waffe war gefährlich und weit besser als seine eigene, aber er hatte gelernt, in Rüstung zu kämpfen – die er hier, abseits des Schlachtfeldes, natürlich nicht trug. Das machte ihn langsam – und nachlässig in seiner Deckung.
Oliver tanzte mit ihm, wich seinen mächtigen Hieben aus, blieb stets knapp außerhalb seiner Reichweite und reizte ihn weiter. Irgendwann würde er einen Fehler machen.
Da! Er sprang nach einem Ausfallschritt nicht schnell genug zurück, ließ seine Beine ungeschützt. Oliver ließ sich fallen, tauchte blitzschnell unter seinen Beinen hindurch. Sein Messer fand weiches Fleisch, riss eine tiefe Wunde, von der Hüfte bis in die Innenseite des Oberschenkels hinein. Der Ritter stürzte, versuchte schon am Boden liegend noch einmal nach seinem Schwert zu greifen, aber Oliver trat ihm aufs Handgelenk. Er war ohnehin schon zu schwach und hätte es nicht noch einmal heben können. Oliver wusste, dass auf der Innenseite des Oberschenkels eine große Ader lag. Verletzte man diese, verblutete ein Mensch innerhalb von Augenblicken.
“Unten brennt's!” Rüdigers Schrei riss Oliver aus seiner Trance. Er blickte sich rasch um - alle anderen Menschen im Innenhof, die nicht zu ihrer Truppe gehörten, schienen unbewaffnete Gäste zu sein, die sich jetzt verschreckt in die Ecken des Säulenganges drängten. Er sah einen Jungen mit einem Dolch in der Hand, der eine junge Frau hinter sich geschoben hatte – er beobachtete ihn wachsam, kam jedoch nicht näher, schen sie nur schützen zu wollen. Außer den beiden bereits besiegten Rittern schien niemand einen Angriff wagen zu wollen. Aber Rüdigers Nachricht erstickte jeden Anflug von Erleichterung effektiv.
Er trat an die Brüstung, sah hinunter und fluchte unterdrückt. In der Unterburg standen hauptsächlich Wirtschaftsgebäude – vieles waren Fachwerkbauten, die wenigen Steinhäuser waren mit Stroh gedeckt. Das brannte wie Zunder. Wenn dort irgendjemand mit den Fackeln nicht aufgepasst hatte... für einen Moment ratlos, ließ er seinen Blick schweifen. Dann rannte er auf das Podest zu, auf dem noch immer der Königsthron stand, sprang in einem Satz über die Leiche des Königs hinweg und riss den großen Teppich, der hinter der Wand hing, ab.
“Wenn wir den Teppich in Streifen schneiden und zusammenknoten, haben wir vielleicht sein Seil, das lang genug ist, damit wir uns an der Burgmauer abseilen können”, erklärte er, “Wer hilft mir und fängt an der anderen Seite an?”
Laura trat vor. Sie war sehr bleich und sagte kein Wort, ging um die Blutlache herum, in der ihr Vater lag – aber sie zog einen Dolch aus dem Gürtel, eine kleine Klinge und reich verziert, eher das Schmuckstück einer Dame – und begann, wie er Streifen aus dem Teppich zu schneiden.

Oliver riss probehalber an den Knoten, die er in den staubigen, sperrigen Stoff geknüpft hatte. Ob sie wirklich das Gewicht all der Menschen tragen würden, die sie retten mussten, würde nur der Versuch zeigen. Sie hatten keine Zeit für lange Proben.
Er schleifte den Thron, den er als schwer und stabil genug erachtete, zu der Seite des Innenhofes, die direkt an die Burgmauer angrenzte, und zurrte ein Ende des improvisierten Rettungsseils daran fest.
“Ihr kommt hier mit unserer Hilfe heraus oder gar nicht mehr”, wandte er sich an die Masse, die sie tatenlos beobachtet hatte, “also – wer weill es als Erstes versuchen?”
Nach kurzem Zögern trat der Junge vor, der ihn gerade noch mit seinem Dolch bedroht hatte, die junge Frau fest an der Hand haltend – die Art, wie ihre Gesichter sich glichen, ließ ihn vermuten, dass sie Geschwister waren - und nahm ihm das Seil aus der Hand.
Es hielt. Es hielt erst den Jungen, dann seine Schwester, die mit weit aufgerissenen Augen im Schneckentempo das Rettungsseil herunterkroch, aber Oliver verbiss es sich, sie anzutreiben. Als sie sahen, dass er keine leeren Versprechungen gemacht hatten, kamen auch die anderen Teilnehmer der Festgesellschaft aus ihren Ecken und reihten sich in die Schlange ein, die Rüdiger energisch formte, um zu verhindern, dass sie durch panisches Chaos mehr Zeit verloren.
“Olli...” Laura griff nach seiner Hand. Ihre war kalt und schweißnass, ihre Stimme bloß ein raues Flüstern, aber er hielt sie fest.
“Ich bleibe, bis der Letzte unten ist.”
“Dann bleibe ich auch.” Dazu hätte er einiges zu sagen gehabt, aber er wusste, es war vergebene Liebesmüh. Wenn Laura sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte...
Quälend langsam ging die Rettung voran. Die Luft war von Rauch erfüllt und wurde immer stickiger und heißer, während sich das Feuer langsam an sie heranfraß.
Die Flammen züngelten schon an der Balustrade, erhitzten die Bodenplatten wie in einem Backofen, als sich Stefan als Letzter seiner Mitstreiter abließ. Erst jetzt griff auch er nach dem Teppichstreifenband, kletterte unter Laura hinab, damit er sie auffangen konnte, falls sie fiel.
Sie fiel nicht. Sie wackelte mehr, als dass sie lief, als sie unten ankam, und war immer noch kalkweiß, aber Oliver fing sie auf, stützte sie, damit niemand sah, wie es um sie stand. Eng zusammengedrängt standen sie da und sahen der Burg, die so lange als Schreckensbild über dem Land gethront hatte, beim Brennen zu.
“Sollten wir nicht versuchen zu löschen?”, fragte einer der jungen Männer aus dem Dorf zaghaft.
Zu Olivers Überraschung war es Stefan, der ihm antwortete.
“Nein. Diese Burg ist ein Grab. Es ist besser, wenn sie brennt, wenn nie wieder Menschen an diesem verfluchten Ort wohnen. Wer weiß... vielleicht tragen die Flammen ihre Seelen in den Himmel, auf eine Weise.”
Jetzt war es Oliver, der froh war, dass Laura ihm so nah war, dass er den Kopf an ihre Haare lehnen konnte, damit die anderen nicht sahen, wie nass seine Augen waren. Elsken. Sein Schwesterchen. Wo auch immer ihre Gebeine geblieben waren, er würde sie nie finden. Die ausgebrannte Burgruine war das einzige Grab, das sie je haben würde.
Irgendjemand stimmte leise ein Kirchenlied an, “Wir sind nur Gast auf Erden”, und er, der doch seit Jahren in keiner Kirche gewesen war, sang, wenn auch stockend, von Herzen mit; dann hörte er, wie auch Laura, wenn auch noch heiser krächzend, einstimmte. Als das Lied verklungen war, standen sie lange, lange da, starr und stumm, sodass das Knacken und Krachen des Feuers über ihnen das einzige Geräusch war. Der Morgen färbte schon den Horizont rot, als der Müller der Erste war, der sich wieder rührte.
“Kommt”, sagte er leise, “gehen wir wieder nach Hause. Es ist vorbei, ein für alle Mal. Die Kühe müssen gemolken werden, die Hühner wollen ihr Futter haben, das Leben wird weitergehen, irgendwie, so wie es immer weitergehen musste. Jetzt gibt es einen Schatten weniger, der darauf fällt. Und ihr, die ihr kein Zuhaus mehr habt – fürs erste werden wir schon Platz für euch finden, und morgen früh gehen wir in den Wald und fällen genug Bäume, dass wir neue Häuser bauen können. Ist ja keiner mehr da, der es uns verbieten würde.”

Oliver schaute sich auf dem Dorfanger um. Gedankenverloren spielten seine Finger mit den Saiten seiner Harfe. Das Wiedersehen mit seinerm Instrument war ein völlig unerwarteter Segen gewesen. Es schien, als hätten seine Nachbarn, als er in der Burg vor diese Verhöhnung eines Gerichtstages gestellt wurde, still und heimlich ein paar Stücke aus seinem Haushalt in Sicherheit gebracht. Das meiste war nur von sentimentalem Wert, aber er rechnete es seinen Nachbarn hoch an, dass sie in den schweren Zeiten so ein wertvolles Instrument nie versetzt hatten, um ihre Not zu lindern.
Harfe zu spielen, erinnerte ihn an einen anderen Oliver, einen sehr viel jüngeren, dessen Kopf voll schwärmerischer Lieder und wilder Träume war. Manchmal tat es ihm gut, eine Melodie zu zupfen, auch wenn er schrecklich viel verlernt und vergessen hatte.
In Zeiten wie diesen konnte ein wenig Aufheiterung nicht schaden, auch wenn ihm nicht wohl dabei war, seine Zeit mit derart unnützen Tätigkeiten zu vertun. Der Winter nahte und sie lebten immer noch in einer seltsamen Art von Zwischenstatus.
Wie es der Müller damals vorgeschlagen hatte, waren sie in die Wälder gegangen und hatten Holz geschlagen, um daraus Hütten zu bauen – einige von ihnen waren stattlich genug, um den Namen Holzhaus zu verdienen, zumal sie nicht endlos die Gastfreundschaft der Nachbarn strapazieren konnten. Sie hatten sich abseits des Dorfes, zu Füßen des Berges, zu einer Hofschaft zusammengetan, ein Flecken zusammengedrängter Häuschen vor der brandschwarz dräuenden Ruine. Sie bestellten kein Land, weil sie keines hatten, aber sie jagten wilde Tiere, deren Fleisch sie im Dorf eintauschten, und sammelten an Nüssen, Beeren, Pilzen und essbaren Pflanzen, was sie finden konnten, wie sie es in den Jahren im Wald getan hatten.
Niemand wusste, was mit ihnen geschehen würde. Würde der Kaiser Laura als neue Königin akzeptieren, sodass die Bauern ihre neue Lehnsherrin vor sich hatten? Oder würde er ihr Tun als Aufstand betrachten, der blutig niederzuschlagen war, und alle strafen, die ihnen geholfen hatten? Wer sollte die Launen der Herren kennen können?
Mit einem Male war es ihm, als säße zwischen seinen ausgestreckten Beinen eine kleine Gestalt, halbdurchsichtige Hände griffen in die Saiten seiner Harfe, ließen ein paar Töne anklingen.. helles Kinderlachen ertönte, dann war sie fort, fort, so schnell, wie sie gekommen war.
Oliver erstarrte. War das Elsken gewesen, die gekommen war, um Abschied zu nehmen? Hatte sie ihrem großen Bruder mit ihrem letzten Gruß zeigen wollen, dass sie Frieden gefunden hatte?
Oliver blickte auf. Eben ritt ein Reiter über den Hügelkamm.. und er trug die Farben des Kaisers auf seinem Wappenrock.
Er ritt langsam auf den behelfsmäßigen Dorfplatz, aber Oliver sah, dass er eine Hand auf den Schwertgriff gelegt hatte.
Sie schwiegen sich an, der Reiter und das eilig zusammengesammelte Grüppchen, das sich bemühte, nicht offen feindselig zu erscheinen, wussten nicht, wie sie miteinander umgehen, in welchen Rollen sie einander begegnen sollten.
Nach einem Augenblick, der sich quälend lange hinzog, saß der nur leicht gepanzerte Ritter ab. Mit einem Seitenblick auf ihre Leibwache beugte er vor Laura das Knie.
“Eure Hoheit – ich bringe Nachricht von Eurem Lehnsherrn, dem Kaiser.”
Oliver und Laura tauschten schnelle Blicke, andere hatten ihre Gesichtszüge weit weniger unter Kontrolle. Hoheit? Was hatte das zu bedeuten?

“Gott zum Gruße”, antwortete sie, fiel mechanisch in die ihr vertraute Etikette zurück, “bitte, erhebt Euch. Welche Kunde bringt ihr?”
Er nestelte einen schmalen runden Lederbehälter vom Gürtel los und reichte ihn ihr mit einer erneuten Verbeugung.
Lauras Gesicht blieb ausdruckslos, als sie den Brief las, doch Oliver ahnte, was sie das kostete, und es schien ihm nichts Gutes zu verheißen.
“Bitte versteht, dass wir einen Augenblick brauchen werden, um eine angemessene Antwort zu verfassen”, ließ sie den Boten wissen. “Stefan? Wärst du so freundlich, dich unseres Gastes und seines Pferdes anzunehmen?” Stefan tat, wie ihm geheißen, und kaum war der Bote außer Sicht, trat Oliver zu Laura.
“Was steht da drin?”
“Der Brief ist auf Latein.. ich habe keinen blassen Schimmer.” Oliver ging im Geiste die Leute, die er kannte, durch. Von ihnen konnte niemand Latein, im Dorf auch nicht, und der Priester, der auf der Burg auch die Dienste eines Schreibers versehen hatte, war vermutlich mit dieser verbrannt. Jedenfalls hatte ihn seit dem Feuer niemand mehr gesehen. Der Bischof hatte bisher noch keinen Nachfolger geschickt, worum er bis eben nicht gerade böse gewesen war.
“Dreieichen”, sagte Laura plötzlich.
“Das Kloster?”
“Ja. Es ist nicht weit, und Katja ist jetzt dort Äbtissin.. die Nonnen sind gelehrte Frauen. Eine von ihnen wird sicherlich Latein lesen können.” Er erinnerte sich vage an Katja... aber dass sie den Schleier genommen hatte, das hatte er nicht gewusst.
“Dann sollten wir keine Zeit verlieren.”
Wäre der Anlass ein anderer gewesen, hätte er den Ritt genießen können. Die Herbstsonne lief noch einmal zu erstaunlicher Kraft auf, sodass selbst der leichte Wind seine beißende Kälte verlor. Der Tag war klar und entlang der Hänge färbten sich die Blätter in den prächtigsten Farben. Doch er war sich ihrer Situation bewusst. Ihre wenigen Pferde waren bessere Ackergäule, viele ritten nur mit Gurt und Decke, um wenigstens nicht wie ein Bauer auf dem Heimweg vom Pflügen auf dem blanken Pferderücken zu sitzen. Sie hatten sich an ihrer Jagdbeute als Gerber und Sattler versucht, doch die Ergebnisse waren erbärmlich gewesen und um volle Ausrüstungen in Auftrag zu geben, fehlte es ihnen an Geld und Tauschwaren. Lediglich Lauras Stute war noch vernünftig ausgestattet, aber selbst ihr war anzusehen, dass sie nicht mehr den ganzen Tag im Stall stand, von Stallburschen geputzt und mit reichlich Hafer gefüttert wurde.
Oliver lenkte sein Pferd neben Lauras, aber er unterließ es, nach ihrer Hand zu greifen – wer wusste, wo der Bote sich gerade herumtrieb und was er mitansehen mochte.
Es dunkelte schon, als sie Dreieichen erreichten und anhand der Laute, die aus dem Pförtnerhäuschen drangen, schienen die Nonnen den Tag bereits beschlossen zu haben.
Mit zuckenden Mundwinkeln blickte Oliver zu Laura, die nicht lange zögerte, vom Pferd sprang und ebenso energisch wie lautstark an der Tür des Pförtnerhäuschens zu pochen begann.
“Ist ja schon gut!” Abrupt verstummten die Laute, die Oliver eher einem Bären im Winterschlaf zugetraut hätte als einer Schlafenden. Der Fensterladen wurde zur Seite gestoßen und in der Fensteröffnung tauchte das Gesicht einer rundlichen Nonne mit verrutschtem Schleier auf.
“Was wollt ihr?”
“Mit der Äbtissin sprechen.”
“Dafür ists zu spät. Kommt morgen wieder.”
“Möchtest du der Äbtissin dann erklären, warum du die Königin selbst samt Eskorte abgewiesen hast? Ich bin sicher, sie wird entzückt sein, davon zu hören. Der Schlaf mag dir die Sinne verwirrt habe, Schwester, aber das Nachtgebet ist noch nicht gebetet worden. Es ist dringend. Katja wird sicherlich Verständnis dafür haben, dass wir mit ihr reden wollen.”
Lauras zuckersüße Worte ließen die Pförtnernonne erstarren. “Einen Moment bitte”, murmelte sie, trat aus dem Häuschen und fingerte nervös den dicken Schlüsselbund von seinem Platz an ihrem Gürtel. Endlich öffnete sich das Tor des Klosters für sie.
Sie führte sie ins Sprechzimmer und flüsterte dann etwas einer Novizin zu, die davoneilte. Kurz darauf stand Katja vor ihnen.
Oliver musste an sich halten, um seine Überraschung vor ihr zu verbergen. Katja, der Wildfang, Katja, die sich stets gegen den Damensattel gewehrt hatte und trotz strengster Verbote ihres Vaters Hosen tragend wie ein Mann geritten war – sie jetzt gehüllt in die voluminösen Leinenbahnen der Schwesterntracht zu sehen, verstörte ihn. Er ahnte, dass dieses Leben für sie eine wesentlich bessere Alternative gewesen war als eine mögliche Heirat – doch der Gedanke daran, was sie hatte aufgeben müssen, als sie den Schleier nahm, schreckte ihn.
“Laura!” Alle klerikale Zurückhaltung war vergessen, als die beiden Freundinnen sich in die Arme fielen. “Was ist passiert? Es hieß nur, es sei dringend...”
“Wir haben einen Brief bekommen.. vom Kaiser.”
“Oh.”
“Du bist die Einzige von uns, die Latein lesen kann. Würdest du uns aushelfen?”
“Aber natürlich! Gib schon her.” Laura gab ihr das Pergament und Katja trat, es entrollend, ans Fenster. “Hätte ich gewusst, dass ich lesen soll, ich hätte eine Kerze mitgebracht... aber so ist es zu dunkel. Kommt mit zur Kirche – dort haben wir genug Licht.”
“Liegt die nicht innerhalb der Klausur?” Oliver war nicht wohl bei der Sache. Er gab nichts auf die Schreckbilder von Teufeln und Dämonen, die die Priester malten, wenn sie gegen die wetterten, die noch dem alten Glauben anhingen, dennoch war er sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, das Haus eines Gottes zu betreten, der nicht seiner war.
“Nein. Die Klosterkapelle liegt innerhalb, ja, aber zur Kirche kommen hin und wieder Pilger.”
Sich unsicher umblickend trat Oliver in die Klosterkirche, wie die meisten von ihnen verzichtete er darauf, die Finger in das Weihwasserbecken zu tauchen, um das Kreuzzeichen zu schlagen.
Katja lief mit raschen Schritten den Mittelgang hinunter und stellte sich neben die großen Leuchter, die zu beiden Seiten des Altars standen. Um genug Licht zum Lesen zu haben, trat sie so nah an die Flammen heran, dass Oliver schon fürchtete, sie könne versehentlich das Pergament in Flammen aufgehen lassen.
Sie las einmal, zweimal, legte die Stirn in Falten und las noch ein drittes Mal, wohl um sicherzugehen, dass ihre Augen sie nicht trogen.
“Wie habt ihr denn das geschafft?”
“Nun sag schon, was steht drin?” alle drängten sich um sie herum.
“Das hier-” sie hielt Pergament hoch, an dessem unterem Ende ein großes Wachssiegel baumelte, das Oliver jetzt, aus der Nähe, als Siegel des Kaisers erkannte, “ist ein Lehensvertrag. Für dieselben Ländereien, mit denen er den alten König belehnt hatte. Ausgestellt auf Laura und Oliver. dux bellorum et maritus reginae? Der Heerführer und Ehemann der Königin? Wann ist das denn passiert?”
“Das... ist überhaupt nicht passiert? Soweit ich weiß?”
“Also, wenn du die Königin geheiratet hättest, solltest du das schon noch wissen”, warf Rüdiger trocken ein.
“Nun, ich vermute”, schaltete sich Katja wieder ein, “dass der Kaiser entweder einfach davon ausgegangen ist, dass ihr schon geheiratet hättet. Oder ihm ist aufgefallen, dass er ein Lehen ebenso schlecht an eine unverheiratete Frau wie an einen Nichtadligen geben kann und hat beschlossen, euch vor vollendete Tatsachen zu stellen. Wärst du mit Laura verheiratet, Oliver, wärst du automatisch Prinzgemahl. Das Lehen komplett neu zu vergeben und Lauras Ansprüche zu missachten hätte viel Unruhe ins Land gebracht, vielleicht sogar Krieg. Ich finde, er hat da eine weise Entscheidung getroffen – und eine, die euch nur nützen kann. Vorausgesetzt, ihr spielt mit.”
Alle Augen ruhten auf ihnen und Oliver hätte nichts lieber getan, als mit Laura an irgendeinen Ort zu verschwinden, der ihnen etwas Privatsphäre bot, und die ganze Angelegenheit in Ruhe auszudiskutieren. Aber das war ihm wohl nicht vergönnt.
“Also.. ich hätte nichts dagegen... ihr habt doch einen Beichtvater hier, oder? Dann hätten wir direkt einen Priester.” Hinter ihm räusperte sich jemand vernehmlich.
“Du könntest deine Liebste auch erstmal fragen, was sie denn davon hält.”
“Ähm. Ja. Könnte ich...” Rüdiger hinter ihm seufzte... lang und leidend.
“Wenn sie ihm das verzeiht, dann stehen die beiden alles miteinander durch”, flüsterte Niel alles andere als leise.
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