Morgentau

GeschichteDrama, Romanze / P16
Cullen Dorian OC (Own Character) Solas
05.12.2019
19.01.2020
16
27651
5
Alle Kapitel
23 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
Es war am gleichen Abend, dass Solas mit seiner Schlafmatte unter dem Arm das Krankenzimmer betrat. Ihn interessierte nicht, wie es Dorian gelungen war, den Kommandanten dazu zu überreden, ihm freie Hand zu lassen. Er wollte sich voll und ganz auf Mia konzentrieren.
    Das Zimmer war aufgeheizt worden, er würde die zweite Decke, die er bereits früher hier platziert hatte, wohl doch nicht benötigen. Mia brauchte sie auch nicht, das sah er gleich. Auf ihrer Stirn standen winzige Schweißperlen. Solas nahm den Lappen aus der Waschschüssel, drückte ihn einmal aus und tupfte ihr damit behutsam über das Gesicht.
    Nachdem er seine Matte neben dem Bett ausgerollt hatte, setzte er sich für einen Moment zu ihr. Ihre Hand lag regungslos neben seiner. Mit dem Zeigefinger strich er sanft über ihren Handrücken.
    In dem Moment jedoch, in dem ihm bewusst wurde, was er da gerade tat, zuckte er zurück, als hätte er sich verbrannt, sprang auf, räusperte sich, und ließ sich schließlich peinlich berührt auf seinem Schlafplatz nieder. Niemand war hier, um ihn beobachtet zu haben – dennoch fühlte es sich an, als hätte er etwas Verbotenes getan. Nicht, weil er sie berührt hatte, sondern wie er sie berührt hatte. Unterbewusst.
    Er wagte einen letzten Blick auf den leblosen Körper und schloss dann die Augen.
    Es war mucksmäuschenstill in diesem Teil der Festung. Vermutlich hatte man ihn gerade aufgrund seiner Abgeschiedenheit gewählt – wenn Cullen hier viele Nächte verbrachte, war das sicher eine gute Entscheidung gewesen. Nach der Zerstörung von Haven, auf ihrer zunächst ziellosen Wanderung, hatte Solas die Geräuschkulisse seiner nächtlichen Albträume mit eigenen Ohren anhören müssen. Dass der Kommandant sein Lager in der Himmelsfeste unter dem Dach eines Wehrturmes aufgeschlagen hatte, war definitiv nicht ohne Grund.
    Doch je länger er sich konzentrierte, je mehr er seinen Gedanken erlaubte, frei zu zirkulieren und sich in der kleinen Kammer auszubreiten, umso deutlicher nahm er das leise Rauschen wahr, dass sich unter ihnen zu befinden schien.
    Natürlich, der Wasserfall im Kerker.
    Solas tauchte ein in das Rauschen, in die tosenden Wassermassen, ließ sich fortschwemmen und war schon bald eingeschlafen.


÷÷÷÷


Alles um sie herum war fremd. Sie hockte auf einem schmalen Vorsprung des gewaltigen Bergmassivs, das sie in den letzten Tagen – Wochen? – durchquert hatte. Es gab keinen Tag-Nacht-Rhythmus, sie war gelaufen und gelaufen, ohne Hunger oder Durst zu verspüren. Überhaupt spürte sie nichts als die schiere Verzweiflung, die sie von innen heraus aufzufressen schien.
    Sie wusste nicht, wo sie war. Sie wusste nicht, was sie hierher verschlagen hatte. Ja, sie wusste nicht einmal, wer sie war.
    Zuerst hatte sie panisch versucht, sich zu erinnern, an ihren Namen, ihre Herkunft, irgendetwas, doch in ihrem Gedächtnis herrschte gähnende Leere. Dass sich der Himmel nicht veränderte, dass es weder dunkel noch hell wurde, war ihr ebenfalls erst später aufgefallen. Viel später. Als ihr Zeitgefühl mit Sicherheit sagen konnte, dass etwas nicht stimmte.
    Alles um sie herum wirkte bedrohlich, die zerklüfteten Felsen, so schwarz wie Rabengefieder, der graue Himmel, der immer wieder von hellen, grünlich schimmernden Blitzen durchzuckt wurde, die Totenstille, die jeden ihrer Schritte wie das Stampfen eines Sumpfnugs ertönen ließ. Obwohl sie nicht wusste, wo sie hingehörte – oder eben deswegen –, fühlte sie sich furchtbar verloren an diesem Ort.
    Würde sie jemals wieder herausfinden aus diesem Labyrinth? Und wenn ja, woher würde sie wissen, dass sie es verlassen hatte? Woher wusste sie überhaupt, dass es da draußen etwas anderes gab? Vielleicht war dieses Gebirge alles. Vielleicht täuschte sie das brennende Gefühl in ihrer Brust, das sie anfangs zum Schreien und Weinen gebracht hatte, nun jedoch nur noch Erschöpfung hervorrief.
    Stöhnend hievte sie sich zurück auf die Beine.
    Weiter. Ich muss weiter.
    Alles um sie herum sah ähnlich aus. Felsformationen, die sich zu wiederholen schienen, der immer gleiche Himmel, hinter jeder Ecke die nächste Schlucht, so tief, dass ihr Blick den Grund nicht erreichte.
    Trotzdem trieb es sie voran. Oder zumindest irgendwohin. Sie konnte nicht sagen, ob sie schon drei Mal im Kreis gelaufen war, bergauf, bergab, es machte keinen Unterschied, Hauptsache weiter.
    Was, wenn dieses Weiter ein Zurück ist? Ein Zurück zu – keine Ahnung. Letztendlich spielt es ja doch keine Rolle.
    Ihr Seufzen echote laut von den Gesteinswänden wider.


÷÷÷÷


Solas erkannte sofort, dass er sich in einem Traum befand. Er spürte es. Das Flirren.
    Dass es der falsche Traum war, erkannte er an den grölenden Männern, die vor einem Kamin saßen, Bier in sich hineinschütteten und über schmutzige Witze lachten. Einer von ihnen rotzte eben ganz ungeniert auf die lange schon nicht mehr gebohnerten Holzdielen, schleuderte dann seinen Krug in die Höhe, sodass etwas von dem Inhalt über den Rand hinwegschwappte, und rief:
    »Auf Klara, die widerwärtigste Dirne diesseits der Wachen See! Darauf, dass ihre Schenkel zusammenkleben und sie keinen anderen Kerl jemals wieder in die Zange nimmt!«
    Die anderen lachten laut und stießen ihre Becher gegeneinander, dass es schepperte.
    Angewidert wischte Solas mit der Hand durch die Luft, als würde er eine lästige Fliege verscheuchen. Sofort waberte der Traum von dannen. Vermutlich gehörte er einem der Raufbolde in den Gefängniszellen unter ihnen.
    Er wanderte durch weitere Träume, meinte ab und an, Mia nähergekommen zu sein, und fand sie doch nicht. Es war wie verhext. Angestrengt suchte er weiter, dabei entfernte er sich immer wieder von dem Punkt, an dem er sie am stärksten spürte, kehrte dann dorthin zurück, und das Spiel begann von vorn. Irgendwann war er sich absolut sicher, dass sie hier sein musste, aber –
    Jeder Versuch, sie zu greifen, schlug fehl. Er konnte partout nicht in ihren Traum eindringen.
    »Fenhedis!«
    Mit einem ärgerlichen Stöhnen riss er sich selbst aus seiner Trance.
    Die Wandfackeln waren beinahe heruntergebrannt, im Raum war es dunkler geworden, doch Mia lag immer noch genauso starr in ihrem Bett wie zuvor.
    Solas stand auf und fuhr sich mit den Händen über den kahlen Schädel.
    Denk nach, denk nach!
    »Er braucht sie«, erklang plötzlich Coles dünne Stimme aus der Zimmerecke. »Sie brauchen sie beide, doch keiner von ihnen erinnert sich, nicht einmal sie selbst. Sie wollen sie, doch das ist nicht das gleiche. Sie will nicht zurück, und er sucht nach der falschen Sache am falschen Ort. – Ihr müsst sie finden, Solas, bevor sie sich selbst findet.«
    Solas stand da und rührte sich nicht vom Fleck. Er blickte Cole an, fragend, doch dieser scharrte nur stumm mit der Spitze seines Fußes auf dem Boden.
    »Wie meint Ihr das, Cole? Bevor sie sich selbst findet? Und warum will sie nicht zurück?«
    »Verzweiflung trägt sie vorwärts, doch vorwärts ist rückwärts, und rückwärts ist vorwärts. Ihr müsst Euch beeilen.«
    Als Solas blinzelte, war Cole verschwunden.
    »Die falsche Sache am falschen Ort«, murmelte er vor sich hin und schritt intuitiv auf das Bett zu. »Am falschen Ort.«
    Er hatte nichts mehr zu verlieren.
Review schreiben