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Hexennacht

KurzgeschichteFantasy / P16 / Gen
OC (Own Character)
04.12.2019
04.12.2019
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2.064
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04.12.2019 2.064
 
Fröstelnd wickelte Caya ihren Umhang enger um sich. Der Wind hier oben in den Gipfeln der Hohen Eternen schien ihr nach der Hitze des Tages geradezu niederhöllisch. Möglicherweise lag es aber nur an ihrer Nervosität. Sie seufzte, rieb mit den manikürten Händen über den feinen Samt, der sich an ihre schmalen Schultern schmiegte, um die Gänsehaut zu vertreiben. Der Beleman hatte nun auch die letzten Wolken vom Firmament geschoben und die Nacht war sternenklar. Das volle Madamal schien zum Greifen nah. Wahrlich in mehrfacher Hinsicht eine magische Nacht.
Ihr Blick glitt hinab auf den gegenüberliegenden Kamm und das Hochplateau, auf dem die Feuer flackernd den Festplatz erhellten. Zusammen mit den Flammen zuckten die Schatten der Anwesenden über die nackten Felswände. Unwillkürlich fragte sie sich, ob unten in den Dörfern die Menschen ängstlich ihre Fenster verriegelten und Zeichen gegen das Böse über die Türen schmierten in einer Nacht wie dieser. Da lebte sie schon in dem modernsten und aufgeklärtesten Landstrich Aventuriens und doch war Aberglaube allgegenwärtig. Lesen und Schreiben zu können, änderte offenbar nichts an der Ignoranz der Menschen. Ihr war klar, dass sie nur Zeit schindete. Bald würde sie hinüberfliegen müssen, wenn sie nicht zu spät kommen wollte.
Wie Rabenschwingen raschelten hinter ihr Röcke und leichtfüßig setzte jemand neben ihr auf.
„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde, mein Kind“, erklang sanft die Stimme ihrer Mutter. Ardare Simiona della Scardeoni musterte ihre Tochter prüfend. Ihre Augen waren ebenso stechend grün wie Cayas. Ihr einst blondes Haar war beinahe komplett ergraut. Doch in ihrem fein geschnittenen, nahezu faltenfreien Gesicht, sah man die knapp fünfzig Sommer nicht.
„Ich konnte dir nie etwas verheimlichen.“ Caya erhob sich, um ihre Mutter zu begrüßen. Die beiden Frauen umarmten sich herzlich.
„Also, ich muss als Mutter ja völlig versagt haben, wenn ich einen Feigling aus dir gemacht habe, Cavarya Fioletta!“, schimpfte die Ältere mit einem verschmitzten Lächeln. Zerknirscht sah Caya zum Festplatz hinüber und antwortete: „Es sind so viele gekommen.“
„Die Zeichen sind besorgniserregend. Finstere Zeiten ziehen auf. Es gibt viel zu besprechen.“ Ein Schatten legte sich auf Ardares Gesicht. Dann lächelte sie wieder. „Aber das soll euch junge Frauen nicht die Nacht verderben. Feiert und tanzt ausgelassen. Es reicht, wenn wir alten Weiber uns damit belasten.“ Schlanke warme Finger ergriffen Cayas Kinn und zwangen sie den Blick ihrer Mutter zu erwidern. „Und du hast ebenso das Recht hier zu sein wie alle anderen, mein Kind!“ Die junge Frau wollte widersprechen. Aber es war zwecklos. Niemand verstand, was sie durchmachte. Auch ihre Mutter nicht. Wie allein sie war. Wie sehr ihr Herz die Nähe eines Vertrauten begehrte. Wie verloren sie sich fühlte, vor allem in der Gegenwart ihrer Schwestern. Wie sehr sie die missbilligenden Blicke schmerzten, die ihr auf jedem Fest zugeworfen wurden. Sie war die Hexe, die einen Teil von sich zerstört hatte. Eine Außenseiterin. Für immer. Mit jedem Fest wurde es schwerer, für sie, die Maske aus Gleichgültigkeit und Arroganz, die sie sich zugelegt hatte, aufrecht zu erhalten. Sie blinzelte die brennenden Tränen weg.
Leise aber bestimmt drang die Stimme ihrer Mutter auf sie ein: „Cavarya, du bist eine machtvolle und starke Frau. Und ich bin mir ganz sicher, dass du deinen Weg finden wirst, vertrau mir.“ Ardare hob die Stäbe auf. „Und nun komm. Das Fest beginnt.“
Caya gab einen Funken ihrer Kraft in den Befehl und erhob sich neben ihrer Mutter in den Nachthimmel. Der Wind blies ihr schulterlanges offenes Haar aus dem Gesicht und flatternd bauschte sich ihr Umhang im Flug. Die Nervosität war vergessen. Die berauschende Geschwindigkeit des Fliegens erfüllte ihr Herz seit jeher mit reiner, kindlicher Freude.

Vielstimmiges Lachen und Schwatzen erklang durch die von den Feuern rauchgeschwängerte Luft. Caya ließ ihren Blick über den Festplatz gleiten. Vier Zirkel hatten sich versammelt, mehr als fünfzig Töchter Satuarias. Sie alle waren in feinste Gewänder gehüllt, die mehr oder weniger tiefe Ein- oder Durchblicke zuließen. Gold und Edelsteine glänzten mit nackter Haut im Feuerschein um die Wette. Grüne, goldene und schwarze Schlangen wanden sich schimmernd wie Schmuck um nackte Arme oder in tiefen Dekolletés. Doch dies war kein Ball, denn die Füße waren nackt und die Haare offen und wild vom Wind. Aufregung, Vorfreude, Erotik und Magie knisterten in der lauen Abendluft und hinterließen ein heißes Prickeln auf Cavaryas Haut.
Ihre Mutter lächelte sie mit blitzenden Augen aufmunternd an und ging voran, nachdem man ihr Mantel und Gepäck abgenommen hatte. Respektvoll wurde Ardare von den Anwesenden begrüßt und verschwand in der Menge. Caya glitt aus ihrem Umhang und den Schuhen, legte ihren Stab ab und folgte ihrer Mutter mit etwas Abstand. Sie trug ein hochgeschlitztes, rückenfreies Kleid, dessen grüne Seide sich kühlend an ihre glühende Haut schmiegte. Quietschend fielen sich neben ihr zwei Junghexen in die Arme und hüpften aufgeregt auf und ab. Sie waren erst dreizehn oder vierzehn und dies war mit Sicherheit ihr erstes Fest. Zwei andere Frauen küssten sich leidenschaftlich zur Begrüßung, während ihre Katzen die Köpfe schnurrend aneinander rieben. Lachend umarmten sich viele, die sich lange nicht gesehen hatten. Ein Fest dieser Größenordnung fand nur alle paar Jahre statt. Katzen unterschiedlichster Rassen und Farben wanderten am Rande der Feuer entlang und gingen geschäftig ihren eigenen Dingen nach, hatte man den Eindruck. Ein Kreischen über ihr ließ ihren Blick in den Himmel wandern. Ein halbes Dutzend Rabenvögel tanzten durch die Luft. Die Seherinnen waren gekommen.
Die anderen Hexen grüßten Caya zwar, zumeist auch mit einem Lächeln, aber sie wahrten seit damals Distanz zu ihr. Bis auf ihn. Stolz wie ein Löwe steuerte er geschmeidig auf sie zu. Therengar. Das Blut seines thorwalischen Vaters hatte ihn zu einem blonden Hünen gemacht, dessen nackte Muskeln im flackernden Licht glänzten. Dazu hatte er die Schönheit seiner Mutter und war zweifelsfrei ein Prachtkerl von einem Mann. Und vermutlich aus verspielter Grausamkeit hatte er einen Narren an ihr gefressen. Beim letzten Fest hatte sie sich ihm tatsächlich hingegeben und er war ein herausragender Liebhaber. Doch Caya hielt ihn für ein selbstverliebtes Arschloch und so hasste sie sich ein wenig dafür, dass er ihr ein leises Seufzen entlockte, als er sie zur Begrüßung küsste und seine Pranke über ihren nackten Rücken gleiten ließ.
„Sehen wir uns später noch, Caya?“, fragte er leise und lächelte sie frech an. Sie legte eine Hand auf seine Brust und schob ihn von sich weg.
„Mal sehen“, zwinkerte sie und wandte sich zum Gehen. Sie spürte seinen brennenden Blick in ihrem Rücken. Doch noch mehr bemerkte sie die neidischen Blicke der anderen Hexen. Therengar würde auch ohne sie auf seine Kosten kommen. Er war nicht der einzige Mann hier heute Nacht, ein paar der Nachtschönen hatten sich was zum Spielen mitgebracht. Eine zog ihren, nur mit einem nietenbesetzten Halsband bekleideten, Auserwählten an einer Leine hinter sich her, was ihn unübersehbar erregte. Aber Therengar war einer der beiden anwesenden Hexer und damit entweder begehrt wie Levthan selbst oder nur geduldet. Je nach dem, wen man fragte.
Caya holte sich mit Kräutern gewürzten Wein und entspannte sich allmählich. Kurz darauf begrüßten die Vorsteherinnen der vier Zirkel unter lautem Jubel die Festgesellschaft und eröffneten offiziell die Hexennacht zur Sommersonnenwende.
Man fand sich zusammen zum Austausch, für arkane Übungen und die zuvor auserwählten Schwestern machten sich daran, den Kessel mit Flugsalbe zu brauen. Allerorten wurde geplaudert, die mitgebrachten Leckereien verspeist und Wein getrunken. Die Oberhexen und deren engste Vertraute zogen sich mit den Seherinnen zur Beratung zurück.
Cavarya hielt sich dezent im Hintergrund, trank Wein und aß etwas. Hin und wieder fragte sie jemand nach ihrer Meinung zu einem Problem oder einem Zauber, die meisten wussten um ihre Stärken in der Antimagie. Dennoch achtete sie darauf, den Zaubernden nicht zu nahe zu kommen. Die magisch aufgeladene Luft zog die kleinen Plagegeister an und sie wollte nicht noch mehr Misstrauen erregen. Den ersten Windling hatte sie schon in ihrem Haar sitzen, obwohl sie selbst nicht einen Zauber gesprochen hatte. Einzelne Strähnen ihres eigentlich glatten blonden Haares drehten sich wie ein Wirbelsturm auf und fielen genauso rasch wieder zusammen.
Ein Kichern erklang glockenhell in ihrem Rücken: „Du hast da was!“ Cavarya drehte sich um und sah überrascht in das ihr unbekannte Gesicht. Eine bildhübsche Hexe in ihrem Alter stand vor ihr. Sie war ebenso groß wie sie, hatte braune, lachende Augen, und lange rotbraune Locken, die im Feuerschein wie flüssige Seide über ihren Rücken fielen. Ihre perfekten Rundungen wurden von hauchzartem, weißem Stoff verhüllt. Caya fuhr sich durch ihr Haar und verscheuchte den Windling für einen Augenblick. „Ähem, ja. Die ganze arkane Kraft zieht die Plagegeister an. Sie sind nicht gefährlich“, versicherte sie schnell und hielt den Blick fest.
„Ich weiß“, lächelte ihr Gegenüber warm. Ein lautes Schnurren erklang von ihren Füßen. Eine blauschwarze Aveskatze schlängelte sich um ihre schlanken Beine. Die Nachtschöne küsste Caya rechts und links auf die Wange und sagte: „Ich bin Asmodena. Ich bin neu in Belhanka und gerade eben dem Zirkel  der Stadt beigetreten. Wer bist du?“
„Mein Name ist Cavarya und ich heiße dich in unserem Zirkel willkommen. Ich hoffe es gefällt dir bei uns und in der Stadt.“ Asmodena strahlte sie an. „Belhanka ist großartig und jetzt, wo ich weiß, dass du dort wohnst, gefällt sie mir noch besser. Du musst mir bei Gelegenheit die Stadt zeigen!“
„Jederzeit gern!“, lächelte Caya aus tiefstem Herzen.
„Aber jetzt feiern wir. Komm, wir brauchen mehr Wein.“ Asmodena ergriff ihre Hand und zog sie mit sich.
Sie plauderten, bis das Madamal seinen Zenit überschritten hatte, die Besprechungen und Übungen abgeschlossen waren und nur noch das Trommeln der tanzenden, nackten Füße und der vielstimmige Gesang atemloser Stimmen die Nacht erfüllten. Einzig ein Feuer brannte glutrot und lodernd in der Mitte.
Der Rausch der Sphären klang Caya in den Ohren, als sie sich an Asmodenas Seite im uralten Takt bewegte und ihre Lippen die überlieferten Worte sangen. Die Kraft Sumus pulsierte im Gleichklang ihres Herzschlages in ihren Lenden. Der Wind streichelte ihren brennenden Leib. Sie stöhnte auf, als Asmodena mit kühlen Fingern an ihrem Arm nach oben glitt. Ihr Blick war dunkel und fordernd. Hungrig griff Caya nach dem hübschen Gesicht und küsste die geöffneten Lippen. Um sie herum gaben sich mehr und mehr Schwestern der Ekstase dieses uralten Tanzes hin. Kleider fielen zu Boden, nackte Leiber wanden sich im steten Rhythmus des fortwährenden Gesangs. Trotz des Rausches waren Cavaryas Sinne klar. Sie roch den Rauch und die Kräuter in Asmodenas Atem. Sie schmeckte den Wein auf ihrer Zunge. Sie hörte die Stimmen der Nacht und ihr pulsierendes Blut. Sie sah über die Flammen hinweg Therengars raubtierhaften Blick, der sich an ihren geheftet hatte, während er die rothaarige Katzenhexe vor sich zum Höhepunkt trieb. Doch noch mehr als das fühlte sie Asmodenas liebkosende Hände und fordernde Lippen über ihren Körper gleiten. Stöhnend warf sie den Kopf in den Nacken und sank mit ihr zu Boden. Immer mehr Schwestern fanden im rauschhaften Liebesspiel zusammen. Die mitgebrachten Spielzeuge der Nachtschönen erlebten zweifelsohne die Nacht ihres Lebens. Allerdings würden sie sich an kaum etwas erinnern, geschweige denn, etwas ausplaudern können. Dafür war stets gesorgt. Caya verlor sich in sinnverwirrender Ekstase, bis das Morgengrauen nach und nach den Zauber der Nacht verschluckte.
„Triff mich morgen zum Abendessen. Ich kann es nicht erwarten dich wiederzusehen“, flüsterte Asmodena in Cayas Ohr und küsste sie zum Abschied. Dann verschwand sie und die aufgehende Sonne glänzte auf ihrem Haar. Eine winzige Flamme tanzte vorwitzig über Cavaryas Arm und sie wischte sie weg, bevor sie ihren Umhang überstreifte und in ihre Schuhe schlüpfte.
„Sie ist bezaubernd, nicht wahr?“ Caya drehte sich zu ihrer Mutter um und nickte gedankenverloren. Ardare lächelte wissend und fügte an: „Seid bloß vorsichtig, mein Kind!“ Dann küsste sie flüchtig ihre Wange und schwang sich ebenso auf ihrem Stab. Nach und nach machten sich alle verbliebenen Hexen auf den Weg. Sie selbst hatte es nicht eilig. Therengar schlenderte zu ihr und schenkte ihr eine elegante Verbeugung. Er küsste formvollendet ihre Hand und verschmitzt lächelte er: „Beim nächsten Mal vielleicht. Auf bald meine Schöne!“ Er hob seinen einäugigen schwarzen Kater auf und entschwand ebenfalls.
Eine krächzende Stimme riss Caya aus ihren Gedanken: „Eines kann ich dir sagen, Cavarya Unglückskind, so wirst du die Leere nicht füllen. Besinne dich auf dein Erbe, sonst bist du verloren.“ Knochig und alt wie eine Eiche schwebte sie in einem Fass neben ihr, einen altersschwachen Raben auf der Schulter.
„Was?“
Doch die Seherin trudelte bereits den Hang hinab in Richtung Wald.

    „Was für eine Nacht...“
 
 
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