Sturm aufs Paradies [Türchen Nummer 4, 14, 24]

KurzgeschichteAbenteuer, Drama / P16
Alea der Bescheidene Bruder Frank Falk Irmenfried von Hasenmümmelstein Jean Méchant der Tambour Lasterbalk der Lästerliche OC (Own Character)
04.12.2019
24.12.2019
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Hallöchen ihr Lieben :)

Hier ist unser erstes Türchen für den Samo-Adventskalender!
Einige dürften unsere OCs schon kennen, hier stehen sie aber in keinem Zusammenhang mit Rattenfänger.
Dann mal viel Spaß beim Lesen!

LG Enna & Sue

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Kapitel 1

Die Winter im kleinen Winnett in Montana waren hart. Die wenigsten Postkutschen nahmen die schwierige Reise durch den Schneefall und entlang der Indianergebiete auf sich. Und die, die es dennoch wagten, wurden nicht selten von Wegelagerern und Indianern überfallen. Dafür war Winnett selbst ein friedliches kleines Städtchen. Es gab eine Kirche, zwei milde rivalisierende Barbiers, zwei Saloons und einige kleine Läden und Werkstätten, die den Bewohnern gerade genug Abwechslung boten, damit sie nicht in größere Städte abwanderten. Unter den kaum einhundert Einwohnern kannte ein jeder den anderen und der Sheriff und seine beiden Hilfssheriffs sorgten für Recht und Ordnung.

Es mochte in dieser Nacht also eine eisige Kälte durch die Straßen ziehen, aber dafür hatten die Bewohner den vierundsechzigsten Tag in Folge ohne jeglichen Zwischenfall genossen. Keine Schießereien, keine Plünderer und keine Indianer. Durch und durch friedlich.

Und langweilig, wie Freya befand. Schrecklich langweilig.

Sie stand in einem der vier Gästezimmer, allesamt unbelegt, und starrte das gerade frischbezogene Bett an. Eine Arbeit, die ihr alle zwei Wochen zufiel. Ob sie nun Gäste gehabt hatten oder nicht. Freya seufzte. Wenn sie doch wenigstens einige Besucher hätten, einige Fremde von weither, die ihnen erzählen konnten, was außerhalb der Grenzen Montanas vor sich ging.

Stattdessen sah sie nur wieder in dieselben Gesichter, als sie zurück nach unten in den Schankraum ging. Die beiden Hilfssheriffs spielten wie jeden Abend Karten mit den Trunkenbolden, bereit, sie entweder in eine Ausnüchterungszelle oder nach Hause zu begleiten. Der Doktor las ein Buch in seiner üblichen Ecke. Die Tochter des Sheriffs war an der Bar über ihrem Whisky eingenickt, und Jean stand auf der anderen Seite und polierte Gläser.

„Alles erledigt?,“ fragte er, als sie sich zu ihm gesellte.

„Eine tote Spinne und zwei Mottenkugeln,“ berichtete sie und streckte ihm die Hand hin.

Jean warf einen kurzen Blick auf ihre Ausbeute und schnaubte. Freya entleerte ihre Hand über dem Eimer in der Ecke.

„Wir bekommen noch eine Auszeichnung für den saubersten Saloon in ganz Montana.“

„Und wäre das so schlimm?“

Freya warf ihm einen säuerlichen Blick zu und Jean grinste. Er stellte das letzte polierte Glas in den Spiegelschrank und schlug dann mehrfach laut mit der Hand auf den Tresen.

„Trinkt aus, Männer! Wir schließen!“

Allgemeine Proteste wurden erhoben, aber Jean ließ nicht mit sich diskutieren.

„Till, Luzi, schafft eure Schnapsleichen hier raus, aber sorgt dafür, dass sie morgen früh um elf wieder hier sind!“

„‘Türlich,“ grinste Luzi, als er erst den bewusstlosen Schuhmacher zur Tür schleifte und dann Till bei dem etwas wacherem aber dafür deutlich korpulenteren Metzger unter die Arme griff. „Sonst hätten wir ja niemanden mehr zum Pokern.“

„Und was ist mit dieser Schnapsleiche hier?“ Freya nickte zu der Sheriffstochter, die unbeeindruckt von all dem Lärm immer noch tief und fest am Tresen schlummerte. „Kommt ihr für die nochmal zurück?“

Till wechselte einen leidigen Blick mit Luzi. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie die junge Frau so spät nach Hause bringen mussten. Aber in ihrem Zustand würden am Ende doch nur wieder sie beide den ganzen Ärger einheimsen.

„Klappt wohl immer noch nicht so mit dem Auge auf sie haben, hm?,“ fragte Freya belustigt.

„Ich bringe sie nach Hause,“ mischte Jean sich ein, bevor die beiden allzu schuldbewusst dreinblicken konnten. „Mir wird er schon nicht den Kopf abreißen.“

Freya sah den Schankwirt mit hochgezogenen Brauen an. Jean wäre der erste, mit dem der Sheriff eine Schießerei anfangen würde bei dem Zustand seiner geliebten einzigen Tochter. Aber Jean ignorierte sie gekonnt. Freya verengte die Augen.

„Wir könnten auch einfach den Doktor fragen,“ schlug sie vor. „Er wohnt direkt gegenüber.“

Die drei Männer am Tresen folgten ihrem Blick zu dem Doktor, der sein Buch gerade zusammen geklappt hatte und der, die dünndrahtige Brille immer noch vergessen auf der Nase sitzend, gerade auf dem Weg zur Tür war.

„He, Lasterbalk!,“ rief Luzi.

„Ja?“

„Gute Nacht!,“ rief Jean. „Komm gut nach Hause.“

Der hochgewachsene Mann nickte ihm zu und duckte sich dann unter dem Türsturz hindurch.

„Ich bringe sie nach Hause,“ sagte Jean noch einmal und damit war die Diskussion beendet.

Er wartete, bis die Hilfssheriffs draußen waren, dann weckte er die letzten schlafenden Besucher und warf sie ebenfalls raus. Freya blieb gegen den Tresen gelehnt stehen und sah zu, wie er die Vordertür abschloss.

„Und du meinst, das ist eine gute Idee? Sich in die Angelegenheiten des Sheriffs einzumischen?“

„Ich mische mich nirgendwo ein,“ sagte Jean und trat an ihr vorbei, um die schlafende junge Frau aufzuwecken. Er strich ihr sanft das Haar aus dem Gesicht.

„Lizzy? Es ist Zeit zu gehen. Lizzy…?“

Muss ich gehn?“ Kam es leise unter dem Vorhang an Haaren hervor.

Jeans Mundwinkel zuckten und Freya unterdrückte ein Seufzen. Er war hoffnungslos.

„Es ist spät,“ sagte sie an beide gerichtet. „Dein Vater vermisst dich bestimmt schon.“

Lizzy hob langsam den Kopf und blinzelte sie gegen das Licht an. „Du siehst besonders hübsch aus heute. Ist das Kleid neu?“

Freya schüttelte den Kopf. „Bring sie nach Hause Jean. Auf direktem Wege bitte.“

Jean zwinkerte ihr nur zu und hob Lizzy dann in seine Arme, um sie durch die Hintertür nach draußen zu tragen. Ihr Kichern wurde erst durch das Schlagen der Tür gedämpft. Freya löschte die Lichter und ging nach oben auf ihr Zimmer. Wenn nach all den Jahren die geheime Liebschaft zwischen den beiden immer noch das spannendste in der ganzen Stadt war, konnte sie auch früh ins Bett gehen.

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Im Hinterhof des Saloons ließ Jean sich Zeit mit dem Aufbruch. Schneefall und Sheriff zum Teufel, die wenigen Momente allein mit Lizzy galt es auszunutzen. Auch wenn sie heute etwas betrunkener war als üblich.

„Gab es irgendeinen bestimmten Grund heute so viel zu trinken oder war dir nur danach, morgen mit einem Kater aufzuwachen?“

Lizzy seufzte und vergrub das Gesicht an seiner Schulter. „Das übliche.“

„Hm.“ Jean strich ihr etwas Schnee aus dem blonden Haar. „Dann sollte ich dich wohl zurückbringen.“

„Ich fürchte, ja.“

Sie blickte auf und Jean beugte sich zu ihr hinunter, um ihre Lippen in einem letzten warmen Kuss zu fangen. Eine Berührung, die ihm in dieser freien und unbeschwerten Art viel zu selten vergönnt war.

„Und wenn ich dich einfach nicht zurückbringe? Du könntest in einem der Gästezimmer schlafen. Es schneit. Es ist windig. Wir finden schon genug Ausreden.“

Er konnte ihr Lächeln spüren und das Gefühl breitete eine wohlige Wärme in seinem Innern aus, die ihn die Kälte und den Schnee um sie herum vergessen ließ.

„Und was sagen wir dem Suchtrupp, der uns mitten in der Nacht die Tür eintreten wird?“

„Dass ich dich genau dahin gebracht habe, wo du hingehörst. Nach Hause.“

Der Ausdruck in ihren Augen nahm etwas sehnsüchtiges an und für einen Moment hoffte Jean, dass sie tatsächlich zustimmen würde. Wenigstens einmal. Ob sie letzten Endes nun blieb oder nicht. Er wollte sie es wenigstens einmal sagen hören. Dass sie bei ihm bleiben wollte.

„Ich sollte gehen. Ich bin zu betrunken für dieses Gespräch.“

Jean rieb sich frustriert über den Nasenrücken, als sie von ihm abließ und zu den Pferden ging. Er lehnte sich zu weit aus dem Fenster, so wie er das immer tat, wenn sie zusammen waren. Eines Tages würde er es wohl noch lernen. Aber bis dahin würde jeder dieser Abschiede so ernüchternd bleiben.

„Begleitest du mich?“

Das leise Stampfen der Pferde ertönte hinter ihm und Jean kämpfte seinen Widerwillen nieder.

„Natürlich.“

Sobald sie aus dem Hinterhof hinausritten, verfielen sie wieder in Schweigen. Lizzy war beschäftigt genug damit, in ihrem Zustand aufrecht auf ihrem Pferd zu sitzen. Jean suchte nach den richtigen Worten. Sie durfte nicht den ganzen Abend für ihn im Saloon verbracht haben und für die wenigen Minuten im Hinterhof am Tresen eingeschlafen sein, nur damit sie einander nun doch anschwiegen. Aber als Jean seinen Blick über die wenigen einsamen Gestalten schweifen ließ, die ihren Weg in der Nacht kreuzten, wollte ihm nichts einfallen. Er folgte einem der stolpernden Trunkenbolde mit den Augen. Er schien es noch einmal beim Saloon versuchen zu wollen. Einer mehr, den Jean am Morgen schlafend vor der Tür vorfinden würde. Für einen Moment stellte Jean sich vor, er würde vor der Tür des Sheriffs seine Wache halten. So lange, bis er den Mut fand zu fragen.

„Was geht dir durch den Kopf?,“ fragte Lizzy, als sie vor dem kleinen Wohnhaus direkt neben dem Sheriffs Office die Pferde zügelten.

Ihre Wangen waren durch die schneidende Kälte gerötet und ihr Haar war von Schnee bedeckt, aber sie sah aus, als wäre sie wieder einigermaßen bei sich. Die zum Ende hin mit immer mehr Wasser verdünnten Whisky-Nachfüllungen würden sie am Morgen hoffentlich vor dem Schlimmsten bewahren.

„Dass ich mir bis morgen eine bessere Geschichte einfallen lassen sollte, damit du bleiben kannst,“ sagte Jean und schenkte ihr das schiefe Grinsen, das sie immer zum Dahinschmelzen brachte.

Der Trick wirkte. Sie lächelte zurück.

„Sorge einfach dafür, dass ein Sturm aufzieht und wir eingeschneit werden.“

Jean kam nicht dazu, ihr das Unmögliche zu versprechen, denn da ging bereits die Tür auf.

„Na wenigstens einer auf den Verlass ist,“ sagte der Sheriff gutmütig und trat zu ihnen nach draußen. „Danke, Jean.“

Sein langes graues Haar war zu einem lockeren Zopf gebunden und entgegen seiner Berufung spielte immer ein kleines Lächeln auf seinen Lippen. Falk war bereits seit über dreißig Jahren der Sheriff in Winnett. Es gab wenige Streitereien, die er nicht mit seiner ruhigen Stimme lösen konnte und den Revolver an seinem Gürtel hatte er so selten abgefeuert, dass er wohl seit dreißig Jahren immer noch aus derselben Schachtel Patronen nachladen musste.

Jean neigte respektvoll den Kopf. „Keine Ursache, Sir.“

Falk nickte ihm zu, dann wandte er sich an seine Tochter. „Möchtest du da oben festfrieren oder kommst du rein?“

Lizzy sah ihren Vater mit nach unten gekehrten Mundwinkeln an. „Muss ich?“

„Na komm.“

Der Sheriff trat von der Veranda herunter und streckte die Arme nach ihr aus. Bei der Einladung ließ Lizzy sich nicht zweimal bitten und glitt seitlich von ihrem schwarzen Rappen. Falk hob sie sofort einem Kind gleich in seine Arme.

„Mädchen, wie viel hast du diesmal nur getrunken? Komm aus der Kälte. Ich mache uns einen Tee. Jean?“ Er blickte den Schankwirt an, seine Tochter immer noch in den Armen haltend. „Danke nochmals. Aber du solltest Freya nicht zu lang allein lassen. Selbst in dieser Stadt kann man nie vorsichtig genug sein, wer sich des nachts noch so um die Saloons herumtreibt.“

Jean griff wieder nach den Zügeln. „Frey kann sich sehr gut allein verteidigen. Sie kann besser mit der Flinte umgehen als du.“

Falk schmunzelte. „Da mag was dran sein. Aber wozu braucht sie das, wenn sie doch dich hat? Sie ist jetzt schon vierundzwanzig. Wann machst du es endlich offiziell?“

„Lass ihn in Ruhe, Vater,“ murmelte Lizzy, bevor Jean etwas erwidern konnte. „Gute Nacht, Jean.“

Falk lachte gutmütig. „Gute Nacht, Jean.“

Er trat zurück auf die Veranda und drückte die Haustür wieder auf. Über seine Schulter hinweg hafteten Lizzys blaue Augen immer noch auf Jean. Traurig. Immerzu traurig, selbst wenn sie ihm ihr Lachen schenkte.

„Falk?“

Jean bemerkte erst, dass er den Namen des Sheriffs ausgesprochen hatte, als der ihn fragend ansah. In seinen Armen blickte Lizzy ihn nicht minder überrascht an. War das Hoffnung oder Angst in ihren Augen? Jean schluckte schwer.

„Gute Nacht, Sheriff.“

Er wendete sein Pferd und drückte ihm die Fersen in die Flanken. Er hatte Lizzy die halbe Nacht dabei zugesehen, wie sie sich ins Vergessen trank. Nun war er an der Reihe.

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Freya wurde durch einen lauten Knall unten im Saloon geweckt. Ihre Hand ging automatisch zur Flinte, so wie Jean es ihr all die Jahre eingetrichtert hatte. Erst schießen, dann fragen. Aber sie ließ sie genauso schnell wieder los. Die Wahrscheinlichkeit, dass es Jean selbst war, der unten einen Stuhl umgeworfen hatte, war sehr viel höher als die irgendeines Eindringlings. Nachdem er Lizzy so betrunken in die Hände des Sheriffs übergeben hatte, hatte sie das fast schon erwartet.

Dennoch zwang sie sich, ihren Morgenmantel überzuwerfen und nach unten zu gehen. Jean hatte sich um sie gekümmert, seit sie mit zwölf vor seiner Tür gestanden hatte. Ohne Eltern und ohne Hof. Er war die einzige Familie, die ihr geblieben war.

Die Flinte nahm sie aber doch mit.

Es war stockdunkel im Saloon, als sie die Treppe hinunterstieg. Was das erste verdächtige Zeichen war. Das zweite folgte, als ein leises Fluchen hinter dem Tresen ertönte, das eindeutig nicht zu Jean gehörte. Freya hob die Flinte mit einem Arm. Mit der anderen Hand beförderte sie ein Streichholz aus der Tasche und entzündete es mit einer geübten Bewegung an der Wand. Sie hielt es eilig an die nächstbeste Kerze auf einem tragbaren Kerzenteller und näherte sich dann dem Tresen.

„Wer auch immer du bist,“ sagte sie mit fester Stimme und trat um den Tresen herum, „denke ja nicht, du müsstest für deinen Drink nicht zahl-“

Die Worte starben ihr auf der Zunge.

„Du?!“

„Hallo Frey.“

Alea zog sich am Tresen auf die Beine und stützte sich schwer darauf ab. Einen Moment lang starrte Freya ihn fassungslos an, während Alea sie vorsichtig anlächelte. Dann stellte sie die Kerze krachend auf dem Tresen ab und stürzte auf ihn zu. Aleas Grinsen wurde breiter und breiter, und dann wurde sein Kopf herumgerissen, als sie ihm eine saftige Ohrfeige verpasste.

„DU!,“ schrie sie. „Du wagst es? Nach all den Jahren hier aufzutauchen? Mitten in der Nacht? Ohne Ankündigung? Ohne-“

„Frey-“

„Nein, du nennst mich nicht so! Was zum Teufel treibst du hier?“

Sie stieß ihm mit dem Lauf der Flinte heftig gegen die Brust und Alea taumelte zurück. Er griff nach dem Tresen, glitt daran aber hinab und stolperte zu Boden. Dabei stieß er eine Flasche Schnaps um, die auf dem Boden stand und sich auch sogleich ergoss. Freya stand kurz davor, wirklich zu explodieren, als sie das Blut bemerkte. Und davon jede Menge. Sein ganzes rechtes Hosenbein war damit durchtränkt.

„Was zum… Was ist mit dir passiert?“

Alea drückte seine Hände fest auf eine Stelle an seinem Oberschenkel und unterdrückte ein Stöhnen. Die verfluchte blonde Strähne, an die sie sich immer noch so gut erinnern konnte, klebte an seiner schwitzigen Stirn.

„Deswegen bin ich eigentlich gar nicht hier. Bitte glaub mir das. Ich hatte mir unser Wiedersehen auch etwas anders vorgestellt.“

„Ach ja?,“ platzte es aus Freya heraus. „Seltsam, mir kommt das gerade immer passender vor. Ja, wenn ich mich recht erinnere, dann-“

Das Schlagen von Hufen im Hinterhof ließ sie mitten im Satz innehalten. Dann ertönte das Stampfen vertrauter Stiefel und dazu passendes Fluchen.

„Bitte, Frey,“ flüsterte Alea und sah flehend zu ihr auf. Im Halbdunkeln konnte sie ihn kaum sehen, aber sie hatte als junges Mädchen oft genug in sein Gesicht geblickt, um den Ausdruck darin allein an der Stimme zu erkennen. „Ich brauche deine Hilfe.“

Er griff nach ihrem Rockzipfel, doch Freya trat einen schnellen Schritt zurück und richtete die Flinte auf ihn.

„Du bist hier nicht mehr willkommen.“

„Frey, ich-“

„Whisky!,“ bellte Jeans Stimme durch den Raum, noch bevor die Tür ganz auf war. „Die ganze Flasche!“

Freya, die Jean selten so aufgebracht erlebte, hob vor Schreck die Flinte. „Spinnst du?“

„Ich hab Licht gesehen,“ sagte Jean und zwängte sich aus seinem Mantel, bevor er die Waffe sah und innehielt. „Was soll das denn?“

Freya hob eine Braue. „Was das soll? Du stürmst doch hier rein, als wärst du vom Hafer gestochen!“

In ihrer Brust galoppierte ihr Herz in wilder Panik, während ihr Verstand verzweifelt versuchte, zu der Situation aufzuholen. Vergebens. Neben ihr saß ein blutender Mann, den sie seit einer halben Ewigkeit nicht mehr gesehen hatte, und vor sich hatte sie einen aufgebrachten Schankwirt stehen, der aussah, als habe er mit einem Schneemann gerungen und wäre immer noch auf Mord aus. Und noch dazu stand sie in nichts als ihrem Nachthemd und einem einfachen Morgenmantel da. Wenn es nach Freya ging, dann hatte sie alles Recht vollkommen überfordert zu sein.

Jean schnaubte. „Gib mir einfach ne Flasche, ja?“

Er kam auf sie zu und Freya tat das einzige, was ihr einfiel, um Herrin über die Situation zu werden: sie richtete die Flinte auf ihn.

„Wenn du jetzt auch noch anfängst, dich wegen ihr zu betrinken, reicht es mir. Ich meine es ernst.“ Sie entsicherte die Waffe. „Ich jag dir ne Ladung Schrot ins Bein!“

Jean starrte sie an, als wäre sie verrückt geworden und aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie auch Alea sich bewegte. Wohl, um sie mit demselben überraschten Blick zu bedenken. Es kostete all ihre Kraft, ihm nicht in die Seite zu treten. Stattdessen verlagerte sie ihr eigenes Gewicht, um das Knarren der Bodendielen zu erklären.

„Geh ins Bett, Jean,“ seufzte Freya und atmete tief durch, damit das Adrenalin aus ihren Adern verschwand. „Alkohol wird es auch nicht besser machen.“

„Das hier ist mein Saloon,“ knurrte Jean. „Wenn ich was trinken will, tu ich das verdammt nochmal auch.“

„Und dann was?,“ fragte sie sanft. Sie sicherte die Flinte wieder und legte sie auf den Tresen. „Trinkst du, bis du zurück zum Sheriff reitest und ihm alles gestehst oder trinkst du die Nacht durch, bis Luzi und Till dich morgen mit den anderen Betrunkenen zusammen in eine Zelle sperren können? Das beeindruckt ihn garantiert.“

Jean starrte sie noch einen Moment lang finster an, dann fuhr er sich mit beiden Händen über das Gesicht und Freya konnte förmlich dabei zusehen, wie er die Spannung aus seinen Schultern zwang.

„Ich muss ins Bett.“

„Ja, solltest du.“

Sie griff unter den Tresen und zog eine Flasche mit kaum mehr als einer Handbreit Whisky darin hervor.

„Zum Einschlafen.“

Jean sah ihr nicht in die Augen, als er sie annahm. Er verschwand ohne ein weiteres Wort nach oben. Freya starrte ihm mit weiten Augen nach. Alea saß kaum eine Minute neben ihr und sie hatte Jean das erste Mal in sechs Jahren etwas verheimlicht. Ihre Miene verfinsterte sich. Sechs Jahre. Sechs verdammte Jahre hatte sie ihn nicht gesehen.

„Wenn du mir nicht einen verdammt guten Grund lieferst, warum du mir hier auf den Boden blutest,“ zischte sie und kniete sich mit der Kerze in der Hand vor ihn, „dann bist du derjenige, der hier eine Ladung Schrot abbekommt.“

Alea hob abwehrend die Hände. „Glaub mir, davon wurde mir schon genug verpasst.“

Freya zwang sich, ihre Fassungslosigkeit ob seiner plötzlichen Rückkehr für den Moment beiseite zu schieben. Sie brachte das Licht näher an sein Bein, bis sie das Ausmaß der Verletzung erkennen konnte. Es war ein glatter Durchschuss. Mit Ein- und Austrittswunde. Sauber. Ohne Splitter.

„Das war ein Scharfschütze,“ flüsterte sie und sah Alea mit engen Augen an. „Was hast du jetzt schon wieder angestellt?“

Alea hob gequält die Schultern. „Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ich vollkommen unschuldig bin?“

„Niemals.“

Trotzdem stellte sie die Kerze ab und untersuchte die Wunde. Alea hatte versucht, sie mit Schnaps auszuwaschen, war aber nicht sehr erfolgreich darin gewesen.

„Um dich zu Lasterbalk zu bringen ist es zu spät für heute,“ murmelte sie. „Es ist zu weit und zu kalt.“

„Du könntest Jean-“

„Jean würde dir persönlich den Gnadenschuss erteilen, wenn er dich jetzt findet,“ unterbrach Freya ihn scharf. Sie lehnte sich zurück. „Warum bist du nicht gleich zu Lasterbalk gegangen? Warum bist du erst hierhergekommen?“

Alea lächelte sie erschöpft an. „Musst du das wirklich fragen?“

Freya erwiderte das Lächeln nicht. „Ja. Muss ich.“

Alea ließ seine Augen über ihr Gesicht wandern und der sanfte Ausdruck darin zwang sie, den Blick abzuwenden.

„Es ist sechs Jahre her,“ presste sie hervor. „Du warst derjenige, der gegangen ist.“

„Du hättest mitkommen können,“ sagte Alea leise.

Freya kräuselte die Nase, als die alte Wut in ihr hochstieg. „Und du hättest nicht zurückkommen sollen.“

Sie wollte aufstehen, doch da schoss Aleas Hand vor und packte sie am Mantel.

„Ich hab dich nicht vergessen. Ich habe jedes Jahr auf dich gewartet. Eine Woche lang. Am vereinbarten Treffpunkt.“

„Ich habe ein Leben hier,“ zischte Freya und umschloss sein Handgelenk mit ihren Fingern. „Wenn du mich wirklich nicht vergessen hättest, wärst du schon früher zurückgekommen. Und nicht jetzt erst, wenn du in Schwierigkeiten steckst!“

Aleas Griff blieb eisern. „Ich wurde angeschossen, als ich bereits auf dem Weg hierher war, Frey. Ich schwöre dir, wenn es früher gegangen wäre, hätte ich-“

„Du darfst die Nacht bleiben,“ unterbrach sie ihn. „Aber morgen früh bringe ich dich zu Lasterbalk und dann will ich dich nicht mehr hier sehen. Und jetzt lass mich los.“

Aleas Hand fiel zurück in seinen Schoß, aber der sehnsüchtige Ausdruck verschwand nicht aus seinem Gesicht. Der Anblick versetzte Freya einen schmerzhaften Stich. Es war nicht fair. Es war nicht fair, ohne jegliche Vorwarnung wieder seiner Nähe ausgesetzt zu sein und von diesen wachen Augen angesehen zu werden. Sie hatte über die Jahre so viele Verteidigungsmauern errichtet. So viele Mauern, die die neugierigen Blicke der jungen Männer abgewehrt hatten und auch das Geflüster der Nachbarn über ihr zweifelhaftes Zusammenleben mit einem unverheirateten Schankwirt und die Frage ihrer Unschuld. Es war nicht fair, dass Alea durch sie alle hindurch sah und bis in die hintersten Winkel ihres Herzens blicken konnte.

„Kannst du aufstehen?,“ fragte sie, bevor sie so aus dem Gleichgewicht gebracht wurde, dass sie nur noch da vor ihm kauern und ihn anstarren konnte.

„Wenn du mir hilfst.“

Das tat sie. Aus Gründen, die ihr selbst nicht klar waren, zog sie ihn auf die Beine und half ihm dann langsam die Treppe hinauf.

Schock. Es musste am Schock liegen. Wenn er sie nicht so überrumpelt hätte und noch dazu unverletzt wäre, hätte sie ihn schon längst hochkant vor die Tür und in den Schnee gesetzt. Freya wartete stumm darauf, dass Alea das verletzte Bein nachzog und damit die letzte Stufe meisterte. Sie zählte darauf, dass Jean zu sehr in Selbstmitleid ertrank, um die langsamen Schritte auf der Treppe zu bemerken. Und genau das schien er auch zu tun, denn als sie Alea an seiner Tür vorbeihalf, konnte sie ihn leise in seinem Zimmer vor sich hinmurmeln hören. Alea warf der Tür einen neugierigen Blick zu, aber Freya zog ihn weiter. Sie hatte nicht gelogen. Selbst an einem guten Tag hätte Jean Alea die Flinte auf die Brust gesetzt. Zurecht, wie Freya befand. Und dennoch half sie Alea in ihr Zimmer und auf ihr Bett. Weil sie ein guter Mensch war, versuchte sie sich einzureden, als sie ihm einen neuen Verband anlegte und ihm eine Waschschüssel brachte. Sie war ein guter Mensch, und manchmal musste man sein eigenes Leid zurückstecken, weil das des anderen größer war.

Wie sie so vor dem Bett stand und zusah, wie Alea die Augen zufielen, hätte sie Schadenfreude verspüren müssen. Kein Schmerz konnte an das Gefühl herankommen, als er sie damals hier zurückgelassen hatte. Nach all den Versprechungen, dem gegenseitigen Vertrauen, ihren Hoffnungen für eine gemeinsame Zukunft… All das hatten seine Abenteuerlust und seine Neugierde auf das Leben fern dieser verschlafenen Stadt zerstört.

Und doch. Alles was es brauchte waren wenige Minuten und sie musste verzweifelt gegen Tränen ankämpfen. Er war zurück. Nachdem sie ihn sechs Jahre lang verflucht hatte, hatte sie sich am Ende doch genau das hier gewünscht. Dass sie ihn noch einmal vor sich sehen konnte. Und es brachte ihr die grausame Gewissheit, vor der sie sich so lange versteckt hatte: ihr Herz gehörte noch immer ihm.
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Sie wurde am nächsten Morgen durch Aleas Stöhnen geweckt. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und Freya konnte schon fröhliche Stimmen und Klavierspiel aus dem Saloon kommen hören. Fluchend sprang sie von ihrem Stuhl auf und hechtete an Aleas Seite. Seine Haut war fiebrig heiß, als sie ihm eine Hand auflegte und seine Augen waren fest geschlossen. Freya strich ihm besorgt das blonde Haar aus der Stirn. Die Jahre waren nicht ohne ihre Spur an ihm vorbeigegangen. Sie erkannte die Schatten von neuen Narben auf seiner Haut und seine Hände fühlten sich rauer an, als sie in Erinnerung hatte. Aber abgesehen davon sah er immer noch so jung und schalkhaft aus, als wäre er nie fort gewesen.

„Schlaf weiter.“ Sie strich ihm sanft mit einem nassen Tuch über die Stirn. „Ich hole Lasterbalk.“

Sie stand auf, als sie plötzlich seine Hand nach ihrer greifen spürte.

„Ich habe dich gesucht,“ flüsterte Alea und zwang seine Augen auf. „In jeder Stadt, in der ich war. In jeder Frau, die mir begegnet ist. Aber keine hat mich so angesehen wie du.“

Freya schluckte schwer. Sie versuchte, sich an ihre Wut zu erinnern. An den Schmerz und das Gefühl der Zurückweisung. Aber alles was sie verspürte, war Sorge.

„Ruh dich aus,“ sagte sie und legte seine Hand vorsichtig zurück auf seine Brust. „Ich hole Hilfe.“

Sie erlaubte sich noch einen letzten Blick in seine matten grün-braunen Augen, dann floh sie aus dem Zimmer. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie den Saloon betrat. Wie um alles in der Welt sollte sie Jean gegenübertreten und ihm erklären, dass Alea zurück war? Dass sie ihn in ihrem Zimmer aufgenommen hatte? Sie konnte ihm schlecht nichts erzählen und einfach so den Doktor rufen.

Jean warf ihr tatsächlich einen misstrauischen Blick zu, als sie an den Tresen trat. Der Saloon war gut gefüllt für einen Vormittag und so brauchte er nicht leise sprechen.

„Du bist spät. Da war Blut auf dem Boden,“ sagte er ohne Umschweife und stellte einen Eimer mit blutigen Lappen auf den Tresen. „Blut und Schnaps. Hab ich irgendwas verpasst?“

Freya rang die Hände.

„Bist du verletzt?“

Er sah besorgt aus. Besorgt und überaus schuldig. Freya seufzte.

„Nein, ich nicht.“

Freya rieb sich nervös über die Stirn. Es gab keinen vorsichtigen Weg, ihm die Neuigkeiten mitzuteilen. Zu ihrer Erleichterung erhielt sie aber Aufschub, als im nächsten Moment die Hintertür aufschlug und Lizzy in den Saloon stürzte. Sowohl Freya als auch Jean sahen ihr verwirrt entgegen. So viel Zeit die Tochter des Sheriffs auch in ihrem Saloon verbrachte, sonst kam sie nie schon vormittags.

„Ich hab… schlechte… Nachrichten.“

„Ist Falk etwas passiert?,“ fragte Freya sofort.

„Was? Nein, meinem Vater geht es gut!“

Sie stützte sich völlig außer Atem am Tresen ab. Aus ihrer Frisur hatten sich einzelne Strähnen gelöst und hingen ihr wild ins Gesicht. Sie trug nur einen leichten Mantel über einem blau-weiß gestreiften Kleid, das an einigen Stellen vom Schnee durchnässt war. Sie sah aus, als wäre sie im vollen Galopp zum Saloon geritten.

„Was ist los?,“ fragte Jean und trat zu ihr, schon eine Hand nach ihr ausstreckend.

Bevor er sie aber auch nur berühren konnte, schwangen die Flügeltüren am Vordereingang nach innen auf und zwei Männer betraten den Saloon. Augenblick breitete sich Stille unter den Anwesenden aus. Das Klavierspiel setzte abrupt aus und das letzte Lachen verklang seltsam allein im plötzlichen Schweigen.

Sie waren beide in lange Mäntel gekleidet und bis an die Zähne bewaffnet. Eis und Schnee bedeckte ihre Schultern und die Krempen ihrer Hüte. Beide trugen noch vereiste Schals vor dem Gesicht, was Freya darauf schließen ließ, dass sie einen langen Ritt hinter sich hatten und gerade erst angekommen waren. Der eine hatte langes braunes Haar, das ihm durch den Schnee in nassen Strähnen auf die Schultern fiel. An seinem Gürtel hing ein zusammengerolltes Lasso, um das er seine behandschuhte linke Hand geschlossen hatte. Freyas Blick wurde aber schnell von dem anderen angezogen, der als erster durch die Tür getreten war. Er war von Hut bis zu den Stiefeln in schwarz gekleidet. An seinen Fersen waren silberne Sporen befestigt, die bei jedem Schritt leise klickten. Über seiner Schulter ragte der Griff eines Gewehrs hervor, zu beiden Seiten seines Gürtels hing je ein Revolver und seine Hand lag auch wie aus Gewohnheit an seiner rechten Hüfte, direkt neben dem Holster.

Er zog sich den Schal vom Gesicht und Freya sank das Herz, als sie ihn erkannte.

Sein Gesicht bleib unbewegt, als er sprach, aber in seiner Stimme schwang doch ein deutlich hörbares Lächeln mit. „Da ist ja meine Verlobte…“

Freya drehte den Kopf herum. Jean stand wie festgefroren da. Lizzy war totenbleich im Gesicht. Einen Moment lang regte sich niemand, dann zog Lizzy langsam die Hand von Jean zurück und richtete sich auf. Mit langsamen, stockenden Bewegungen strich sie die Falten ihres Kleides glatt und setzte sich dann in Bewegung. Der gesamte Saloon sah ihr zu, als sie an Freya vorbei und auf die Neuankömmlinge zuging.

Die Hände hielt sie hinter dem Rücken verschränkt. Ihre Finger krampfhaft ineinander verflochten. Ihr Gang war aufrecht, aber hölzern. Als würde sie von einem Puppenspieler vorwärts getrieben, ohne sich dagegen wehren zu können. Ihre Schritte klangen seltsam laut in dem vollen und doch so stillen Saloon. Vor dem in schwarz gekleideten Mann blieb sie schließlich stehen. Er neigte den Kopf zur Begrüßung.

„Elizabeth.“

„Frank.“ Wenn Lizzys Hände hinter ihrem Rücken auch zittern mochten, so blieb ihre Stimme doch fest und klar. „Ich hatte nicht vor dem Sommer mit dir gerechnet.“

„So war auch der Plan,“ sagte Frank. „Aber wir wurden auf dem Weg durch Wyoming auf ein neues Kopfgeld aufmerksam gemacht. Ein äußerst… profitables Kopfgeld. Und er ist mir kaum zwanzig Kilometer von hier entwischt.“ Er ließ seine stechend dunklen Augen durch den Saloon wandern. „Aber nicht, bevor ich ihm eine Kugel verpasst habe. Die Spur hat mich direkt nach Hause geführt. Was sagt man dazu…“

Freya fühlte ihr Herz einen Schlag aussetzen, und dann noch einen. Sie sah Jean angstvoll an und Jean starrte zurück. Dann griff er langsam nach dem Eimer mit den blutigen Lappen und stellte ihn zurück unter den Tresen.

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Weiter geht's demnächst ;-)
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