Der Hutmacher

von Kekune
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
Hauro Markl Sophie
03.12.2019
03.12.2019
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Kapitel 1: Asche wie Schnee

Hauro betrachtete die dicken weißen Flocken auf der anderen Seite der Fensterscheibe gedankenverloren, während er auf Sophies Rückkehr wartete.

Sie und Markl waren bereits seit über zwei Stunden in der Stadt unterwegs, um einige Besorgungen zu machen. Doch die Farbenscheibe über der Eingangstür, die das Eintreffen der beiden ankündigen würde, bewegte sich nicht.
Sie war das einzige, was ihm von seinem Schloss nach dessen Zerstörung noch übrig geblieben war und er hing an ihr. Ein letztes zerbrochenes Stück Gewohnheit.

So sehr er seine neugewonnene gemeinsame Zukunft mit Sophie auch genoss, das kleine Haus, was sie nach dem Krieg bezogen hatten, war einfach nicht dasselbe.
Ihm fehlte diese unterschwellige Magie, die sein Schloss bei jedem Schritt und jedem Quietschen der mechanischen Zahnräder ausgestrahlt hatte.
Jeder Winkel, jedes Schnauben und sogar die tausenden alchemistischen Glasfläschen, die mit ihrer Farbenvielfalt schon die eine oder andere Träne aus ihm hinausgekitzelt hatten, fehlten ihm.
Calcifer fehlte ihm.

Alles war auf einmal so gewöhnlich und er sehnte sich nach dem Zauber, den er verloren hatte.
Verluste hatte es in diesem Krieg viele gegeben, aber er hatte auch etwas gewonnen, etwas viel Kostbareres als Magie und Macht: Sophie.

Das vertraute Klappern der Drehscheibe riss ihn aus seinen Gedankengängen und sein Blick schnellte zur nun geöffneten Tür, die die Sicht auf die Hafenstadt freigab.
„Meister Hauro!“, rief Markl aus, als er auf ihn zustürmte und einen prall gefüllten Bastkorb vor ihm auf den Holztisch stellte. Sein Inhalt war mit einem Leinentuch bedeckt worden, um ihn vor neugierigen Blicken zu schützen.

„Sophie und ich haben bereits etwas in der Stadt gegessen, aber ich habe dir natürlich etwas mitgebracht.“

Der Waisenjunge trug seine übliche Verkleidung, die ob seines jungen Alters immer eine gewisse Komik ausstrahlte, und zog ein Zuckergebäck aus seinem magischen Bart.
Die zuckrigen Krümel würden in diesem wohl bis in alle Ewigkeit festhängen und es war ein Wunder, dass sie die Haare nicht verklebten.
Er hielt Hauro die Süßigkeit hin und dieser biss sofort hinein.
„Sophie war nicht so begeistert davon. Sie sagt, wir sollen uns gesünder ernähren!“, protestierte Markl, der in der Stadt trotzdem seinen Willen durchgesetzt hatte.
Mit vollem Mund zu lächeln, erwies sich allerdings als nicht so einfach wie gedacht.
Als Sophie Hauro einen Kuss auf die aufgeplusterte Wange hauchte, konnte er lediglich schmunzeln.
„Anmutig wie immer.“, sagte sie.
Statt zu antworten, stupste er ihre Nase sanft mit einem seiner langen, elfenbeinfarbigen Finger an.

„Euch muss kalt sein, der Winter ist da.“
Hauro erhob sich, um ein Feuer in der dafür vorgesehenen Stelle zu schüren.
Er griff gerade nach einem Holzstück, als seine Hand von einem Schmerz durchzuckt wurde, der einem Funkenschlag glich.
Die Erinnerung an Calcifer war immer noch viel zu präsent und sie brannte heiß, als stünde sein neu gewonnenes Herz in Flammen.
Er schnellte zurück und der Holzscheit schlug polternd auf dem Boden auf.
„Du musst das nicht tun.“, beteuerte Sophie, die sich schnell gebückt hatte und das hölzerne Stück aufhob und in ihrer Schürze verschwinden ließ.

Sie war nicht überrascht, das war nicht das erste Mal, dass es diesen Vorfall gegeben hatte. „Es ist nicht so kalt draußen, Hauro, das ist kein Schnee, das ist Asche.“
„Immer noch?“, fragte dieser mit mattem Blick.
„Warum können uns die Nachwirkungen dieses Krieges nicht endlich in Ruhe lassen.
Es ist so schwer, an den Frieden zu glauben, wenn sich der Alltag und das Wetter dagegen sträuben.“
„Ich sehne mich nach echtem Schnee.“, entgegnete Sophie ihrerseits.
„Schließlich ist es kalt draußen, es ist Winter, jeden Tag schaue ich aus dem Fenster und sehe Schnee. Und jedes Mal ist es nur Asche.“

Vorsichtig drückte sie Hauros Hand in ihre und nutzte diese Geste, um ihn behutsam vom Herd wegzuschieben.
„Ich kann kaum glauben, dass es jemals wieder anders wird.“, sagte sie dabei.
Hauro beobachtete Sophie, wie sie mit dem Holz hantierte, bis er eine wohlige Wärme spürte, die von der Feuerstelle ausging.
Erst jetzt bemerkte er, dass er gefröstelt hatte. Eine Empfindung, die neu für ihn war.

Aber bei Sophie sah alles so leicht aus. Sie brauchte Calcifer nicht.
Ohne Sophie wäre Hauro verloren gewesen.



Sophie war recht früh zu Bett gegangen und das kam Hauro an diesem Abend sehr gelegen. Mit schnellen Handgriffen zog er das Leinentuch von dem Bastkorb, den Markl ihm aus der Stadt mitgebracht hatte.
Darin offenbarten sich eine Vielzahl bunter Schleifen, Dekorationen und süßlich duftende Wildblumen, die auf einem Hut-Rohling thronten.

Obwohl Sophie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte, genoss sie die kreative Arbeit immer noch und Hauro liebte das Glänzen in ihren Augen, wenn sie ein neues Stück erfolgreich fertig gestellt hatte.

Er plante diese Überraschung schon seit einer Weile, musste sich jedoch eingestehen, dass er sich das Ganze viel einfacher vorgestellt hatte.
In seinem Kopf hatte sich der Hut wie magisch zusammengesetzt, aber in der Realität fand er sich lediglich vor den Einzelteilen wieder.
Hauro hatte sich dennoch geschworen, dieses Mal keine Magie zu benutzen.
Er wollte dieses Geschenk selbst machen und betrachtete Sophie als seine Inspiration dafür. Sie war das Vorbild, dass man etwas Schönes mit seinen eigenen Händen schaffen konnte.

Er griff nach einem Band und formte es zu einer Schleife, die bei genauerer Betrachtung ziemlich schief geworden war. Hauro seufzte laut.
Das war ganz und gar nicht wie die Schleifen an seinen Schuhen zu binden.
Aller Anfang war schwer.

Nach vielen gescheiterten Versuchen fragte er sich selbst, wer er eigentlich ohne seine Magie war? Wo seine Talente lagen und ob er in seinem Leben jemals wirklich gearbeitet hatte? Wie sah die Person tief in ihm aus?

Nicht Hauro der Zauberer, sondern der Mensch, der hinter dem Magier stand.
Diesen musste er erst neu kennenlernen.
Er war sich selbst so fremd, seit sich sein Weg von Calcifer getrennt hatte.

In seiner früheren Welt war es immer nur um das Äußere gegangen, um den Schein und um eine Schönheit, die man sich nicht erarbeiten musste.
Schöne Dinge waren einfach schön, sie mussten nicht geschaffen werden und schon gar nicht von ihm. Er war immer eines von ihnen gewesen und hatte sich nie als Erschaffer dieser Dinge betrachtet.
Es hatte immer Menschen wie Sophie gegeben, die im Hintergrund standen, deren Existenz und Arbeit er nie hinterfragt hatte.

Wenn er in der Vergangenheit einen Hutladen betreten hatte, hatte er keinen Gedanken an die Person verschwendet, die hinter dem fertigen Kopfschmuck stand.
Keiner seiner Gedanken war bei Sophie gewesen, deren Liebe sein Leben mittlerweile größtenteils dominierte, die ihn verändert hatte.
Durch sie war Hauro weniger selbstsüchtig geworden und sein altes Ich kam ihm kindisch und kleingeistlich vor. Sophie hatte ihn vor sich selbst bewahrt.
Ansonsten wäre er genauso geworden wie die Hexe aus dem Niemandsland.
Er war ihr schon viel zu ähnlich gewesen.

Auch die Erkenntnis daran änderte nichts an der Tatsache, dass er beim Zusammenstellen dieses Hutes kläglich versagte.
Auch die zehnte Schleife sah nicht viel besser aus und bisher hatte er sich nicht einmal den Blumen gewidmet.

Frustriert fasste Hauro den Entschluss, dass er Hilfe brauchte.



„Was willst du?“, fragte Markl verschlafen, während er seine Zimmertür öffnete.
Es klopfte schon seit etlichen Minuten und erst hatte er versucht, das Geräusch zu ignorieren. Da es aber einfach nicht aufgehört hatte und ihm mittlerweile ganz schön auf die Nerven ging, stand Markl auf.
Er hatte schon damit gerechnet, dass es Hauro war.

Sophie wäre niemals unvernünftig genug gewesen, den Schlaf eines kleinen Jungen zu stören. Schließlich war dieser wichtig für seine Entwicklung und den Wachstum, erinnerte er sich an die Anekdoten, mit denen Sophie ihn so gerne belehrte.

„Es ist mitten in der Nacht.“, stellte Markl so treffend fest.
„Ich brauche deine Hilfe. Dieser Hut treibt mich in den Wahnsinn.“, sagte Hauro, der zugegeben ziemlich zerzaust aussah.
Wahrscheinlich brütete er schon einige Stunden über Sophies Überraschung und konnte keine Fortschritte damit erzielen.
„Und das kann nicht bis morgen warten?“, fragte er.
„Nein, kann es nicht.“

Hauro packte Markl am Kragen seines Schlafanzugs und zog ihn mit sich.
Zwei Männer dachten schließlich besser als einer. Das galt auch, wenn einer von beiden ein kleiner Junge war.

Markl hatte gehofft, dass er mit dem Kauf der Dekorationen seine Schuldigkeit an dieser Bastelarbeit getan hatte.
Er hatte genug Heimlichtuerei vor Sophie verstecken müssen und das war gar nicht so leicht gewesen, erwies sich diese als äußerst neugierige Person.
Natürlich wollte er sich nach dem ganzen Drama der letzten Zeit auch bei Sophie bedanken, schließlich hatte sie ihnen in so vielen Bereichen geholfen.
Sie hatte das Schloss, wenn auch erst gegen seinen Willen, auf Vordermann gebracht und Hauro in jeder Situation immer unterstützt.
Aber am wichtigsten war, dass Markl sie einfach unglaublich lieb gewonnen hatte.
Wie könnte er sich ein Leben ohne Sophie überhaupt noch vorstellen?
Deshalb willigte er ein, Meister Hauro seine Hilfe erneut anzubieten.

Es war sowieso nichts Ungewöhnliches mehr, dass dieser seine Hilfe brauchte.
Gerade nach Calcifers Verlust war Hauro immer mehr auf Sophie und ihn angewiesen gewesen.
Und Markl verstand, dass Hauros neues Leben mit einem richtigen Herz verausgabend für ihn war.

„In Ordnung. Ich mach es.“, sagte Markl, als ob er eine Wahl gehabt hätte.
Hauro hatte ihn schließlich schon die halbe Treppe hinuntergeschleift und ihm bunte Bänder in die Hand gedrückt, die er augenscheinlich zu Schleifen formen sollte.
Allerdings konnte Hauro nicht behaupten, dass Markls Schleifen schöner als seine eigenen waren, aber die Hilfe konnte er trotzdem gut gebrauchen.
Hauro wünschte sich, dass der Hut rechtzeitig fertig werden würde, denn er hatte Sophies Überraschung schon für den nächsten Morgen geplant.

Es zerbrach beiden das Herz, wie sehr sie sich nach Schnee gesehnt hatte, wie sehr sie die Nachwirkungen des Krieges beschäftigten.
Wenigstens dieses bisschen Alltag wollten Markl und Hauro ihr wiedergeben.
Das war das mindeste, was sie für sie tun konnten.
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