Adventskalender Tür 3: Coming home?

von chooow
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Bob Andrews Peter Shaw
03.12.2019
03.12.2019
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Ihr Lieben,

ich wünsche euch eine wunderschöne Woche

Danke für all die tollen Adventskalendertürchen und für all die wunderbare Mühe, die ihr Autoren euch gebt.
Es ist und bleibt eine sehr schöne Tradition.

-Chooow



Coming home?


Der Nachtwind, der über meinen Rücken streicht, lässt mich unterbewusst erschaudern. Ich lasse meine Hand ein wenig hin und her gleiten, bis ich den Zipfel der Bettdecke ertaste und die Decke höher ziehen kann. Brummend vergrabe ich die Nase tiefer im Kissen, versuche, meine Augen konsequent geschlossen zu lassen. Als einige Minuten später der Schlaf noch immer nicht eingetreten ist, entfährt mir ein Seufzer und ich blinzele müde. „Scheiß Nachbarn“, murmele ich verärgert und drehe mich zur Seite, vergrabe mich tiefer in der Decke. Irgendein Geräusch von draußen hat mich aufgeweckt. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch nicht einmal zwei Stunden geschlafen habe. Allerdings merke ich bereits jetzt, wie die Müdigkeit aus meinen Gliedern verschwindet und mein Körper ausreichend Schlaf bekommen hat, um wieder top fit zu sein. Ich warte noch ein paar weitere Minuten, bevor ich mich aufrichte und mich strecke. Inzwischen habe ich fast jede Nacht diese Schlafprobleme. Wenn überhaupt schlafe ich mal ein paar wenige Stunden, manchmal auch minimal länger, aber besonders durch Geräusche, die mich aus dem Schlaf reißen, werden meine Nächte immer wieder unterbrochen. Und da ich aktuell sehr laute Nachbarn habe, ist an erholsamen Schlaf längst nicht mehr zu denken. Ich weiß, ich könnte Ohrstöpsel benutzen, aber... Leise seufze ich und streiche mir durchs Haar. Mein Blick findet das eingerahmte Bild auf meinem Nachttisch, das durch den hereinscheinenden Vollmond beleuchtet wird. Ich ziehe es zu mir, streiche sanft übers Foto. „Ich vermisse dich“, flüstere ich kaum hörbar. „Ich vermisse dich so sehr.“

Der Mann auf dem Bild lacht mir entgegen. Ich lächele und drücke es mir ans Herz. Eine Weile bleibe ich unbeweglich sitzen, dann stelle ich das Foto wieder weg und lasse mich zurück ins Laken sinken. Ich sehe zur Schlafzimmertür, die weit offen steht. Das Fenster ist ebenfalls offen, sodass ein gewisser Durchzug im Haus möglich ist. Zurzeit ist es tagsüber sehr stickig draußen, aber nachts kühlt es ab und dann lüfte ich überall. Die Klimaanlage schalte ich nur noch selten ein. Seit ich mit meinem Mann eine Zeit lang in Deutschland gelebt habe, habe ich festgestellt, wie verschwenderisch Klimaanlagen sind. Ein wenig Hitze hat noch keinem geschadet und solange ich über den Tag gesehen nicht eingehe, ist alles in Ordnung. Der Wind schickt einen angenehm kühlen Luftstoß durchs Haus, der mich dazu bringt, mir die Decke über die Beine zu ziehen. Auch, wenn es draußen warm ist, habe ich gerne etwas über mir liegen. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit – Dinge, für die eigentlich mein Mann zuständig wäre. Allerdings ist er bereits seit zwei Jahren im Auslandseinsatz und ich sehe ihn nur noch selten. Er hat ab und an Urlaub, aber ich weiß nie, ob unsere letzte Verabschiedung nicht vielleicht die letzte überhaupt gewesen ist. Nicht zu wissen, wann der eigene Mann nach Hause kommt und ob überhaupt, zerfrisst einen innerlich. Würde ich nicht immer wieder versuchen, mich jeden Tag abzulenken, würde ich in Gedanken nur noch bei ihm sein. Das ist auch der Grund, wieso ich, trotz diverser Geräuschkulissen, nicht mit Ohrstöpseln schlafen kann und will. Ich habe Angst, dass ich das Telefon überhöre. Dass ein Anruf kommt und ich ihn verpasse.

„Hör auf daran zu denken“, sage ich leise zu mir und setze mich gedankenverloren auf, ziehe die Beine an und greife nach meinem Handy. Stirnrunzelnd registriere ich, dass es nicht reagiert. Ich hebe es erneut an. Nichts. Also versuche ich es über die Seitentaste. Wieder reagiert es nicht. Auch auf einen erzwungenen Neustart kommt keine Reaktion. Gerade, als ich es ans Ladekabel anschließen will, höre ich, wie unten im Haus etwas zerbricht. Alarmiert sehe ich auf. Mein Körper versteift sich sofort, aber ich besinne mich zur Ruhe. Mein Mann hat mir immer wieder beigebracht, dass es wichtig ist, dass unser Körper in solchen Situationen auch weiterhin reagiert – damit wir handeln und fliehen können. Als ich ein weiteres Geräusch höre, öffne ich mit einer schnellen Bewegung die Nachttischschublade und ziehe eine Waffe hervor. Ich entsichere sie, stehe dabei auf und bewege mich vom Bett weg Richtung Fenster. Kurz sehe ich nach draußen, zucke zusammen, als ich Schritte höre und jemand die Treppe hochkommt. Ich verfluche mein Handy dafür, dass es ausgerechnet jetzt den Geist aufgegeben hat. Was ist, wenn es genau jetzt passieren sollte? Er hat dir gesagt, dass sowas durch Störsender möglich ist. - Aber wieso sollte das jemand tun? - Damit du die Polizei nicht rufen kannst? - Bei mir ist doch gar nichts zu holen. - Und wenn es darum gar nicht geht? Dein Mann ist ein SEAL. Wenn jemand rausgefunden hat, was er tut, dann-

Meine Kehle wird ganz trocken, als mir bewusst wird, dass meine Gedanken gar nicht so abwegig sind. Ich schlucke hart und hebe die Waffe an, umklammere sie mit beiden Händen. „Locker lassen, Bob. Körperspannung ist gut, aber verspann dich dabei nicht. Richte die Waffe auf deinen Angreifer. Nicht auf den Kopf, sondern auf den Körper. Dass du triffst, ist so wahrscheinlicher. Wenn jemand eine Waffe auf dich richten sollte, dann musst du schneller sein. Du musst abdrücken. Ohne Wenn und Aber.“ Die Stimme meines Mannes ertönt in meinem Kopf. Ich bekomme Panik. Die Schritte werden lauter. Eine dunkle, großgewachsene Gestalt ist im Flur zu sehen. Meine Hände zittern. Ich lege den Finger an den Abzug. Der Mond spendet zwar Licht, aber nicht genug, um den Mann zu erkennen. Allerdings- Ich halte inne und lasse die Waffe minimal sinken. Mir bleibt mein Atem weg, als der Mann im Türrahmen stehen bleibt. „Oh mein Gott“, flüstere ich fassungslos. Lasse die Waffe weiter sinken. Will sie gerade fallen lassen, als er die Hand hebt. „Nicht.“ Ich starre ihn an. „Du musst sie erst wieder sichern, Bob.“ Ich blicke die Waffe an, nicke abwesend und sichere sie. Dann lege ich sie auf den Nachttisch, gehe langsam ein, zwei Schritte vor. „Du bist hier.“ Ein Lächeln bildet sich auf seinen Lippen und mein Herz macht einen Hüpfer. „Ja, ich bin hier.“

Im nächsten Moment renne ich zu ihm und werfe mich in seine Arme. Er lacht und hält mich fest, wirbelt mich herum. Nun lache auch ich, glücklich und zufrieden. Mein Gesicht vergrabe ich in seiner Halsbeuge und tief atme ich seinen Geruch ein. Ich habe ihn so sehr vermisst. Wir haben uns über ein halbes Jahr lang nicht mehr gesehen. Aber jetzt ist er hier. Bei mir. Als wir beide inne halten und uns ansehen, blicke ich in seine grasgrünen Augen. „Warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du kommst?“, frage ich vorsichtig. Sein Lächeln verschwindet und er sieht mich traurig an. Verstehend nicke ich, merke, dass auch mich die Traurigkeit überkommt. „Wie lange bleibst du?“ „Bis Ende der Woche. Ich muss Sonntag zurück nach Deutschland und dann weiter.“ Ich lege meine Arme um seinen Nacken, drücke mich fest an ihn. „Das ist mehr, als ich jemals erhofft habe.“ Meine Nase reibt an seinem Hemd. „Gott, ich hätte dich fast erschossen“, flüstere ich plötzlich und merke die Beklemmung, die in mir aufsteigt. Ich spüre seine starken Hände an meiner Hüfte. Er küsst mich liebevoll an der Schläfe. „Tut mir leid, dass ich dir nicht Bescheid gesagt habe. Ich wollte dir keine Angst einjagen. Ich dachte, du schläfst vielleicht schon.“ „Schon okay. Hauptsache, du bist bei mir.“ Ich löse mich von ihm. Er lässt mich los und umfasst stattdessen mein Gesicht. Sein Daumen fährt meinen Wangenknochen nach, bleibt an der Unterlippe liegen. Dann beugt er sich zu mir runter. Ich komme ihm gleichzeitig entgegen. Unsere Lippen treffen sich für einen ersten, sanften Kuss. Er schmeckt noch immer, wie ich ihn in Erinnerung habe. „Ich liebe dich so sehr, Pete“, flüstere ich gegen seine Lippen. „Ich liebe dich auch“, erwidert er leise, bevor er mich wieder küsst und dabei gegen die Wand drückt. Ohne irgendeinen Widerstand zu leisten, sinke ich gegen ihn und gebe mich seinen Berührungen hin.

~

Es ist das erste Mal seit Monaten, dass ich wieder richtig gut schlafe. Ich wache zwar trotzdem sehr früh auf, aber eher aus dem Grund, dass ich keine einzige Sekunde mit meinem Mann verpassen will. Lächelnd öffne ich die Augen und schmiege mich enger an den warmen Körper neben mir. Die Fenster sind noch immer offen und man fühlt bereits, dass es später wieder sehr warm draußen sein wird. Peters Arme haben meinen Körper umschlungen und ich drehe mich ein wenig zu ihm, schmunzele, als ich sehe, dass er wach ist. „Guten Morgen, Bob.“ Er küsst mich innig, lässt seine Zunge in meine Mundhöhle gleiten. Ich erwidere den Kuss genießerisch, bevor ich meinen Kopf an seine Schulter schmiege und meine Fingerspitzen über seinen Oberarm gleiten lasse, dabei das Tattoo, das ihn als SEAL zu erkennen gibt, mit hauchzarten Berührungen nachfahre. Peter lächelt gegen meine Schläfe, pflanzt zärtlich einen Kuss darauf. „Ich wollte mich nochmal dafür entschuldigen, dass ich dich heute Nacht so erschreckt habe. Das war nicht meine Absicht.“ „Warum bist du denn überhaupt erst so spät gekommen?“, frage ich leise. „Der Flug gestern hat sich nach hinten verschoben. Ursprünglich war eine Ankunft um null neunhundert geplant, aber wir sind aufgrund eines Gewitters nicht aus Deutschland rausgekommen. Daher lag die abweichende Ankunft bei einundzwanzig hundert. Bis ich hier war, war es Mitternacht.“ „Ich bin fasziniert, dass du das Wort Mitternacht überhaupt noch kennst“, gebe ich kichernd von mir. Peter lacht und küsst mich auf die Wange. „Ich sollte mich davon im Urlaub lösen, ich weiß. Aber es fällt mir schwer. Gewohnheiten legt der Mensch kaum ab.“ „Mir gefällt deine Militärsprache.“ Ich lasse meine Fingerspitzen über seinen Oberarm gleiten und schließe wieder die Augen. Wir schweigen eine Weile, bevor Peter erneut das Wort ergreift. „Wenn wir runtergehen, müssen wir aufpassen, da liegen noch überall die Scherben der Vase rum, über die ich heute Nacht gestolpert bin.“ Ich nicke schweigend. „Ich hoffe, sie war nicht wertvoll?“ Schmunzelnd schüttele ich den Kopf. „Die hab ich von deiner Mum zu Weihnachten bekommen und seitdem steht sie da rum. Eigentlich ist sie nur dafür gedacht, um sie zu beschwichtigen, falls sie mich mal wieder unangemeldet besuchen kommt“, grummele ich und reibe meine Nase an seinem Hals.

Peters Körper erbebt einen Moment und ich höre ihn lachen. „Ich habe ihr schon öfters gesagt, dass sie netter sein soll.“ „Nett ist sie ja. Zumindest meistens. Wahrscheinlich stößt es ihr immer noch negativ auf, dass du als so wahnsinnig männlicher Elitesoldat einen anderen Mann geheiratet hast.“ „Mhm, damit muss sie leben“, gibt er grinsend zurück und sieht mich an. Wir versinken in einem sinnlichen Kuss und Peter zieht mich auf sich. Als wir den Kuss lösen, sehe ich ihm in die Augen. „Wie waren denn deine letzten Monate?“ „Anstrengend. Aber auch genugtuend.“ Seine Hand streicht über meine Wange. „Bob, ich habe dich so sehr vermisst. Jede einzelne Sekunde meiner Gedanken gehört dir. Bei jedem Einsatz gebe ich alles, damit ich dich wiedersehe. Damit wir für ein paar Tage hier zusammen sein können. Ich weiß, dass du so viel mehr verdient hast. Und ich wünschte mir, ich könnte etwas ändern. Aber du weißt, dass mir meine Arbeit wichtig ist, oder? Dass ich all das tue, damit wir in Sicherheit leben können.“ Ich merke, wie ihm fast die Stimme wegbricht. Vorsichtig küsse ich ihn auf die Nasenspitze. „Du musst mir das nicht sagen. Ich weiß das. Natürlich weiß ich es, Pete. Und ich bin so unglaublich stolz auf dich. Mit jeder Faser meines Herzens. Und ich denke auch immerzu an dich. Ich stehe mit dem Gedanken an dich auf und gehe mit dem Gedanken an dich schlafen. Bitte mach dir keine Sorgen, ja? Mir geht es gut. Ich schaffe das hier.“ Peters Lippen zucken amüsiert und ein Grinsen erscheint auf seinen Lippen. „Auch, wenn meine Mum dich zur Weißglut treibt?“ Schmunzelnd nicke ich. „Na dann erst recht“, murmele ich gegen seinen Mund und küsse ihn wieder.

~

Wir sitzen beim Frühstück im Garten und amüsiert sehe ich Peter dabei zu, wie er das Essen in sich einverleibt. „Du hast alle Zeit der Welt“, sage ich irgendwann und lege meine Hand liebevoll auf seine. „Du musst nicht so schlingen.“ Er hält inne und grinst schief. „Es schmeckt einfach zu gut.“ „Ihr habt dort drüben doch sicher auch ganz gutes Essen, oder?“ „Ja, aber... es ist ein riesiger Unterschied zu dem, was du machst. Denn dein Essen ist mit Liebe gekocht.“ „Das war jetzt süß“, gebe ich belustigt zurück. Er grinst mich verschmitzt an und gießt sich frischen Kaffee ein. „Das hier habe ich am meisten vermisst.“ „Was? Kaffee?“ „Ja. Richtig guten Kaffee, den ich gemeinsam mit dir trinken kann.“ Ich sage nichts mehr, lächele aber glücklich in meinen nicht vorhandenen Bart. Mit Peter hier zu sitzen, gibt mir das größte Glück auf Erden. Auch, wenn wir nur ein paar Tage haben, will ich die Zeit mit ihm so normal wie möglich verbringen. Ich will, nein ich muss hierbei ausblenden, dass er zur Navy gehört und dort jeden verdammten Tag sein Leben riskiert. Wenn er hier ist, ist er einfach nur mein Ehemann. Mein Peter. Mit dem ich alt werden will. „Wie wäre es, wenn wir nachher aufs Übungsgelände gehen?“ Irritiert hebe ich den Blick. „Was sollen wir denn da?“ „Deine Technik im Schießen ein wenig verbessern. Du warst heute Nacht absolut überzeugend und ich fand es wahnsinnig sexy, dich mit einer Waffe zu sehen. Aber dein letztes Schießtraining ist schon ein Weilchen her. Wann war das? Vor achtzehn Monaten?“ „Damit wollte ich eigentlich nicht unsere gemeinsame Zeit verbringen“, murmele ich griesgrämig. „Es ist wichtig, dass du dich verteidigen kannst.“ Seine Stimme klingt mit einem Male so ernst, dass ich die Stirn runzele. „Peter, was ist los? Warum legst du da plötzlich so viel Wert drauf?“ „Mir war das auch damals schon wichtig. Ich möchte einfach, dass du nicht komplett wehrlos bist, wenn ich nicht hier bin.“

„Du hast doch vorhin gesehen, dass ich nicht wehrlos bin.“ „Wenn ich ein Einbrecher gewesen wäre, der dich hätte erschießen wollen, wärst du jetzt tot.“ „Sagtest du eben nicht noch, dass ich überzeugend gewesen wäre?“ „Du hast gezögert. Wieso holst du eine Waffe raus, um dich zu verteidigen, schießt dann aber nicht?“ Ich starre ihn an. „Herrgott nochmal, hätte ich dich also lieber erschießen sollen?“, frage ich sofort aufgebracht. Er seufzt leise und ich sehe ihm dabei zu, wie er mit seinen Fingern unruhig auf dem Tisch trommelt. „Nein, natürlich nicht. Aber Bob, mal ganz im Ernst. Du weißt, was ich beruflich mache. Du weißt, dass das bedeutet, dass es auch für dich gefährlich werden könnte. Als ich heute Nacht angekommen bin, war fast überall offen. Du hast zwar die Tür abgeschlossen, aber das bringt nichts, wenn die Fenster alle sperrangelweit geöffnet sind.“ „Es war den ganzen Tag über heiß. Ich muss abends nunmal durchlüften.“ „Du hast eine verdammte Klimaanlage im Haus“, entfährt es Peter. Seine Hand ballt sich zur Faust und mir geht ein Licht auf. „Du bist nicht hier, weil du Urlaub hast. Deshalb wusste ich davon nichts.“ Zerknirscht schiebt er den Teller von sich und auch mir ist der Appetit vergangen. Irgendwas stimmt nicht und es ist definitiv nichts Gutes. Als er nicht antwortet, merke ich die Nervosität in mir aufsteigen. „Pete, was ist los?“ Er fährt sich unkonzentriert mit der Hand durchs Haar, bevor er den Blick auf mich richtet. Seine Augen haben sich verdunkelt, was immer dann passiert, wenn er innerlich angespannt ist.

„Vor drei Monaten war ich zusammen mit Kollegen auf einer Mission auf Kuba unterwegs.“ Ich starre ihn an. „Du warst auf Kuba? So nah dran? Und kommst mich erst jetzt besuchen?“ „Bob, es war eine... geheime Mission, von der ich nichts berichten durfte.“ „Aber jetzt darfst du darüber reden?“ „Du bist mein Mann.“ „Ach? Plötzlich bin ich das?“ Ich verschränke die Arme vor dem Oberkörper. Peter sagt ein paar Momente lang nichts. „Wir haben bei der Mission den Anführer einer Rebellengruppe sichergestellt, der mit diversen international gesuchten Verbrechern Geschäfte macht.“ „Und?“ „Er hat uns dadurch zu der Nummer Vier auf unserer Liste geführt.“ „Du meinst die Liste mit den Meistgesuchten?“ „Ja.“ „Und was ist dann passiert?“ „Wir haben daraufhin von Afghanistan aus versucht, an ihn ranzukommen. Was uns vor einigen Tagen gelungen ist. Wir konnten ihn lebend festnehmen, mussten ihn zum Glück nicht während des Einsatzes eliminieren.“ Manchmal finde ich es erschreckend, mit welcher Emotionslosigkeit mein Mann über das Töten redet. Auf der anderen Seite finde ich diese Seite an ihm sehr anziehend. Peter kann so ein wunderbarer Liebhaber sein. Und dann kann er so brutal sein, so gefährlich, ausdauernd und kraftvoll. Ich liebe diese Mischung in ihm. Auch, wenn ich natürlich von der einen Seite so gut wie gar nichts mitbekomme. „Dann ist euch also ein großer Fang gelungen“, sage ich lächelnd und mit gewissem Stolz in der Stimme.

„Eigentlich ja. Das Problem ist, dass dieser Mann während des Verhörs nicht nur alles gestanden hat, was wir ihm vorwerfen – er hat auch Pläne offengelegt, die sich gegen die Einsatzkräfte der Navy richten.“ „Aber wenn er es euch gesagt hat, dann könnt ihr es doch verhindern.“ „Deshalb bin ich hier.“ Verwirrt sehe ich ihn an, bis dann endlich der Groschen bei mir fällt. „Sie gehen nicht nur gegen die Einsatzkräfte vor. Sondern auch gegen ihre Familien.“ „Ja.“ „Aber das verstehe ich nicht. Wie sind sie denn an die Informationen gekommen? Eure Namen werden doch nirgends geführt, außer in den Datenbanken der Regierung.“ „Wir haben wohl einen Maulwurf. Die Daten wurden geleaked und sind damit zugänglich geworden für die Leute, denen diese Daten niemals in die Hände hätten fallen dürfen.“ „Oh“, murmele ich und streiche unbewusst mit meinem Zeigefinger über den Rand der Tasse. „Was bedeutet das genau für uns?“, frage ich dann, sehe meinen Mann unsicher an. „Das bedeutet, dass ich dich beschützen muss. Rund um die Uhr.“ „Aber du hast gesagt, dass du Sonntag wieder nach Deutschland musst.“ „Ich möchte, dass du mit mir kommst.“ „Aber du bleibst doch gar nicht in Deutschland“, merke ich an. „Ich kann für die Zeit, bis die Bedrohung ausgeschaltet worden ist, einen Posten in Deutschland übernehmen.“ „Und wie lange wird das dauern?“ „Im schlimmsten Fall ein paar Jahre.“ Mir klappt fast die Kinnlade runter. „Jahre? Und dafür... gibst du dann deine Karriere auf?“ „Ich habe alles erreicht, was ich je erreichen wollte, Bob.“ „Aber du bist... begnadet, was deine Fähigkeiten angeht.“ „Ich kann dich anders nicht beschützen.“

„Warum muss es denn Deutschland sein? Warum kannst du nicht hier irgendwas machen?“ Peter sieht mich direkt an. „Du willst nicht zurück.“ „Du weißt, was damals passiert ist.“ „Ich habe dir verziehen. Und ich weiß, dass es einmalig war.“ „Warum? Weil es dieses Mal anders ist?“ Ich lasse den Kopf hängen, verschränke meine Hände hinter meinem Nacken. Tief atme ich ein und aus, versuche zu vergessen, was damals geschehen ist. Welchen Fehler ich begangen habe. „Bob, es ist in Ordnung.“ „Nein, ist es nicht.“ Ich hebe den Kopf wieder, gieße mir frischen Kaffee ein, damit meine Hände etwas zu tun bekommen. Als ich die schwarze Flüssigkeit verschütte, stelle ich die Kanne wieder ab und lehne mich zurück. „Würden wir wieder dort leben?“, frage ich kaum hörbar. „Ja.“ „Und lebt er auch noch da?“ Ich blicke meinen Mann an. Er zieht eine Augenbraue hoch. „Woher soll ich das wissen?“ Ein trauriges Lächeln umspielt meine Lippen. „Komm schon, du hast das doch längst überprüft.“ Mein Mann seufzt leise. „Er ist nie weggezogen.“ Leicht nickend greife ich nach der Kaffeetasse und trinke einen Schluck. Kurz schließe ich die Augen. „Pete, ich will nicht nach Deutschland.“

„Hast du Angst, dass es nochmal passiert?“ „Das ist es nicht“, antworte ich mit fester Stimme. „Aber Deutschland ist nicht mehr unser Zuhause. Ich möchte hierbleiben.“ „Hier kann ich dich nicht beschützen“, wiederholt er verärgert. „Du musst mich nicht beschützen. Ich passe auf mich auf.“ „Das ist verrückt.“ „Verrückt ist, dass die Regierung ihre eigenen Leute nicht schützen kann.“ „Es ist eine verzwickte, ungünstige Situation. Das wollte keiner.“ „Ja, da bin ich mir sicher“, gebe ich verächtlich zurück. Peters Augen verengen sich nun merklich. „Du wirst mit mir mitkommen. Ich lasse da keine Widerworte zu. Wir werden nach Deutschland ziehen, solange, bis die Bedrohung vorbei ist. Du hast ein paar Tage, um dich von deinen Freunden und deiner Familie zu verabschieden. Wir fliegen am Sonntag um null fünfhundert.“ „Es heißt 5 Uhr morgens“, entfährt es mir wütend und ich stehe so ruckartig auf, dass mein Stuhl nach hinten wegkippt. Peter sieht mich emotionslos an. „Ich werde nicht mit dir mitkommen“, wiederhole ich. „Mein Zuhause ist hier. Und nachdem du mir schon die Chance auf ein normales Leben mit meinem Mann genommen hast, wirst du mir nicht auch noch das wegnehmen.“ Ich drehe mich um und gehe zurück ins Haus, greife wütend nach meinem Handy und meinem Autoschlüssel. Wenig später sitze ich im Wagen und fahre aufgebracht davon.

~

Ich weiß, dass ich ungerecht zu meinem Mann war. Dass ich ihm Dinge an den Kopf geworfen habe, die ich nicht hätte sagen sollen. Aber für mich ist es ein großer Schritt, plötzlich wieder nach Deutschland zu müssen. Wir haben bereits vor einigen Jahren dort gelebt und es hat kein gutes Ende genommen. Peter hatte sich daraufhin entschieden, zu den SEALs zu gehen. Dass er jeden Tag sein Leben riskiert, ist meine Schuld. Obwohl ich so stolz auf ihn bin, weiß ich, dass es auf meine Kappe geht, falls er irgendwann verletzt oder getötet werden sollte.

Leise seufzend biege ich in die Einfahrt des großräumig abgesicherten Übungsgeländes ein. Zwei bewaffnete Soldaten heben die Hand und ich komme zum Stehen. Ich lasse das Fenster hinunter. „Was können wir für Sie tun?“, werde ich gefragt, nachdem einer der Soldaten an mein Fahrzeug herangetreten ist. „Guten Tag. Mein Name ist Bob Shaw. Mein Mann, Lieutenant Commander Peter Shaw, hat mir geschrieben, dass er hier auf mich wartet und mich bereits angemeldet hat.“ Ich reiche dem Soldaten meine ID. „Ich werde das überprüfen, einen Moment bitte.“ Er nimmt den Ausweis und geht in das kleine Häuschen, das neben der Schranke steht. Kurz darauf kommt er zurück und gibt mir einen Besucherausweis. „Hängen Sie sich den die ganze Zeit um. Parken können Sie direkt dort hinten“, er deutet auf einen großen Parkplatz, „auf der linken Seite. Ihre ID bekommen Sie zurück, sobald Sie das Gelände verlassen.“ Ich nicke lächelnd. „Danke.“ Ich hänge mir den Ausweis um und als die Schranke sich öffnet, fahre ich auf den Parkplatz. Ich suche mir einen Platz im Schatten und steige aus, strecke mich kurz und schließe die Fahrertür.

Wenig später erreiche ich den Schießstand und ziehe die schwere Tür auf. Der Aufseher, der hinter einem hölzernen Tresen sitzt, blickt zu mir. Ein Grinsen bildet sich auf seinen Lippen und er springt sofort auf, kommt zu mir und zieht mich in eine herzliche Umarmung. „Hi John.“ Ich erwidere die Umarmung lächelnd und als wir uns voneinander lösen, sieht er mich an. „Man, Bob, es ist ja ewig her, dass du hier warst. Ich freue mich, dich wiederzusehen. Peter ist schon drin.“ Er deutet auf die Tür, die zu den Schießständen führt. „Er schießt sich da drinnen seit einer Stunde die Seele aus dem Leib. Hattet ihr Streit?“ „Sowas in der Art“, gebe ich zu und stemme die Arme in die Hüften. „Willst du einen Kaffee?“ John deutet auf die Kaffeemaschine. Ich schüttele den Kopf. „Ich gehe lieber mal nach meinem Göttergatten sehen.“ „Wirst du auch ein wenig trainieren?“ „Peter meinte, dass ich es ganz dringend sollte. Selbstschutz und so ein Scheiß.“ „Naja, wann warst du denn das letzte Mal hier? Das ist doch ewig her.“ „Irgendwann vor eineinhalb Jahren.“ „Dann wird es Zeit, da hat der Commander recht.“ „Ja, fall mir in den Rücken“, sage ich augenverdrehend und nun ebenfalls grinsend. „Du solltest öfters herkommen. Wenn Peter nicht hier ist, kann ich dich jederzeit anmelden.“ Ich seufze leise. „Wir werden wohl nach Deutschland ziehen.“ „Oh, okay. Hat Peter seine Stelle auf Eis gelegt?“ „Aktuell ja. Es gibt einige Sicherheitsbedenken, die erst aus dem Weg geräumt werden müssen. Solange gehe ich mit ihm. Er hat sich irgendeinen Job in Deutschland besorgt.“

„Ist es wegen des Datenlecks?“ Ich nicke vorsichtig, bin mir nicht sicher, was ich erzählen darf. „Dann hoffe ich mal, dass das schnell geschlossen wird“, sagt er lächelnd. „Das hoffe ich auch.“ Er bringt mich zur Tür und öffnet sie mit seiner ID Karte. „Viel Spaß euch. Sag deinem Mann, er soll sich nicht übernehmen.“ „Ich versuche es“, gebe ich zwinkernd zurück und bahne mir meinen Weg zwischen den Schießständen zu Peter. Ich bleibe ein wenig entfernt stehen, als ich ihn entdecke. Unweigerlich muss ich lächeln. Er sieht wahnsinnig gut aus. Peter hat eine beigefarbene Cargohose an, die ihm ausgezeichnet steht. Dazu ein schwarzes, enganliegendes T-Shirt, das einen perfekten Blick auf seine muskulösen Oberarme und seine Tattoos freigibt. Auch, wenn ich meinen Mann nackt kenne, muss ich sagen, dass es schon immer einen gewissen Reiz hatte, ihn angezogen zu sehen. Er ist unfassbar sexy und ich wünsche mir in dem Moment nichts sehnlicher, als ihn über mir zu haben. Mein Blick fällt auf die Schutzbrille, die er trägt, sowie die Ohrenschützer, bevor ich zu der Waffe sehe, die er routiniert mit zwei Händen hält. Gerade streckt er die Arme aus und zielt, scheint kurz nachzudenken, bevor er mehrere Schüsse auf das weit entfernte Ziel abgibt. Er sichert die Waffe nur Sekunden später, legt sie beiseite und zieht sich den Ohrenschutz und die Brille ab. Dann drückt er auf einen Knopf und ich kann sehen, wie die Schießscheibe auf ihn zugefahren kommt. Lächelnd gehe ich zu seiner Kabine und drücke auf den Knopf, der bei ihm in der Kabine eine kleine Lampe aufleuchten lässt, sodass er weiß, dass ich hier bin. Er dreht sich zu mir um und auch er lächelt, als er mich erkennt. Sofort öffnet er die Tür. „Hey, schön, dass du gekommen bist.“

„Na klar.“ Ich trete in die Kabine und als die Tür hinter uns ins Schloss fällt, zieht er mich zu sich und küsst mich. Selig schließe ich die Augen und erwidere den Kuss, kralle meine Finger in sein Hemd, als er sein Knie zwischen meine Beine schiebt. „Pete, hör auf“, flüstere ich gegen seine Lippen und sehe ihn amüsiert an. „Wieso?“, fragt er schelmisch. „Weil ich sowieso schon unglaublich scharf auf dich bin und du damit an der Situation nichts besserst.“ Er lacht leise. „Dann machen wir Zuhause weiter.“ Ich kriege einen liebevollen Kuss auf die Nasenspitze gehaucht, bevor Peter mich zur Seite schiebt und mir seine Waffe reicht. „Sie ist ein wenig größer und schwerer als die, die du besitzt.“ „Sie liegt sehr angenehm in der Hand.“ Ich entsichere die Waffe mit einer schnellen Bewegung, bevor ich sie wieder sichere. „Sehr gut.“ Peter befestigt eine neue Zielscheibe, nachdem er die alte entfernt und in den Müll geschmissen hat. Dann reicht er mir die Schutzbrille und zieht sich selbst eine auf. „Du weißt ja noch, wie es geht. Wir werden heute deine Zielgenauigkeit trainieren. Sämtliche schwarzen Ringe stellen den Oberkörper eines Menschen dar. Ich will, dass du ins Schwarze trifft, so oft es geht.“ Ich nicke und nehme mir die Ohrenschützer. „Wie viel Schuss habe ich?“, frage ich. „17.“ „Okay.“ Nachdem wir beide bereit sind, fährt er das Ziel zurück und ich stelle mich an die richtige Stelle. Ich entsichere die Waffe und strecke die Arme, visiere das Ziel an. Drücke ab. Und merke bereits nach wenigen Schüssen, wie sehr ich das hier vermisst habe.

~

„Danke, dass du nicht sauer auf mich bist“, sage ich sanft, als wir im Auto sitzen und zurück nach Hause fahren. Er ist vorhin von einem Freund hergebracht worden, sodass wir gemeinsam mein Auto für den Rückweg nehmen konnten. „Warum sollte ich sauer sein?“, fragt er und sieht kurz zu mir, bevor er wieder den Blick auf die Straße lenkt. „Weil ich so dämliche Sachen gesagt habe.“ „Ach, das ist doch nicht schlimm.“ Ich liebe ihn dafür, dass er in solchen Situationen so ruhig bleibt. Dass ihn kaum etwas aus der Fassung bringt. „Ich werde natürlich mit dir kommen.“ „Davon bin ich ausgegangen“, sagt er grinsend. Ich verdrehe kurz die Augen, lasse meine Hand in den nächsten Sekunden auf seinen Oberschenkel gleiten. „Ich glaube, dass es uns sehr gut tun wird, wenn wir mehr Zeit miteinander haben.“ „Ich freue mich auch schon darauf.“ Er umfasst meine Hand mit seiner, streicht mit seinem Daumen über meinen Handrücken. „Trotzdem hoffe ich, dass es nicht für allzu lange Zeit sein wird. Ich bin gerne hier. Auch, wenn es heißt, dass du dann wieder rüber musst und ich alleine bin... Aber hier fühle ich mich wohl.“ „Das weiß ich doch, Schatz. Wir werden alles dafür tun, dass wir bald wieder hier leben können.“ „Okay.“ Ich drücke ihm einen Kuss auf die Wange, bevor ich mich ein wenig nach rechts drehe und mich anlehne, nachdenklich nach draußen sehe.

Einige Minuten später hält Peter in unserer Einfahrt. Ich steige aus und hole die Schlüssel heraus, betrete kurz darauf den Hausflur. „Was wollen wir heute essen?“, frage ich Peter, nachdem auch er reingekommen ist und ich die Tür hinter uns schließe. „Überrasch mich. Ich gehe erst einmal duschen.“ Er küsst mich kurz. „Kann ich mit?“ „Wolltest du nicht Essen machen?“ Grummelnd schiebe ich meine Hände unter sein T-Shirt. „Das hier finde ich gerade interessanter.“ Er lacht und drückt mich gegen die Wand, küsst mich vernichtend. „Lass uns das auf nachher verschieben, ja? Nach dem Essen nehme ich mir alle Zeit der Welt für dich.“ Ich verdrehe spielerisch die Augen, nicke dann aber und streiche ihm über die Wange. „Okay.“ Peter küsst mich wieder, bevor er nach oben verschwindet. Ich gehe in die Küche und will gerade den Kühlschrank öffnen, als mit einem Male ein Schuss durch das Haus peitscht und ein dumpfer Schlag zu hören ist. Mein ganzer Körper zuckt zusammen und ich reiße die Augen auf, als mich noch im gleichen Moment Panik durchfährt. Panik und Angst. Angst um meinen Mann. Ich renne zu unserem Festnetztelefon, lasse es fassungslos sinken, da ich kein Freizeichen bekomme und mir bewusst wird, dass mein Handy noch oben liegt. Urplötzlich zucke ich ein weiteres Mal zusammen, als noch ein Schuss ertönt. „Peter“, wispere ich entsetzt und renne blindlings nach oben, vergesse dabei alles, was mir mein Mann beigebracht hat. Mein Leben ist mir völlig egal, ich blende alles aus. Nur noch der Gedanke an Peter beherrscht meine Gedanken.

Als ich den Treppenabsatz erreiche, ist alles still. Zu still. Mit langsamen, bebenden Schritten gehe ich ins Schlafzimmer, da die Tür sperrangelweit offen steht. „Pete?“, frage ich in die Stille hinein, übertrete die Schwelle und bleibe wie angewurzelt stehen, als ich ihn am Boden liegen sehe. Sein ganzes Hemd ist blutüberströmt. „Oh mein Gott.“ Ich werfe mich neben ihm auf die Knie, beuge mich über ihn. Er liegt auf dem Rücken und ich kann schwerlich erkennen, ob er noch atmet. Mit rasendem Herzen sehe ich mich um, greife wahllos nach dem Bettlaken und reiße es vom Bett. Ich ziehe Peters T-Shirt hoch, um zu sehen, woher das Blut kommt. Als ich eine Stelle ausmachen kann, presse ich das Laken sofort darauf. „Peter, bitte. Mach die Augen auf“, flüstere ich dabei angsterfüllt, drücke noch fester auf die Wunden. Wieder sehe ich mich um, Tränen steigen in meine Augen. „HILFE!“, schreie ich im nächsten Moment mehrere Male, bevor ich meine Aufmerksamkeit wieder auf meinen Mann richte. Seine Augenlider zucken flatternd und ich atme erleichtert aus, als er die Augen öffnet. „Es kommt gleich Hilfe“, sage ich zu ihm, versuche dabei zu lächeln. „Bob.“ Ich kann ihn kaum verstehen, so leise redet er. „Du musst nichts sagen. Es wird alles gut.“ Ich küsse ihn auf die Stirn, schluchzend und verzweifelt. „Verschwinde hier.“ „Was?“ Mir wird ganz schlecht, als ich seinen Blick sehe, genauso verzweifelt wie meiner. Er hat genauso Angst. Aber nicht um sein eigenes Leben. Sondern um meines.

Ich spüre, wie er versucht, mich wegzuschieben. Obwohl er angeschossen wurde, bringt er noch einiges an Kraft auf. Ich lasse ihn langsam los. „Du musst hier weg.“ Seine Stimme wird fester. Ich starre ihn entsetzt an. Richte mich langsam auf. Halte inne, sehe ihn wieder an. „Geh!“ Er richtet sich minimal auf, bevor er stöhnend zurückfällt und Blut hustet. Seine Augen verdrehen sich. Ich weiche zurück, blicke auf meine Hände, die voller Blut sind, realisiere nicht mehr, was hier gerade passiert. Tränen laufen mir über die Wangen, als ich mit schnellem Schritt das Schlafzimmer verlasse und die Treppen runter renne. Dabei stolpere ich und kann mich gerade noch so an der Kommode abfangen. Schweratmend richte ich mich auf und will gerade weiter rennen, sehe schon die Haustür, weiß, dass ich es fast geschafft habe, als ich aus dem Nichts heraus am Unterarm gepackt und gegen die Kommode geschleudert werde. Mit einem Aufschrei knalle ich gegen das schwere Holz und mir bleibt sämtliche Luft weg, als meine Rippen nachgeben. Ich sacke zu Boden, erkenne für den Bruchteil einer Sekunde zwei Männer, die auf mich zutreten.

Dann wird alles schwarz.

~

„Bob?“ „Mhm?“ Ich sehe von meinem Buch auf, betrachte meinen Mann, der gerade ins Wohnzimmer gekommen ist und seinen großen Rucksack auf dem Sessel ablegt. „Ich bin die nächsten vier Tage unterwegs. Freitagabend sollte ich zurück sein.“ „Sicher.“ Uninteressiert richte ich meinen Blick erneut auf mein Buch, suche die Stelle, an der ich aufgehört habe. Von Peter ist ein leises Seufzen zu hören. „Reden wir darüber?“ „Worüber?“, frage ich, ohne ihn anzusehen. „Darüber, dass es dir anscheinend egal ist, ob ich hier bin oder nicht.“ „Streich das anscheinend.“ „Also ist es dir egal.“ „Blitzmerker.“ „Bob, so kann es doch nicht weitergehen.“ Seine Stimme klingt verzweifelt, also lege ich mein Buch beiseite und sehe ihn wieder an. Seine grasgrünen Augen sehen mich so traurig an, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich so reagiert habe. Aber eben nur fast. „Ich wollte nicht nach Deutschland kommen. Und schon gar nicht wollte ich, dass du so oft nicht hier bist. Aber so ist es gekommen und dass wir uns auseinander gelebt haben, ist sicher nicht meine Schuld. Also leb damit, dass es mir egal ist, ob du hier bist oder nicht.“ Er fährt sich mit der Hand durchs Haar, bevor er den Rucksack vom Sessel schiebt und selbst Platz nimmt. „Möchtest du wieder zurück?“

„Ich will schon seit Anfang an wieder zurück“, antworte ich und richte mich auf, ziehe dabei meinen rechten Fuß unter meinen linken Oberschenkel. „Kannst du es nicht noch ein wenig aushalten? Wir sind nicht einmal ein Jahr hier.“ „Wenn du unsere Ehe retten willst, Peter, dann wirst du mit mir in die USA zurück müssen. Ansonsten sehe ich keine Chance mehr für uns.“ Seine Gesichtszüge verhärten sich merklich. „Wir sind erst zwei Jahre lang verheiratet.“ „Und ein Jahr davon leben wir hier. Sollte dir zu denken geben.“ Ich wende mich wieder von ihm ab, drehe mich zur Seite und lehne meinen Kopf ans Kissen. Auch, wenn ich so empfinde und all meine Worte so meine, kostet mich dieses Gespräch viel Kraft. Natürlich wollte ich nie, dass das mit uns so schnell in die Brüche geht. Tränen steigen in meine Augen und mir wird bewusst, dass ich das hier nicht will. Ich will nicht so emotionslos über uns denken. „Bob?“ Ich sehe meinen Mann erneut an, streiche mir eine Träne weg, die sich aus meinen Wimpern losgelöst hat und ihren Weg über meine Wange bahnen wollte. „Pete, ich... Ich habe kaum noch Gefühle für dich.“ „Und das wird dir erst jetzt klar?“, fragt er mit harter Stimme. „Ich-“ „Du was?“ Er schnaubt. „Glaubst du, ich habe das nicht gemerkt? Du bist nicht besonders gut darin, zu verstecken, was du empfindest.“ „Es tut mir leid“, flüstere ich.

„Wenn du zurück in die USA möchtest, dann akzeptiere ich das. Aber dann musst du ohne mich gehen.“ Entsetzt starre ich ihn an. Und obwohl ich derjenige bin, der kaum noch Gefühle hat, will ich, muss ich wissen, ob es auch Peter so geht. „Liebst du mich denn noch?“ Ein zartes Lächeln bildet sich auf seinen Lippen. „Natürlich. Mit jeder Faser meines Herzens.“ Er steht auf, kommt auf mich zu und küsst mich auf die Stirn. „Wir sehen uns Freitag.“ Ohne ein weiteres Wort nimmt er seinen Rucksack an sich und geht. Erst, als ich die Tür höre, kommt wieder Leben in mich. Langsam schiebe ich meine Füße über die Sitzfläche und stehe auf, als sie den Boden berühren. Kurz darauf öffne ich die Haustür, sehe aber nur noch, wie Peter wegfährt. Alles in mir zieht sich zusammen und ich bleibe einige Minuten dort stehen, hoffe unbewusst darauf, dass er zurückkommt. Nun, wo es zu dieser Aussprache gekommen ist, bereue ich zutiefst, was ich gesagt habe. Und mir wird bewusst, dass ich meinen Mann nicht verlieren will. Peter ist alles für mich. Seit wir verheiratet sind, ist mein Leben besser geworden. Warum ich mich die letzten Monate so habe gehen lassen, weiß ich in diesem Moment nicht einmal mehr. Aber ich weiß, dass ich etwas ändern muss. Denn sonst wird meine Ehe bald nicht mehr existent sein.

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Mit einem riesigen Pappbecher in meiner Hand, in dem sich ein halbes Kilo Popcorn befindet, lasse ich mich auf den Kinosessel sinken und versinke ein wenig darin. Das Kino ist kaum besucht, was allerdings kein Wunder ist, da wir 22 Uhr an einem Werktag haben und der Film zudem im Original gezeigt wird. Leise seufzend vergrabe ich meine Hand im Popcorn und verziehe für einen Moment das Gesicht, als ich es probiere. „Was zum-?“ Ich leere meine Hand über dem Eimer aus und starre das Popcorn an. Im Dunklen erkenne ich nicht viel, also nehme ich ein Stück in den Mund und probiere erneut. Grummelnd sinke ich zurück in den Sitz und esse mürrisch weiter. „Schmeckt es dir nicht?“ Ich sehe hoch und sehe den Mann an, der sich neben mich gesetzt hat und seine Colaflasche in die Halterung am Sitz steckt. Mehrere Male blinzele ich, bevor ich mich im Kino umsehe. „Es gibt hier auch noch andere Plätze“, antworte ich und lege den Kopf leicht schief. Er lacht leise. „Aber ich würde gerne hier sitzen. Natürlich nur mit deiner Erlaubnis.“ Für einen Moment schweige ich. „Was heißt Erlaubnis?“, frage ich unsicher. Ich bin zwar der deutschen Sprache mächtig, allerdings beschränken sich meine Kenntnisse mehr auf Alltagsprobleme, wie Einkaufen oder Bestellungen im Restaurant. „Approval oder auch Permission.“ „Ah. Whatever. Bleib sitzen. Ist ein free country, oder?“ Ich wende meinen Blick ab und sehe zum Bildschirm, auf dem penetrante Werbung läuft.

Die nächsten Minuten sagt er nichts mehr, aber ich kann deutlich seinen Blick spüren, der durchgehend auf mir liegt. Irgendwann sehe ich wieder zu ihm. „Was ist?“ „Dafür, dass es dir nicht schmeckt, haust du aber ganz schön rein.“ „Vielleicht schmeckt es mir ja doch“, gebe ich zu bedenken. „Ist es das erste Mal, dass du süßes Popcorn isst?“ „Ja. In Amerika sind wir salty Popcorn gewöhnt.“ „Wie kommt es, dass du hier lebst?“ Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen. „Wieso interessiert es dich?“ „Ich versuche, mit dir zu flirten“, gibt er offen zu. Meine Lippen verziehen sich unweigerlich zu einem Lächeln. „Not the best moment.“ Ich deute auf den Bildschirm. Die Werbung endet gerade. Er lächelt mich an. „Wir können danach weiter flirten.“ Schmunzelnd beiße ich mir auf die Unterlippe, bevor ich nicke. „Okay“, sage ich zustimmend und halte ihm den Eimer hin. „Möchtest du?“, frage ich amüsiert, wende meine Aufmerksamkeit dem Film zu, der nun endlich startet. „Gerne.“ Ich sehe aus den Augenwinkeln heraus, wie er sich etwas herausnimmt und es sich in den Mund schiebt. In meinem Magen kribbelt es leicht. Irgendwie fühlt es sich gut an, mal wieder mit einem Mann zu flirten, der nicht mein Mann ist.

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„Der Film ist wahnsinnig schlecht.“ Ich sehe neben mich und kichere leise. „Hast du daher mein ganzes Popcorn gegessen?“ „Ja. Tut mir leid.“ Er stellt den Eimer auf den freien Nebensitz und deutet kurz zum Bildschirm. „Willst du das noch zu Ende schauen?“ „Welche alternative gibt es denn?“, frage ich neugierig. „Wir könnten gemeinsam Essen gehen.“ „Um die Uhrzeit?“ „Du könntest mit zu mir kommen und ich könnte dir etwas kochen“, verändert er seinen Vorschlag. „Das klingt toll.“ „Aber?“ „Aber ich kenne nicht einmal deinen Namen.“ Er grinst wieder. „Ich bin Daniel.“ „Freut mich. Ich bin Bob.“ Und ich bin verheiratet. Die letzten Worte spreche ich nicht laut aus. Ich weiß, dass ich es müsste. Aber gerade jetzt will ich einfach nur einen schönen Abend haben in netter Gesellschaft. Dass jemand für mich kocht, ist lange her. Normalerweise bin ich derjenige, der am Herd steht. Peter kann nicht kochen. Außer Spiegeleier. Und Rührei. Aber mehr kriegt er nicht hin. Wobei er es auch gar nicht versucht. Wir haben dieses klassische Rollenverhältnis. Nur, dass ich keine Frau bin. „Also, Bob. Dann versuche ich es noch einmal. Ich würde gerne für dich kochen. Bei mir Zuhause. Möchtest du mit?“ Ohne darüber nachzudenken, nicke ich lächelnd und nehme die mir dargebotene Hand. Ein Kribbeln durchfährt meinen Körper, als er seine Finger um meine schlingt.

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Dass ich mit Daniel mitgegangen bin, hat Peter und mich fast unsere Ehe gekostet. Mein Mann war so wütend, so enttäuscht, als ich es ihm gebeichtet habe. Aber ich konnte mit diesem Betrug nicht leben. Peter hat mir vorgeworfen, dass ich nur mein Gewissen erleichtern wollte. Er hat drei Wochen lang nicht mehr mit mir geredet, hat sich nur noch in der Arbeit vergraben. Ich bin fest davon ausgegangen, dass er die Scheidung einreichen und mich allein zurück nach Amerika schicken wird. Stattdessen hat er mir eines Abend kommentarlos einen Brief hingelegt. Verwirrt habe ich ihn angesehen, bevor ich den Brief genommen und ihn aufgefaltet habe. Als ich gelesen habe, was darin stand, muss ich so bleich geworden sein, dass Peter das erste Mal an diesem Tag das Wort ergriffen hat, um mich zu fragen, ob alles in Ordnung ist. „Das kannst du nicht machen“, habe ich entsetzt geflüstert, war kaum zu einer anderen Regung fähig. „Ich habe bereits unterschrieben. Ich werde mit dir zurück nach Amerika fliegen und dort in die Ausbildung gehen.“ „Pete.“ Tränen steigen mir in die Augen und ich schüttele den Kopf. „Das kannst du nicht machen. Bitte. Du bringst dich dadurch in Lebensgefahr.“ „Ich habe lange darüber nachgedacht und... sehe es als Chance. Besonders jetzt, wo unsere Ehe kurz vor dem Aus steht, wird uns der Abstand gut tun.“ Schluchzend senke ich den Kopf und kann nicht verhindern, dass die Tränen unaufhörlich über meine Wangen laufen. Ich fühle mich mit einem Male allein und einsam, obwohl mein Mann so nah ist. Als Peter wider Erwarten zu mir kommt und mich vorsichtig in den Arm nimmt, mich zu sich zieht und festhält, klammere ich mich an ihn, als wäre er mein Rettungsanker. Ich erfahre in diesem Moment schmerzlich, dass es meine Schuld ist, dass er das hier nur meinetwegen tut. Dass er sich in Gefahr begibt, weil ich unsere Ehe mit Füßen getreten habe. Und niemals würde ich es mir verzeihen, wenn ihm etwas zustoßen sollte.

Niemals.

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Irgendwo im Nirgendwo, ein paar Tage später

Die Handschellen beißen sich schmerzhaft in meine Handgelenke, als ich meine Arme um meine angezogenen Beine schlinge. Ein leises Stöhnen entfährt mir und ich presse sofort meine Lippen gegen meine Arme, schließe dabei müde die Augen. Mein ganzer Körper zittert und meine nackten Füße vergraben sich in dem schmutzigen, aufgewühlten Boden. „Halt mich fest“, flüstere ich zu mir selbst, kralle meine Finger in meine Beine. Meine Augen lasse ich konsequent geschlossen, presse sie förmlich zusammen, will mir die Illusion nicht nehmen, dass mein Mann mich in seinen Armen hält. Als ich ein Schluchzen nicht mehr unterdrücken kann und mein ganzer Körper erbebt, öffne ich wieder die Augen und blinzele in die Dunkelheit. Mein Blick findet den geringen Lichtschein unter der schweren Holztür. Sofort wende ich den Blick wieder ab, drehe meinen Kopf zur Seite. Meine Wange schmiegt sich an mein Knie. Meine Augen fallen mir zu. Noch in der nächsten Sekunde reiße ich sie auf, als sich schwere Schritte meinem Verließ nähern. Panisch starre ich zur Tür, petze die Augen geblendet zusammen, als die Tür sich öffnet und die Glühbirne, die einsam an der Decke baumelt, angeschaltet wird.

„Guten Morgen, Mr Shaw. Haben Sie gut geschlafen?“ Der Mann, der reinkommt, blickt lächelnd zu mir. Ich blinzele mehrmals, sehe ihn kurz an, bevor ich, ganz automatisch, versuche, nach hinten auszuweichen, als er auf mich zukommt. „Bitte nicht“, flüstere ich, als er vor mir in die Hocke geht und nach meinen Handgelenken greift. Er kriegt die Handschellen zu fassen, aber ich entreiße sie ihm sofort, ignoriere den stechenden Schmerz, der mir durch die Handgelenke schießt. Gleichzeitig entwinde ich mich nach links, schaffe es aber lediglich, mich von ihm wegzudrehen, da meine Beine kaum Kraft aufweisen, um mich hochzubekommen. Schluchzend mache ich mich ganz klein. Ich höre, wie er seufzt. „Sie wissen bestimmt noch, worüber wir gestern geredet haben, oder?“, fragt er mit sanfter Stimme. Ein Zittern durchfährt mich. Allein die Erinnerungen daran lassen mich fast ohnmächtig werden. Also nicke ich sofort und zwinge mich selbst, wieder zu ihm zu sehen. Er lächelt noch immer. „Die Hände“, sagt er als nächstes. „Bitte“, flüstere ich wieder, hoffend und gleichzeitig so verzweifelt. „Lassen Sie mich nicht wütend werden.“ Seine Stimme klingt schärfer als eben. Ich schiebe ihm meine Hände ganz langsam hin, lasse dieses Mal widerstandslos zu, dass er nach meinen Handgelenken greift.

Als er mich hochzieht, bleibe ich auf wackligen Beinen unsicher stehen. „Das sieht fast erbärmlich aus“, meint er genervt, verdreht dabei die Augen. Ich lasse meinen Kopf hängen und als er mich hinter sich herzieht, versuche ich mich darauf zu konzentrieren, nicht die Kraft völlig zu verlieren. Meine Beine fühlen sich an, als wären sie aus Gummi und die Übelkeit, die in mir hochsteigt, während er mich in den mir altbekannten Raum bringt, tut ihr Übriges. Vor dem Stuhl, der mittig im Raum steht, bleibt er stehen. Er lässt mich los und sieht mich auffordernd an. „Ich will nicht“, sage ich kaum hörbar, bringe kaum noch die Kraft zustande, etwas zu sagen. Jede Sekunde, die ich stehen muss, bringt mich an den Rand der Erschöpfung, aber auf diesem Stuhl zu sitzen, wird mich nur weiter dem entgegen bringen, wovor ich mich so sehr fürchte. „Ihr Mann hätte mehr Anstand. Er wüsste, was sich gehört. Und er würde sich setzen. Ohne Widerworte. Denn das, was ihm ansonsten drohen würde...“ Er lässt den Satz unbeendet im Raum stehen. „Erwähnen Sie nie wieder meinen Mann.“ „Wieso nicht? Weil wir ihn erschossen haben? Das war bedauerlich und wollten wir nicht. Wir hätten ihn noch gebraucht.“ „Was?“, wispere ich, als ich realisiere, was er da gerade gesagt hat. Der Boden unter meinen Füßen tut sich auf. Bisher war nie davon die Rede, dass Peter... dass er- Ich bekomme keine Luft mehr, stolpere ein paar Schritte zurück. Sacke im nächsten Moment haltlos in mir zusammen. Atme schwerfällig ein und aus. Unerträgliche Hitze wallt in mir hoch. Mein Magen dreht sich um. Ich krümme mich zusammen. Kralle die Finger in den Boden. Und übergebe mich die nächsten Minuten immer wieder auf dem Boden, bis nichts mehr rauskommt und ich vor Schmerzen und Erschöpfung das Bewusstsein verliere.

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„Warum hast du es ihm auch gesagt? Dass der Kerl sich nun gar keine Mühe mehr gibt, um irgendwie zu überleben, war doch vorherzusehen.“ „Ist doch jetzt völlig egal. Wenn er aufgeben will, dann soll er das tun. Kann uns egal sein. Wir haben alle Informationen bekommen, die wir wollten.“ „Von ihm dagegen haben wir gar nichts bekommen.“ „Er war standhafter als die anderen.“ „Sein Mann war Navy SEAL, wahrscheinlich hat das abgefärbt.“ Lachen. Dann ein Seufzer. „Wir sollten ihn loswerden.“ „Willst du ihn gehen lassen?“ „Nein. Wir knallen ihn ab und legen ihn irgendwo ab, wo er gefunden wird. Das wird denen eine Lehre sein.“ „Und was ist mit den anderen?“ „Wir holen noch das raus, was wir rausholen können und dann erledigen wir auch sie.“ „Gut. Verstanden.“

Schritte, die verhallen. Dann plötzlich Schritte, die näher kommen. Hände, die ihn grob anfassen und auf den Rücken drehen. Schmerzen, die durch seinen Körper schießen. Aber es ist ihm egal. Es ist ihm alles so egal.

Er sieht seinen Peiniger unbeeindruckt an. Seine einst so strahlend blauen Augen sind leblos, matt.

Als die Waffe auf ihn gerichtet wird, schließt er die Augen.

Dann endlich der erlösende Schuss.

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Einige viele Wochen später

Die Rose, die auf dem Grab liegt, bildet einen starken Kontrast zu der Trostlosigkeit, die auf dem Friedhof zu dieser Jahreszeit herrscht. Der Winter hat Einzug gehalten und die Kälte pfeift ihm nur so um die Ohren. Er zieht den Schal enger, lässt ganz langsam von der tiefroten Blüte ab, deren Blätter er einige Augenblicke lang zärtlich mit den Fingerspitzen berührt hat – so als würde er damit ihn berühren und ihm eine letzte Umarmung zukommen lassen.

„Es tut mir unendlich leid, dass du all das erlebt hast“, flüstert er kaum hörbar gegen den Wind. Schneeflocken wehen ihm um die Nase, kriechen in seinen Kragen und verursachen ihm eine unangenehme Gänsehaut, als sie auf bloße Haut treffen.

„Dass du am Ende derjenige bist, der-“ Er schluckt hart, schüttelt den Kopf, um seine Gedanken zu klären. Langsam richtet er sich auf, wendet seinen Blick von dem Grabstein ab, der ihm seit seiner Ankunft ins Gesicht schreit, dass er die Liebe seines Lebens verloren hat, auf solch grausame Art und Weise.

„Ich verspreche dir“, fährt er nach einer Weile des Schweigens fort, kann nicht mehr verhindern, dass sein Blick verschwimmt – nicht mehr nach all dem, was passiert ist, was ihn zerrissen und ihm alles genommen hat, was er je in seinem Leben brauchte, „dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.“

Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel.

Und dann, Bob, komme ich zu dir.
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