Elloria - Die Hand des Meeres

GeschichteAbenteuer, Fantasy / P6
03.12.2019
03.12.2019
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"Los, ab ins Bett mit euch.", befahl die alte Dame sanft. Wie immer, hatte sie ein warmes Lächeln auf den Lippen.
Die zwei kleinen jedoch, waren noch voller Tatendrang. An Schlafen war für sie nicht zu denken.
    "Erzählst du uns eine Geschichte, Großmutter?", fragte er lieb.
    "Ja! Wir lieben deine Geschichten so sehr!", strahlte das Mädchen.
Es waren Zwillinge. Ein Junge und ein Mädchen. Beide trugen sie das im Sonnenlicht golden glänzende dunkelbraune Haar ihrer Mutter.
Die weise Frau setzte sich in den Sessel am Kamin.
    "Na wenn das so ist, gut. Welche Geschichte möchtet ihr gern hören?", fragte sie ihre Enkel.
Beide überlegten. Sie kannten schon so viele. Aufregende Geschichten über Seefahrer, die mit gefährlichen Kreaturen kämpften..Märchen über Prinzessinnen, mutige Ritter und Zauberer..
    "Hmm ich weiß nicht."
    "Ich auch nicht."
Sie schienen ratlos.
    "Kennst du neue Geschichten, Großmutter?", fragte der Junge.
    "Na mal sehen.."
Natürlich kannte sie noch viele weitere. Ihr Repertoire war einer Geschichtenerzählerin würdig. Da kam sie auf eine ganz besondere Idee.
    "Oh mir fällt da eine ganz tolle Geschichte ein.", antwortete sie nach kurzer Überlegung. "Sie handelt von einem Mädchen, das nicht so gewöhnlich ist, wie sie denkt. Einer Seefahrt, die schon sehr lange dauert und..einer kleinen Schildkröte."
Schon jetzt hatte sie ihre Zuhörer neugierig gemacht. Gespannt saßen sie in ihren Betten und sahen mit leuchtenden Augen zu ihrer Großmutter auf.
    "Oh ja!"
Sie kicherte.
    "Na gut. Dann hört gut zu, meine kleinen.", begann sie zu erzählen. "Vor vielen Jahren.. Lange Zeit vor meinen Großeltern.. Da mussten viele Menschen aus einem fernen Land fort gehen. In ihrer Heimatstadt gab es eine große Katastrophe. Auf einem Schiff suchten sie ihr Glück bei einer Reise..."

Die Sonne schien an diesem Tag besonders unerbittlich auf die Reisenden hinab. Sie waren bereits viele Wochen unterwegs, doch konnten sie kein Land entdecken. Auch die Vorräte wurden langsam knapp. Der Kapitän des Schiffs verlor allmählich die Hoffnung, doch ließ er das die Passagiere nicht merken. Es würde einen Aufstand geben.
Er zog den Hut von seinem verschwitzten Haar und wischte sich über die Stirn.
    "Ob wir jemals wieder das Land erblicken dürfen?", fragte er sich und seufzte tief.
Die Menschen waren still geworden. Als hätten sie sich der Hitze ergeben. Nur ein kleines Mädchen stand auf dem Deck und beobachtete das Glitzern des vertrauten Meeres. Neugierde in ihren hellen Augen. Der Kapitän vernahm ihre Stimme, als sie sang und lauschte. Es gab seinem Herz einen Funken Hoffnung zurück.
    "Es trägt der Wellen Klang mir an, des kleinen Wal's Gesang. Er schwimmt mit seinem besten Freund ganz froh und ohne Zwang. Ein Blitz huscht durch das Wasser, bunt ist sein Schuppenkleid. Dem Walkalb folgt er, hört den Ruf, getragen durch die Zeit... "
Es war das unschuldige Lied eines Kindes. Ihr Name war Kiani. Niemand wusste näheres über sie. Wo sie her kam, aus welcher Familie sie stammte. Sie war oft allein und sprach mit sich selbst, weshalb viele sie als seltsam betrachteten. Nur der Kapitän wies ihre stille träumerische Art zu schätzen. Gerade in Momenten wie diesen.
    "Hallo, kleines.", grüßte er sie mit einem freundlichen Lächeln, als ihr Lied verklungen war. "Wie geht es dir heute?"
Kiani sah zu ihm auf und schenkte ihm ebenfalls ein Lächeln. Er war immer so lieb zu ihr.
    "Sehr gut. Die Wellen haben mir gesagt, dass wir bald ein neues Zuhause finden. Ist das nicht schön?"
Sanft streichelte er ihr über das Haar.
    "Ja. Das ist sehr schön. Ich kann ja nicht zulassen, dass du auf diesem Schiff erwachsen wirst oder? Wir finden schon einen Ort, wo wir hingehen können."
Sie erschien ihm so unschuldig und rein wie ein Engel.
Am nächsten Tag, die Vorräte waren beinahe aufgebraucht, beschlossen ein paar Männer, ein Netz auszuwerfen, um Fische zu fangen. Sie hatten es gemeinsam geknüpft und gingen damit an Deck. Die junge Kiani beobachtete das interessiert. Noch immer war das Meer ruhig. Der Kapitän des Schiffs hatte aufgrund der Situation die Erlaubnis dafür gegeben.
So zogen sie es nach ein paar Stunden wieder herauf. Viel war nicht zusammengekommen. Nur wenige Fische hingen im Netz, sowie etwas Treibholz und eine Schildkröte. Eine kleine Schildkröte mit einer äußerst ungewöhnlichen Musterung. Ihr Panzer schimmerte in den Farben des Meeres. Sowohl den tiefen Blautönen, als auch dem Rot, Gelb und Violett der Korallen, in denen sich die verschiedensten Fische tummelten. Verzweifelt zappelte das hilflose Tier im Fischernetz. Die hungrigen Männer hatten kein Auge für ihre Schönheit.
    "Immerhin mal was anderes.", meinte einer von ihnen. "Schildkrötenfleisch soll nahrhaft sein, meinte meine Großmutter immer."
    "Nein nicht!", rief eine helle Stimme und ein Mädchen stellte sich schützend vor das Tier. "Das dürft ihr nicht!"
Der Mann erschrak und wich kurz zurück. Dann wurde er wütend.
    "Geh zur Seite, du törichtes Kind! Das ist unser Abendessen!", keifte er, doch Kiani sah trotzig zu ihm auf.
    "Nein!", beharrte sie. "Die Schildkröte bringt uns nachhause! Du darfst ihr nicht wehtun!"
Gelächter erhob sich. Als würde ihnen ein hilfloses Tier dabei helfen, das zu finden, was sie so lange suchten. Es war ja eben nur eine Schildkröte. Nichts weiter.
    "Und woher weißt du das so genau? Hast du sie etwa persönlich darum gebeten?"
Die kleine schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht anders darum gebeten, als alle anderen. Nur hörte sie auch zu, wenn eine Antwort kam.
    "Das Meer hat es mir gesagt. Wenn wir sie freilassen, werden wir belohnt. Aber wenn du ihr wehtust, werden wir dieses Schiff nie verlassen, also lass sie gehen!"
Das ließ er sich von einem frechen Gör nicht sagen. Wütend hob er die Hand, doch sein Schlag wurde aufgehalten. Der Kapitän funkelte ihn an.
    "Ist dein Verstand schon so sehr von der Hitze beeinträchtigt, dass du es wagst, ein unschuldiges Mädchen zu schlagen?", grollte er ihm entgegen.
    "Glaubst du ihr den Unsinn etwa?", entgegnete der Fischer. "Selbst die anderen Kinder finden sie seltsam und halten sich von ihr fern. Sie redet mit dem Meer und dem Wind.. Will uns jetzt auch noch falsche Hoffnungen machen mit ihren Märchen.."
Unsicher sah Kiani zu ihnen auf. Sie wagte es nicht, etwas zu sagen. Stattdessen warf sie einen kurzen Blick nach Hinten.
    "Selbst wenn. Falsche Hoffnung ist besser, als keine. Findest du nicht?"
Der Kapitän ließ nun den Arm des Mannes los und strich dem Mädchen über das Haar. Die kleine Schildkröte wand sich noch immer im Fischernetz. Zögernd stimmten die Fischer zu. Er hatte irgendwo doch Recht.
    "Also gut, Kiani. Möchtest du die kleine Befreien? Aber ganz vorsichtig."
Das Gesicht des Mädchens hellte sich auf und sie nickte. Hockte sich auf den Boden. Mit sanften und liebevollen Worten beruhigte sie das schöne Tier und half ihm aus den verknoteten Seilen heraus. Die Männer konnten nur dabei zusehen. Sachte strich ihr Kiani über den bunten Panzer.
    "Sei frei und tanze mit den Wellen. Folge dem Ruf des Meeres.", lächelte sie und entließ das Jungtier in die Freiheit.
Platschend machte es sich davon, doch tanzte es für ihre Retterin. Selbst der Mann, der sie töten wollte, musste darüber lächeln. Das war wirklich süß.
Einige Minuten vergingen. Nichts geschah. Man zog erneut in Erwägung, dass sich Kiani geirrt hätte. Doch plötzlich begann die Erde unter ihnen zu beben. Wellen hoben sich und zerrten am Schiff, dass es knarrte.
    "Was geht hier vor?!", riefen die Passagiere erschrocken.
Ein tiefes Donnergrollen drang aus den Tiefen des Meeres. Ein Unwetter? Erdbeben? Oder doch ein riesiges Ungeheuer, das sie bei lebendigem Leibe auffressen wollte?
Nein. Jemand sah, wie sich nicht weit von ihnen eine Insel aus dem Meer erhob. Sie hatte die Form einer riesigen Hand. So, als ob die Geister des Meeres selbst sie empor getragen hätten. Die Menschen trauten ihren Augen kaum. Das Mädchen hatte die Wahrheit gesagt. Sie waren gerettet. Sofort steuerte man darauf zu.
Ein sicherer Hafen leitete sie, umgeben von einem Bergkamm. Bäume und Büsche wuchsen an ihren Hängen. Im Tal, wo sie angelegt hatten, beschloss man, sich niederzulassen. Nun waren aller Augen auf die kleine Kiani gerichtet. Man dankte ihr von Herzen und der Fischer entschuldigte sich für die harten Worte. Sie allerdings wies sie ab.
    "Nicht ich habe uns hier hergeführt. Es waren die Geister des Meeres.", beharrte sie. "Sie haben uns in unserer Not ein neues Zuhause gegeben. Hier wird es genug zum Leben geben, solange wir das achten, das uns geschenkt wird. Diese Insel wird den Namen Elloria tragen."
Die Menschen stellten ihre Worte nicht infrage. Elloria. Dies würde nun ihr Zuhause sein.
Die beiden Kinder staunten.
    "Aber Großmutter. Das ist doch unsere Insel. Oder nicht?", fragte der Junge wissbegierig. "Elloria. Da leben wir doch."
Die alte Dame nickte.
    "Da hast du Recht, Keanu."
    "Heißt das, dass diese Geschichte damals wirklich passiert ist?"
Diesmal fragte seine Schwester. Ihre Augen leuchteten vor Begeisterung.
    "Auch das ist richtig, kleine Alani. Das ist der Grund, warum wir die Schildkröten als heilig betrachten. Weshalb unsere Kuhanii die Orte aufsucht, die den Meeresgeistern am nächsten sind. Ihnen und der jungen Kiani verdanken wir unser Leben und unser Heim."
Sie betrachtete ihre Enkel voller Stolz. Alani würde eines Tages zu einer Schönheit heranwachsen. Da war sie sich sicher. Und Keanu zu einem intelligenten und zielstrebigen jungen Mann. Sie beide hatten das Herz am rechten Fleck. Das konnte jeder im Dorf sehen.
    "Jetzt wird es aber höchste Zeit fürs Bett. Morgen ist ein neuer Tag.", entschied sie und gab beiden einen Kuss auf die Stirn.
    "Gute Nacht, Großmutter.", antworteten die Geschwister.
Sachte blies sie die Kerze aus und überließ sie ihren Träumen.