Nicht jedes Weihnachtsfest ist gleich

von JimsVow
KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
James "Jim" Moriarty Sebastian Moran
03.12.2019
03.12.2019
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Die wärmende Tasse mit dem Koffeingetränk in den Händen stand ich an der Küchenzeile gelehnt. Mein Blick starr geradeaus gerichtet, wo ich die kahlen, schwarz wirkenden, im Wind wiegenden Baumwipfel des Ecclestone Square Parks sehen konnte, ein leichter Nieselregen schlug gegen die Fensterscheibe. Mit der Tasse in den Händen ging ich in das angrenzende Wohnzimmer, mein Blick fiel auf den Brief von Lord Wellington.
Das schwere Papier war exakt gefaltet worden und lag deshalb im Zick-Zack vor mir, in ordentlicher Handschrift, mit dunkelblauer Tinte und den Familienwappen obenauf – Zwei Löwen hielten das Schild der Familie Wellington, welches im unteren Drittel mit Wellen geschmückt war, die eine obere Hälfte nahmen drei Tudorrosen ein und die andere war mit drei übereinanderliegenden Stoffballen geschmückt. Und als reiche das nicht aus, thronte obenauf noch ein Rittershelm, dessen Federbusch in schwarz und gelb gehalten war, anders wie der Rest der sich in einem rot, blau und etwas goldgelb zeigte. Alleine aus diesem Wappen ließ sich die ganze Geschichte der Familie Wellington zusammenfassen: Ursprung hatte die Familie in Sachsen, sie kamen als Händler über den Ärmelkanal nach England, wo sie sich als Stoffhändler einen guten Namen machten. Sie wurden später Lieferant des englischen Hofes, während der Tudor-Dynastie geadelt und durch ein glückliches Händchen haben sie es geschafft, sämtliche Epochen unbeschadet zu überstehen.
Nunja, jedenfalls beinhaltete der Brief eine Einladung zu einem Weihnachtsessen, für mich und einer Begleitperson. Letztes Jahr konnte ich mich noch irgendwie aus der Affäre ziehen, aber dieses Jahr – ich bezweifelte, dass der Lord eine erneute Absage so ohne weiteres hinnehmen würde. Aus der Anlage drang schon den ganzen Morgen ein Weihnachtslied nach dem Nächsten – am Anfang dachte ich, dass diese Art von morgendlicher Beschallung mir dabei helfen würde, wenigstens etwas wie Weihnachtsstimmung in mir hervorzurufen – aber Fehlanzeige. Dieses ganze Weihnachtsgehabe war doch nichts weiter als eine Farce, daraus ausgelegt, die Wirtschaft anzukurbeln und ein nicht vorhandenes Zusammengehörigkeits-Gefühl vorzugaukeln. Wieso sollte man einmal im Jahr so tun, als wäre alles okay – wenn es doch nicht der Wahrheit entsprach?! Und genau so etwas würde mich bei Wellington erwarten, die perfekte Weihnachts-Illusion.
„Wieso sollte ICH MIR DAS ANTUN?“, gab ich meine Gedanken lauter als beabsichtigt kund und stellte die Tasse Kaffee etwas zu rabiat auf den Tisch ab, sodass einige Spritzer nun die Tischplatte bedeckten. In diesem Moment überkam mich der Gedanke, die Tasse samt Inhalt von der Oberfläche zu fegen, aber die ganze Arbeit, die das nach sich ziehen würde, hielt mich zurück. Stattdessen holte ich ein Tuch, um die Kaffeeflecken zu entfernen.
Danach bekam der Brief von mir einen bösen Blick zugeworfen, ehe ich meine Aufmerksamkeit der Anlage schenkte, ungeduldig stellte ich einen anderen Sender ein, auf dem keine Weihnachtslieder liefen. Aber es dauerte nicht einmal eine Minute, da wurde ich bereits eines besseren belehrt, nachdem der Moderator fröhlich verkündete, dass er allen Hörer und dessen Familien Frohe Weihnachten wünsche. Diese Aussage machte mich so extrem wütend, dass ich schließlich die Anlage ausschaltete und mich damit begnügte aus dem Fenster zu starren, der Regen wurde draußen immer stärker.
Dennoch sah man die Leute vergnügt über den Gehweg laufen, viele hatten Päckchen in den Armen und etwa 90 % der Menschen da unten, waren nicht alleine unterwegs.  
„Geht das auch ohne dieses ganze Gehabe?“, ich vergrub für einen Moment meine Hände in den Haaren und stöhnte genervt.
Jimmy der mit überkreuzten Beinen auf den Sofa saß, hatte nur mit einem verständnislosen Ausdruck den Kopf schief gelegt, den er nun leicht zu schütteln begann.
Meine Gedanken gingen für etwa fünf Minuten auf eine Reise in meine Vergangenheit – jedoch unterbrach ich mich selbst.
„Das ist doch alles Unsinn.“, schimpfte ich und machte den Fernseher an. Ganz toll, auch da, auf jeden Sender, Weihnachtsfilme. Wie sie alle – wie man es nannte – im trauten Familienkreise – zusamensaßen.
„Ich werd´ noch bekloppt!“ Abermals vergrub ich mein Gesicht in den Händen. Jahrelang hatte ich es geschafft, den Weihnachtstrubel nicht an mich heranzulassen – aber etwas sagte mir, dass es dieses Jahr nicht ganz so einfach gehen würde. Mein Handy auf dem Glastisch gab ein leises Pling von sich, ich holte es zu mir, entsperrte den Bildschirm und sah eine Nachricht von Alexej auf den Bildschirm, was mir ein kurzes Lächeln abringen konnte. Aber als ich die Nachricht öffnete, verschwand es genauso schnell, wie es gekommen war.

    Mein lieber James,
    ich wünsche Dir – wie es in euren Kreisen so üblich ist – ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Genieße die freien
    Tage und höre auf, all diese Festlichkeiten zu verfluchen.
    Es ist sehr schade, dass Du mein Angebot, den Rest des Jahres bei mir zu verbringen abgelehnt hast. Aber ich rechne
    nächstes Jahr fest mit Dir! Du kannst es Dir noch überlegen. Wie Du weißt, feiern wir das neue Jahr sehr groß, in etwa
    wie Weihnachten bei Euch.
    Lass es Dir gut gehen.
    Dein guter alter Freund
    Alexej

Als ob ich jemals auf meinen „guten alten Freund“ hören würde, der kann doch Weihnachten feiern, wenn er unbedingt wollte, aber er sollte aufhören mich wie ein Kleinkind zu behandeln.
Verärgert durchsuchte ich lustlos mein Handy, blieb dann bei meinen Nachrichten hängen und fand weiter unten, den Namen meines Bodyguards und eigentlich bestens Mannes.
Es war fast schon gruselig, wie sich Sebastian Moran innerhalb weniger Monate zu etwas Unentbehrlichen für mich gemacht hat. Ich konnte es selbst nicht wirklich beschreiben, war es seine Anwesenheit, seine durchaus beachtlichen Fähigkeiten – was das Erledigen der Aufgaben anging – oder aber seine... Keine Ahnung. Auf jeden Fall bemerkte ich, wie er – wie auch immer er das anstellte – beruhigend auf mich einwirkte. Er war wohl der Einzige Mensch dem es gelang, mich aus meinem eigen konstruierten Abgrund zu holen – was schon so einige versucht hatten. Ohne Erfolg. Mein Finger verharrte etwas über den Namen Sebastian M., sein Konaktbild mit den nur halbherzig gebändigten blonden Haaren, dazu diese grau-blauen Augen und das selbstsichere Grinsen, um den Hals seine Marke, aus den Army-Zeiten.
Den Blick durch das Zimmer schweifend, blieben meine Augen an dem Esstisch hängen, genauer gesagt, an dem Brief. Über den Fernsehbildschirm flimmerte gerade ein alter Weihnachts-Zeichentrickfilm, von drei Freunde, die zusammen einen Weihnachtsbaum im Wald aussuchten. Ich kannte diesen Film, letztes Jahr hatte ich in Russland gesehen, mit Alexej, wahrscheinlich ließ ich ihn deshalb an. Auch wenn mich die Kombination der Freunde, damals wie heute, etwas fragwürdig erschien.  Auch wenn die Kombination der Freunde etwas fragwürdig war. Dennoch hielten mich die wenigen Minuten, die der Film nur dauerte, in seinem Bann. Bis die Freunde zusammen um den geschmückten Baum saßen und Tee tranken. Irgendwie versetzte es mir einen Stich, die Drei so zusammen zu sehen.
Einen Impuls folgend öffnete ich nun doch den Nachrichten-Verlauf mit Sebastian, in letzter Zeit hatten wir wenig von einander gehört, aber wieso auch, es gab gerade nichts zu tun und ich konnte ihn nicht ständig in Beschlag nehmen. Auch wenn das manchmal gut getan hätte, wie ich da in meiner selbstgeschaffenen Dunkelheit saß... Naja, doch diesmal tippte ich eine Nachricht, stoppte mittendrin, aber nicht, weil ich nicht wusste, was ich schreiben sollte. Eher weil ich daran denken musste, dass er möglicherweise beschäftigt war.
Zweifel! Oh verdammt, ich hasste es, das würde noch mal mein Tod sein.
An manchen Tagen, kannte ich so Etwas gar nicht, und dann gab es Momente wie diese, wo einfach nichts einen Sinn zu machen schien.
Ach was. Ich verließ den Chat und scrollte durch die Kontaktliste und führte das Telefon langsam ans Ohr, während das vertraute Tut-Tut in mein Gehör drang. Ungeduldig wartend, dass der Angerufene endlich das Telefon zur Hand nahm, trommelte ich mit meiner freien Hand auf die Sitzfläche neben mir und atmete beruhigend aus. Nach einer Minute gefüllt von dem ständigen Tuten legte ich auf, ärgerte mich über den Anruf und dass ich so dämlich war, die Nummer zu wählen.
Im Fernseher lief gerade die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens – in der Schule hatten wir die so oft gelesen – während ich dabei zusah wie Mr. Scrooge keinen Penny für das Armenhaus spenden wollte, griff ich nochmals zu meinem Handy und rief erneut die Nummer an.
Nervös kehrte ich dem gemütlichen Sofa den Rücken und ging hin und her, während ich auf die Annahme des Anrufs wartete. Ich ließ das Telefon etwa eine Minute klingeln, ehe ich auflegte, nur um augenblicklich nochmals anzurufen.
Irgendwann würde Moran ja wohl ans sein verfluchtes Handy gehen und wenn es sein musste, dann würde ich ihn so lange nerven bis er endlich abnahm. Tatsächlich dauerte es nach meinem Entschluss nur Sekunden, als auch schon die Stimme Sebastians am anderen Ende erklang:
„Jim.“ Unbewusst atmete ich tief aus, es war schon komisch, welch eine Auswirkung der Klang dieser vertrauten Stimme auf mich hatte, augenblicklich gelang es mir die innere Unruhe zu besänftigen, die mich, seitdem ich den Brief gesehen hatte, erfasst hat. Für einen Moment musste ich darüber nachdenken, wie ich mein Anliegen am besten vorbringen würde.
„Sebastian.“, war der Beginn des Gesprächs, die Pause nutzte ich zum Luft holen, „Ich habe heute Abend einen Auftrag für dich.“  
„Um wen geht es diesmal?“, dieser euphorische Ton der bei diesen Worten in Morans Stimme mitschwang, zauberte mir ein begeistertes Lächeln auf die Lippen. Genau so jemanden, mit diesem Arbeitseifer hatte ich gesucht und in ihn gefunden.
„Es ist ein spezieller Auftrag. Einzelheiten verrate ich dir dann. Sei pünktlich.“ Gut damit war eigentlich alles gesagt und ich tippte auf den roten Hörer, das Telefon in der Hand haltend lächelte ich noch immer. Die Idee, Sebastian Moran mit auf diese vermaledeite Feier zu nehmen, war grandios. Er gab einen perfekten Bodyguard ab, aber auch als Begleiter hatte er durchaus Potential. Auch wenn er noch nichts von seinem Glück wusste, aber er war vorbereitet, zumindest hatte er kein Wort darüber verlauten lassen, dass er etwas geplant hatte.
Weitere Informationen würde ich ihm später zukommen lassen. Es war eine einfache Sache, nicht alles auf einmal preiszugeben. Auch wenn ich eigentlich Vertrauen in das vorhandene Sicherheitssystem hatte, so war ich nicht gänzlich überzeugt. Vor einem Hackerangriff war man nie sicher, genau so wenig, wie vor unfreiwilligen Zuhörern. Die genau wie ich, immer ein Weg fanden, um an ihrer Informationen zu gelangen.  
Ich setzte mich wieder auf das Sofa, schaltete durch das Programm, wo natürlich überall die Weihnachtsstimmung dominierte.
Schlussendlich ließ ich mich von einer Übertragung des Weihnachtsoratoriums berieseln. Obwohl in meinen Kopf schon der heutige Abend Gestalt annahm. Im Grunde verliefen diese Dinnerpartys immer gleich, aber dieses Mal, hatte ich jemanden an meiner Seite, der kein stumpfsinniges Gebrabbel von sich gibt. Könnte durchaus amüsant werden.

Zum Ende des Weihnachtsoratoriums, also nach etwa 60 Minuten fiel mir ein, dass ich wenigstens so nett sein, und Sebastian eine Uhrzeit zukommen lassen, sollte. Die Nachricht war rein informativ und wie immer stückelte ich die Informationen.

         17 Uhr. - JM

Eine weitere halbe Stunde ließ ich vergehen, ehe ich Moran den letzten wichtigen Punkt schickte.

         Taxi wird dich erwarten. - JM

Wenig später würde noch eine weitere Nachricht folgen. Doch erst einmal, musste ich mich dieser eklig schnulzigen Weihnachtsstimmung entziehen und schaltete alle Medien aus. Es kam eher selten vor, dass ich ohne eine Art von Beschallung, die mehr der Ablenkung diente, in meinem Appartment war.
Die Stille brachte in mir merkwürdige Gedanken hervor. So auch diesmal, ich saß am Tisch, neben mir der Brief von Wellington und obwohl ich vor hatte, die Termine aufzulisten, die noch in diesem Jahr anstanden, ging ich wieder auf Wanderschaft. Ich konnte es nicht aufhalten, alles fügte sich in meinem Kopf zusammen, wie ein Puzzle was endlich fertig gestellt werden wollte...

Sebastian und ich waren der Einladung von Lord Wellington gefolgt und befanden uns auf seinem Anwesen, außerhalb Londons.
Die ganze Gesellschaft war versammelt, das Essen wurde aufgetragen, schließlich wieder abgeräumt und wir gingen in einen Salon, um zu den gemütlichen Teil des Abends über zu gehen. Sebastian Moran war stets an meiner Seite und ich ließ meinen Blick bewundernd durch den Raum gleiten.
Es war ein wunderschöner heller Raum, mit einer faszinierend filligran gearbeiteten Stuckdecke. Die Wände waren bis auf einer Höhe von einem Meter, mit einer weiß goldenen Holztäfelung verkleidet. Darüber spannte sich eine in unterschiedlichen Goldfärbungen gehaltene Tapete, die immer wieder von vertikal laufenden Holzelementen unterbrochen wurde.
Passende zumeist helle Möbel und unzählige Sitzgelegenheiten zierten den Raum, in dem wir den Rest des Abends verbringen sollten. Die ganzen Dynastien der Familie Wellington war porträtiert worden und starrten achtungsheischend zu uns hinab.
In einer großzügigen Fensternische füllte ein riesiger Weihnachtsbaum mit passend goldenen Kugeln die freie Fläche, von irgendwoher drangen Weihnachtslieder zu uns.
Mein Inneres brodelte, als ich all diese festliche ausgelassene Stimmung, um mich herum wahrnahm und merkte, dass ich davon ein Teil werden sollte. Eine Unruhe ergriff von mir Besitz, meine Hände verkrampften sich, ich musste hier raus.
Während es sich alle gemütlich machten und sich auf den weiteren Abend freuten durchquerte ich mit Sebastian den Raum, der nur zwei Zugänge hatte. Einmal die Verbindung zum Esszimmer, mittels einer großen Flügeltür, eine unauffällige Tür in der Wand, die wohl dem Personal vorbehalten war, nun allerdings von einem Zweisitzer versperrt wurde und eine Balkontür.
Auf die wir uns nun zubewegten und über den weichen Teppich schritten. Es schneite und entsprechend lag eine weiße Schicht auf dem Geländer und den Boden des Balkons.
Eine Zeit lang standen wir nur schweigend da, sahen wie der Schnee leise vom Himmel fiel, alles schien so friedlich und passend zu diesem Abend, als ich auch die ersten Takte von „Stille Nacht“ vernehmen konnte. Kitsch!
„Ihre stille Nacht können sie haben.“, sagte ich leise in die Stille hinein, ohne den Blick von den Ländereien zu nehmen, die sich vor uns erstreckten. Sebastian drehte seinen Kopf zu mir, als wolle er etwas erwidern, tat es aber nicht und zündete sich stattdessen eine Zigarette an.
Nach zwei Minuten richtete ich meine Worte an den Mann neben mir:
„Bist du nicht auch der Meinung, dass sie alle eine stille Nacht verdient haben? Ein Heiligabend, den sie niemals vergessen sollten?“, bedeutungsschwer ließ ich die Worte seine Wirkung entfalten.
„Du meinst...“, richtete Sebastian das Wort, zwischen zwei Zügen an seiner Zigarette, an mich. Er stieß den Rauch über seinen rechten Mundwinkel aus, welcher sich schnell in der kalten Luft verflüchtigte. Aber dennoch lange genug anwesend war, dass ich die Nuancen seiner Zigarettenmarke vernehmen konnte – es war die gleiche Marke, wie im Sommer, als wir zum ersten Mal aufeinander trafen.
„Und ob!“ Entschieden nahm ich Sebastian die Kippe aus der Hand, nur um selber einen Zug davon zu nehmen, was mich leicht husten ließ, weshalb ich die Zigarette in dem frischen Schnee auf dem Balkonsims ausdrückte.
Von meinem Bodyguard kam nur ein verständnisvolles Nicken und während wir wieder hineingingen, beide mit etwas Schnee auf den Schultern und in den Haaren, merkte ich, wie Sebastian sein Jackett zurechtzog.

… Ach! Schwer gelang es mir, mich aus meinen Gedanken zu reißen. Das wäre auch noch eine durchaus wichtige Information für Moran. Ich langte zu meinem Smartphone, welches immer noch auf dem Couchtisch lag und tippte folgende Nachricht:

         Zieh dich vernünftig an. - JM

Am Fenster stehend, glitt mein Blick aus dem Fenster, über die Baumwipfel des Ecclestone Squares und hinauf in die grauen schnell ziehenden Wolken...

Keiner der Anwesenden beachtete uns, als wir wieder eintraten. Da aller Augen auf die des Lords gerichtet waren, der sich in der Mitte des Raumes aufgestellt hatte, alle Anwesenden um ihn herum, mit Kristallgläsern, welche mit Champagner gefüllt waren, in den Händen.  
„Meine lieben Freunde.“, begann die Rede und Wellington breitete seine Arme freudestrahlend aus, „Ich freue mi-“
„Champagner, Sir?“, vor uns trat ein Kellner mit einem Tablett, unterbrach somit meine Konzentration Wellington weiter zu folgen.
„Aber sicher doch.“ Mit einem leichten Lächeln, nahm ich ein Glas in die Hand.
„Für mich nicht, lieber ein Bier. Später.“, wehrte Sebastian das Angebot ab. Ein sichtlicher Affront für den Kellner, der mit einem letzten Blick auf diesen ungehobelten Kerl weiter seine Runde zog.
Während ich weiter, um die Leute herum, zu der geschlossenen Flügeltür ging. Niemand beachtete mich, alle lauschten den Worten des Gastgebers. Den steckenden Schlüssel herumdrehend, ließ ich ihn anschließend unauffällig in meiner Jacketttasche verschwinden. Ich wechselte noch einmal einen Blick mit Moran, der mich anscheinend nicht aus den Augen gelassen hatte und nun etwa in fünf Metern Entfernung zu mir stand. - Er machte seinen Job so gut. Und war in anderen Sachen sogar noch besser! - Ein Nicken und ich mischte mich in die Menge, während Sebastian in der hinteren Reihe blieb. Ohne Schwierigkeiten drängelte ich mich nach vorne, um dieser Rede besser beiwohnen zu können.
„... Wir sind heute hier zusammen gekommen – nicht nur, um zusammen den Heiligabend zu feiern, und ein gemütliches Miteinander zu verleben. - Auch um gemeinsam die Geburt Jesus´ zu feiern. Des...“
„Geburt!“, sagte ich laut genug, damit es jeder im Raum hören konnte, und trat zu Lord Wellington in die Mitte. Mit verdattertem Blick schaute mich der Lord an, als ich mich zu ihm gesellte.
„Geburt“, wiederholte ich, „das ist ein gutes Stichwort. Wie lange feiern wir diesen besonderen Tag schon? Richtig, seit mehr als 2000 Jahren. Bemerkenswert, wie dieser eine Mensch, solch einen Einfluss haben konnte, dass wir - im 21. Jahrhundert - noch den Tag seiner Geburt feiern. Ohne Frage, wahrscheinlich hat Jesus das verdient.“, sagte ich abwehrend und zuckte mit den Schultern.
Aller Augen waren auf mich gerichtet, doch ich sah niemanden an, mein Blick glitt nur oberflächlich an die Gesichter vorbei. Der Kellner hatte offenbar vergessen weshalb er heute anwesend war, denn auch er stand in seiner weißen Arbeitskluft wie angewurzelt da. Das einzige Gesicht was ich genauer erkennen konnte und wollte, war das von Sebastian Moran, der ein verstecktes Lächeln zur Schau trug.
„Aber wissen Sie, wo das eigentliche Problem hierbei liegt? Millionen von Menschen feiern heute die Geburt des Heilands, Erlösers oder wie auch immer der genannt wird.“, ich merkte, wie sich meine Worte verselbstständigten, ohne dass ich weiter darüber nachdachte.
„Doch wer feiert den Tod? Daran denkt heute niemand, oder?!“, niemand antwortete, weshalb ich augenblicklich fortfuhr.      
„Was doch schade ist. Heißt es nicht auch: Ehret die Toten. Denn im Ernst, wo wäre die Welt, wenn es nur Geburten und keine Tode geben würde. Die Erde, unser Planet, wäre übervölkert und wir würden uns am Ende gegenseitig umbringen. Stellen Sie sich das doch mal vor.“, ein diabolisches Lachen meinerseits.
„Aber ich schweife ab.“, die Schulter straffend, erkannte ich nun wieder einige Gesichter in der Menge.
„Wie Lord Wellington es so treffend formuliert hat, wollen wir nun unsere Gläser erheben. Ich trinke auf das Wohl aller hier im Raum.“ Während ich mein Glas hob, den Blick auf Sebastian gerichtet und ihm mit einem leichten Lächeln das Zeichen gab.
Eine schnelle Bewegung von ihm, indem er mit beiden Händen in das Innere seines Jacketts griff, zwei Automatikwaffen in den Händen hielt und augenblicklich begann diese auf die Menschenmenge abzufeuern.
In den ersten Sekunden, konnte niemand begreifen was passierte, während die Ersten zusammenbrachen. Dann brach das Chaos aus, die Leute schrien, rannten zur verschlossenen Tür, versuchten den tödlichen Kugeln zu entkommen. Aber es war unmöglich den gerichteten Schüssen, meines Bodyguards, zu entfliehen. Den besten Schützen der British Army. Niemand war sicher. Immer mehr der Anwesenden gingen zu Boden binnen weniger Sekunden.
Er ging gezielt zu den Leuten, die versuchten zu entkommen, richtete die Waffe meistens auf den Nacken. Einige packte er an den Haaren, damit die Kugel auch richtig platziert war. Feine Blutstropfen spritzten umher. Colonel Sebastian Moran eins mit den Handfeuerwaffen. Ein Bild für die Götter. Das regungslose konzentrierte Gesicht, er suchte sich sein Ziel, drückte ab und traf.
Etwas zerrte an mir, zuerst konnte ich es nicht zuordnen, bis ich mich für einen Moment, von den Geschehnissen um mich herum abwandte. Lord Wellington, klammerte sich, stetig an meinem Jackett zerrend, an mich.
„Wa... Was geht hier vor?“, seine Stimme zitterte, während seine Gäste, einer nach dem Anderen, tödlich getroffen, zu Boden ging. Mit einem Lächeln auf den Lippen, das Schreien der Leute nicht hörend antwortete ich ruhig:
„Es war ein Fehler, Mich zu einer Weihnachtsfeier einzuladen.“ Bedeutungsschwer legte ich den Kopf schief. Sah in die hellen Augen des Mannes, auf dessen Stirn sich Schweißperlen gebildet hatten.
Ein Blinzeln meinerseits und auf einmal sah ich die Person, die ich am meisten auf der Welt hasste! Es war, als hätte man mir einen Schleier von den Augen gerissen, den verfluchten Abend lang, habe ich nicht gewusst, was mich störte. Aber nun, wurde es mir klar. Er sah ihm einfach zu ähnlich!
„Sie sind wahnsinnig.“, wisperte der alte Mann zu meinen Füßen. Plötzlich war es verdächtig ruhig um uns. In meinen Ohren hallten die Schüsse, die bis eben den Raum erfüllten nach. Trotzdem konnte ich näher kommende Schritte vernehmen, die neben dem Mann zum Stillstand kamen, aber ich ließ den Lord nicht aus den Augen.
„Möglich.“ Das waren die letzten Worte, die Lord Wellington hörte, ehe ihm eine Kugel, von Moran das Leben nahm und er zusammenbrach. Genau wie all die anderen Elendsgestalten.
Ich richtete mich wieder auf, ließ meinen Blick durch den Raum gleiten, wo verteilt die Leichen lagen. Blutlachen breiteten sich aus und vergrößerten sich. Der schöne Salon.
„Saubere Arbeit, Sebastian.“, sagte ich anerkennend und stieß den Größeren an. Nickend wies ich zur Tür, wir stiegen über die leblosen Körper, als ich eine ungeöffnete Flasche Champus auf einen kleinen Beistelltisch sah. Einen kleinen Umweg nehmend, holte ich die Flasche, als noch ein Schuss abgesetzt wurde, ich wandte mich um.
Sebastian stand da, steckte gerade wieder die Waffe in sein Jackett, während die Flügeltür auf der Höhe des Schlüsselloches ein Loch aufwies, und er die Tür aufstieß.
„Den Schlüssel hätte ich gehabt.“ Mit der anderen Hand holte ich diesen hervor und hielt ihn Moran vor die Augen. Dieser lächelte nur, nahm mir das Stück Metall ab, um ihn in achtlos in den Raum zu werfen.
Wenig später saßen wir gemeinsam auf der großen Treppe im Foyer, Sebastian hatte sein Jackett abgelegt und gemeinsam ließen wir uns den Jahrgangschampagner schmecken.
„Frohe Weihnachten, Jim.“
„Fick dich.“

… Ein Klingeln riss mich aus meinen Gedanken. Ich musste einige Male blinzeln, ehe ich mir meiner Umgebung bewusst wurde. Noch immer stand ich am Fenster meines Appartments. An der Tür stand meine Vermieterin, die mir eine kleine Dose selbstgebackener Plätzchen vorbei brachte und fragte, wann meine Frau den komme, da ich ja wohl nicht vor hätte Weihnachten alleine zu verbringen. Ich wimmelte sie schnellstens ab, indem ich ihr erzählte, dass ich die Tage auf dem Land verbringen werde. Mit einem zufriedenen Lächeln, wünschte sie mir noch frohe Feiertage und ging dann wieder die Treppe hinunter.


Pünktlich ging ich vor die Tür, ich stand noch nicht einmal eine Minute draußen, als das Taxi mit Moran auf der Rückbank, vor mir zum Stehen kam. Er lehnte sich zu der Tür und öffnete sie von innen – ganz mein Mann:
„Guten Abend, Sebastian.“, sagte ich freundlich während des Einsteigens und schloss die Tür, woraufhin sich das Taxi augenblicklich in Bewegung setzte.
„Jim, was...?“
„Ich sagte doch ein Spezialauftrag. Du wirst mich als mein Bodyguard begleiten. Wir sind eingeladen, zu einem Dinner.“, erklärte ich Sebastian, der offenbar gerade damit zu kämpfen hatte, meine Worte zu verarbeiten. Schnell fuhren wir durch die Londoner Straßen, die Straßen- und Weihnachtsbeleuchtung warfen immer wieder ihre Lichter in das Wageninnere.
„Ein Dinner?“, wiederholte meine Begleitung meine letzten Worte vorsichtig. Mein Kopf schnellte in seine Richtung herum:
„Herrgott, Sebastian. Als mein Bodyguard solltest du dich nicht darüber wunder, deinem Boss mit Leib und Leben bei einem dieser lästigen Zusammenkünfte an diesem Abend – und ich verfluche den Heiligen Abend wirklich zutiefst - zur Seite zu stehen. Und mit dir ist es weniger langweilig.“, erklärte ich die ganze Situation, wobei ich meine Augen über Sebastians Outfit gleiten ließ.  
In seinem hellblauen Hemd, der schwarzen Weste, die ebenso schwarze Krawatte, der dunklen Hose – wie es aussah war es zwar nur eine Jeans, aber der Wille zählte – und darüber sein British-Army-Mantel, sah er doch ganz manierlich aus. Er hatte sich sogar bemüht seine Haare zu bändigen. Respekt. Ich hatte nicht wirklich erwartet, dass er sich entsprechend anzog.
„Ach und übrigens, du siehst...“, nach dem richtigen Wort suchend. Da ich Moran ja nicht das Gefühl geben wollte, dass ich von seiner Erscheinung durchaus beeindruckt war.
„... akzeptabel aus.“, schloss ich und richtete meine Aufmerksamkeit auf die vorbeiziehende Gegend. Innerlich freute ich mich wahnsinnig, dass Moran hier war und ich merkte auch seinen beruhigenden Einfluss auf mich. - Was hatte dieser Mann nur an sich?
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