Herz oder Kopf?

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
Harvey Specter Michael "Mike" Ross OC (Own Character) Rachel Zane
03.12.2019
07.12.2019
4
8455
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
»Miss Rickson, Sie kommen zu Pearson & Hardman. Herzlichen Glückwunsch«, sagte Prof. Giblin, streckte mir seine rechte Hand entgegen und drückte mir in meine linke sämtliche Unterlagen, die ich für mein anstehendes praktisches Semester brauchen würde. Ich bedankte mich bei ihm, nahm die Unterlagen an mich und drehte mich um. Als ich sein Büro verließ überkam mich ein kleiner Anfall des Grinsens. Ich wurde tatsächlich für Pearson & Hardman ausgewählt. Die beste Kanzlei die es in New York gibt, nein, vielleicht sogar die beste in den Staaten. Ich konnte mein Glück kaum fassen, hatte ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet, dass ich die Stelle bekommen würde. So viele Kommilitonen hatten sich dafür beworben und letztendlich wurde sich für mich entschieden. Ich lief an den anderen Kommilitonen vorbei, die noch darauf warteten zu erfahren, in welcher Kanzlei sie ihr praktisches Semester verbringen werden. Gleichzeitig beglückwünschten mich einige zu meiner Stelle bei Pearson & Hardman.

»Ach, Miss Rickson«, ertönte es aus Prof. Giblins Büro. Ich blieb auf der Stelle stehen und rief laut zurück. »Ja Prof. Giblin?«, gespannt lauernd, was er mir noch zu sagen hatte. »Ich habe ganz vergessen Ihnen zu sagen, dass Sie  bei Pearson & Hardman vorstellig werden sollten. Um ihre ersten persönlichen Sachen in die Kanzlei zu bringen und schon mal von den Angestellten dort wahrgenommen zu werden. Am besten noch heute, damit hinterlassen Sie einen ersten guten Eindruck. Ich werde dort anrufen und Ihr erscheinen anmelden«, erklärte Prof. Giblin und sah mich mit gesenktem Kinn erwartend an. Ich nickte nur zustimmend und verließ endgültig sein Büro. Es war gerade halb 11 vormittags, und eigentlich hatte ich für jetzt andere Dinge geplant, aber um Giblin nicht zu verärgern und vor allem um mir selbst einen Vorteil zu verschaffen beschloss ich, meinen Spint hier in der Uni auszuräumen und sämtliche Gesetzestexte und Unterlagen zu Pearson & Hardman zu verbringen. Während des Ausräumens bemerkte ich, wie schnell meine Arme voll waren und musste feststellen, dass ich es auf einmal nicht schaffen werde, alles in die Kanzlei zu bringen. Ich musste noch einmal herkommen und den Rest holen. Ich beschränkte mich also auf die wichtigsten und nötigsten Dinge, die ich an meinem ersten Tag sicherlich gebrauchen konnte.

Ich schleppte zwei riesige Stofftüten durch halb New York und hatte das Gefühl, dass mich jeder, der mir entgegenkam, anstarrte und dachte, mit mir stimmte etwas nicht. Plötzlich ertönte mein Klingelton und während ich versuchte, mein Handy aus meiner Jackentasche zu fischen fiel mir die Tasche mit meinen ganzen Manuskripten aus der Hand und verteilte sich in einem Radius von 2 Metern um mich herum. Fluchend nahm ich den Anruf entgegen und versuchte nebenbei, meine verteilten Manuskripte wieder aufzusammeln. »Ja hallo, Mam?«, sagte ich mit leicht genervter Stimme. »Hallo Schatz, na, wie ist es gelaufen? In welche Kanzlei kommst du?", fragte Mam neugierig und ich verkündete ihr mit Stolz, dass ich bei Pearson & Hardman anfangen werde. Nachdem ich mich von ihr beglückwünschen ließ und ich ihr versicherte, dass ich sie in den nächsten Tagen besuchen kommen würde, konnte ich das Gespräch beenden und mich auf meine verlorenen Blätter konzentrieren. Entgegen meiner Erwartung half mir sogar ein Passant dabei, dass nichts verloren ging und ich schnell wieder vom Boden aufstand.

Mittlerweile war es 12 Uhr mittags und ich war endlich vor dem Gebäude von Pearson & Hardman angekommen. Ich blickte das mehrere hundert Meter hohe Gebäude hinauf und war beeindruckt davon. Ich hoffte insgeheim, dass mein Schreibtisch mit Blick auf die Skyline von New York ausgestattet war, ehe ich in den riesigen Bürokomplex eintrat. Sowohl innen als auch außen wimmelte es nur von Menschen in Anzügen und Kostümen und mich überkam sofort ein Gefühl von angekommen-sein. Das war es, wofür ich all den Stress mit dem Jurastudium auf mich nahm, wieso ich so viele schlaflose Nächte hatte und vor den Gesetzen verzweifelte. Weil ich genau das wollte: eine von diesen Menschen sein. Ich meldete mich an einem Tresen, wo mehrere attraktive Frauen saßen und von dort aus Mandanten und Besucher im Gebäude herumlotsten. Ich meldete mich mit meinem Namen und sofort wurde mir mitgeteilt, wohin ich zu gehen habe und wo ich mich melden musste. Ich war fasziniert über die Organisation die hier herrschte, trotz der Menschenmassen die hier täglich hereinspazierten. Ich lief in Richtung der Aufzüge und stellte mich mit großem Abstand zu diesen auf. Es waren jeweils 10 Aufzüge auf der linken und rechten Seite. Ich wusste nicht, welche Türe sich als nächstes öffnete, weshalb ich mich in eine Personengruppe einreihte und mit dieser dann den nächsten freien Aufzug betrat. Sichtlich genervte Blicke trafen mich, als ich mit meinen beiden vollen Taschen am meisten Platz im Aufzug verbrauchte. Ich ließ mir nichts anmerken und stolperte nach einigen vielen Stops in einem der letzten Stockwerke aus dem Aufzug. Sofort überkam mich eine Helligkeit und Offenheit und blickte direkt auf die Skyline von New York. Beeindruckt von dem Ausblick lief ich gradewegs zu auf einen Empfang, an welchem eine dunkelhaarige Frau in in etwa meinem Alter telefonierend saß. Ich wartete ab, bis diese mit dem Telefonat fertig war bevor ich mich bei ihr meldete.

»Hi, ich bin Ava Rickson. Ich beginne hier nächste Woche mein praktisches Semester und wollte schon mal ein paar Sachen hierher bringen und mich vorstellen«, erklärte ich der Empfangsdame mit Freude. Diese hatte nur ein reserviertes Lächeln für mich über und bat mich, mich für einen Moment in einer kleinen Sitzecke niederzulassen und zu warten. Sie würde sich gleich um mich kümmern. Ich nahm also auf einem weißen Ledersofa Platz und sah mich etwas in der Gegend um. Es war ein reger Verkehr und ich beobachtete die Menschen, die hier auf und ab liefen. Immer wieder ertönte das Klingeln verschiedener Telefone und das Bimmeln der Aufzugglocke. Einige Minuten vergingen bis die Empfangsdame von einer Kollegin abgelöst wurde und endlich zu mir kam.

»Miss Rickson, ich wäre jetzt so weit, folgen Sie mir«. Ich folgte ihr strammen Schrittes und war gespannt, wohin sie mich führen würde.Wir kamen an einigen Büros vorbei, welche komplett verglast und einsehbar waren. Vor einem Büro machten wir Halt und ich las den Namen »Jessica Pearson«. Mir wurde klar, dass ich mich zuerst bei der Chefin persönlich vorstellen musste, ehe ich meine Sachen einräumen durfte. Das war auch nur logisch. Als Mrs. Pearson uns erblickte winkte diese mich mit einem Fingerzeig herein. Für ungefähr eine halbe Stunde war ich mit ihr in ein intensives Gespräch verwickelt in welchem klar wurde, was in diesem Semester von mir verlangt würde und welche Erwartungen sie und die Kanzlei an mich hatte. Für einen kurzen Moment zweifelte ich daran, ob ich diese erfüllen konnte, aber dann wurde mir klar, dass sie sich für mich entschieden hatten, weil sie sich sicher waren, dass ich den Erwartungen standhalten konnte. Am Ende des Gesprächs stand Mrs. Pearson auf, begleitete mich noch bis zu ihrer Bürotür und gab mir die Hand. »Auf eine gute Zusammenarbeit Miss Rickson und scheuen Sie sich nicht, mit Problemen und Unklarheiten zu mir zu kommen. Selbstverständlich stehen Ihnen auch meine Kollegen gern zur Seite«, machte sie mir klar und ich bedankte mich bei ihr. Ich hatte ein sehr gutes Gefühl für die anstehende Zeit und war mir sicher, dass ich hier viel lernen und an mir persönlich wachsen konnte.

Sofort nahm mich wieder die dunkelhaarige Empfangsdame in ihre Obhut und führte mich in einen Raum, in welchem mehrere voneinander abgetrennte Arbeitsplätze standen. Wir gingen zu einem freien Platz bei welchem sie mir erklärte, dass dies mein Arbeitsplatz für die nächsten 6 Monate sein wird. Sie ließ mich für einige Minuten erneut allein, damit ich mich in Ruhe einrichten und ankommen konnte.

»Wollen Sie einen Kaffee, Miss Rickson? Folgen Sie mir«, ich konnte nicht auf die Frage antworten und lief ihr einfach hinterher in eine der 3 Kaffeeküchen auf diesem Stockwerk. Ich war mir nicht sicher, was ich von dieser Dame halten sollte, wirklich freundlich war sie nicht. Zumindest konnte ich das bisher nicht behaupten, sie präsentierte sich sehr verhalten. Ob das Absicht war? Sehr wunderte mich das nicht, in den Kreisen der Anwälte und Kanzleien war so ein Verhalten meiner Erfahrung nach tägliches Geschäft.

»Ich bin übrigens Rachel. Tut mir Leid, dass ich bisher so kurz angebunden war, heute ist ein stressiger Tag«, entschuldigte sich die Empfangsdame, die ich ab sofort scheinbar Rachel nennen durfte. Sie erklärte mir, dass sie am Anfang die Distanz wahrt, um nicht ins Visier der Anwälte zu geraten. Es wird nicht gern gesehen, wenn insbesondere am Anfang eine persönliche Ebene entsteht. Wir unterhielten uns gut und Rachel beantwortete mir einige meiner Fragen, die ich nicht Jessica Pearson stellen wollte. Sie führte mich in der Kanzlei herum und erklärte mir die einzelnen Abteilungen, auf was ich achten und von wem ich mich besser fernhalten sollte. Wir kamen an einem Büro vorbei in welchem ein dunkelblonder Mann um die 40 an seinem Schreibtisch saß. Er starrte angestrengt auf Unterlagen die auf seinem Schreibtisch lagen, blickte von dort auf in meine Richtung, wo sich unsere Blicke trafen. Seine dunklen Augen und sein neutraler Blick fesselten mich. Ich umgriff meine Kaffeetasse fester, löste den Blick peinlich berührt und lief mit Rachel weiter.

»Wer ist das? In diesem Büro?«, fragte ich Rachel, während wir unsere Runde fortsetzten.
»In dem Büro eben? Das war Harvey Specter. Der beste Anwalt bei Pearson & Hardman und mit Vorsicht zu genießen. Aber mit ihm wirst du eher weniger in diesem halben Jahr zutun haben, also mach dir um den mal keine Sorgen«, entgegnete sie mir. Sie musste es ja wissen, also beschäftigte ich mich nicht weiter damit. Nachdem wir unsere kleine Führung beendet hatten kehrten wir wieder in der Kaffeeküche ein und kamen von Unterhaltungen die meine zukünftige Arbeit betrafen schnell zu unserem persönlichen Leben, da wir uns sehr sympathisch waren.

Kurze Zeit später hörten wir, wie jemand die Kaffeeküche betrat. Wer das war konnten wir nicht sehen, da wir mit dem Rücken zur Tür saßen.

»Rachel, was machen Sie hier? Haben Sie keine Arbeit zu erledigen?« fragte eine dominante Männerstimme. Wir drehten uns beide wortlos um und sahen einen Mann an der Kaffeemaschine stehen. Es war Harvey Specter.
»Ich bin heute für die Einführung von Miss Rickson zuständig, Mr. Specter. Das ist mit Jessica abgesprochen«, sagte Rachel mit bestimmtem Ton. Harvey Specter blickte erstaunt zu Rachel, während er Milch in seinen Kaffee kippte. Ich war erstaunt darüber, wie Rachel mit diesem Anwalt sprach.

»Und, Miss Rickson. Wollen Sie sich nicht selbst vorstellen? Oder warten Sie darauf, dass Rachel das für Sie übernimmt?« entgegnete er in meine Richtung und blickte mich mit einem sarkastischen leichten Grinsen an. Ich merkte, wie meine Nervosität in mir aufblühte und mir auch die Schamesröte ins Gesicht stieg. Ich stand hektisch auf und blieb dabei leicht mit meinem Fuß am Tischbein hängen. Ich stolperte in seine Richtung, fing mich aber noch, machte ein paar Schritte auf Harvey Specter zu und gab ihm entschuldigend meine Hand.

»Natürlich, ich bitte um Verzeihung. Ich bin Ava Rickson, Studentin in Harvard und für die nächsten  Monate hier in der Kanzlei für mein praktisches Semester«, entschuldigte ich mich bei Mr. Specter und hoffte auf Welpenschutz. Er drückte mir kommentarlos die Hand während er mich mit musterndem Blick von oben herab ansah. Noch nie habe ich mich so klein und unwohl gefühlt wie in diesem Moment. Mir lief ein leichter Schauer über den Rücken. Mr. Specter brachte nur noch ein »Mhm« heraus, ehe er so unauffällig aus der Kaffeeküche verschwand, wie er hereinkam. Diese Begegnung war mit Abstand die seltsamste und unangenehmste, die ich bisher hatte und hoffte, dass die Zeit weniger beschämende Momente mit sich brachte. Rachel versicherte mir aber, dass dieses Verhalten durchaus normal für Mr. Specter war und ich mir wegen ihm keinen Kopf machen sollte. Das beruhigte mich etwas.
Review schreiben