Pernilles Heim für Kegelkinder

von CThomas
GeschichteRomanze, Familie / P16
02.12.2019
08.12.2019
7
19936
19
Alle Kapitel
30 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Vorbemerkung: Diese Geschichte spukte mir schon ein paar Wochen im Kopf herum, und musste jetzt unbedingt raus. Wie so oft in meinen Geschichten geht es auch hier wieder um körperliche Beeinträchtigungen und um Menschen, die anders sind und deswegen von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Inspiriert ist die Geschichte von meinem Urlaub auf einer dänischen Insel, wo ich einen Hof, wie ihn Pernille bewohnt, im Original-Zustand (samt Einrichtung) besichtigen durfte und einiges an Infomaterial über die Frauen, die diese Höfe alleine bewirtschafteten, solange der Mann auf See war, erhielt.


~~~~


Der Geruch nach Aal und Rüben passte nicht zu dem festlichen Anlass, zu dem Arvid Roslyng geladen hatte. Der Gast am Tisch rührte sein Essen gar nicht an, während Pernille den ungeliebten, geräucherten Fisch auf dem Teller hin und her schob und nur winzig kleine Bissen davon verzehrte, möglichst ohne zu kauen. Sie hasste den Geschmack von Aal, seine Konsistenz, einfach alles. Das Räuchern machte es dabei kein Stück besser, eher noch schlimmer.
»Bitte«, sagte Henrik, ihr Gast, »ich war furchtbar betrunken. Ich wusste nicht, was ich tat.«
»Pernille ist eine gute Köchin und eine große Hilfe rund um den Hof«, warf Ylvi, Pernilles Mutter, ein, und nickte bekräftigend mit dem Kopf.
»Ich will sie nicht heiraten. Bitte, entbindet mich von jenem unseligen Versprechen, ich flehe euch an, Arvid und Ylvi! Ich war nicht Herr meiner Sinne.«
Die Stille nach diesem Ausbruch ehrlicher Verzweiflung wog schwer, noch schwerer als der Geruch nach Aal und Rüben.
»Darf ich aufstehen, Vater?«, fragte Pernille und schob den Teller zur Tischmitte.
»Nein«, antwortete er und wandte sich dann an Henrik: »Du wirst sie heiraten, du hast es versprochen, Trunkenheit hin oder her. Denk an die Vorteile, mein Junge. Dein Hof ist versorgt, wenn du auf See bist. Und ... und ...«
Arvid brach ab, offenbar fiel ihm kein anderes Argument mehr ein.
»Pernille ist auch eine sehr gute Köchin«, wiederholte Ylvi und lächelte ihrer Tochter zu. »Wir wissen sie gut untergebracht bei dir, lieber Henrik, und es ist uns angenehmer, sie in der Nähe zu haben, als weit fort auf dem Festland in einem Kloster.«
Die Nonnenklöster können sich nämlich vor Novizinnen kaum retten und verlangen deswegen eine stattliche Spende von der Familie der Neuanwärterin, fügte Pernille in Gedanken hinzu. Geld, das wir nicht haben. Da ist Henrik Ankergren die bessere Alternative.
»Ich bin bereits verheiratet«, murmelte Henrik und schob den unangetasteten Teller ebenfalls zur Tischmitte.
»Du bist verwitwet, mein Sohn«, erklärte Arvid sanft und tätschelte seinem Gast auf den Unterarm. »Es tut uns natürlich sehr leid, was mit Kristine und den Kindern passiert ist, aber du hast mir etwas versprochen, das du auch halten musst. Ich bestehe darauf.«
Pernille sah den Schmerz, der ihn durchzuckte wie ein Peitschenhieb. Henrik hatte seine Kristine geliebt, von Herzen und seit jeher. Jeder auf der Insel wusste das.

Ungefähr drei Wochen war er auf See gewesen, als Ende März ein Schiff im Hafen anlegte, um Handel mit Tee, Tabak und Gewürzen zu treiben. Der blasse Matrose auf Landgang, der Kristine einen Topf Honig abgekauft hatte, starb nur Stunden später an einem plötzlichen Fieber. Innerhalb weniger Tage breitete sich die Krankheit auf die Besatzung aus, und auch Henriks Frau blieb nicht verschont. Sie verschied keine volle Woche nach dem Seemann, ihre vier Kinder folgten der Mutter alsbald in den Tod. Einen Monat nach dem verhängnisvollen Honigkauf waren 78 Menschen erkrankt, woraus 31 neue Gräber auf dem Friedhof resultierten. Kristine und ihre Kinder waren im April die ersten gewesen, der alte Erik vom Südheidehof Anfang Juli der letzte.
Die Mannschaft, die dann in der dritten Septemberwoche von Bord des Walfängers ging, bestand hauptsächlich aus Witwern. Nur wussten sie das in diesem Moment noch nicht. Pernille stand mit ihren Eltern am Pier und beobachtete die irritierten Mienen all der Seeleute, die in der Menschentraube vergeblich ihre Lieben suchten. Jene Heimkehr war die traurigste, die Pernille jemals erlebt hatte. So tiefe Trauer, so viel Leid und Tränen. Henrik hatte es am schlimmsten getroffen. Nicht nur Kristine und die vier gemeinsamen Kinder, auch seine Eltern, eine Schwester, ein Neffe und der Knecht des Hofes waren dem Fieber erlegen. Ein Schwager und ein Bruder Henriks hatten die Tiere übernommen, sodass er in ein vollkommen leeres Gehöft zurückkehrte, das kein atmendes Wesen mehr beherbergte, das einzig und alleine aus Erinnerungen zu bestehen schien.
Die Gemeinde der Insel Frømdaal hatte in jenen furchtbaren Wochen des Jahres 1785 wichtige Mitglieder verloren. Der Lehrer der Dorfschule, der Organist, der Kommandant der Feuerwehr und die Hebamme waren der Epidemie zum Opfer gefallen und rissen mit ihrem Tod große Lücken in die Gemeinschaft. Gunnar Vindinge, der Bürgermeister, hatte mit dem nächsten Schiff einen Brief aufs Festland geschickt. Darin bat er um Hilfe, und um die Entsendung eines Lehrers und einer Hebamme, die dringend gebraucht wurden. Doch bis zu jenem Abend, an dem Pernille verlobt werden sollte, hatte es noch nicht einmal eine Antwort gegeben.
»Ihr wollt euch nur meinen Hof unter den Nagel reißen«, zischte Henrik und stand auf. »Die Gier der Roslyngs kennt keine Grenzen, ist es nicht so?«
»Nein«, entgegnete Arvid ruhig. »Wir möchten unsere Tochter versorgt wissen, wenn wir nicht mehr auf der Erde wandeln. Der Tod kann schnell kommen, und wer wüsste das seit dem Frühjahr besser als die Bewohner dieser Insel?«
»Ich will nicht!«, schrie er und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Such dir einen anderen, der sie durchfüttert, Roslyng!«
»Aber sie ist wohlerzogen, arbeitet hart und ist eine gute Köchin«, wandte Ylvi ein. »Genau wie Kristine auch.«
»Kristine war liebreizend und hübsch anzusehen«, entgegnete Henrik und schenkte Pernille einen verächtlichen Blick.
»Darf ich bitte aufstehen?«, fragte sie und räusperte sich, um die Enge im Hals loszuwerden, die Sprechen und Atmen so schwer machte.
Sie wusste, dass diese Angelegenheit nur noch schlimmer werden konnte, wusste, dass Henrik sie nicht leiden mochte, und alles unternehmen würde, um sie nicht heiraten zu müssen.
»Nein, Tochter, du bleibst sitzen. Immerhin ist das hier ein Abendessen anlässlich eurer Verlobung«, sagte Arvid und legte ihr die Hand auf die Schulter.
»Wie viel Geld willst du?«, fragte Henrik. »Oder soll ich dir den Hof gleich ganz überschreiben?«
»Du kannst dich nicht aus deinem Eheversprechen herauskaufen, mein Junge. Das lasse ich nicht zu. Du wirst sie heiraten, und ich schlage vor, wir erledigen das noch vor Weihnachten.«
»Ich war betrunken.«
»Davon habe ich nichts bemerkt«, entgegnete Arvid kühl.
»Du lügst, Roslyng! Du lügst mir ins Gesicht, nur um deine grässliche Brut endlich unter die Haube zu bringen! Du hast meine Trauer ausgenutzt, mich abgefüllt und mich so lange bearbeitet, bis ich zugestimmt habe, dieses übrig gebliebene Mannweib zu heiraten, die Vogelscheuche von einer Tochter, die du da aufgezogen hast!«
Pernille starrte auf ihren Schoß, betrachtete ihre dicken, kurzen Daumen, die, wie alles an ihr, zu breit und zu kurz zu sein schienen. Sie war nur ein bisschen größer als ein zehnjähriger Schiffsjunge, aber genauso stämmig wie ein alter Müller, besaß mehr Bauch als Brust, kräftige Oberschenkel, dicke Knöchel und kleine, stumpfe Wurstfinger. Ihr Gesicht wirkte wie grob geschnitzt, schmale, tief liegende Augen unter wulstigen Brauen, eine breite, höckerige Nase und ein fleischiges Kinn. Die kreisrunden, kahlen Stellen auf dem Kopf, die die Haarsträhnen wie Inseln im Meer wirken ließen, bedeckte sie mit einem Tuch. Tatsächlich war sie dazu übergegangen, die Haare abzuschneiden, da ihr die dünnen, strohigen Strähnen, die nichts verhüllen konnten, trauriger erschienen, als überhaupt keine Haare zu haben. Pernille war klein, dick, fast glatzköpfig und schon längst eine alte Krähe, ein Besen, die hässliche Hexe von Kristiansjø. Es wunderte niemanden, am wenigsten sie selbst, dass sich nie ein Heiratskandidat für sie gefunden hatte. Weder ihre Kochkünste noch ihre angenehme Singstimme würden daran etwas ändern, auch wenn Ylvi es allen heiratsfähigen Burschen auf der Insel bei jeder Gelegenheit erzählte.
»Ich weiß, wie ich aussehe«, sagte sie leise in die unangenehme Stille, die sich im Zimmer ausgebreitet hatte, und stand auf. »Du musst es mir nicht sagen. Ich habe mir meine sterbliche Hülle nicht ausgesucht. Sie ist das, was Gott mir gab.«
»Der Herr hat sich sicherlich etwas dabei gedacht«, ergänzte Ylvi und nickte bekräftigend. »Sie kocht wirklich gut und sie singt wie ein Engel, Henrik, wusstest du das? Wenn ihr verheiratet seid, kannst du auch all dein Vieh zurückholen. Pernille kümmert sich gerne um alle Stallarbeiten, ja, das tut sie, hat sie von klein auf gelernt. Sie sieht nicht so aus, aber sie hat ein schlaues Köpfchen und sie lernt schnell. Sie macht die Wäsche, die Tiere, den Garten, und Jeldrik Troelsgaard in Nylestaad hat sie in der Imkerei ausgebildet. Außerdem näht sie, häkelt, kann Netze flicken, sticken, weben, spinnen, alles, was eine Bauersfrau braucht.«
»Das ist mir egal. Ich will sie nicht«, sagte Henrik und verschränkte die Arme vor der Brust.

Pernille senkte den Kopf, zupfte ihr Kopftuch zurecht und ging zur Tür. Schon einmal hatte Henrik sie brüsk zurückgewiesen, acht Jahre zuvor, bei einem Fest der Kirchengemeinde. Eine kleine Kapelle hatte zum Tanz aufgespielt und eine Runde Damenwahl ausgerufen. Sie nahm all ihren Mut zusammen und trat zu einer Gruppe junger Männer, die am Rand der Tanzfläche standen und den Trubel beobachteten.
»Darf ich um diesen Tanz bitten?«, fragte sie, an niemand bestimmten gerichtet, in der irrigen Hoffnung, einer der Burschen würde sich erbarmen.
»Nein«, antwortete Henrik. »Geh nach Hause, in den Schweinestall, wo du hingehörst, vielleicht tanzen die Schweine mit dir.«
»Ja, gut ... dann ... dann ... einen schönen Abend noch«, sagte sie und krallte die Hände in den Rock ihres Sonntagskleides. »Danke.«
»Herr im Himmel, ist die blöd! Bedankt sich, wenn man sie beleidigt!«, rief einer und ein anderer ergänzte: »Nicht nur hässlich wie die Nacht finster, sondern auch so dumm wie ein Laib Brot. Der arme Mann, der die mal heiraten muss.«
Pernille drehte sich um, ging nach Hause und besuchte nie wieder ein Fest.

Bei der Erinnerung an diese Zurückweisung stiegen ihr die Tränen in die Augen. Sie legte die Hand auf die Türklinke und sagte: »Ich gehe in den Schweinestall und tanze dort ein bisschen, wie es sich für einen so freudigen Anlass wie eine Verlobung gehört.«
»Pernille!«, schrie Arvid, doch sie ging, ohne ein weiteres Wort und ohne sich noch einmal umzudrehen.
Sollte er toben, es war ihr egal. Sie war mit mittlerweile 25 Jahren ohnehin alt genug, um ohne Erlaubnis das Haus verlassen zu dürfen, und sie würde sowieso nicht mehr lange hier wohnen. In wenigen Wochen, noch vor Weihnachten, musste sie zu Henrik ziehen, auf den Ankergren-Hof am anderen Ende der Insel, gleich außerhalb von Svaandinge, knapp drei Stunden Fußmarsch von ihrem Elternhaus entfernt.

Im Schweinestall kraulte sie Anna, die Muttersau, hinter den Ohren, setzte sich dann auf einen umgedrehten Eimer und flüsterte: »Ich will nicht behaupten, dass es in eurem Stall gut riecht, Anna, aber es ist besser als Aal und Rüben. Es war viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt hatte. Henrik verliert lieber den Ankergren-Hof an Vater, als mich zu seiner Frau zu machen. Er mag mich nicht einmal ein bisschen, und ich soll den Rest meines Lebens mit ihm verbringen.«
Von der Sau kam keine Reaktion, also verstummte Pernille und hing ihren Gedanken nach, die um die immer gleichen Fragen kreisten. Warum ihr die Haare ausfielen, warum sie so klein und dick und hässlich war, warum der Herr im Himmel sie so bestrafte.
»Es gibt keine Demütigung, vor der der liebe Gott nicht zurückschreckt, glaube ich«, flüsterte sie. »Hätte er mich doch wenigstens auch noch dumm gemacht, sodass ich mir nie Gedanken darum machen müsste, sodass ich nicht verstehen würde, dass die Menschen gemeine Dinge zu mir sagen.«
Wieder kam keine Reaktion von der Muttersau, also zuckte Pernille mit den Schultern und begann zu singen, das Schlaflied für die Schweine, das sie sich ausgedacht hatte.


Die Hochzeit am Vormittag des 16. Dezember fand im Familienkreis statt, außer den Eltern Roslyng war nur einer von Henriks Brüdern gekommen. Pernilles Geschwister wohnten schon lange auf dem Festland und waren zuhause nicht abkömmlich, die Reise auf die Insel im Winter außerdem zu beschwerlich.
Die Rede des Geistlichen, in der die Worte ›Trost‹, ›Stütze‹ und ›Gemeinschaft‹ lächerlich oft vorkamen, empfand die traurigste Braut, die die Gemeinde Frømdaal jemals erblickt hatte, als reinen Hohn. Fast hätte sie laut gelacht, als Pfarrer Pieterson von Liebe und Hoffnung sprach, von der Gnade und der Güte des Allmächtigen, der in seiner Weisheit jedem den rechten Weg wies. Doch Pernille beherrschte sich und trug eine ähnlich steinerne Miene zur Schau wie ihr Gemahl.
Von der Kirche aus ging es zum Haus der Familie Roslyng, wo Ylvi ein kleines Festessen vorbereitet hatte. Wieder gab es Aal und Rüben, diesmal aber gefolgt von einem Stück Haferkuchen und einer Tasse Tee. Arvid rauchte zur Feier des Tages eine Pfeife und wirkte erstaunlich vergnügt, während sein Schwiegersohn vor stillem Hass bebte. Alle Versuche Ylvis, ein Gespräch in Gang zu bringen, scheiterten kläglich, sodass sich Henriks Bruder bald nach dem Mittagessen verabschiedete.
Das anschließende Kuchenessen verlief ebenso in unheilvollem, angespanntem Schweigen. Pernille war nicht nach Reden zumute. Sie bemühte sich erfolglos, das Chaos aus Angst und Sorgen in ihrem Inneren zu sortieren und sich zu beruhigen. Auch im Gesicht der Mutter erkannte sie Gram und Kummer, was keinesfalls zu ihrer Ermunterung beitrug, sondern ihre Nöte noch verschlimmerte.
Sie hatten die Teetassen soeben ausgetrunken, als Henrik aufstand, sich gepresst für das Essen bedankte und einen guten Abend wünschte. Die Sonne stand bereits tief, die Tage waren kurz, die Nächte kalt, stürmisch und schier endlos.
»Geh!«, zischte Ylvi, als Henrik die Küche verließ, und Pernille noch wie versteinert auf dem Stuhl saß. »Geh schon, na los.«
»Ich will nicht«, flüsterte sie. »Ich habe Angst.«
»Du dummes, undankbares Weib!«, schrie Arvid, und all seine gute Laune war mit einem Mal verflogen. »Raus hier, oder ...«
»Es ist ganz normal, sich zu fürchten«, unterbrach Ylvi und streichelte Pernille über die Schulter. »Das geht beinahe jeder Frau so.«
»Wirklich?«
»Ja. Du hast es gut getroffen, da bin ich sicher. Er weiß, was zu tun ist«, antwortete Ylvi leise und öffnete die Arme für ihre Tochter.
»Aber er hasst mich, Mutter, aus tiefstem Herzen«, flüsterte Pernille und erhob sich langsam, flüchtete sich in die angebotene Umarmung.
»Das vergeht. Ihr werdet euch zusammenraufen.«
»Ich zähle bis zehn, dann reite ich los«, brüllte Henrik von draußen und Ylvi schob ihre Tochter zur Tür.
»Komm mich bald besuchen. Ich werde deine Hilfe sehr vermissen.«
»Ja, Mutter. Auf Wiedersehen«, flüsterte Pernille, ließ sich von ihrem Vater widerstandslos nach draußen führen und in den Mantel wickeln.

Der Ritt von Kristiansjø im Norden der Insel zum Hof der Ankergrens außerhalb von Svaandinge ganz im Süden dauerte etwas mehr als eine Stunde, die Pernille so lange vorkam wie ein voller Monat. Die letzten Minuten ließ Henrik das Pferd wegen der mittlerweile hereingebrochenen Nacht im Schritt laufen. Stockfinster und totenstill war es, eiskalt und stürmisch sowieso. Sie hatte sich an ihm festgeklammert, ängstlich bemüht, nicht herunterzufallen, unendlich erleichtert, als sie den Hof erreichten.
Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Finger waren taubgefroren und steif. Sie ächzte, als sie vor ihrem neuen Zuhause vom Pferderücken plumpste. Pernille empfand Dankbarkeit dafür, dass die Finsternis jenen uneleganten, mehlsackartigen Abstieg so höflich verschluckte, und sich Henrik den gehässigen Kommentar, der ihm sicher bereits auf der Zunge gelegen hatte, schenkte.
Er öffnete wortlos die Tür zum Haus und führte dann das Pferd um die Ecke in den Stall. Pernille stand für ein paar Augenblicke unschlüssig vor der offenen Haustür und wusste nicht, ob sie hineingehen sollte. Der eiskalte Wind und der einsetzende Schneefall nahmen ihr die Entscheidung recht schnell ab. Sie betrat die Diele, in der es so fremd und anders roch als zuhause. Sehen konnte sie kaum etwas, sie musste warten, bis Henrik aus dem Stall kam und eine Lampe entzündete. Zum Schutz gegen Schnee und Sturm schloss sie die Haustür und stellte sich an die Wand neben die Haken, an denen verschiedene Mäntel, Mützen und Schals hingen. Während sie wartete, ließ sie ihre Gedanken schweifen, in die Vergangenheit, die ihr sicherer und weniger schrecklich erschien als die Zukunft. Sie war bis zu diesem Tag nie im Hause der Ankergrens gewesen, auch nicht auf dem Nachbarhof, der gut fünfzehn Minuten zu Fuß in westlicher Richtung lag. Maren Bjarneson wohnte dort mit ihrem Mann Espen, den beiden Kindern und den Schwiegereltern. Pernille kannte sie aus der Schule in Horikjø, in der sie alle gemeinsam, in einem Klassenzimmer, unterrichtet worden waren. Maren gehörte zu den wenigen Menschen auf der Insel, die sie immer freundlich behandelt hatten. Wenn Pernille so etwas wie eine Freundin besaß, dann war es Maren Bjarneson, und dieser Umstand war das einzige, das sie als einen Lichtblick in jenen düsteren Tagen wahrnahm. Bei dem Gedanken an Maren und ihr liebenswürdiges, mitfühlendes Wesen musste sie lächeln, zum ersten Mal an diesem Tag. Es war schön, dass sie sich jetzt wieder öfter sehen würden, nicht nur dann, wenn Maren ihre Eltern in Horikjø besuchte.

Als sie am Vormittag ihr weniges Hab und Gut auf den Ankergren-Hof gebracht hatten, hatte sie kein Auge für das Haus und dessen Einrichtung besessen, zu groß und übermächtig war die Angst gewesen. Sie rief sich in Erinnerung, dass der Eingang einen Windfang hatte, in dem sie jetzt wohl stand. Das hieß, die eigentliche Diele befand sich hinter der Tür zu ihrer rechten. Schwere Schritte rissen sie aus ihren Überlegungen, der Schein einer Laterne kündigte einen Menschen an. Ihren Mann. Weiterhin hartnäckig schweigend ging er an ihr vorbei und öffnete die Tür zur Diele. Pernille folgte ihm und sah sich um. Rechts führte eine Tür in die Stallungen, in denen Kühe, Schweine und Hühner untergebracht waren. Die beiden Pferde, ein Kalt- und ein Warmblut, standen in einem zweiten Gebäude direkt nebenan, während der Stall für die Schafe und Ziegen an die Weide angrenzend gebaut war. Gegenüber der Eingangstür befand sich der Abgang in den Keller, linker Hand der Zugang zur Küche, von der aus man die Wohnräume erreichte. Henrik wandte sich nach links, Pernille folgte ihm.
Er stellte die Lampe auf den Esstisch und schichtete Holz auf die Feuerstelle, in der nur noch ein Rest Glut Wärme spendete.
Sie sah sich im Halbdunkel um. Der Raum war groß, tatsächlich war es die geräumigste Küche, die Pernille jemals betreten hatte. Der Tisch bot Platz für mindestens zehn Personen, es gab viele Schränke, mehr Stauraum, als ein Ehepaar brauchen konnte. Allerdings war die Einrichtung auch für eine Großfamilie ausgelegt, drei Generationen, die gemeinsam auf dem Hof wohnten und arbeiteten. Doch nun waren alle tot und ihre Aufgabe sollte es sein, das Haus wieder mit Leben zu füllen.
»Hier drin kannst du schlafen«, sagte er und deutete auf eine schmale Tür neben der Treppe, die in den Vorratskeller hinabführte.
Der Keller hatte also zwei Zugänge. Das ist praktisch, dachte Pernille, und erst dann wurde ihr bewusst, was er gesagt hatte.
Betont langsam drückte er die Klinke herunter und gab der Tür einen Stoß, sodass sie aufschwang.
»Das ... das ist die Kammer für die Magd«, sagte sie leise und sah Henrik ungläubig an.
Die Einrichtung war karg und zweckmäßig. Neben einer schmalen Bettstatt fanden nur eine kleine Kommode, zwei Haken mit vier Bügeln an der Wand und ein verblasster, abgetretener Flickenteppich in dem winzigen, fensterlosen Zimmer Platz. Um die Schubladen des Schränkchens zu öffnen, musste man sich auf das Bett setzen und die Beine anziehen, oder seitlich neben dem Möbel stehen, so beengt war der Raum.
»Ja. Die Kammer für die Magd«, antwortete Henrik, drehte sich um und verschwand durch eine weitere Türe in die Finsternis der hinteren Zimmer.
»In Ordnung«, flüsterte Pernille, nahm die Lampe vom Küchentisch und betrat die kleine Zelle, die ihr zugedacht war.
Sie stellte das Licht auf die Kommode, ließ sich auf das Bett sinken und sah sich um. Über der Tür war ein Brett befestigt, darauf standen eine Bibel und eine alte Stalllaterne. An einer Wand hingen ein Kreuz und ein Stickbild, das ein Boot auf dem Wasser und einen Vogel zeigte. Die Erschafferin dieses Werks war entweder sehr jung oder ziemlich unbegabt am Stickrahmen gewesen, doch Pernille wollte weder undankbar noch überkritisch sein. Es gab dem kargen Raum ein bisschen Heimeligkeit, und das war die Hauptsache.
»Mit ein paar Wiesenblumen in einer kleinen Vase kann es ganz gemütlich aussehen«, flüsterte sie, um sich selbst Trost zuzusprechen. »Wenn ich mir eine bunte Decke für das Bett häkle und einen neuen Teppich webe, wird das ein sehr hübsches Zimmer.«
Vorsichtig öffnete sie die oberste Schublade der Kommode und hielt inne, als sie lautes Poltern hörte. Langsam erhob sie sich, unsicher, ob sie die Ursache des Lärms suchen sollte. Das Geräusch eines kleineren Möbelstücks, das gegen eine Wand geschleudert wurde, gefolgt von einem wütenden Brüllen und einigen Schluchzern ließ sie dann aber innehalten. Sie setzte sich wieder auf das Bett und überlegte, ob sie die Türe verschließen sollte. Ging das überhaupt? Vorsichtig gab sie der Tür einen Stoß und atmete erleichtert durch, als sie den gebogenen Metallstab sah, den man am Türrahmen in eine Öse haken konnte.
Während sie zuhörte, wie Henrik tobte, all seinen Zorn in die Nacht hinaus brüllte und die scheinbar unbändige Wut an Möbelstücken ausließ, kamen ihr die Tränen. Pernille weinte selten, doch an diesem Abend, in ihrer Hochzeitsnacht, kam sie nicht dagegen an. So alleine, verlassen und zurückgewiesen hatte sie sich noch nie gefühlt. Ihre Verzweiflung, ihre Trauer, erforschten ganz neue, bisher unbekannte Tiefen.
»Ach, Kristine«, flüsterte sie und zuckte zusammen, als irgendetwas im Haus donnernd zu Bruch ging. »Ich wünschte, du wärst hier. Du warst eine so gute Frau für ihn, und er liebt dich so sehr.«
Sie hörte schwere Schritte näher kommen, sah das flackernde Licht einer Kerze. Schnell wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und stand auf. Er kam, um sie zu schlagen, zu misshandeln, vielleicht sogar, um sie zu töten, nur um der Wut Herr zu werden. Die Angst überfiel sie wie eine Sturmflut, die allen Stolz, jedes Stück Würde mit sich fortriss, bis nur noch ein Häufchen Elend zurückblieb.
»Bitte nicht«, flüsterte sie und hob schützend die Hände vor ihr Gesicht, als seine Gestalt im Türrahmen erschien. »Seid gnädig mit mir, Herr Ankergren, bitte!«
Statt einer Antwort knallte er ihr zwei Bündel vor die Füße, die sie als ihr Gepäck erkannte.
»Danke«, quetschte Pernille hervor.
Wortlos drehte er sich um und war so schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Sie erinnerte sich, dass die Mutter ihr Hab und Gut am Vormittag in die Schlafkammer gebracht hatte, ein ausgesprochen ungehöriges Verhalten, doch Ylvi war neugierig und wollte wissen, wie ihre Tochter fortan leben würde.

Abermals begann sie zu weinen und hörte nicht damit auf, während sie ihre wenigen Kleider in die Kommode räumte und auf die vier Bügel verteilte. Bis der Morgen dämmerte und sie endlich in den Schlaf fand, wollten die Tränen nicht versiegen, kamen immer wieder, so unbeherrschbar wie eine Sturmflut. Pernilles schützender Deich war gebrochen und es würde dauern, ihn zu reparieren.
Review schreiben