Schwarze Seelen

GeschichteAllgemein / P16
02.12.2019
22.12.2019
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Gellende Schreie hallten an dem steinernen Gemäuer des Turms wieder. Von außen krochen die eisigen, für jene Gegend unüblichen Winde durch die Felsenritzen und fielen in den Chorus ein. Abgesehen davon regierte befangene Stille den Palast, wartete mit angehaltenem Atem das sich anbahnende Ereignis ab, das unweigerlich ihrer aller Zukunft zeichnen würde.

Auch der Kaiser schwieg. Obwohl er in den Augen eines unvoreingenommenen Beobachters wie die Ruhe selbst gewirkt hätte, verrieten doch die kaum merklichen Zuckungen seiner Augenwinkel von seiner innerlichen Anspannung. Etwas beunruhigte ihn schleichendes Gefühl, welches seit des Beginns der Wehen an ihm nagte und das er dennoch nicht benennen konnte, egal wie sehr er sich auch den Kopf darüber zerbrach. Dabei gab es keinen nennenswerten Grund, weshalb er in diesem Vorzimmer ausharren sollte, nur um die längst fällige Niederkunft seiner Schwiegertochter abzuwarten, anstatt sich seinen weitaus dringlicheren Regierungsgeschäften zuzuwenden. Schließlich galt es Abkommen auszuverhandeln und Pläne für die Niederschlagung der Bauernaufstände im Süden auszuklügeln. Und dennoch klebte dieser leise Hauch des Unbehagens ihn wie Pech an den gepolsterten Stuhl, in dem er nun schon seit Stunden ausharrte.
Seine Gedankengänge wurden von einem erneuten Schrei unterbrochen, der ihm bis ins Mark fuhr. Er wandte den Blick ab und richtete ihn auf die hochgewachsene Gestalt, die ihm gegenüber an der anderen Seite des Tisches saß. Das Abbild seines eigenen, deutlich jüngeren Ichs sprang ihm entgegen, nur war es blass, vielleicht sogar ein wenig grün um die Nase und von einem Schmerz geprägt, als wäre er es, der gerade diese Höllenqualen durchstehen müsste. Noch nie zuvor hatte er seinen pragmatischen, so unerschütterlichen Sohn in einem solchen Zustand gesehen.

»Bedeutet dir dieses Weib tatsächlich so viel?« Von jeder anderen Person ausgehend wäre es eine taktlose, unverschämte Frage, doch er war der Kaiser. Er konnte sich es erlauben. Selbst – oder gerade – sein Sohn musste dies anerkennen, immerhin würde er womöglich in nicht allzu ferner Zukunft seinen Platz einnehmen. Deshalb war er auch milde überrascht, als Pelagius ihm nicht umgehend Rede und Antwort stand, sondern weiterhin mit gesenktem Blick ausharrte, bis er zu sprechen begann.

»Ich weiß, dass Ihr nicht viel von Qizara haltet, doch glaubt mir, wenn ich sage, dass sie mein Ein und Alles ist. Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie... wenn sie wegen mir stirbt.«

»Wegen dir?« Trotz der zum Reißen gespannten Stimmung stahl sich doch ein Schmunzeln in das vom Alter gezeichnete Antlitz von Uriel Septim, dem zweiten seines Namens. Er lehnte sich nach vor und faltete die knorrigen Hände, betrachtete seinen Sohn lange und aufmerksam.
»Dass ich von Anfang an Misstrauen gegen sie gehegt habe, sei dahingestellt«, sagte er schließlich. »Nun ist sie deine Frau, und als solche ist es ihre Aufgabe, nein, ihre Pflicht und ihr Privileg, dir und somit dem Kaiserreich einen Erben zu schenken. Ihr Tod wäre den Launen der Götter oder der Unfähigkeit der Hebammen zuzuschreiben, aber niemals dir, mein Sohn.«

»Habt Ihr euch dasselbe auch bei Mutter eingeredet?«

Einen Moment lang war es leise, sogar der Todeskampf, die jenseits der Pforte ausgefochten wurde, kam zum Erliegen. Der Kaiser sah seinen Sohn an und zum ersten Mal an diesem Tag schien dieser ihn bewusst zu erwidern. Es gab viele Worte, die darauf gesagt werden hätten können, bösartige und unumkehrbare Wörter, die sich wie Gift schon seit langer Zeit in den Herzen beider ablagerten, Vater und Sohn. Aber soweit kam es nicht. Die Flügeltüren öffneten sich im selben Moment wie Pelagius‘ Mund, doch die Hebamme, die auf der Schwelle erschien, war schneller.

»Es ist vollbracht, Eure Hoheit«, verkündete sie und der Kaiser war sich nicht sicher, an wen diese Kunde gerichtet war, an ihn oder seinen Sohn. Dessen ungeachtet erhoben sie sich beide; der Kronprinz sprang regelrecht auf, sodass der Stuhl beinahe nach hinten kippte und stürmte an der Frau vorbei in das Gemach, während Uriel sich schwerfälliger aufstemmte. Gemessenen Schritts, wie es einem Kaiser würdig war, folgt er seinem Sohn, aber im Gegensatz zu diesem ging er nicht ungeachtet an der Hebamme vorbei, sondern hielt kurz inne.

»Ist es ein Thronerbe?«

Die tiefen Mundwinkeln der mütterlichen Frau, die mit Sicherheit sogar älter war als er selbst, verzogen sich zu einem gutmütigen und unerschrockenen Lächeln.
»Die Götter haben Euch eine starke, gesunde Enkeltochter zum Geschenk gemacht, Eure kaiserliche Majestät.«

Der Kaiser nickte, nicht vollends zufrieden, doch wissend, dass selbst er das Werk der Götter nicht in Frage stellen kann. Ein Mädchen war besser als eine Totgeburt, und auch eine Prinzessin konnte ihren Nutzen erfüllen, beschloss er, ehe er die Kammer betrat. Durch seine bloße Anwesenheit teilte sich die Menschenmenge, die sich um das große Bett geschart hatte und gab den Blick auf die abgemagerte Frauengestalt frei, deren zerbrechlicher Körper beinahe unter der schweren Daunendecke verschwand und die sich dennoch wie eine Ertrinkende an das kleine Bündel in ihren Armen klammerte. Zuerst schien sie ihn nicht wahrzunehmen, doch als sein Schatten sich über sie legte und sie zu ihm aufschaute, sah er Furcht in den Augen seiner Schwiegertochter aufblitzen. Doch der Kaiser gab ihr mit einem kaum merklichen Kopfschütteln zu verstehen, dass sie von ihm nichts zu befürchten hatte. Er würde ihr das Kind nicht wegnehmen. Das würde später eine Amme tun, auch wenn sie es noch nicht wusste und vorerst erleichtert aufatmete, ihm sogar ein rares ungezwungenes Lächeln schenkte, was sie ihm gegenüber seit der Vermählung mit seinem Sohn nicht mehr getan hatte. Dann endlich streifte sie den Stoff beiseite und offenbarte ihm ein rosiges Gesicht, aus dem ihm zwei ungewöhnlich helle Augen entgegenstrahlten, leuchtend wie die Sterne am Firmament und klar wie das Eis, das weit im Norden über das Geistermeer trieb.

»Sie ist wunderschön, nicht wahr?«, flüsterte Qizara mit heißerer Stimme und streichelte zärtlich über den Haarflaum auf dem Kopf ihrer Tochter. Der Kaiser nickte wortlos, nicht vor Entzücken oder Bewunderung bewegt, sondern von einem Anflug einer vagen Vision, die ihn überwältigte. Vor seinem inneren Auge sah er vieles und nichts, aber ein Eindruck blieb.

»Wie eine Wölfin, die zum Sprung ansetzt«, murmelte er und blinzelte verwirrt, als das Bild in seinen Gedanken verschwamm. Er hob den Kopf und taxierte misstrauisch seine Schwiegertochter, deren müden Lächeln sich jedoch nichts anmerken ließ. »Habt Ihr schon einen Namen für das Kind?«

»Potema. Ein bretonischer Name, nach meiner Mutter. Seid Ihr damit einverstanden?«

Obwohl er nicht mehr das schärfste Gehör hatte, nahm er doch den leisen Spott wahr, den einzig und allein ihm zugedacht war. Es war der Schlag ins Gesicht, den sie ihm zweifellos schon seit einer langen Zeit zu verabreichen trachtete, aber er gedachte nicht, sich dadurch aus der Fassung bringen zu lassen. Natürlich könnte er seine Autorität spielen lassen und seiner intriganten Schwiegertochter eine Schmähung ins Gesicht schmettern, jedoch nicht ohne sein eigenes zu verlieren. Nein, dies war kein Tag für Zwist oder Uneinigkeit. Wenn diese Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte, seine Enkeltochter nach irgendeiner lang verstorbenen Hexenkönigin aus einem fernen Land zu benennen, dann sollte sie ihren Willen haben.
Ein Name macht noch lange keinen Menschen. Dafür würde er sorgen.

Ohne einen weiteren Blick auf den Säugling zu werfen gab er mit einem bedächtigen Nicken sein Einverständnis. »Potema also. So soll es sein.«
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