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a million stars above us

von solism
Kurzbeschreibung
SammlungFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
OC (Own Character)
02.12.2019
21.08.2020
6
12.325
1
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
25.12.2019 5.359
 
someone great
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„Wochen-Challenge“ von „Sira-la“




Schnee war kalt, so eisig kalt. Schnee war zart, klein und schwach – vor allem schwach – und es schmeckte nach altem Regenwasser, welches seine Eltern stets eifrig mit einer Regentonne aufzufangen versuchten, damit sie zumindest etwas Kochwasser für die immer wieder kehrende Winterzeit hatten. Schnee war nichts von Dauer, nichts Besonderes. Es war etwas, was er nur vom Hören und Verstehen kannte, denn in Bonita wäre Schnee der Ausnahmezustand aller Ausnahmeregelungen schlechthin, den die Natur hervorrufen könnte.

Devon Carpenter hatte sich nie etwas daraus gemacht; im Gegenteil sogar, er fand es gut – außerordentlich gut –, wenn die winterlichen Temperaturen nur selten unter die Zehn Grad-Marke gingen, denn das wiederum bedeutete, dass sie viel an Heizkosten einsparen konnten. Früher hatte er sich den Schnee herbei gesehnt, als sei es etwas Heiliges, das nur gute Kinder zu Weihnachten bekämen. Mehrere Jahre später war er von diesem Irrglauben befreit worden. Er dachte, dieses dumme Geschwätz wäre für immer aus seinem Leben verbannt, doch Marlon, sein kleiner Marlon –

„Devon, bis du fertig mit der Abstellkammer?“ Der Kopf seiner Mutter ragte unter dem Türrahmen hervor und ihre müden Augen untersuchten besagte Kammer nach jedem noch so kleinen Anzeichen von Faulheit. Sie wurde nicht fündig.

Devon erwiderte ihr Lächeln. „Wie lautet Euer Urteil, Frau Richterin?“

Nachdem sie ihre Arme in die Hüften gestemmt hatte, schüttelte sie den Kopf, aber ihr Lächeln blieb ihm erhalten. Es war so schön zu wissen, dass er seiner Mutter eine Hilfe sein konnte, auch wenn sich seine Hilfsbereitschaft lediglich auf einfache Putzarbeiten beschränkte. Er wollte sich nicht beklagen – um Gottes Willen, selbst die wenigen Dollar mehr konnten ihnen ein besseres Weihnachtsessen als die Hühnersuppe aus der Dose bescheren –, aber er hätte sich gewünscht, seiner Familie etwas Unbeschwertheit schenken zu können. Zumindest dieses Jahr. Vor allem dieses Jahr.

Nach einem kurzem Schweigen gab sie ihm endlich ihren Segen.

„Hast du sehr gut gemacht, Schatz.“

Ein letztes Mal wischte er mit seinem trockenen Lappen über die paar – hoffentlich nur angefeuchteten – Stellen im Regal, ehe er seiner Mutter in das nächste Zimmer folgte. Giulia Carpenter war eine aufopferungsvoller Persönlichkeit. Jeden Tag auf’s Neue kämpfte sie um das Wohlergehen ihrer vier Söhne, indem sie von Morgen bis Abend Mietapartments und Häuser, Wohnblöcke und Bungalows durchfegte, und dennoch war das Geld, welches sie sich dank schweren Schuftens erarbeitet hatte, nur für die nächsten paar Tage ausreichend.

Es war nie genug; nie gut genug.

Sobald Devon jedoch alt genug geworden war, um sich neben seiner Pflichtschulzeit auch etwas Geld dazu zu verdienen, putzte er wöchentlich die Schaufenster von den paar wenigen Läden, die San Pedro vorzuweisen hatte. An den festlichen Tagen bekam er freudigerweise sogar die Möglichkeit, seiner Mutter bei ihren diversen Putzaufträgen zu unterstützen. Reiche Familien hatten es schließlich nötig, ihre prächtigen Anwesen zur Schau zu stellen. Es kam überhaupt nicht infrage, dass sie zu den Festtagen kein blitzblank poliertes Marmor besitzen, wie könnten sie sonst vor ihren Nachbarn protzen?

Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, als sich der Gedanke – der von Hass durchtränkte Gedanke – so tief in ihn hineinzufressen anfing, dass er nicht einmal mitbekam, wie seine Mutter ihn anstarrte. Erst als sie ihm einen Bund klirrender Schlüssel direkt unter die Augen hielt, konnte er sich von der öden Traurigkeit seines Lebens losreißen, und er schreckte ertappt zusammen. Devon presste seine Lippen aufeinander.

Er wollte die Liste ihrer Sorgen nicht unnötig in die Länge ziehen.

„Entschuldige, was hast du gesagt, Mum?“

Sie klimperte mit den Schlüsseln. Er streckte seine Handfläche nach oben und im gleichen Moment spürte er auch schon das kalte Metall. Er blickte stirnrunzelnd zu seiner Mutter hinab. Er wusste nicht mehr, ab welchen Zeitpunkt er seine Mutter überragt hatte; die Zeit verging so rasend schnell, wenn man von seinen Problemen vereinnahmt wurde.

Seine Mutter überging seinen gedanklichen Aussetzer und wies ihn sanftmütig an, das Büro des Hausherren abzustauben. „Sir Lauridsen meinte, wir sollen die Sachen an ihrem Platz lassen. Nichts verrücken. Einfach nur den Staub wegwischen und sobald du fertig bist, kannst du sein Büro abschließen. In einer Viertelstunde bin ich mit der Dusche fertig. Treffen wir uns dann im Esszimmer?“

Devon nickte, ehe sie ihn mit seiner nächsten Aufgabe alleine stehen ließ. Seufzend sah er seiner Mutter hinterher, wie sie den Flur hinunter das Badezimmer aufsuchte und anschließend auch dahinter verschwand. Den Schlüssel steckte er in seine Jeanstasche, bevor er mit den Bücherregalen links neben der Tür anfing. Es machte ihn aggressiv zu sehen, wie sie alle von der Hand in den Mund leben mussten, während Leute wie Sir Raffael Amadeus Lauridsen ihr Geld für drei Flaschen edlen Wein am Tag ausgaben. Nicht einmal einen Schluck gewährte man seiner Mutter! Ihre Gutherzigkeit verdiente so viel mehr als nur edlen Wein.

Die Wanduhr tickte so laut, dass jedes Voranschreiten einem Donnerrollen ähnelte. Sekunde um Sekunde verstrich, mit jeder Sekunde mehr verschwand die Staubschicht (Sir Lauridsen warf sein Geld also für Bücher aus dem Fenster, die er nicht einmal als Nachtlektüre heranzog, wirklich wunderbar, dieser alte … Sack), und aus den Sekunden wurden schließlich Minuten. Die Stille in diesem Gebäude – Anwesen – war unheimlich. Er hörte nur im Entferntesten, wie seine Mutter das Wasser abließ. Von ihr hatte er auch erfahren, dass heute nur wenig Personal im Hause war. Neben ein paar Zimmermädchen, einigen Köchen waren es nur seine Mutter und er.

Devon hielt inne. Sein Blick schweifte durch das Zimmer. Es war ein einfaches Arbeitszimmer mit einem Schreibtisch im zentralen Punkt des Raumes, während ringsherum etliche Regale aufgestellt worden waren. Ein mannshohes Fenster lag auf einer geraden Linie von der Tür bis zum Tisch und zeigte in der Ferne die wenigen hügeligen Landschaften von San Pedro. Ein paar alte Fotos hingen an der Wand, manche entstammten noch aus der Zeit, als Illeá mit New Asia im Krieg stand. Keine wertvollen Vasen, keine wertvollen Kunststücke. Nicht einmal vergoldete Schreibfüller besaß der alte Lauridsen – aber so bodenständig, wie er tat, war er ganz sicherlich nicht.

Devon knäulte das bereits ziemlich verdreckte Wischtuch in seiner Hand zusammen und schlich auf leisen Sohlen an die Tür, um einen verstohlenen Blick in den Flur werfen zu können. Niemand, es war niemand zu sehen, weder links noch rechts. Nachdem er sich dessen sicher war, sah er sich erneut in diesem Zimmer um. Er rang seinen Drang nieder, die Tür hinter sich zu verschließen. Eine geschlossene Tür könnte das Misstrauen seiner Mutter erwecken, falls sie sich einmal dazu entschloss, nach ihm zu schauen. Devon hatte es schon öfters gemacht – harte Zeiten drängten Menschen zu härteren Maßnahmen, aber ein schlechtes Gewissen hegte er deswegen nicht; allen voran nicht gegenüber Leuten wie Lauridsen.

Bei den letzten Häusern, die er gemeinsam mit seiner Mutter geputzt hatte – und zwar für viel weniger als den eigentlichen, durchschnittlichen Gehalt für Leute aus der siebten Kaste –, war es ein Leichtes gewesen, sich das Papier zu schnappen. Keiner würde die drei, vier weißen Blätter aus dem Drucker oder aus dem Ordner vermissen, und bis jetzt war er auch sehr gut damit durchgekommen, indem er sie einfach zerknittert und gefaltet in seine Tasche verstaut hatte.

Devon täuschte den unbemerkten Augen vor, er wolle lediglich das Glas der Vitrine abwischen, doch sein Blick huschte akribisch über jedes einzelne Fach auf der Suche nach einer Sache: weißem Papier.

Weißes Papier war eine Rarität in San Pedro. Besonders in den ärmeren Vierteln wie das, in dem er selbst zusammen mit seiner Familie lebte. Selbst für den Schulunterricht schrieben und zeichneten sie auf einem eher gräulichen Papier; es erinnerte ihn stark an die Reste von weggeworfenen Zeitungen als an Schulpapier, aber es gab wichtigere Dinge, über die er sich beschweren sollte. Wie zum Beispiel darüber, wo der alte Lauridsen nur sein Papier versteckte! Es konnte doch nicht sein, dass irgendwelche Dokumente offen ausgebreitet an seinem Arbeitsplatz lagen, während sein Papier in sonst welchen Fächern verstaut worden war.

Ein letzter, hastiger Blick zur Tür, um sich zu vergewissern, dass er keine ungewollten Zuschauer hatte, bevor er sich nach unten beugte und jede einzelne Schublade öffnete. Irgendwie war es zu erwarten, dass auch in seinen Schubladen dasselbe Chaos vorherrschte wie auf seiner Tischplatte. Dennoch brummte Devon verstimmt. Jedes Suchen und Wühlen ohne sonderliche Ergebnisse war letzten Endes vergeudete Zeit. Wenn er in den nächsten Sekunden nicht fündig werden würde, würde seine Mutter hier auftauchen, während er nicht einmal mit der Hälfte des Zimmers durch war. Ihr zu erklären, dass er keine Zeit hatte, seine Aufgabe zu erledigen, weil er weißes Papier stehlen wollte, wäre nicht einmal von seinem bärenstarken Vater zu meistern. Seine Mutter war zu gutherzig.

Sie musste noch lernen, dass gute Herzen keine Mägen füllen konnten.

Doch er hatte sich umsonst den Kopf darüber zerbrochen. In der untersten Schublade war hatte er sein Ziel erreicht. Lose Blätter in einem Stapel angeordnet – Jackpot. Er war sich einen Moment lang unschlüssig, wie viele er genau mitgehen lassen wollte, ehe er sich auf die Zahl fünf festlegte. Wer nicht wagte, der auch nicht gewann. Mit den insgesamt sieben davor … ergatterten Blättern müsste er genug haben, um zumindest ein Fenster ausschmücken zu können. Devon zählte also nun die einzelnen Blätter ab und so blöd, wie er sich immer anstellen musste, schnitt er sich an einer Kante unglücklich am Finger, so dass er leise vor sich her zu fluchen begann.

Immerhin kein Blut, nur höllisch brennen tat es.

Jemand räusperte sich.

Scheiße.

Ruckartig rappelte sich Devon auf, auf der Zunge lag bereits die Ausrede, die er seiner Mutter auftischen konnte, doch sein Mund wurde staubtrocken bei dem Anblick der missmutig verzogenen Miene des alten Raffael Lauridsen. Seine grauen Augen erinnerten ihn an den Sturm, vor den seine Eltern ihn immer gewarnt hatten, wenn es Hochsommer war. Mit einem solchen Sturm war nicht zu spaßen.

„Was hast du da unten zu suchen?“

Devon wich einen Schritt zurück, wobei er zugleich mit einem Fuß die Schublade zurück an ihren Platz kickte. Das Geräusch hallte lauter in seinen Gedanken nach, als ihm bisher bewusst war, und doch schaffte es Devon, sich in seinem Gesicht nichts anmerken zu lassen. Der Hausherr jedoch – der Alte mit seinen stechenden Adleraugen – sein Blick war so eisig; er schaute drein, als wüsste er mehr, als er zugab.

Putzen, Sir“, erwiderte Devon steif, genau so wie seine Mutter es ihn beigebracht hatte. Der Vorhang silbernen Schweigens spannte sich über ihnen. Erwartete dieser Mann tatsächlich mehr aus ihm zu hören? Wenn dies der Fall sein sollte, dann musste Devon ihn schwer enttäuschen. Wobei er sich deswegen auch nicht gerade schlecht fühlte; einen Bengel hatte seine Mutter erzogen.

Sir Lauridsen trat an seinen Tisch heran, bis er ihm gegenüberstand – nur ein Meter Holz trennte sie voneinander und wäre Devon nicht bereits mit allen Wassern gewaschen worden, wäre er längst unter diesem alten Mann eingeknickt.

„An meinem Schreibtisch hast du nichts zu suchen, Junge. Wie lautet dein Name?“

Devons Fingernägel gruben sich in seine Handfläche. Nicht gut. „Ist das von Belang, Sir? Ich helfe lediglich meiner Mutter aus.“ Seine Worte klangen defensiver, als er beabsichtigt hatte, und nicht nur das, ihm wurde speiübel, weil er seine unschuldige Mutter mit hineingezogen hatte.

Er konnte aus dieser kurzen Distanz sehen, wie sich die Nasenflügel des alten Lauridsen Millimeter um Millimeter aufzublähen begannen. An seinem Halse taten sich sogar rote Flecken auf, die er in dieser Art nur von seinem Schuldirektor kannte, wenn er seinen freien Nachmittag für Rabauken beim Nachsitzen aufopfern musste. Devon selbst wurde noch nie zum Nachsitzen beordert, aber er konnte sich ausmalen, dass weder Schüler noch Aufsichtskraft darüber erfreut waren, länger als nötig im Schulgebäude zu verbleiben.

„Dein Name, Junge.“ Als er still blieb, fügte Sir Lauridsen hinzu: „So oder so werde ich mit deiner Mutter darüber reden, was für Abschaum sie zur Welt gebracht hat.“

Devon zuckte nicht einmal mit der Wimper. Lag womöglich daran, dass er in seinem Leben schon viel schlimmeres zu Ohren bekommen hatte. In ganz Bonita gehörte man entweder der einen oder der anderen Schicht an und es war auch keine meisterliche Herausforderung zu sagen, unter welchen Bedingungen der Großteil der Bevölkerung hier zu überleben versuchte. Es war nicht zu verleugnen, dass er Abschaum war; es wäre eine Überraschung gewesen, wenn man das Gegenteil von ihm behauptet hätte.

„Letzte Chance, Junge. Ansonsten sehe ich mich dazu gezwungen, deine Mutter zu melden. Ihr könnt von Glück sprechen, dass ich euch beide nicht verklage!“

Devons mahlte mit seinem Kiefer – ein verräterisches Zeichen, viel zu verräterisch – und er verabscheute sich deswegen, denn Lauridsens Grinsen nahm süffisante Züge an. Dieser alte Sack – dieser alte Sack konnte es sich ja leisten, Leute in den finanziellen Abgrund zu stoßen. Sie alle konnten es sich leisten, seine Familie sterben zu lassen. Aber wenn er zumindest seiner Mutter helfen konnte …

„Sie weiß nichts davon, Sir …“, gab Devon widerwillig nach, bevor er einen tiefen Atemzug nahm und fortfuhr: „Ich–“

„Devon!“

Sir Lauridsen und er drehten sich im selben Atemzug voneinander weg, ihre Blicke richteten sich auf die Tür. Ihre blonden Wellen fielen ihr offen über die Schultern und sie trug ganz gewöhnliche Klamotten, bestehend aus Pullover und Jeans, nicht die strenge blaugraue Uniform ihrer gemeinsamen Schule. Es war ein völlig ungewohnter Anblick, ohne ihren hohen, strengen Pferdeschwanz und ohne die Farben, die er jeden Vormittag sah, wenn er die Schule besuchte. Ohne ihr Klemmbrett, den sie als Stufensprecherin immer bei sich trug, um für jedes Vergehen einen Strafzettel auszustellen.

Wenn sie wüsste, was er hier machen wollte, hätte sie ihm mindestens drei solcher Zettel verpasst.

„Millie, wir reden später miteinander. Ich habe etwas zu klären mit …“

Ein steiniger Blick zu ihm und er sagte eifriger, als ihm lieb war: „Devon Carpenter, Sir.“

Millie – anscheinend – Lauridsen dachte aber nicht daran, Devon bei seinem Hai zurückzulassen, der nur zu gerne zugeschlagen hätte, wenn er gekonnt hätte.

Ein weihnachtliches Wunder, würde Devon behaupten.

„Opa, also wirklich, es ist nicht das, wonach es aussieht.“

Ihr Großvater runzelte nicht gerade überzeugt die Stirn – entweder hatte sie jetzt eine wirklich sehr glaubwürdige Geschichte parat oder sie machte alles nur noch schlimmer, als es sowieso schon war. Denn es war verdammt noch einmal das, wonach es auch aussah. Selbst ein Blinder würde das sehen.

Sir Lauridsens Miene verfinsterte sich im nächsten Moment. Ihm gefiel es überhaupt nicht, wenn der Eindruck entstehen würde, seine geliebte Enkelin hätte etwas mit Abschaum dieser Gesellschaft zu tun. Mit aller Wahrscheinlichkeit waren sie jedoch bereits weit über diesen Eindruck hinaus.

Devon räusperte sich. Noch mehr Ärger brauchte er sicherlich nicht. „Millie, geh weg!“ Und als das nichts half, stieß er zwischen zusammen gebissenen Zähnen ein eindringliches „Bitte.“ hervor.

Millie stutzte einen Moment lang. Vermutlich hatte sie ihn noch nie um etwas bitten gehört und das auch zurecht. Devon hielt nichts vom Betteln – egal, wie schlimm es auch um ihn stand, Betteln stand mit Schwäche auf einer Stufe und was er definitiv nicht sein wollte, war es als schwach abgestempelt zu werden. Wie sonst könnte er die Probleme seiner Familie, seiner ganzen Existenz stemmen?

Sie legte ihren Kopf schief, als würde sie sich seine Worte tatsächlich durch den Kopf gehen lassen wollen. Doch ihre nächsten Worte waren nicht an ihn gewandt, sondern an ihren Großvater.

„Ich habe Devon gebeten, mir eine Schere zu holen.“ Millie ging an ihm vorbei, drückte Devon – nicht gerade mit Samthandschuhen – zur Seite und öffnete die dritte Schublade von oben. Sie beugte sich vor, griff nach der Schere und hielt sie ihrem Großvater vor’s Gesicht. „Ich habe meine im Kunstsaal vergessen. Oder im Klassenzimmer. So genau weiß ich das nicht, aber ich gehe sie nach den Ferien wieder holen. War’s das, Opa?“

An Devon gerichtet sagte sie laut und deutlich: „Du hättest ihm das gleich sagen können. Was mag er jetzt nur von dir halten, Devon?“ Eine Warnung lag in ihren Augen, während sie ihr liebreizendes Lächeln zur Schau stellte. Dieses Lächeln war genau so falsch wie die Haare ihres Großvaters.

Devons Mundwinkel zuckte. Doch auf eine Antwort seinerseits verzichtete der alte Mann. „Erledige deine Arbeit, Junge. Aber dalli. Ich habe in einer halben Stunde ein Treffen.“ Mit diesen Worten verschwand er aus seinem Blickfeld und Millie begleitete ihren Opa bis zur Tür. Sie flüsterten einander etwas zu, doch Devon verschloss vehement seine Ohren dagegen und blickte stur aus dem Fenster. Dummes Geschwätz dummer Leute.

Die Sonne ging bald unter. Das Anwesen der Lauridsen würde womöglich das letzte für heute sein. Morgen früh war nur noch eine Villa in der benachbarten Gegend dran, den restlichen Tag konnte er also mit seinen Brüdern verbringen.

Marlon würde sich freuen, darauf wettete er zumindest.

Das Geräusch einer zugeschlagenen Tür zerrte ihn in seine Gegenwart zurück. Er schnappte sich das Wischtuch, welches er vorhin vor lauter Schreck fallen gelassen hatte, und setzte seine eigentliche Aufgabe fort. Heute würde er also bei sieben Blatt Papier bleiben müssen. Grunzend musste er sich damit abfinden, ob er nun wollte oder nicht.

„Erzählst du mir, was du wolltest?“

Ein Achselzucken. Das war ein Nein.

„Ich kenne dich. Du bist im Abschlussjahrgang, oder?“

„Und wenn schon“, fuhr er sie genervt an, nebenbei das Ecktischlein abwischend, „was willst du, Princessa?“

Millie war wie der Schnee. Eisig kalt. Sie war nur ein Jahrgang unter ihm und doch hatte er das Gefühl, sie fühlte sich ihm überlegener. Devon grinste ironisch. Lag wohl an dem vielen Geld, das man ihr von Geburt an in die Taschen stopfte. Ohne die vielen Nullen auf ihrem Konto wäre sie nichts – Abschaum.

„Wissen, was du in den Schubladen meines Großvaters zu suchen hattest. Hast du gefunden, was du wolltest?“

Devon verdrehte die Augen. „An diesem Punkt endet wohl deine Freundlichkeit.“

„Ich war noch nie freundlich“, entgegnete sie ihm eine Spur zu schnell. Sie wich seinem Blick aus und fuhr mit ihrem Zeigefinger die Kante eines Regals nach. Keine graue Staubspur – immerhin in dieser Hinsicht durfte sie sich nicht beim ihm beklagen.

„Sah gerade eben ziemlich anders aus, würde ich stark behaupten.“

„Das war reiner Eigennutz.“

Er stieß ein abfälliges Lachen aus. Er nickte, doch seine Augen waren weit davon entfernt, amüsiert dreinzuschauen. „Verstehe.“ Devon drehte sich nun gänzlich zu ihr um und sah, wie sie mit verschränkten Armen ihm gegenüber stand. Sie war so eisig wie der Schnee. „Willst du mich jetzt erpressen? Ernsthaft? Sehr originell von dir, Millie. Soll ich dich jetzt fragen, was ich machen soll, damit du die Klappe hältst?“ Er ahmte ihre Körperhaltung nach, herablassend und verachtungsvoll. „So etwas wie Was muss ich tun, damit meine Mum ihren Job behalten darf?“

„Habe ich vorhin getan.“ Sie schnalzte mit der Zunge und irgendwie hasste er dieses Geräusch heute mehr denn je. „Ich will wissen, was du aus seinen Schubladen nehmen wolltest.“

Er kniff seine Augen zusammen. „Und wenn ich dir sage, dass ich da nur sauber gemacht habe?“

„Dann erzähle ich meinem Opa, du hättest mich dazu gezwungen, ihm diese Geschichte aufzutischen, und sage ihm die Wahrheit. Dass du ein Dieb bist. Ein Dieb, der seine unschuldige Enkelin bedrängt hat. Wem wird man wohl eher glauben? Einem Jungen aus der Gosse oder“, sie breitete ihre Arme aus, als wolle sie die ganze Welt – ihre Welt – willkommen heißen, „mir?“

Devon knirschte mit den Zähnen. Reiches, verzogenes Miststück. So langsam gingen ihm die Lauridsens allesamt auf die Nerven. „Und wenn du mir nicht glaubst? Ist das weiterhin mein Problem?“

„Dann sorg einfach dafür, dass deine Geschichte gut ist“, war alles, was sie von sich gab.



Er packte Elwin und Lino, zwei halbwüchsige Zwerge der Familie Carpenter, unter jeweils einen Arm und schleifte sie wie zwei Kartoffelsäcke in die Wohnung zurück, nachdem sie sich geweigert hatten, ihre eigenen Füße zu benutzen. Sie lachten über seine grobe Art.

Devon schmunzelte. „Beim nächsten Mal rolle ich euch über die Türschwelle“, drohte er ihnen, bevor er sie auf den Boden plumpsen ließ.

Seine wahrlich kleinen Brüder – dreizehn und elf – starrten einander kichernd an und schmiedeten mittels ihrer telepathischen Fähigkeiten bereits ihren nächsten Teufelsplan aus.

Devon kam ihnen panisch zuvor. „Jungs, wehe! Wir haben noch viel vor.“

Mit einem Schlag wurde es ernst. Die fünf Sekunden ausufernder Gelassenheit waren vorbei und sie richteten sich rasch auf, bis sie im Schneidersitz vor ihm saßen.

„Wo ist eigentlich Mum?“, fragte Lino, während Elwin die Pappkiste nach Scheren durchwühlte. Devon glaubte nicht, dass er noch so mutig in die Kiste greifen würde, wenn er ihm erzählte, dass ihm eine falsche, unbedachte Bewegung einen Finger kosten könnte.

„Ich habe ihr erzählt, was wir machen wollten, da hat sie mich nach Hause geschickt.“ Das Päckchen von gestern Abend, das Päckchen, das Millie ihm förmlich ins Gesicht geworfen hatte, war noch in seinem Rucksack. Devon brauchte nur wenige Schritte, um ans andere Ende des Wohnzimmers zu gelangen, und schnappte sich in einer Bewegung den Riemen seines Rucksacks. Er war so viel schwerer, als er es eigentlich gewohnt war. „Heute ist nur ein Haus dran. Sie wird noch vor vier fertig, hat sie mir versprochen. Bis dahin werden wir auch fertig sein, Jungs. Denkt ihr, wir schaffen das?“

Er blickte einen nach dem anderen an und sie streckten ihm mit stolzgeschwellter Brust ihre beiden Daumen entgegen.

„Für Marlon“, sagten sie unisono.

Devon lächelte. „Für Marlon.“



„Es ist das erste Weihnachten, das er im Krankenhaus verbringen wird.“ Devon fühlte sich wie bei einem Verhör, als würde er ein Geständnis ablegen – dabei war nichts falsch an seinem Gedanken!

„Wer?“

„Ist es wichtig, wer es ist?“, schnauzte Devon sie an, woraufhin sie ihre rechte Augenbraue hob, als wollte sie ihm unterbreiten, er habe soeben eine klar gezogene Grenze überschritten. Er schaltete missmutig einen Gang runter. „Er bedeutet mir alles. Genau so wie es meinen Eltern und meinen anderen Brüdern ergeht.“

Devon seufzte. Er merkte, dass sie sich nicht einfach so geschlagen gab, dieses sture Mädchen. „Marlon. Mein jüngster Bruder. Er ist sieben.“



Devon zerriss die Verpackung und legte die weißen Papierbögen frei. Elwin und Lino stand der Mund offen. Lino zeichnete sogar mit seinen Fingern irgendwelche kryptischen Symbole auf die Oberfläche; er schien genau so fasziniert zu sein, wie Devon es sich ausgemalt hatte.

„Woher hast du das Papier?“

„Und noch so viel davon?“, ergänzte Elwin. Seine Augen waren so groß wie die Porzellanteller, die Devon gestern bei den Lauridsen im Esszimmer gesehen hatte.

„Ein Schulkamerad hat mir die Packung überlassen.“

Lino war völlig begeistert von so viel Nächstenliebe, aber Elwin – der ihm aus leider nicht so schönen Gründen sehr viel ähnlicher war, als Devon es sich für seinen Bruder gewünscht hatte – hakte wie jeder vernünftige Mensch bei ihm nach. „Mussten wir viel dafür ausgeben?“

Devon klopfte ihm auf die Schultern. „Nein. Ein Weihnachtswunder, oder?“



„Weiße Weihnachten? Ist das nicht ziemlich kindisch? Wir leben in San Pedro, Bonita. Selbst in der Hölle schneit es mehr als hier.“

Wut blitzte in seinen Augen auf. Er hatte Mühe, ihr den Lappen nicht ins Gesicht zu werfen. „Es ist mir egal, was du sagst, vor allem du. Marlon ist erst sieben! Wenn es das ist, was ihn glücklich macht, dann machen wir das auch.“ Etwas leiser fügte er hinzu: „Zumindest ein Junge sollte in unserer Familie ein Junge bleiben.“

Millie schüttelte ungläubig den Kopf. Für sie war alles, was nicht ihrer Welt entsprach, unsinnig und falsch. Für sie war Abschaum, wie Devon es war, nichts, das Bedeutung hatte. Devon hatte auch nichts anderes von ihr erwartet. Er kannte sie nur flüchtig vom Sehen, hörte Gerüchte aus allerlei Ecken über sie – doch so richtig kannte er sie wiederum auch nicht.

Wollte er auch nicht.

„Ich bringe den Schnee zu ihm. Es ist das Mindeste, was ich für ihn machen kann.“



„Denkst du, es wird ihm gefallen?“, raunte Lino ihm zu. Die Krankenschwester, die für Marlon zuständig war, hatte ihnen zwei Rollen Tesafilm überlassen, nachdem seine Mum mit Marlon zu einem kurzen Spaziergang durch das Krankenhausgelände aufgebrochen war. Sie hatten eine halbe Stunde Zeit. Nicht gerade viel, doch beklagen konnte er sich auch im Nachhinein.

„Ganz bestimmt“, antwortete er ihm. Elwin kam mit einer bis zum Anschlag gefüllte Pappkiste herein und obwohl darin nur Papier lag, hatte er seine Schwierigkeiten damit, die Balance zu halten.

Devon schritt ein, bevor die Katastrophe über sie hereinbrechen konnte. „Ich mache das schon. Kümmere du dich um die Klebestreifen, Lino soll dir dabei helfen.“ All ihre Finger waren bereits wund vom hundertfachen Falten und Schneiden und Falten und Schneiden, aber Marlons Gesicht – sein Strahlen, welches heller leuchtete als die Sonne selbst – dieses Gesicht würde alles wettmachen.

„Klebt so viel auf die Wand, wie ihr nur könnt. Versucht es gleichmäßig zu machen. Da hinten sind Stühle, wenn ihr oben nicht ran kommt. Ansonsten mache ich es, sobald ich die Fenster geschafft habe“, ordnete Devon seine Brüder an. Er griff nach der obersten Flocke in der Kiste und begann, Marlons Weihnachtswunder Realität werden zu lassen.



„Und für so etwas riskierst du Kopf und Kragen?“, Millie schüttelte den Kopf. „Deine Mutter versucht eure Familie mit ehrlicher Arbeit über Wasser zu halten, du solltest ein Beispiel an ihr nehmen.“

„Hör auf, hör auf, hör auf!“, herrschte Devon sie an. „Sprich nicht von ihr, als würdest du sie kennen. Du kennst mich nicht und schon gar nicht meine Mutter.“ Leute wie sie gaben höchstens einen Dreck auf Leute wie ihn und seine Mum. „Spiel dich hier nicht als den Moralposten auf, Millie.“, setzte er etwas gefasster fort. Das letzte Regal war fertig, es gab keinen Grund mehr, sich in diesem Zimmer aufzuhalten. Mit ihr. „Du mit deinen Satinnachthemdchen hast doch keine Ahnung, was Arbeit überhaupt ist.“

Devon wollte an ihr vorbei und dieses Haus so schnell wie möglich hinter sich lassen, doch sie – dieses nutzlose Gör – versperrte ihm den Weg, direkt vor die Türe hatte sie sich aufgestellt. Ihre Nase hatte sie erhoben und obwohl sie um einen ganzen halben Kopf kleiner war als er, maßte sie sich an, auf ihn herabzusehen. „Zumindest bin ich nicht blöd, Papier zu stehlen. Papier, ernsthaft? So viele Dinge und ausgerechnet Papier?“

Er ballte seine Hände zu Fäusten. Ja, ihm war momentan sehr danach, etwas Schönes zu zerstören. Vorzugsweise diese sündhaft teuer aussehende Stehlampe. „Nicht jeder kann sich solches Papier leisten, Princessa. Für Leute wie mich ist solches Papier goldwert.“

„Und wir stehlen gerne Sachen, die aus Gold sind, nicht wahr, Devon?“




„Wir wissen alle, dass wir dich nicht zum Schnee bringen können, daher dachten wir …“

„… wir bringen den Schnee zu dir“, beendete Lino Elwins Satz.

„Frohe Weihnachten, Marlon!“, tönte es aus den beiden wie aus einem Munde, als sie sich auf ihren jüngsten Bruder stürzten – lachend und kreischend und jubelnd und alles zusammen. Marlon mit seinen tränenden Augen ließ ihre Bärenumarmung über sich ergehen. Eine andere Wahl hatte er schließlich auch nicht. Der Rollstuhl hinderte Lino und Elwin glücklicherweise daran, seine Lungen zu zerquetschen, und doch konnte sich Devon sehr gut vorstellen, dass Marlon eine gequetschte Lunge nur allzu gerne in Kauf genommen hätte für all das Glück, das er in diesem Moment spüren durfte.

Devon fiel ein Stein vom Herzen. Seinem Kleinen schien seine weiße Weihnacht zu gefallen. Während seine Mutter ihre Jungs in die Arme nahm, schob Marlon – sein geliebter, blasser Marlon – seinen Rollstuhl tiefer ins Zimmer herein. Devon kam ihm auf halbem Wege entgegen, bevor er vor ihm auf die Knie fiel.

Marlon schniefte.

„Hey, kleiner Mann“, begrüßte Devon ihn und nahm seine winzige, unterkühlte Hand in seine. Er drückte zu und versuchte ihm all die Wärme zu spenden, die er in seinem Herzen aufbewahrt hatte.

„Ha-hallo“, kam es abgehackt über Marlons Lippen. Seine Lippen waren leicht bläulich, obwohl die Temperaturen draußen mindestens dreizehn Grad Celsius betrugen.

„Wie geht es dir, Kleiner? Fühlst du dich wohl hier?“

Marlon nickte und wischte sich mit dem Ärmel seines viel zu großen, weißen Krankenhaushemdes die nassen Spuren aus seinem Gesicht. „Vor allem jetzt, Devon … danke.“

Auch seine Mum war sprachlos und um ehrlich zu sein, er selbst hatte nicht erwartet, dass es in der Realität so gut – so magisch – aussehen konnte. Eine Lichterkette hing über Marlons Bett. Für diese Lichter hatte Devon drei Wochen sparen müssen, doch es war jedes seiner Pennys wert gewesen. Die einstigen grauen Kachelwände sahen jetzt viel einladender aus, nachdem die drei Carpenter-Brüder sie mit jeder noch so krummen Schneeflocke geschmückt hatten. Drei Stunden hatten sie damit zugebracht, jedes einzelne Blatt Papier zusammenzufalten und zurecht zu schneiden und schließlich hatte es eine weitere halbe Stunde gebraucht, um diese weiße Weihnacht in Marlons Krankenzimmer zu bringen. Von gezackt bis hin zu rund, von einfach bis zu ausgefallen – Devon hoffte, dass Marlon an jeder einzelnen Schneeflocke seine Freude fand.

Etwas, was ihn von dem Sturm in seinem Herzen ablenken konnte.



„Eine mindere Mitralklappeninsuffizienz.“ Selbst für Millie sollte dieser Begriff etwas bedeuten. „Es ist ein Wunder, dass er bis jetzt kaum schwerwiegende Beschwerden hatte. Sagen die Ärzte zumindest“, schnaubte er, „aber wir wissen ja beide, wie gut diese Ärzte in Bonita sind, oder? Nein, stimmt ja gar nicht; du hast doch keine Ahnung, du und dein privater Familienarzt.“ Devon ließ keine Gelegenheit aus, ihr eins auszuwischen. Er war nicht in Stimmung, ihr sein gesamtes Leben vor die Füße zu kotzen, aber es schien der einzige Weg zu sein, damit sie ihn endlich seinen Job machen ließ. Überstunden wurden schließlich nicht entlohnt.

„Vor acht Wochen fiel er ins Koma.“ Selbst nach all dieser Zeit jagte ihm die Erinnerung an diesen einen Tag noch eine Heidenangst ein. „Er wollte nur nach Hause laufen anstatt den Bus zu nehmen. Er wollte etwas Geld einsparen, damit wir für unseren Vater etwas kaufen konnten, bevor er wieder wochenlang seinen Truck durch ganz Illeá fahren muss. Er wollte nur–“

Devon brach ab, bevor er sich zu sehr mit den Geistern der Vergangenheit beschäftigen konnte. Es war unwichtig, was geschehen war. Das Einzige, was nun zählte, war das, was auf sie zukommen würde.

„Er will seine weiße Weihnacht. Schon als er sprechen konnte, träumt er nur von Schnee.“ Devon atmete tief durch. Reue verunstaltete sein Antlitz. „Ich schiebe seinen Wunsch nicht mehr länger auf. Wer weiß, ob ich nächstes Jahr noch die Gelegenheit dazu bekomme …“



„Ein junger Herr hat das zurückgelassen.“ Die Krankenschwester kam herein, nachdem sich die Familie Carpenter um das Bett – um Marlon, ihrem Küken – herum aufgestellt hatte. Sie überreichte Marlon eine gläserne Kugel mitsamt einer kleinen, fein säuberlich ausgearbeiteten Visitenkarte. Wie viel sie wohl gekostet haben musste? Bestimmt mehr als das, was er gestern verdient hatte.

„Was steht da, Devon?“

Marlon drückte ihm die Karte in die Hand – mehr als ein paar lose Buchstaben konnte der Kleine schließlich nicht erkennen –, während er die Glaskugel anstarrte wie das achte Weltwunder auf Erden. Eine kleine, sehr detailgetreue Abbildung einer Stadt lag in der Kugel verborgen; sie sah aus wie San Pedro. Marlons Lippen entwich ein überraschtes „Oh.“ und er begann die Kugel kräftig zu schütteln.

Eine Schneekugel. Ein Geschenk, das weit über dem Monatsgehalt seines Vaters lag. Von seiner Mutter ganz zu schweigen.

Marlon lachte. „Schaut, schaut, es schneit! Es schneit – in San Pedro!“ Marlon lachte und weinte und erlebte so viele Emotionen auf einmal, die sein Herz binnen Sekunden zum Bersten bringen konnten. Seine Mutter drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe, während Lino und Elwin auf sein Bett stiegen, um das verschneite San Pedro mit eigenen Augen erleben zu können.

Wahrlich ein Weihnachtswunder, Schnee in San Pedro!

„Von wem ist das?“, erkundigte sich seine Mutter leise bei Devon, während seine Brüder so vertieft waren, dass sie nicht einmal bemerkten, wie die Krankenschwester das Zimmer verließ.

Devon zuckte mit den Schultern. Es gab keinen Namen, keine Adresse auf der Karte. Er laß nur die Worte vor, die er vorfinden konnte. Sie waren in schwarzer Tinte geschrieben worden.

„Ich hoffe, du hast ein schönes, weißes Weihnachten, Marlon Carpenter.“

Devon stutzte.

„Was ist, Schatz?“, flüsterte sie ihm zu und er schüttelte schnell seinen Kopf, bevor er die Karte in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Es mochte kein Name darauf stehen, doch das hässliche Abbild einer seltsam geformten Schere ließ ihn erahnen, aus welchem Hause dieses kleine Weihnachtswunder verschickt worden war. Devon schloss die Augen und horchte in sich hinein. Er betete inständig dafür, dass Marlon dieses Fest auf ewig im Herzen behalten würde. Dass er noch viele weitere Weihnachten feiern konnte, sogar solche, die noch viel schöner und prächtiger und bezaubernder waren als dieses hier. Und im Idealfall wäre er derjenige, der ihm sein unvergessliches Weihnachten bescherte. Er und kein anderer.

Schließlich, so sagte er sich, war das doch die Pflicht eines großen Bruders, oder?
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