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a million stars above us

von solism
SammlungFamilie, Freundschaft / P16 / Gen
OC (Own Character)
02.12.2019
21.08.2020
6
12.325
1
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Dieses Kapitel
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21.12.2019 1.693
 
once upon a time, a would-be soldier …
–––––––––––––––––––––––––––––––––––
„1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort“ von „Liz Tonks“




„Yaxley, hörst du mich?“

„Klar und deutlich“, erwiderte Isaiah Yaxley in aller Mannesruhe. Seine Worte wurden über seine Ohrstöpsel direkt an seinen Partner weitergeleitet, mit dem er diese Mission zu vollbringen hatte. Vom Direktor höchstpersönlich wurden sie dazu erkoren – eine ungemeine Ehre! – und wenn sie Glück hatten, wären sie bis vor Sonnenuntergang noch fertig; vor dem Abendessen und vor dem abendlichen Appell. Er setzte all seine Hoffnungen darauf, dass es auch tatsächlich auf vor Sonnenuntergang hinauslaufen würde. Sobald es dunkel werden würde, wäre ihr Zielobjekt für immer verloren. Und wenn dieser Fall eintrat, würde er eine Kopflänge kürzer zum Abendessen erscheinen müssen. Darauf konnte er getrost verzichten.

„Hast du schon den zweiten Quadranten durchgekämmt?“, schob Arthur Lesheigh – heutiger Auftragspartner und ewiger Kamerad – hinterher, woraufhin er ein Nicken von sich gab. Erst Sekunden später fiel ihm auf, dass Arthur seine Antwort nicht sehen konnte, weswegen Isaiah ein knappes „Ja.“ in die Gegend hinein warf, bevor er sein Versteck verließ. Der Boden war bedeckt von allerlei Orangetönen, während der Regen seine frische Note in der Luft hinterließ – eine immerwährende Konsequenz, wenn der Herbst einschlug. Isaiah mochte den Herbst eigentlich sehr gerne, er genoss die Stille, die Kühle, die Standhaftigkeit, mit der der Herbst seine Eintreffen ankündigte. Aber an Tagen wie diesen, wo er es wirklich nicht nötig hatte, dass nach jedem zweiten Schritt durch den Wald das Geräusch knacksender Zweige und Ästchen einer gezündeten Atombombe glich, hatte er seine Schwierigkeiten damit, diese Liebe aufrecht zu erhalten.

„Siehst du unser Zielobjekt?“

„Wenn das so einfach wäre, wärst du alleine hierher geschickt worden“, murmelte Isaiah gedankenverloren vor sich. Sein Blick schweifte über jeden Busch und jede Baumkrone und seine Nase versuchte, jeder noch so ungewöhnlichen Duftmarke zu folgen, die sich in den Tiefen dieser undurchsichtigen Gegend auftat. Doch in diesem Quadranten fiel ihm nichts besonderes auf.

Es ging also weiter.

Isaiah hörte seinen Freund am anderen Ende der Leitung aufseufzen. „Ich weiß, ich weiß, wie oft muss ich mich dafür noch entschuldigen?“

Er zuckte mit den Achseln, blieb ansonsten still. Isaiah kannte diese Quasselstrippe bereits lange genug, um zu wissen, dass sich hinter seinen Worten stets ein anständiger Kern verbarg. Zumindest anständig genug, um keine Backpfeifen von seinen gleichgeschlechtlichen Klassenkameraden zu bekommen, bei den Mädchen sah es allerdings ganz anders aus. Ehrlich gesagt wunderte es Isaiah, dass es bisher noch keine Strichliste gab, auf der festgehalten wurde, welche ihrer gemeinsamen Mitschülerinnen ihm wie viele – angeblich lieb gemeinte – Backschellen verpasst hatte. Isaiah hatte schon vor wenigen Monaten aufgehört zu zählen und er würde in nächster Zeit sicherlich auch nicht damit anfangen wollen.

Dafür hätte er einfach viel zu viel nachzuholen.

Am Anfang ihrer gemeinsamen Laufbahn an der Charter Militärakademie in Sacramento – etliche Kilometer von seinem trauten Zuhause entfernt – war Arthur nur ein Dummschwätzer mit Haaren gewesen, um die ihn jedes weibliche Geschöpf beneidet hatte (sofern man ihm nicht an die Gurgel gehen wollte). Nun waren zwei Jahre seit ihrer Einschulung vergangen, doch der Unterschied von gestern auf heute war gewaltig.

„Warte! Ich glaube–“

Noch drei weitere würden sie hier verbringen. Er wagte es nicht, sich auszumalen, was am Ende auf sie beide warten würde. Doch eines war klar, so klar wie das Wasser bei Sonnenaufgang und so klar wie das Licht, das sich an den Fensterscheiben spiegelte. Er würde seine Zeit an der Akademie auf ewig im Herzen behalten.

„Was ist, Lesheigh? Siehst du sie?“

Isaiah hoffte sehr, dass man auch ihm eines Tages, sobald er nach Hause kam, ansehen würde, wie sehr er in den letzten Jahren gewachsen war. Er hatte die Pflicht, dieses Land zu verteidigen, mit kleinen Jungenhänden empfangen, und an seinem Abschlusstag würde er diese Pflicht auf den Schultern eines Mannes tragen.

„Oh, leck mich!“, schrie Arthur plötzlich lautstark in sein Ohr, woraufhin er vor Schreck über seine eigenen Füße stolperte. Peinlich. Es glich wahrlich einem Wunder, dass er sich den Hörer nicht schon längst aus dem Ohr gerissen hatte. Sein Herz hatte für diesen einen Moment einen gewaltigen Aussetzer erlitten, so dass er eine Weile brauchte, um zu verstehen, was eigentlich passiert war.

„Hast du gerade ernsthaft–“, wollte er gerade zu einer satten Belehrung über gebührliches Verhalten – beziehungsweise angemessenes Fluchen – ansetzen, als ihm Arthur harsch zuvorkam.

„Unser Zielobjekt!“

„Du siehst sie? Hast du sie auch erwischt?“, kam es überrascht über seine Lippen und er wischte sich – in aller Erleichterung, auch wenn er es nie im Leben offen zugeben würde – den Schweißfilm von der Stirn ab. Trotz der herbstlichen und demnach äußert angenehmen Temperaturen hatte dieses Katz und Maus-Spiel ihn weit an seine Grenzen getrieben. Das wiederum hatte ihn letzten Endes nur vor Augen geführt, dass er noch einen sehr langen Weg vor sich hatte, bis er ein guter Soldat werden würde.

„Nein, sie hat mich erwischt. Voll auf die Schuhe, ey!“ Isaiah konnte sich sehr gut vorstellen, wie sein Freund sich gerade die Haare raufte, weswegen er ihn hastig dazu aufforderte, sie einzufangen, bevor sie beide erneut drei Stunden durch das Waldgebiet umherirren müssten.

„Und wenn möglich mit weniger Geschrei“, warf Isaiah ihm hinterher und nahm eilig den Hörer aus seinem Ohr, bevor er sich das wehleidige Gejammer von Arthur antun musste. Von wegen, er sollte schnellstmöglich zu ihm gelangen und mit ihm zusammen dieses Viech einfangen. Auf Katzenurin auf seinen Stiefeln konnte er getrost verzichten. Für die nächsten paar Minuten also würde er sich an diesen morschen Baumstamm zurücklehnen, den Kopf gen Himmel richten und das Muster der Wolken entziffern.

Ein gewöhnlicher Nachmittag eines gewöhnlichen Jungen.



„Du bist spät“, raunte er Arthur zu, doch er schien völlig gefangen zu sein von den Resten des heutigen Abendessens. Sein entgleister Blick wäre unter Umständen komisch gewesen, aber nach diesem langen, dezent anstrengenden Tag sehnte sich Isaiah nur noch nach einer erfrischenden Dusche und seiner widerspenstigen Matratze. Heute Nacht würde er schlafen wie ein Stein.

Arthur seufzte gequält auf. „Sag mir bitte, dass du für mich noch ein Stück Pizza beiseite gelegt hast. Bitte“, ergänzte er eindringlicher denn je, „einen weiteren Abend mit diesem grünen, sogenannten Eintopf halte ich echt nicht aus. Also?“ Arthur schaute ihn hoffnungsvoll an.

Isaiah legte seinen Kopf schief. Ein ironisches Grinsen zuckte an seinen Mundwinkeln. „Glaubst du ernsthaft, dass ich für dich noch eins dieser wirklich göttlichen Pizzastücke übrig lasse, nachdem du das ganze warme Duschwasser für heute aufgebraucht hast?“

Arthur verdrehte seine Augen und tat sein unmögliches Verhalten mit einer wegwerfenden Handgeste ab. Eines seiner vielen, charmantesten Angewohnheiten.

Isaiah runzelte die Stirn, provokant – herausfordernd.

„Ach komm, setz das einfach auf die Liste der Dinge, für die ich mich bei dir in Zukunft noch revanchieren werde“, versuchte Arthur es mit einem lockeren Spruch, doch das Einzige, was er hierfür erntete, war dieser eine Blick, den Isaiah sich extra nur für ihn angeeignet hatte.

Dieser Blick, der ihn prompt zur Krankenstation verfrachtet hätte, würden aus Isaiahs Augen Arme und Beine wachsen.

„Bitte?“, hakte Arthur nun etwas vorsichtiger – verzweifelter – bei ihm nach.

In einer andächtigen Bewegung hob Isaiah eine braune Papiertüte in die Höhe. Ölflecken hafteten an den unteren, recht zerknitterten Ecken, teilweise waren auch Spuren von getrockneter Tomatensoße zu erkennen, doch der Geruch – der Geruch, der selbst den härtesten Mann an der Charter Akademie zum Sabbern gebracht hätte, sprach Bände.

Arthur stieß einen jubelnden Schrei aus. Ihre Mitmenschen waren – wie immer – nicht begeistert von seinem plötzlichen, typisch vorlauten Gefühlsausbruch. „Gib her!“ Er setzte gerade dazu an, nach dieser Tüte – dieser einzigartigen, bezaubernden Wundertüte – zu greifen, als Isaiah sie außerhalb seiner Reichweite brachte.

Er kniff gequält die Augen zusammen. „Yaxley, ich liebe dich wirklich, mein Freund, aber bisher hat jeder, der sich zwischen mir und meinem Fast Food gestellt hat, nicht lange überlebt.“

Isaiah zuckte mit den Schultern, gelassen und völlig unbeeindruckt, bevor er die Tüte Zentimeter für Zentimeter öffnete, den Geruch von gegrillter Salami in sich hineinzog und gespielt genießerisch die Augen schloss. „Gomez hatte noch keine Pizza heute, schade eigentlich. Sie schmeckt wirklich gut. Aber ich habe da so eine Idee.“ Isaiah lächelte ihn an – es konnte nicht gut enden. Es ging einfach nie gut aus, wenn Isaiah lächelte. „Vielleicht gebe ich sie ihm als Entschädigung dafür, dass er für mich mal den Küchendienst übernommen hat. Du erinnerst dich bestimmt noch daran, oder, Lesheigh? Natürlich tust du das, schließlich hast du ja abgelehnt, als ich dich darum gebeten habe. Gomez war aber auch wirklich freundlich, findest du nicht? Wo steckt er eigentlich?“ Isaiah sah sich im Saal nach ihm um und beobachtete gleichzeitig aus den Augenwinkeln, wie Arthur eine düstere Miene zog.

„Jedem, Yaxley“, knurrte er, „jedem außer Gomez. Wieso er? Der hat mir Strafpunkte verpasst, weil ich drei Minuten zu spät zum Morgenappell kam.“

„Hey, Gomez, rate mal, was ich hier–“

Gomez war nicht hier. Isaiah wusste, dass er gerade mit ein paar anderen Kadetten am Lagerfeuer saß und dieselbe Gespräche führte, wie er sie immer führte, wenn der Tag lang und die Nacht noch jung war. Dennoch – ein kleines Späßchen auf Kosten desjenigen, der nicht nur dafür gesorgt hatte, dass sich sein ganzer freier, entspannter Nachmittag einzig und allein um eine entflohene und verdammt geschickte Katze drehte, sondern der ihn auch noch um eine warme Dusche gebracht hatte, war das Mindeste, was Arthur ihm entgegen zu bringen hatte.

Das Mindeste.

Arthur knurrte übellaunig vor sich her, bevor er seinen inneren Kampf verlor und schlussendlich nachgab – wenn auch nur sehr, sehr widerwillig. „Okay, okay, ich übernehme deinen Küchendienst heute.“ Kaum hatte er das letzte Wort ausgesprochen, griffen seine gierigen Finger nach der Tüte – vergeblich. Das Einzige, was er zu fassen bekam, war der unglückliche Schatten seiner geliebten Pizza.

Arthur brummte ihm etwas Unverständliches zu. So langsam begann es, wirklich unterhaltsam zu werden.

„Ich glaube, das was du sagen wolltest, war Danke, lieber Lord Yaxley, für deine Großzügigkeit, deine Barmherzigkeit und deinen wohlerzogenen Anstand, mir loyal zu bleiben, obwohl ich der größte Vollpfosten bin, den die Geschichte der Menschheit vorzuweisen hat. Um das wiedergutzumachen, werde ich selbstverständlich den Küchendienst der gesamten nächsten Woche übernehmen. Mit Freuden sogar, oh du göttlicher Yaxley. Also“, ein letzter scharfer Blick auf Arthur mit dem sanften Hauch eines Lächelns auf seinen Lippen, „ich höre, Freundchen.
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