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von solism
OneshotFamilie, Freundschaft / P16
OC (Own Character)
02.12.2019
22.02.2020
7
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in this colorful world
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„Wochen-Challenge“ von „Sira-la“




Grau. Ja, das war das Wort, nach dem er gesucht hatte. Erst im Nachhinein wurde Leevi Lindqvist klar, in welcher Welt er gelebt haben musste. Grau war diese Welt. Eintönig, farblos. Aber jetzt wusste er, dass farblos nicht farblos gewesen war, sondern grau. Manchmal dunkel, manchmal hell – so viel Grau in so vielen, verrückten Nuancen; so viele, dass er sie alle nicht an seinen Händen abzählen konnte. Die Welt war über all die Jahre hinweg einfach nur grau gewesen.

„Siehst du es, mein Schatz?“

Als Leevi zur Welt kam, strotzten seine Augen vor Freude. Seine Eltern hatten ständig davon geredet, welch Lebensfreude in ihnen lag, was für Feuerfunken sie versprühten. Es dauerte – ja, es brauchte Jahre –, bis sie einsahen, dass Leevi die Welt mit völlig anderen Augen sah, als sie es taten.



„Was ist das, Mama?“ Leevi fragte sich, weshalb seine Mutter so begeistert war. Er verstand nicht, warum sie so beschwingt war, dabei musste der Sand doch so unangenehm unter ihren Füßen kratzen. Ihr aufwendig geflochtenes Haar wippte im Rhythmus der Sommerwinde, während sie eine Hand nach ihm ausstreckte und ihn mit einem Lächeln zu sich locken wollte. Leevi zögerte. Ein schwerer Kampf tobte in ihm, lange und verheerend, bis er sich schließlich dazu entschloss, seinen wirren Lockenkopf zu schütteln; so eisern war der Wille, sich ja nicht den dunklen Ungeheuern zu nähern. „Ich will nicht.“, piepste er vor sich hin. Er wollte nicht zugeben, dass er sich fürchtete. Dass er Angst hatte. Vor etwas, das außer ihm niemand sehen wollte.

Seine Mutter legte den Kopf schief und schritt auf ihn zu. Tiefe Abdrücke ließ sie in dem Sand zurück, mit jedem Schritt einen mehr, bevor sie vor ihm in die Hocke ging. Leevi klammerte sich mit beiden Händen am hölzernen Pfosten fest, als wollte er ihn nie wieder loslassen.

„Leevi.“, sagte sie. Ihr Blick durchbohrte ihn. Ihre Augen waren grau wie alles andere um ihn herum. Das Einzige, was sie von den grauen Himmel, den grauen Asphalt und den grauen Hütten unterschied, war, dass ihr Grau ein bisschen funkelte. Wie die hellen Lichter, die ständig zum großen, weißen Fleck bei Nacht aufstiegen. Sein Vater sagte, es sei eine Tradition, eine Geburtstagstradition, auch wenn Leevi nicht wusste, was Tradition bedeutete. Oder warum die Lichter nur an seinem Geburtstag in die Höhe flohen. „Was hast du, Schatz? Gefällt dir das Meer nicht?“

„Meer?“

Ihr Lächeln war nicht grau. Ihr Lächeln war strahlend. „Willst du mit Mama ins Wasser springen?“ Ihre Finger zeigten Richtung Horizont, dort wo Weiß und Grau sich in der Mitte trafen.

Sein Kopf schwankte hin und her, misstrauisch um ein- und denselben Gedanken kreisend, und er drückte sich enger an den dunklen, kratzigen Holzpfahl, als könnte ihn nur das vor dem Ungeheuer bewahren. „Wasser?“ Leevi wusste, wie Wasser aussah. Das Wasser, das er ständig zum Waschen nutzte, das Wasser, welches seine Zofe ihm stets zum Baden einließ, sah nicht wie dieses sogenannte Wasser aus, zu dem seine Mutter ihn jetzt führen wollte. Dieses Wasser sah gefährlich aus. „Das ist kein Wasser, Mama.“

Es war ein großer, grauer Fleck am anderen Ende der Welt.

Seine Mutter war ratlos.



„Was siehst du, Leevi?“

Sein Arzt sagte, es sei ein genetischer Defekt. Damals noch ein so böses Wort, vor dem sich sogar Gott verneigen sollte – Defekt. Als wäre er eine Maschine, die man mit wenigen Handgriffen reparieren konnte. Leevi grinste in sich hinein. Als könnte das Leben so einfach sein.

„Komm, Schatz, lass uns spazieren gehen.“

Jedes Mal, wenn seine Mutter seine Hand in ihre nahm und sie gemeinsam durch den fulminanten Schlossgarten schritten, erzählte sie ihm Geschichten von einer Welt, die er erst Jahre später für sich selbst entdecken konnte. Denn alles, was für seine Mutter blau war – blau wie das Meer –, war für ihn grau wie seine Hose. Was für seine Mutter rot wie die Rosen war, war für ihn grau wie wie die Karossen. Selbst das Gras, das so grün wie ihre Augen sein sollte, war für ihn grau wie die Putzlappen der Küchenmägde.



Er war traurig.

„Mama!“ Als er sieben wurde, war er weinend zu ihr gerannt. Sie war völlig aufgelöst gewesen, als sie ihn in ihren Armen empfing. Er rotzte und schniefte, fand seinen Halt nur in der Umarmung seiner liebevollen Mutter. „Es tut mir leid!“, schrie er ihr zwischen zwei tiefen Atemzügen entgegen.

„Was denn?“ Sie hatte stets so viel Geduld bewiesen. Egal, ob er sie beim Nachmittagstee störte oder mitten in ihrem Gespräch mit dem deutschen Premierminister bei ihr aufkreuzte, sie hatte ihm immer und immer wieder Verständnis entgegen gebracht.

„Ich bin kaputt, Mama. Sie sagen, ich bin kaputt.“

Die Inbrunst, mit der er diese Worte aussprach, hatte seiner Mutter die Tränen in die Augen getrieben. Sie lag mit ihm im Bett, an dem Abend, an dem die Lichter gen Himmel aufstiegen. Sie war das Feuer, an dem er seine kalten Hände wärmen konnte. Sie war die Behaglichkeit, die er brauchte, wenn er sich verloren fühlte. Sie war das Meer, das blaue Meer – nicht das graue.

„Möchtest du nicht schauen, wie viele Menschen dich lieben, Leevi?“

Seine Augen blickten zu ihr auf, gerötet und verkrampft. Er schüttelte den Kopf. Alles, was er wollte, war in den Armen seiner Mutter einzuschlafen.  

„So viele Menschen lieben dich.“, beteuerte sie ihm gegenüber. Sanft fuhr sie ihm durch sein Haar, ihre Berührung so zart wie die Frühlingsbrise. So ganz anders als die Welt, die sich ihm offenbarte.

„Ich bin aber kaputt.“, nuschelte er in den seiden Stoff ihres Nachthemdes hinein. Sie war so warm, so herzlich.

„Schau nach draußen, Leevi.“

Seine Mutter sagte, hinter jedem Licht, das dem weißen Mond entgegen flog, verbarg sich ein Herz mehr, das er erobert hatte. An diesem Tag war er das, der meist geliebte Junge in ganz Swendway.

„Alles Gute zum Geburtstag, mein kleiner Prinz.“

Die Liebe seiner Mutter war nie grau gewesen. Sie war gelb wie die Sonne, so golden wie die Sterne. Sie war strahlender als alles, was er bisher gesehen hatte. Sie war so viel heller als das Licht, das er an den Silvesternächten sah, heller als das Licht, das er im Hochsommer spürte, sie war so viel mehr, als seine bisherige Welt es ihm weismachen wollte. Er wollte ihr eine Welt schenken, so wie sie ihm eine vermacht hatte, doch die Zeit – die doofe, doofe Zeit! – hatte sie ihm genommen. Schleichend begann es, schleichend nahm Gott ihr Licht. Seine Mutter sagte, wenn es Zeit war, dann war es Zeit. Und an jenem Tag war es so weit, ihr Licht flog gen Himmel gemeinsam mit den Herzen, die Leevi über all die Jahre hinweg für sich gewonnen hatte. All die Herzen hatte man ihm in seine Händen gelegt, aber das seiner Mutter ging in die Arme ihres Gottes.



Dafür hatte Leevi sie gehasst. Sie, die jetzt glucksend in der Wiege liegen konnte, während seine teuerste Mutter unten, tief unten in der Erde vergraben, ihren ewigen Schlaf gefunden hatte. Er hasste sie – sie, die seine Schwester war –, er verabscheute sie dafür, ihm seine Mutter genommen zu haben. Sie, deren Leben an dem Tag begann, an dem das seiner geliebten Mutter enden musste.

„Leevi.“ Sein Vater hatte ihm die Hand auf seinen Kopf gelegt, als er sich selbst verzweifelt an etwas zu klammern versuchte, was schon längst fort war. „Es ist okay.“, sagte er und sein Vater weinte drauf los.

Leevi biss sich auf die Unterlippe. Er hatte ihr geschworen, keine Träne zu vergießen. Sein Wille war ihrer und doch wusste er nicht, was mit ihm geschah. Er holte einmal, zweimal tief Luft, als seine Sicht zu verschwimmen begann. Er hielt sich krampfhaft an der Hose seines Vaters fest, stellte sich vor, wie er am Strand stand, das graue – nein, blaue Meer vor sich und seine Mutter, die ihn mit einem Lächeln in eine neue Welt entführen wollte.

Seine Welt war schon immer grau gewesen, grau, eintönig, trostlos. Sie war schon grau gewesen, da wusste er nicht einmal, was Grau eigentlich war. Aber von dem Augenblick an, in dem seine Mutter ihn zu sehen lehrte, was nicht zu sehen war, nahm seine Sicht Farbe an. So viele Farben. So viele Farben, die er mit seinen eigenen Augen niemals sehen könnte. Er hatte das Orange in den Orangen geschmeckt und das Lavendel in den Lavendelblüten gerochen. Seine Mutter war die reine Farbenpracht gewesen, nach der er sich so lange gesehnt hatte.

Und an diesem Tag nahm sie das erste Mal die Farbe schwarz an.
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