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Die Farben der Nacht

KurzgeschichteSchmerz/Trost / P12
"Geser" Boris Ignatjewitsch Anton Gorodezki
02.12.2019
02.12.2019
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Disclaimer:     
Alle Figuren, Orte, Hintergründe und Art und Weise der Lichten und der Dunklen sind von dem Buch Wächter der Nacht und sind somit geistiges Eigentum von Sergej Lukianenko. Mir gehört gar nichts, nur die Idee zu der folgenden Kurgeschichte.

Spoiler:
Spielt im Großen und Ganzen nach dem Buch Wächter der Nacht

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Die Farben der Nacht


Träge ließ er den Blick über das nächtliche Moskau schweifen.

Unter ihm fuhren die Autos die Hauptstraße entlang und erleuchteten mit ihren Scheinwerfern die am Straßenrand laufenden Menschen. Selbst die wenigen Wolkenkratzer und Wohnhäuser versuchten ihr Licht auf die Straße zu werfen, aber die Dunkelheit wehrte sich zunehmend gegen das Licht, und nicht nur die Menschen spürten die Nähe der Dunkelheit und ihren Bewohnern. Auch er spürte ihr Dasein.

Langsam hob er den Kopf und sah nun nicht mehr auf die Straße, die an dem Hochhaus vorbeiführte, welches er sich nach der ganzen Sache ausgesucht hatte, sondern sein Blick ging über die ganze Stadt. Nach einigen Sekunden ließ er die aber auch hinter sich und versuchte sich andere Länder vorzustellen. Städte mit blauen Himmel, weißen Wolke, einer strahlenden Sonne und eine Wärme, die er schon seit langen vermisste.

Leicht erschauderte er, eine Gänsehaut jagte seinen Rücken hinunter, ließ jeden Muskel vor Kälte erzittern und holte ihn wieder in das viel zu kalte Moskau zurück.

Reflexartig nahm er die geöffnete Wodkaflasche und nahm einen kräftigen Schluck. Die Flüssigkeit rang seine Kehle hinab und zeigte bereits in der Speiseröhre seine Wirkung. Hitze erfüllte seinem Bauch und breitete sich in sekundenschnelle in seinen ganzen Körper aus. Für Sekunden, vielleicht sogar ein paar Minuten würde ihm warm sein, aber der Alkohol diente heute nicht nur als Wärmer. Heute Nacht sollte der Alkohol seine Sinne berauschen und seinen Verstand benebeln. Heute wollte er nicht mehr denken und erst recht nichts mehr fühlen. Am liebsten würde er all seine Gefühle ausschalten und seine Arbeit als Wächter der Nacht ganz mechanisch ablaufen lassen. Tagsüber schlafen, Nachts die Dunklen bewachen. Eigentlich war es doch ganz einfach. Schlafen und arbeiten. Mehr brauchte man doch nicht von ihm. Warum sollte er auch nur noch irgendetwas fühlen? Gefühle bedeuteten Schmerz und in letzter Zeit hatte er davon reichlich genug gehabt.

Es gehört leider dazu.

Er seufzte tief und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche. Als der Alkohol erneut seinen Rachen berührte, schüttelte es ihm. Er trank noch einmal und das Zittern wurde einfach weggeschwemmt. Er spürte bereits, wie sein Kopf schwer wurde und der Alkohol seine Arbeit tat. Wenn er so weiter trank, würde er sehr schnell betrunken sein und nichts mehr von seiner Umwelt wahrnehmen. Ein Gedanke, der ihm durchaus gefiel. Einfach alles vergessen!

Bitte hör damit auf! Es schadet dir nur!

„Es soll mir schaden“, antwortete er schon fast trotzig. Er wusste, er könnte die Wirkung mit seinen Kräften verlangsamen, aber warum sollte er das tun?

Du wusstest, was passieren würde! Wusstest es schon lange. Wir hatten keine andere Wahl!

„Ich weiß! Trotzdem ...“

... nagt es an dir. Das verstehe ich. Schließlich liebst du sie. Trotz allem. Aber ihr Platz liegt bedeutend höher als deiner!

„Ich weiß“, antwortete er wieder und schwieg dann. Lange betrachtete er einfach nur die Bewohner Moskaus. Menschen, die ihr Leben lebten und dachten, dass zum Beispiel eine Liebe über Kilometer das schlimmste war, was es gab. Wenn die nur wüssten! Wenn sie wüssten, dass vor ihrer Haustür jeden Tag von neuen ein Kampf zwischen Gut und Böse tobte, dann würden sie sich nicht mit banalen Sachen beschäftigen und erkennen, wie bedeutsam das Leben im Ganzen war und was es noch alles zu bieten hatte.

Wüssten sie das, Anton, dann wären sie Andere! So wie du und ich. Aber das sind sie nicht! Vergiss das nicht. Niemals!

Dieses Mal sagte er nichts und nahm stattdessen einen weiteren Schluck vom Kognak. Er wollte nichts sagen, denn er wusste, was kommen würde.

Du weißt, wem wir dienen, Anton?

„Dem Licht“, sprach er mechanisch.

Wen verteidigen wir, Anton?

„Die Menschen.“

Gegen wen beschützen wir sie, Anton?

„Gegen die Dunklen.“

Und welcher Wache dienst du, Anton?

„Den Wächtern der Nacht! Das weiß ich alles, Boris Ignatjewitsch! Das habe ich nicht vergessen und werde ich auch nicht vergessen! Das kann ich gar nicht!“ Er hob den Kopf gen Himmel, als hätte er den Chef der Nachtwache direkt vor sich anstatt in seinen Kopf. „Kann ich denn nicht einfach hier sitzen und meine Gedanken mit Wodka wegschwemmen?“

Jetzt war es der Chef, der einen Augenblick nichts sagte.

Ich weiß, was du gerade durchmachst, Anton!, sprach Ignatjewitsch sanft weiter. Jeder Lichte hat diese Phase. Auch ich hatte sie, sie gehört einfach dazu. Du siehst die Menschen, hast Mitleid mit ihnen, weil du die Dinge siehst, die sie nicht sehen können. Hast Mitleid mit ihnen, weil du die Wahrheit kennst und du hast Mitleid mit ihnen, weil nur du  ihr Leben beschützen kannst. Aber irgendwann kommt die Zeit, wo du erkennst, was die Menschen gegenüber dir haben. Sie leben ihr Leben so gut es geht ohne einen Gedanken an das Böse zu verschwenden. Sie leben, lieben und sterben. Wir können auch leben und lieben. Mit dem Sterben sieht es bei uns schwieriger aus, aber wir können auch ein Leben führen, trotz allem aber haben die Menschen das, was wir niemals haben werden. Sie haben die Ruhe, um ihr Leben zu leben. Ist es nicht so, Anton?

Lange starrte er vor sich hin, hielt die Flasche fest umklammert und wollte nicht die Wahrheit aussprechen, die so schwer auf seinem Herzen lag. Nur schwer brachte er die nächsten Worte über seine Lippen: „Ja, Boris Ignatjewitsch, die Menschen haben die Ruhe, die ich für immer verloren habe!“

Anton, du bist ein Anderer und du hast dich für das Licht und für die Wächter der Nacht entschieden. Als du das Zwielicht betreten hast, hast du dein altes Leben abgelegt und bist einen neuen Weg gegangen. Hast viel gesehen, erlebt und gelernt. Auch wenn du dich nach dieser Ruhe sehnst, wirst du sie nicht bekommen, denn du bist anders als die Menschen!

„Ich weiß!“

Und was Swetlana betrifft, sie ist nicht aus der Welt, Anton. Sie ist zwar jetzt eine große Zauberin, aber auch sie liebt dich weiterhin. So wie du sie noch immer liebst. Eure Liebe ist stark, sie stand nur am Anfang unter einen falschen Stern.

Er horchte auf. „Wie meinen Sie das? Sie haben doch selbst gesagt, dass, wenn Sweta erst einmal eine große Zauberin ist, sich unsere Wege trennen werden!“

Auch ich kann mich irren!

„Aber ...“

Glaubst du, nur weil ich der Chef der Nachtwache bin und noch dazu ein großer Magier bin, dass ich mich da nicht auch mal irren kann?

„Ähm, nicht Sie!“

Boris Ignatjewitsch lachte leise und Anton könnte schwören, dass er den Kopf des Chefs sehen konnte, welcher sich amüsant hin und her bewegte.

Es ist selten, sehr selten sogar, Anton, aber auch ich kann mich irren.

Anton schluckte und wie betäubt blickte er weiter in den Himmel. Den Alkohol vergas er vollkommen. Wenn das stimmte, was der Chef da sprach, konnte er es vielleicht doch wagen? Konnte er es wagen, einen Blick in die Zukunft zu werfen? Würde er dabei Swetlana an seiner Seite sehen?  

Was glaubst du?

Er hob die Schultern, als wüsste er nicht, ob er seine Gedanken laut aussprechen sollte. Immerhin war es ein Wunsch von ihm. Er liebte die junge Frau, konnte sich ein Leben mit ihr vorstellen, aber zwischen Wunsch und Realität bestand ein riesiger Unterschied, das wusste er nur zu gut.

Er hörte den Chef seufzten, als wüsste dieser nur zu gut, was passiert war: Du hast ihr unschöne Dinge an den Kopf geworfen!?

Beschämt senkte er den Kopf und nahm einen kleinen Schluck des Kognaks, als könnte der Alkohol all das verwischen, was er Swetlana in seiner Wut, in seiner Enttäuschung gesagt hatte. Es waren nicht immer schöne Worte gewesen und Swetlana war kurz davor gewesen in Tränen auszubrechen. Noch immer konnte er ihr schönes Gesicht sehen, mit ihren großen, angstvoll geweiteten Augen und ihren weichen Lippen, die vor Enttäuschung zitterten. Heftig schüttelte er den Kopf. Versuchte die Bilder aus seinen Kopf und aus seinem Gedächtnis zu vertreiben. Nie wieder wollte er diesen Ausdruck auf ihrem Gesicht sehen. Nie wieder.

Hör mal, Anton. Die behutsame Stimme des Chefs hallte in seinen Kopf wider. Rede noch einmal mit Swetlana, entschuldige dich bei ihr und erklär ihr, was du fühlst. Zeig ihr deine wahren Gefühle gegenüber ihr und erklär ihr auch deine Angst gegenüber der Zukunft. Ihr werdet schon einen gemeinsamen Weg finden!

Entschlossen nickte Anton. Genau das würde er tun. Zu Swetlana gehen und ihr alles erklären. Ja. Am besten sofort. Heute noch. Er stand auf und in der gleichen Sekunde musste er sich an der Dachbegrenzung festhalten. Die Welt um ihm herum drehte sich in einem Tempo um seine Achse, dass er nicht mehr vorne von hinten, oben von unten unterscheiden konnte. Sekunden blieb er einfach nur stehen und versuchte seinem Körper die Möglichkeit zu geben sich an den Alkohol zu gewöhnen. Aber allen Anschein hatte er schon so viel in sich hinein gekippt, dass der Alkohol jetzt doppelt so stark wirkte.

Es ist wohl besser, wenn du erst mal nach Hause gehst und deinen Rausch ausschläfst!

„Nein“, widersprach er heftig und hielt sich gleichzeitig den Kopf. Die Welt wollte einfach nicht aufhören zu drehen. „Ich muss mit Swetlana reden!“

Das kann bis morgen warten. Geh nach Hause, Anton! Ich ...

„Nein, Boris Ignatjewitsch! Ich muss jetzt sofort mit Swetlana sprechen!“

Nein,  Anton! Dieses Mal war die Stimme des Chefs scharf, und Anton wusste instinktiv, dass Ignatjewitsch in diesem Moment keinen Wiederspruch duldete. Du gehst auf direkten Weg nach Hause. In deinem Zustand kommt alles mögliche aus deinem Mund. Nur nicht das, was du eigentlich sagen willst. Schlaf dich aus und geh morgen früh gleich zu Swetlana. Red mit ihr! Und mach dir keine Gedanken wegen der Arbeit. Die Wache kann morgen auf euch beide verzichten.

Widerstrebend neigte Anton den Kopf und gab sich geschlagen. „Okay. Danke, Boris Ignatjewitsch.“

Der Chef der Nacht ging nicht weiter darauf ein und sprach nur: Geh jetzt. Du hast einen langen Weg vor dir. Erneut schwieg er. Überlegte. Es ist wohl besser, wenn ich selber dafür sorge, dass du da auch heil ankommst. Ich werde alle Wahrscheinlichkeiten durchgehen. Nun geh.

Wieder nickte Anton und er lief mit wackligen Beinen los. Wenn der Chef selbst höchst persönlich den Weg für ihn frei machte, dann lag ihn entweder sehr viel an seinen Schützling oder aber er bezweckte wieder einmal etwas mit der ganzen Situation. Aber darüber wollte er jetzt nicht nachdenken. Was jetzt zählte war Swetlana und niemand anderes!!


                                                                                  Ende
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