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Mittelerde Adventskalender 2019 - "Goldene Blätter"

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFamilie, Fantasy / P6 / Gen
Elanor Gamdschie OC (Own Character) Rose "Rosie" Hüttinger/Gamdschie Samweis / Sam Gamdschie
02.12.2019
18.12.2019
2
5.922
9
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18.12.2019 3.379
 
Die achzehnte Tür des Mittelerde-Adventskalenders 2019 (Projekt)
zeigt einen Schlitten in einer weihnachtlich beleuchteten Stadt im Schnee. Zu Auenlandmusik öffnet sich die Tür und die Geschichte von der kleinen Elanor, die auf das Weihnachtsfest wartet, geht weiter.

~~~oOo~~~

Eine Unerwartete Begegnung


„Lügnerin, Lügnerin, Lügnerin!“
Ein kleiner, krausköpfiger Junge schrie diese Worte heraus und sie hallten weit über die winterlichen Hügel von Hobbingen. In ihnen drückte sich die gesamte zweiflerische Skepsis eines Kindes aus, das einmal zu oft auf seine Eltern gehört hatte.
„Bäume können überhaupt nicht sprechen!“
„Können sie wohl, wohl, wohl!“, widersprach Elanor heftig und ihre sonst so verträumten Kinderaugen blitzten vor Empörung. „Komm nur mit zur Festwiese, dann beweis' ichs dir!“
„Kannst du eh nicht! Weil du nämlich verrückt bist. Verrückter noch als der Verrückte Bilbo, der in Blitz und Donner verschwindet und mit Kisten voller Gold und Schätzen wiederkommt!“
„Bin ich nicht!“
„Bist du wohl“
„Bin ich nicht!“
„Verrückte! Verrückte! Jeder sagt das!“
Mit einem wilden Kriegsgeheul stürzte sich Elanor auf ihn, doch er wich ihr aus, lief über die Wiesen davon und Elanor nahm die Verfolgung auf.

Nein, die Zeit vor Weihnachten war definitiv nicht ihre liebste Zeit und würde es nie werden. Siebzehn lange, ewige Tage waren nun vergangen, seit sie zum ersten Mal unter dem magischen Elbenbaum ihr Sprüchlein aufgesagt hatte und siebzehn Mal hatte der Baum ihr seine Geschichten erzählt. Düstere Geschichten, von verlassenen Ruinen und streitenden Prinzen, lustige Geschichten von Zwergen, Elben und Menschen aus allen Ecken Mittelerdes, von Eichhörnchen im Schnee und neugeborenen Prinzen.
Aber der Baum hatte gelogen.
Es hatte die Zeit bis Weihnachten nicht verkürzt. Nicht ein winziges bisschen. Und die erwachsenen Hobbits waren alle so furchtbar beschäftigt. Dauernd standen sie herum, tuschelten und werkelten und verstummten, wenn Elanor oder ihr Bruder hinzukamen. Nie hatten sie Zeit für sie, immer schickten sie sie fort und immerzu hörte Elanor den Satz: „Nicht jetzt, später“. Sie hatte diesen Satz nun schon so oft gehört, dass sie die Zeit vor Weihnachten die „Nicht-jetzt-später-Zeit“ getauft hatte und sie hasste es.
Und nun bezichtigte auch noch ihr bester Freund Fastred sie der Lüge! Nein, ihr Freund war das nun nicht mehr. Niemals nicht und überhaupt nie mehr. Sie würde ihm schon beweisen, dass sie nicht log. Wenn sie ihn nur erwischen konnte.

Die Fröste blieben nun auch bei Tage in den Tälern des Auenlandes liegen. Der Himmel war klar und kalt, doch der erste Schnee ließ noch immer auf sich warten. Die Bäume waren nun kahl, die Tage kurz und still. Gelb und platt war das Gras und es knirschte und knisterte leise unter ihren Fußsohlen. Fastred war schneller als sie, aber das Gras verriet ihr seinen Weg. Deutlich sichtbar führte seine Spur nach Westen, zum großen Binsenmoor am Fuße der Weißen Höhen.
Zögernd verhielt das Mädchen seinen Schritt. Vater hatte verboten, dass sie zum Moor gingen. Es sei zu gefährlich dort für kleine Hobbitkinder. Aber Fastred war dorthin gegangen und Fastred hatte sie eine Lügnerin und eine Verrückte genannt. Drei Mal sogar. Also musste sie hin. Weil Fastred dort war und Fastred sie nicht eine Lügnerin nennen durfte.

Weit, weit im Westen, über die Weißen Höhen hinweg, leuchteten heute die Blauen Berge. Man konnte sie nicht oft sehen, denn sie waren wirklich sehr weit weg. An diesem Tag im Winter aber leuchteten sie blau und herrlich am Horizont. Wenn Elanor ganz feste blinzelte, dann sah einer der Gipfel beinah aus wie ein Zwergenkopf mit wildem Haar.
Fastred war ein Dummkopf, wenn er ihr nicht glaubte, dachte Elanor trotzig. Und sie lenkte ihre Schritte nach dem Moor. Er würde schon sehen.

So kam es, dass Elanor ganz in ihrer Jagd versunken war und nicht mehr Acht gab auf ihre Umgebung. Dass sie nicht mehr zuhörte, was um sie geflüstert wurde. Hätte sie zugehört, so hätte sie vielleicht die plätschernde Stimme der Wässer vernommen, dem kleinen Bach, welcher aus dem Binsenmoor entsprang und entlang Hobbingen und Wasserau bis zum großen Brandywein-Fluss im Westen floss.
„Gib Acht, Hobbitkind!“, hätte die Wässer etwa rufen können. „Dorthin, wo du laufest, wacht eine, die alt ist wie die Sonne und der Mond!“
Doch die Stimme der Wässer, wie die aller Bäche und Flüsse, war leise und rasch und nur sehr schwer zu verstehen und Elanor war nicht in der Stimmung, um zuzuhören. Und, seien wir ehrlich, hätte sie es gehört, wäre sie vermutlich auf sehr unhobbitmäßige, aber sehr Elanorische Art und Weise ganz schrecklich neugierig geworden und wäre dennoch weiter gegangen. Vielleicht war einen Tuck zum Patenonkel zu haben, und dazu den neugierigsten und naseweisesten Tuck, der je das Auenland unsicher gemacht hatte, nicht der beste aller Einflüsse auf ein junges Mädchen.

So jedenfalls holte sie Fastred an den Grenzen zum Binsenmoor ein und warf sich unter Triumphgeheule auf ihn. Eine Weile rangelten sie auf der Erde und es war gut, dass der Frost hier harsch und fest im Boden saß, denn sonst wären sie wohl über und über mit Schlamm und Morast bekleckert worden. Wie genau dieses Gerangel nun beweisen sollte, dass Elanor weder eine Lügnerin noch eine Verrückte war, war wohl keinem der beiden Kinder völlig klar. Es schien aber unter den jungen Hobbitmännern bei der Kneipe eine sehr beliebte Art der Beweisführung zu sein und als Fastred sich schließlich geschlagen gab, als Elanor auf ihm zu sitzen kam und ihn am Boden festnagelte, da schien es ihnen wohl irgendetwas bewiesen zu haben.

„Fein, deine Geschichten sind schön“, sagte also Fastred und klopfte sich Eisblumen und Gras aus der Kleidung.
„Und sie sind wahr“, beharrte Elanor stur. „Sag, dass sie wahr sind.“
„Mama sagt, sie können nicht wahr sein. Es gibt keine sprechenden Bäume, sagt sie, und keine Schneeköpfe in den Bergen, und die Wolken malen auch keine Geschichten. In Wahrheit ist es nur der Wind, der sie bewegt.“
„Deine Mama ist eine Sackheim-Beutlin und Sackheim-Beutlins haben keine Ahnung, sagt Papa!“, konterte Elanor giftig und nicht besonders nett.
Fastred sah beleidigt aus. „Ich bin auch ein halber Sackheim-Beutlin“, versetzte er.
„Du bist mein Freund“, sagte Elanor und schien schon vergessen zu haben, dass sie ihm eigentlich böse war. „Und Freunde glauben einander.“
„Freunde glauben einander“, stimmte er zu, „aber ich weiß, dass deine Geschichten unmöglich sind. Sie sind toll, aber erfunden, wie der Weihnachtsmann.“

Erschrocken schlug sich Elanor die Hände vors Gesicht. Es war unter den Kindern allgemein bekannt, wie gefährlich es war, den Weihnachtsmann zu verleugnen, gerade so kurz vor Weihnachten. Im Frühling mochten sie zweifeln, im Sommer verächtlich lachen bei dem Gedanken, denn im Sommer waren sie groß und stark und keine Babys mehr. Im Winter aber, wenn in den Hobbithöhlen die Kerzen angezündet wurden und Zimtplätzchen gebacken wurden, wenn der große Tag der Geschenke näher und näher rückte und die „Nicht-Jetzt-Später-Zeit“ begann, da glaubten sie wieder alle fest an ihn, denn wenn man ihn verärgerte, brachte er womöglich gar keine Geschenke und die ganze Vorfreude wäre dahin.
Alle glaubten sie daran, alle, außer Fastred, der einmal zu oft einem Erwachsenen geglaubt hatte.

„Und wo kommen dann die Geschenke her, du Schlauberger?“, fragte sie und dachte wohl, dass sich dieser Beweis nicht würde toppen lassen.
„Von deinen Eltern, du Baby!“, lachte aber Fastred, der schon ein ganzes Jahr älter war als sie, aber immer noch ein klitzekleines bisschen kleiner. „Wie an deinem Geburtstag, deinem Namenstag, dem Wünschetag und all den anderen Festen auch.“

Es war ja bereits gesagt, dass Hobbits es liebten, sich gegenseitig zu beschenken. Aber all dies war im Frühling, im Sommer und im Herbst, da wo die Hobbitfeste gefeiert wurden, die Saat, das Wachstum und die Ernte, und eigentlich waren es nur Feste, die es erlaubten, den ganzen Tag nach Herzenslust zu schlemmen und fröhlich zu sein. Elanor wusste es, wenn die erwachsenen Hobbits eine Feier planten. Dann schickten sie sie immer los, frische Eier zu kaufen, und ein Rezept zu suchen, und sie durfte beim Backen helfen und beim Fischen und beim Einladungen malen und beim Einladungen austragen und all den wunderbaren Dingen.  
Aber Weihnachten? Das war eine ganz und gar andere Sache. Das war ein seltsames Fest, das zu keinem so recht dazu passte, mit magischen Bräuchen und magischen Wünschen und magischen Lichtern und eben magischen Geschenken. Es war etwas, das irgendwann einfach so passierte, nichts, das die Hobbits planten.
Elanor machte auch schon den Mund auf, um eben dieses zu sagen, da bekam Fastred mit einem Male kugelrunde Augen und sein Mund war in lautlosem Staunen aufgerissen. Suchend drehte sich Elanor um die eigene Achse, doch fand sie nichts, was dieses Staunen ausgelöst haben könnte. Sie sah nur das Moor, gefroren und morastig und neblig. Sie sah die Wässer, nur an ihren äußersten Rändern mit Eisblumen bekränzt, aber lustig umherspringend, das dunklere Wasser aus dem Moor mit einem kleinen frischen Quell aus einem Obsthain vereinend.
Ein Obsthain, den sie noch nie zuvor gesehen hatte, doch er musste sehr alt sein. Hübsch war er, und im Sommer wohl von Blumenbeeten geschmückt, ordentlich und wohlgepflegt, wie der alte Ohm zu sagen pflegte. Der alte Ohm, der verstand sich auf Obsthaine, denn er hatte die besten und mit den meisten Preisen gekrönten Obsthaine des Auenlandes. Wer aber pflegte diesen? So weit ab von allen Wegen und Siedlungen?

Fastred fasste Elanor nun beim Arm und zog sie flüsternd zu sich. „Ella, sag, dein Baum, der der sprechen kann, kann er sich auch bewegen?“
„Jetzt nimmst du mich aber auf den Arm“, sagte Elanor beleidigt, „natürlich nicht. Er ist ein Baum!“
„Die alte Ulme dort, ich glaube, sie hat sich gerade bewegt.“
Misstrauisch sahen die Kinder nach der alten Ulme hin, die inmitten junger Apfelbäume stand. Knorrig war sie und gebeugt von Wetter und Alter und kaum Blätter trug sie noch in den spärlichen Zweigen ihrer Krone. Der tote Ast dort, und das kleine Astloch darüber, gaben dem Baum beinah soetwas wie ein Gesicht, aber bei einer Bewegung konnten die Kinder sie nun, da sie hinsahen, nicht erwischen.
„Komm, lass uns das näher anschauen!“, rief Elanor und setzte ihr Vorhaben sogleich in die Tat um.
Es führten ein paar Stufen hinauf zum Apfelhain, damit die Wurzeln der Bäumchen nicht nass standen im Moor, aber diese Stufen waren nicht für Hobbitbeine gemacht. Hoch waren sie und unbehauen und die zwei Hobbitkinder mussten sich tüchtig anstrengen, um sie zu erklimmen. Endlich aber waren sie oben. Nun sahen sie, dass die alte Ulme direkt am Nebenquell der Wässer stand und ihn mit ihren Wurzeln fast einrahmte wie einen kleinen Brunnen. Ihre langen Zweige hingen tief in den klaren Quell, dass es aussah, als trinke sie durch ihre Zweige statt durch ihre Wurzeln.

„Hast du schon einmal einen Baum gesehen, der mit den Zweigen ins Wasser wächst?“, flüsterte Fastred.
„Warum flüsterst du?“, flüsterte Elanor zurück.
„Damit sie uns nicht hört.“
„Die Ulme?“
„Die Ulme.“
„Die Ulme ist doch kein Mallorn“, lachte da Elanor laut, lief auf den Baum zu und legte ihre Hand an den knorrigen, toten Nasenast des Rindengesichtes. „Sie kann nicht reden oder hören. Siehst du?“ Und Elanor zog einmal kräftig an dem, was sie für einen Ast gehalten.
Da ging mit einem Male ein Rütteln und ein Schütteln durch den Baum, dass einem Angst und Bange werden konnte und Elanor vor Schreck nach hinten purzelte.
„Ummmmm“, machte der Baum und es klang nicht ein winziges bisschen nach der leisen Raschelstimme des Mallorn. „Ummmmmm! Ummmmmmmm! Ummmmmmmmmmmmmmm!“ Es war ein Brummen, lang und tief und schier nicht enden wollend und die Kinder spürten es in ihren Bäuchen vibrieren, so tief war es.
Und dann, überraschenderweise, unglaublicherweise, bewegte sich der Baum. Aus zwei runden Astlöchern waren mit einem Male Augen geworden, bernsteinfarbene, uralte und unendlich müde Augen. Der Nasenast war nun eine Astnase und sie zwickelte und zwackelte ganz unbaumisch hin und her, als sei der Baum eine Kuh, die mit ihrem Schweif eine lästige Fliege verscheuchte. Äste waren jetzt Arme, Zweige waren Hände und Wurzeln waren Beine und Füße und der Baum  sah sie an.
„Weeeeeeeeeeeer faaaaaaasst mich …... annnn meinnnnne Naaaaaase?“, fragte die Ulme, unendlich langsam und unendlich müde. „Weeeeeeeeeer weckt mmmmmmich immmmmm Winnnnnnnnterschlummmmmmer?“
„Ich bin Elanor“, sagte Elanor höflich, die sich als Erste fasste. Gerechterweise muss man zugeben, dass der Weg von flüsternden Blättern und malenden Wolken zu schläfrigen Bäumen für sie nicht mehr so weit war. „Das ist Fastred und wir wollten dich wirklich nicht wecken. Wir wussten nicht, dass hier jemand schläft.“
„Seiiiid iiiihr Orrrks?“, wollte die Ulme wissen.
Elanor wusste nicht genau, was Orks waren, aber es klang höchst unerfreulich und da sie mit ziemlicher Sicherheit wusste, dass sie eben keine Orks waren, antwortet sie: „Wir sind Hobbits.“
„Aaaalso keinnnne Orrrks?“
„Nein.“
„Daaaaas ist guuuut“, sagte die Ulme, dann wurden aus den Augen wieder Astlöcher und sie schien wieder einschlafen zu wollen.
„Und wer bist du?“, fragte Elanor. Sie fand es ein wenig unhöflich, sich nicht vorzustellen, nachdem sich einem sein Gegenüber gerade vorgestellt hatte. Aber vielleicht gab es ja unter Bäumen andere Sitten.
Schläfrig blinzelte die Ulme mit ihren Bernsteinaugen. Sie schien über etwas nachzudenken, auch wenn sich das bei einem Baum schwer sagen ließ.
„Mein Name“, sagte sie endlich, „dauert viele Jahreszeiten in eurer hastigen Sprache. Hast du so lange Zeit, kleiner Hobbit?“
„Wie kann ein Name denn so lang sein wie eine Jahreszeit?“, rief Fastred aus, der seine Worte und seinen Mut wiedergefunden hatte. „Und wie kann ein Baum sprechen?“
„Ich“, sagte die Ulme langsam, „bin schon viele Jahrtausende da, seit mich die Sonne aus dem Sternenschlummer weckte. Aber kein Baum bin ich.“

Elanor war plötzlich ganz aufgeregt. „Fastred, Fastred! Erinnerst du dich noch, was Meister Meriadoc und Onkel Pipp erzählt haben? Du, ich glaube, ich weiß, was sie ist! Sie... sie.. du...“ Begeistert schaute sie in das borkige, uralte Gesicht der Ulme, „du bist eine Entfrau, richtig?“
Die Ulme hatte keine Augenbrauen, also konnte sie sie auch nicht nachdenklich zusammenziehen, doch die raue Rinde wurde noch ein wenig rauer und dies mochte ihre Art sein, die Stirn zu runzeln.
„Entfrau“, wiederholte sie, als müsse sie den Klang dieses Namens zuerst kosten, ehe sie ihn verstand. „Ja, ich denke, so hat man uns einstmals genannt.“
„Uns?“, fragte Fastred staunend. „Gibt es denn noch mehr? Ei, da wird meine Mama staunen, wenn ich ihr das erzähle.“
„Und Merry und Pippin erst!“, rief Elanor aus. „Denk dir nur, wir gehen runter zum großen Smial des Tuck und wir erzählen ihm alles von.... von...“ Nachdenklich brach sie ab. „Du braust einen Namen“, sagte sie, „jeder hat einen Namen. Fastred hat einen, ich habe einen, sogar meine kleine Schwester, die noch nicht mal auf der Welt ist, hat einen.“
Sie sah sich im Hain um, als wachse der richtige Name wie ein Apfel auf den Bäumen. Natürlich wuchs dort kein Name und Elanor musste überlegen. Sie kannte viele Namen, denn Hobbits waren ein geselliges Volk und bekam sehr gerne, oft und viel Besuch. Aber alle diese Namen waren ja schon vergeben. Sich einen neuen Namen zu überlegen, für ein so altes Wesen, war ziemlich schwierig.
Fastred aber hatte eine Idee. „Du siehst aus wie eine Ulme“, sagte er. „und du hütest diesen Garten, richtig? Was hältst du von Ulmgard?“
„Ulmmmmmmmmgaaaaaaaaaard. Ommmmmm! Ommmmmmmm! Ommmmmmmmmmm, dieser Name gefällt mir, er gefällt mir gut. Ein hastiger Name für eine hastige Sprache, aber, ummmm, er ist sehr passend“, sagte die Entfrau und ihre Bernsteinaugen schienen zu lächeln. „Nuuuuuuun bin ich fast sicher............“
„Ja?“ Wieder war die Entfrau beinah eingeschlafen.
„Hhhhhhhhhmmm, dass ihr keine Orrrrks seid. Orknamen klingen nach Beil und nach Säge, nach Axt und Fäulnis und nach Feuer, oh, so viel Feuer, überall Feuer.“ Eine Weile war die Entfrau dann stumm, versunken in einen uralten Schmerz. Als sie wieder sprach, klang sie ein bisschen weniger müde.
„Was sucht ihr hier, in meinem Garten?“, fragte Ulmgard, die Entfrau.
„Wir...“ Elanor war ihr Streit mit Fastred vor der alten Ulme ein wenig peinlich, aber Fastred rettete sie.
„Wir suchen den Weihnachtsmann!“, platzte er heraus. „Hast du ihn vielleicht gesehen?“
„Den Weihnachtsmann? Hmmmmmmm, ummmmmm, ommmmm, diesen Namen kenne ich nicht. Wie sieht er denn aus, euer Weihnachtsmann?“
„Er..“ Hilfesuchend sah Fastred zu Elanor. „Er ist groß wie ein Mensch, richtig? Mit langem, grauem Bart und spitzem Hut. Er fährt immer in einem Schlitten, gezogen von magischen Rentieren-“
„Im Sommer aber von magischen Kaninchen!“, unterbrach Elanor.
„So ein Quatsch, wie sollen Kaninchen denn im Sommer einen Schlitten ziehen?“
„Es sind eben sehr sehr viele Kaninchen, und es ist dann kein Schlitten sondern eine Kutsche!“
„Aber-“
„Ommmmm, ummmm, hmmmm, nicht so hastig, kleine Hobbits. Lasst Ulmmmmmgard einmal nachdenken.“, sagte Ulmgard und nun dachte sie nach. Elanor und Fastred kannten ihr Nachdenk-Gesicht ja bereits und so warteten sie eine Weile mit angehaltenem Atem. Wenn Ulmgard so alt war, wie sie sagte, dann musste sie ja irgendwann einmal den Weihnachtsmann gesehen haben, oder?
Als einige Minuten verstrichen waren, ohne das Ulmgard etwas sagte, und die Sonne über das Warten schon wieder zum Horizont herabsinken wollte, sagte Elanor noch das erste, was ihr über den Weihnachtsmann einfiel.
„Er ist auch ein Zauberer“, sagte sie, „denn er zaubert uns jedes Jahr zu Weihnachten tolle Geschenke herbei!“ Dies, so meinte sie, war schließlich die wichtigste Beschreibung des Weihnachtsmannes.
„Ein Zauberer, sagst du? Grauer Bart, spitzer Hut, magische Kaninchen? Wohl eine braune Kutte? Im Winter den roten Mantel mit dem zahmen Hermelin, das sich ihm um den Kragen legt um ihn zu wärmen?“
„Ja! Ja! Genau der! Hast du ihn gesehen?“
„Ich könnte ihn gesehen haben, vor zwei Jahren, oder waren es zweihundert Jahre? Ommmm, ummmm, hmmmmm, er kommt bisweilen hier vorbei, obwohl er häufiger bei den Nebelbergen umherzieht.“
„Aber ja, dort, in den nördlichen Nebelbergen, bei den nördlichen Nebelzwergen, wo die Geschenke gezaubert werden!“, rief Elanor begeistert. „Aber hast du ihn dieses Jahr schon gesehen?“
„Vielleicht waren es auch zwei Tage zurück, dass er herkam, um einen Krug frischen Quellwasser mit mir zu teilen, hmmmmm, ummmm, ommmm.“
Fastred und Elanor sahen sich mit glühenden Augen an. Dann stimmte es! Weihnachten war nicht mehr weit.
„Aber wo ist er jetzt? Wohin ging er danach?“, wollten sie wissen und sprachen in ihrer Aufregung alle durcheinander.
„Wer kennt schon die Wege eines Zauberers?“, fragte Ulmgard und gähnte herzhaft. „Vielleicht ist er in der alten Menschensiedlung Bree? Ich gab ihm Äpfel mit aus meinem Garten, und Karotten, Nüsse und Nelken und Orangen. Auch ein junger Tannenbaum begleitete ihn auf seinem Schlitten. Ein hastiger, eitler junger Baum, der sich auf das Schmücken freute und die lange Reise gerne tun wollte.“

Elanor wusste natürlich, was das bedeutete. Der Weihnachtsmann hatte beinah alles fertig. Er verschenkte sehr gerne Orangen und Nüsse an die Kinder, daran erinnerte sie sich noch, und an die Äpfel und Rosinenkörbchen im Weihnachtsbaum.
Sie stellte sich den Weihnachtszauberer vor, wie er auf seinem Schlitten durch die verschneiten Straßen der weihnachtlich geschmückten Stadt fuhr, mit einer Tanne und einem großen Sack Geschenke im Gepäck, und fröhlich in seinen Bart lachte. Bree war zwar nicht halb so schön wie das Auenland, mit seinen engen, großen, eckigen Steinhäusern, aber dort gab es schließlich auch Hobbitkinder, hatte ihr Vater gesagt. Ob der Weihnachtszauberer auch zu den Menschenkindern fuhr?
Wenn er jetzt schon bei den Kindern Brees war, dann konnte er in wenigen Tagen durch die Siedlungen des Auenlandes kommen und das Warten hatte wohl endlich ein Ende!

Über diese frohe Botschaft hopsten und tanzten Elanor und Fastred einen kleinen Hobbitkinderfreudentanz, denn nun musste selbst Fastred an den Weihnachtsmann glauben. Den guten, guten Zauberer, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Kindern in ganz Mittelerde eine Freude zu machen.

Ulmgard erzählte ihnen noch vieles an diesem Tag, denn es stellte sich heraus, wenn sie erst einmal wach war, wusste sie eine ganze Menge von der weiten Welt jenseits ihres beschaulichen Landes und die Kinder lauschten ihr bis zum Einbruch der Dunkelheit.
Als Ulmgard schließlich ein zweites und ein drittes Mal herzhaft gähnte und die Schatten tief über das Moor herbeigekrochen kamen, nahmen die Hobbitkinder Abschied mit dem festen Vorhaben, Ulmgard wieder zu besuchen. Und auf dem Heimweg nahmen sie gut Acht auf die große Oststraße, die von den Grauen Anfurten quer durch das Auenland bis nach Bree und weiter zu den Nebelbergen führte. Vielleicht, so hofften sie, zeigte sich ja sogar schon heute ein großer Schlitten mit magischer Fracht.

Aber eines wussten sie mit Sicherheit:
Weihnachten war nah!
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