Scheinwerfer im Schnee (Übersetzung - Headlights in the Snow von Saras_Girl)

von linzi
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Draco Malfoy Harry Potter
01.12.2019
09.12.2019
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Dritter DezemberEin anständiger Cream Tea

Es regnet immer noch stark, als Harry am nächsten Nachmittag das Haus verlässt. Nach einem kurzen Zögern greift er sich einen Schirm vom Ständer in der Eingangshalle und geht hinaus auf die Straße, wo er unsicher stehen bleibt. Er lässt für mehrere Minuten den Regen auf den Stoff über seinem Kopf prasseln und kämpft gegen das plötzliche Verlangen, zurück ins Haus zu schlüpfen, an.

Es ist nicht so, als wäre er nervös… zumindest ist es nicht so, als wäre er sehr nervös, aber die ganze Situation birgt ein hohes Peinlichkeitspotential. Er ist sich nicht sicher, was schlimmer wäre: Herauszufinden dass Draco Malfoy wirklich der Fahrer ist und mit ihm sprechen zu müssen oder herauszufinden, dass er einen Fehler gemacht hat und gezwungen zu sein in dem Bus zu sitzen und vorzugeben, er will irgendwohin. Zusätzlich zu all dem hat er den Fahrenden Ritter seit Jahren nicht mehr angehalten und er ist sich nicht ganz sicher, ob er sich an die Vorgehensweise erinnert.

Vielleicht hat es sich geändert, seit er es das letzte Mal versucht hat. Vielleicht ist es komplizierter. Vielleicht ist er ein Idiot und sollte weitermachen, bevor einer seiner Nachbarn herauskommt, um zu fragen, warum er mitten auf dem Bürgersteig steht und ins Nichts starrt.

Harry stößt ein genervtes Schnauben aus und hält seinen Zauberstab raus. Er klärt seine Gedanken bis auf den Bus und nur Sekunden später kommt dieser schlingernd vor ihm zum Stehen, verspritzt Wasser mit seinen großen Rädern und durchnässt ihn von Kopf bis Fuß.

„Verdammt“, murrt er, schüttelt seinen jetzt nutzlosen Schirm aus und klappt ihn zusammen. Er streicht sich die tropfenden Haare aus seinen Augen und wartet, bereit dem Fahrer - wer auch immer er ist - gründlich die Meinung zu sagen.

Als sich die Türen endlich öffnen, ist er erstaunt den Klang von Lachen und das Klirren von Geschirr von drinnen zu hören. Er kann durch die beschlagenen Scheiben die Quelle der Geräusche nicht identifizieren, aber der Bus ist definitiv nicht leer. Als er sich leicht hineinlehnt, trifft ihn eine Hitzewelle und ein vorbeiziehender  Geruch nach Rosen und er vergisst beinahe den Fahrer, bis dieser sich räuspert und spricht.  

„Gestrandet, bist du das?“

Harrys Augen springen zu seinen, und dieses Mal ist der Kick des Wiedererkennens überwältigend. Der Mann, der ihn jetzt von einem zerbeulten Lederarmsessel aus ansieht, eine Hand auf dem Lenkrad ruhend und die andere um eine Teetasse geschlungen, ist unverkennbar Draco Malfoy.

„Malfoy?“ sagt er matt, nicht länger die Regentropfen bemerkend, die auf seinen Kopf, seine Schultern und seine Kleidung hämmern.

„Ja. Gestrandet, bist du das?“ wiederholt er und zieht fragend eine Augenbraue hoch.

„Ähm, nein“, gibt Harry zu.

„In einer Notsituation?“ fragt Malfoy, mit einer Nonchalance an seinem Tee nippend, die Harry dazu bringt in den Bus springen und ihn würgen zu wollen.

„Nein, aber ich…-“

„Hast du wenigstens ein Ticket?“ unterbricht Malfoy ihn und seine Hand bewegt sich in Richtung eines Hebels in der Nähe.

„Nein, aber ich dachte…- “

Harry verstummt als Draco die Türen schließt und den Bus in den strömenden Regen steuert. Für einen Augenblick erwägt er das ganze Abenteuer aufzugeben, zurück ins Haus zu gehen und sich selbst vor dem Feuer aufzuwärmen, aber es nützt nichts. Neugierde ist eine Sache, aber jetzt ist er stur und nichts in der Welt kann ihn davon abhalten, in diesen Bus zu kommen. Malfoy weiß es noch nicht, aber dieses kleinliche Zwischenspiel hat Harry nur noch entschlossener gemacht.

Wenn er sich richtig erinnert, kann man Tickets für den Fahrenden Ritter immer noch im Tropfenden Kessel kaufen und selbst in durchnässten Schuhen, die bei jedem Schritt quatschen, kann er in weniger als zehn Minuten dort sein. Wie sich herausstellt, schafft er weniger als den halben Weg, bevor der Bus einmal mehr neben ihm anhält und ihn ein zweites Mal mit kaltem Wasser überschüttet.

„Machst du das mit Absicht?“ will er wissen, als Draco die Türen öffnet. „Oder ist das eine blöde Frage?“

Draco blickt ihn, wie es scheint für eine lange Zeit, ruhig an. „Krieg das nicht in den falschen Hals, Potter, ich bin lediglich überredet worden, mich deiner zu erbarmen.“

Harry runzelt die Stirn. „Was?“

„Einer der anderen Passagiere fand, ich war ein kleines bisschen schroff zu dir, gerade eben“, erklärt Draco, als ob es offensichtlich wäre. „Kommst du rein? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

Mit dem Gefühl, als ob er von allen guten Geistern verlassen wäre, steigt Harry in den Bus. In dem Moment, in dem er an Bord ist, drückt Draco seinen Fuß runter und lässt sie durch den Verkehr brettern. Er fädelt den Bus schleudernd zwischen Autos hindurch und bringt Harry zum Stolpern. Verzweifelt greift Harry nach etwas Solidem, seine Finger umschließen ein Stück glattes Metall, welches sofort aus seinem Griff springt und ihn in eine chaotische Drehung schickt, die endet, als er unzeremoniell auf einen kalten, harten Sitz fällt, der an der Wand gegenüber des Fahrersitzes befestigt ist.  

„Hast du wieder getrunken?“ fragt Malfoy, die Augen auf die Straße gerichtet.

Harry unterbricht seine Untersuchung des seltsamen kleinen, gefederten Sitzes. „Oh, also erinnerst du dich?“

Draco seufzt, seine Hände greifen fester um das Lenkrad, als ob er gegen die Versuchung ankämpft, dem Bus einen heftigen Schlenker zu versetzen, in der Hoffnung, dass Harry von seinem Sitz auf den Boden rutscht. Natürlich könnte er auch zu viel reininterpretieren.

„Ich erinnere mich an alles“, sagt er und Harry stöhnt innerlich. Verlegenheit kribbelt in seinem Nacken. „Und du hast mich gesehen. Du solltest nicht in der Lage sein, durch den Zauber hindurchzusehen, Potter. Warum bist du immer die Ausnahme von jeder verdammten Regel?“

„Warum dann heute kein Zauber?“ fragt Harry, entschieden die Frage zu ignorieren. Er vermutet, dass Draco sowieso keine Antwort wollte.

„Was genau meinst du damit?“ schnappt Draco und seine Augen flackern für den kürzesten Moment zu ihm.

Harry rollt mit den Augen. „Ich meine… warum hast du neulich Nacht einen Zauber angewendet, um dich selbst zu verbergen, wenn du heute keinen benutzt? Oder, du weißt schon… anders rum.“

„Ich brauche keinen Zauber um meinen Job zu erledigen, Potter. Neulich Nacht habe ich einfach eine große Menge Weasleys entdeckt, die darauf warteten an Bord zu gehen und ich war nicht in der Stimmung erkannt zu werden.“

Es macht Sinn, vermutet Harry, aber seine Einstellung wurmt ihn immer noch. „Was ist falsch mit Weasleys? Es ist viel Zeit vergangen seit der Schule, Malfoy… oder tut dein Vater-“

„Nicht“, unterbricht ihn Draco und etwas in seinem Ton bringt Harry dazu, das Thema fallen zu lassen.

„Okay“, er verstummt und lehnt sich in seinem Sitz zurück. Er sitzt Draco direkt zugewandt und nutzt den Vorteil dieser Position, um ihn beim Fahren zu beobachten.

In seiner gut geschnittenen Jacke, den dunklen Hosen und dem blaugrünen Shirt ist er definitiv der am elegantesten gekleidete Busfahrer, den Harry je gesehen hat. Aber da ist etwas in dem lebensüberdrüssigen Gesichtsausdruck, das darauf hindeutet, dass er sich ziemlich gut in die Reihen der anderen Busfahrer einfügen würde. Harry fragt sich nur, wie lange er das schon macht. Das Warum ist natürlich eine noch viel größere Frage, aber er bezweifelt, dass es eine ist, die er ohne ein bisschen Vorarbeit einfach so stellen kann.

„Du tropfst auf meinen Boden“, sagt Draco.

Harry guckt runter auf seine durchweichte Kleidung und die wachsende Pfütze um seine Füße herum und zittert heftig. Er zwingt seine kalt-tauben Finger zum Arbeiten, holt seinen Zauberstab hervor und trocknet sich selbst mit einem heftigen Zauber. Er ist nicht so gut wie Ginnys, aber er tropft nicht länger und das genügt.

„Dein Boden?“ sagt er, als ihm der Gedanke in den Sinn kommt. „Ist das dein Bus?“

„Wer heiratet?“ fragt Draco, als hätte er die Frage nicht gehört und Harry lässt es ihm durchgehen.

„Du meinst den Junggesellenabschied? George, aber die Hochzeit ist erst am einundzwanzigsten“, sagt er.

Draco runzelt die Stirn und navigiert den Bus durch eine so enge Kurve, dass Harry die Luft anhalten muss.

„Ich gebe nicht vor ein Experte in diesen Dingen zu sein, aber kommt ein Junggesellenabschied nicht normalerweise unmittelbar vor der Hochzeit?“

„Ja“, sagt Harry, er will lächeln, fühlt sich aber in seinem Umfeld zu unsicher um es zu tun. „Normalerweise. Nicht wenn du Angelina Johnson heiratest.“

„Das ist ein vertrauter Name.“

„Sie war mit uns auf der Schule. Sie spielt jetzt Quidditch für Lancashire“, sagt Harry.

„Ich verfolge Quidditch nicht mehr wirklich“, sagt Draco und er scheint bei dem Eingeständnis etwas in seinem Sitz zusammenzusinken.

„Warum nicht?“ fragt Harry wider besseres Wissen.

Dracos Finger umfassen das Lenkrad fester und er schickt einen kalten Blick auf die Straße.  Harry nimmt an, dass dieser Blick in Wirklichkeit für ihn bestimmt ist. „Ich bin ein sehr beschäftigter Mann, Potter.“

„Natürlich“, sagt Harry, und angesichts seiner Verwirrung entscheidet er sich fortzufahren. „Nun, auf jeden Fall, Angelina behandelt das ganze Prozedere um die Hochzeit als eine Art Training und es ist unmöglich, dass George mit einem Abend Weggehen kurz vor dem großen Tag ungestraft davon kommt, also haben wir entschieden…“, Harry verstummt als eine große dunkle Gestalt durch den Vorhang huscht, der den Fahrerbereich vom Rest des unteren Decks trennt. „Was in aller Welt ist das?“

„Das ist eine Katze, Potter, und sei nicht unhöflich. Ich bin sicher, sie fragt sich dasselbe über dich“, sagt Draco ohne ihn anzusehen.

Die fragliche Katze, die jetzt auf das Armaturenbrett springt und Draco laut anmaunzt, ist die größte Katze, die Harry je gesehen hat, größer selbst als Krummbein. Sie ist von elegantem Wuchs, der einen Eindruck von feiner Zucht und hoher Intelligenz vermittelt. Ihr langes Fell ist hauptsächlich dunkelgrau, mit rein weißen Partien unter ihrem Kinn, großen Büscheln an beiden Ohren und Schnurrhaare, die beinahe komisch wirken in ihrer Länge.

„Ja, ja, ist schon gut“, sagt Draco und als Harry hinsieht, richten sich die leuchtend grünen Augen fest auf ihn.

Er hat Katzen schon immer gemocht, mit der denkwürdigen Ausnahme von Mrs. Norris, und er streckt seine Hand aus, um sie zu streicheln.  

„Das würde ich nicht tun, Potter, sie mag neue Menschen nicht sehr, besonders Männer“, sagt Draco.

Harry zieht seine Hand zurück, aber zu seiner Überraschung und Erleichterung springt die riesige Katze vom Armaturenbrett auf seinen Schoß. Sie landet schwer, verteilt ihr Gewicht auf vier Pfoten mit relativ kleiner Fläche und Harry muss ein unbehagliches ‘oof’ unterdrücken. Dennoch gelingt es ihm, sich ziemlich selbstzufrieden zu fühlen, als er das weiche Fell streichelt und das Zucken der gewaltigen Ohren beobachtet.  

„Wirklich, Juno?“ seufzt Draco und blickt sie grollend an, bevor er seinen Blick zurück auf die Straße richtet. „Potter, nun da du fertig bist, mich komplett vorzuführen, gibt es einen Ort, wo ich dich absetzen kann? Es ist nicht so, dass ich nicht begeistert bin, dich an Bord zu haben und es ist auch nicht so, dass ich nicht sterben würde, um mehr von deinen faszinierenden Geschichten zu hören, aber ich habe echte Passagiere zu transportieren und ich habe nicht einen einzigen Knut von dir bekommen.“

Harry streichelt Juno. Er betrachtet ihn und fragt sich, ob er über den plötzlichen Stimmungswechsel amüsiert oder alarmiert sein sollte. Beunruhigenderweise glaubt er, dass er davon möglicherweise mehr sehen möchte.

„Ich habe Geld“, sagt er und wühlt in seiner Manteltasche. Er stellt Blickkontakt mit Draco her und fügt hinzu, „Kann ich immer noch eine Zahnbürste für fünfzehn Sickel bekommen?“

„Du bist nicht witzig. Und du bleibst auch nicht über Nacht.“

„Du bist sehr unhöflich“, sagt Harry und erlaubt Juno sich auf seinem Schoß zu einer enormen Laibform zu arrangieren. „Ich verlange den Manager zu sehen.“

„Die Preisliste ist hier“, sagt Draco durch seine zusammengebissenen Zähne und weist auf eine lange Metalltafel, die an der Seite seines Sitzes festgeschraubt ist. „Niemand kauft jemals die Zahnbürsten.“  

Harry studiert die Liste mit Interesse. „Was ist der BC Tarif? Er ist sehr preisgünstig.“

„Das geht dich nichts an. Tatsächlich denke ich, ich werde dich einfach dort rauslassen, wo du eingestiegen bist“, sagt Draco. Er reißt den Bus mit Schwung herum und bringt Juno dazu, vier Paar Klauen in Harrys Beine zu schlagen.  „Kostenfrei. Nur eine interessante Erfahrung für alle.“

„Ich bezahle“, beharrt Harry. Er löst Juno sanft aus seinen Beinen, greift eine Handvoll Münzen aus seiner Tasche und studiert die Liste nochmals. „Unbegrenzte Tagesfahrt mit einer Tasse Tee. Das nehme ich.“

„Potter“, sagt Draco und da ist eine Warnung in seiner Stimme, aber er ignoriert sie, denn plötzlich öffnet sich der Vorhang und eine ältere Dame tritt in die Fahrerkabine.

„Draco“, sagt sie, umklammert die nächstgelegene Metallstange und schwankt leicht. „Hast du Ida vergessen?“

Erstaunt starrt Harry erst sie an und dann Draco, der mit einem ziemlich gehetzten Gesichtsausdruck um eine Autoschlange herum fährt.

„Wann habe ich jemals Ida vergessen?“ will er wissen. Er schaut Harry an, als ob er ihn herausfordern würde, das zu kommentieren.  

„Nun, da war das Mal, als du sie in Windermere zurückgelassen hast“, sagt die Dame.

„In dem See?“ fragt Harry. Er kann nicht anders.

Die alte Dame lacht und sieht auf ihn runter, als ob sie ihn erst jetzt bemerkt hätte. „Du meine Güte, nein, mein Lieber, nur in der Stadt. Wenn er es geschafft hätte, sie ihm See zurückzulassen, hätte sie Kleinholz aus ihm gemacht.“

„Ja, in Ordnung“, schnappt Draco. „Eilish, ich habe Ida nicht vergessen. Sie ist heute bei ihrem Heiler, deshalb wird sie erst später am Nachmittag zu uns stoßen.“

„Ich hab’s dir gesagt“, ruft jemand von hinten und Harry verrenkt sich den Hals um zu gucken, aber er kann wegen Eilishs üppiger Gestalt und weiter Röcke nichts sehen.

"Ist das dein Freund, Draco?“ fragt sie kokett. „Würde er etwas Tee und Kuchen mögen?“

„Nein, er geht gerade“, sagt Draco, aber Harry ist bereits von seinem Sitz runter und wirft zwanzig Silbersickel in die Metallschale.

„Ich hätte gern Tee und Kuchen“, sagt er und Eilish strahlt.

„Macht Platz für einen mehr“, ruft sie und gestikuliert zu Harry, ihr hinter den Vorhang zu folgen. „Lächle, Draco, es wird schon nicht so schlimm!“

Harry fühlt Dracos Frustration um ihn herum wabern wie eine Wolke. Er bleibt für einen Moment zurück. Er faltet den roten Samt zwischen den Fingern, aber als Juno runter springt und auch hinter Eilish hertrottet, beschließt er, es dabei zu belassen.

„Schaut mal, was ich gefunden habe“, verkündet Eilish, dreht sich um und präsentiert Harry als ob er der Preis auf der Kirmes sei.  

Zwei ältere Damen sehen ihn von ihren Armsesseln her mit Interesse an und Harry, der sich ziemlich verlegen fühlt, schaut sich nach der Einrichtung des Busses um. Im Tageslicht erscheinen die lila Wände und Decke noch lebendiger und die unzähligen Bilder von grauen Katzen machen ein wenig mehr Sinn. Juno selbst springt nun auf die Gepäckablage und rollt sich auf einem Haufen farbenfroher Regenmäntel zusammen.    

Der spitzenbedeckte Tisch, an dem er in der vorletzten Nacht gesessen hat, ist nun schmaler und bedeckt von einem Aufgebot an Stricknadeln, Büchern, Süßigkeiten und etwas, das die Überreste eines Zauberschnippschnapp* Spiels zu sein scheinen. In der Mitte von all dem steht eine große Teekanne mit einer hellgrünen Strickhaube, und ein Tablett voll mit Scones, Teebrot** und ein ganzes Heer kleiner Töpfe mit Butter und Fruchtmarmeladen.

Alles sieht hausgemacht aus und riecht köstlich und Harry kann sich nicht entscheiden, was er am meisten will – herausfinden, was in aller Welt hier vor sich geht oder einen Sessel ranziehen und es einfach genießen.

„Willst du dich nicht zu uns setzen?“ fragt eine Dame mit einem schweren westindischen Akzent und Harry dreht sich zu ihr.

„Ähm… ja, natürlich. Wenn sie das möchten.“

„Hör ihn dir an“, lacht sie und ihr schmutziges Gackern dröhnt durch den Bus. „Setz dich hin, Junge. Danicas Teebrot kann nicht im Stehen gegessen werden!“

„Das ist sehr lieb von dir, Corrie“, sagt die Frau namens Danica und Harry guckt zwischen ihnen hin und her und erlaubt Eilish, ihn in einen freien Sessel zu schieben.

Corrie, die es sich in einem Patchwork Sessel bequem gemacht hat, mit einem halbfertig gestrickten, gestreiften Irgendetwas auf ihrem Schoß, hat sommersprossige dunkle Haut und eine Menge rein weißer Locken. Sie ist farbenfroh aber bequem gekleidet, in Jeans und einen so stark gemusterten Pulli, dass Harrys Sicht verschwimmt, wenn er ihn ansieht. Im Kontrast dazu lassen Danicas strenger Dutt und quadratische Brillengläser Harry an eine Lehrerin denken, und ihr wie aus dem Ei gepellter blauer Umhang lässt sie beinahe mit ihrem marineblauen Cordsessel verschmelzen. Beide Frauen sehen wie mindestens achtzig aus und Eilish, die nun um den Tisch herum wuselt, um ihm eine Tasse Tee einzuschenken, könnte sogar noch älter sein.  

„Scone?“ fragt sie. „Teebrot? Gebuttert?“

Harry sagt ja zu allem und bedauert es kein bisschen. Die Damen beobachten ihn entzückt als er den Tee probiert, den Kuchen und verschiedene Kombinationen von Marmelade und Creme auf seinem Scone. Er glaubt nicht, dass jemals irgendjemand einfach nur vor ihm saß und ihm beim Essen zugesehen hat und es ist eine eigentümliche Erfahrung, die ihn sich demütig fühlen lässt. Er hat immer noch keine Idee, welche Art Verrücktheit das hier ist, aber er fühlt sich warm und behaglich und voll mit Kuchen und es scheint keine Rolle mehr zu spielen.

Als er es sich mit einer zweiten Tasse Tee in seinem Sessel gemütlich macht, fragt Corrie:

„Wie ist denn dein Name? Es scheint, wir wurden uns nicht ordentlich vorgestellt.“

„Das kannst du ihn doch nicht fragen“, zischt Danica und stupst ihre Freundin mit dem Ellenbogen an.  

„Warum nicht?“

„Ja, warum nicht?“ fragt Harry amüsiert.

„Weil er Harry Potter ist“, wispert Eilish. „Wir wissen, wer er ist.“

„Warum sagst du das dann nicht, Weib?“ fragt Corrie nach. „Du weißt, dass ich überhaupt nichts sehen kann.“

„Sie übertreibt“, vertraut Danica ihm an. „Sie kann sehen, wenn jemand den letzten Keks nimmt.“

„Das habe ich gehört“, sagt Corrie.

„Dann gibt es an deinen Ohren nichts auszusetzen“, wirft Eilish ein. Sie dreht sich zu Harry. „Manchmal muss ich ein Sprachrohr benutzen, weißt du.“

„Für Aufmerksamkeit“, formt Danica mit den Lippen und Harry grinst.

„Es tut mir leid, dass ich mich nicht selbst vorgestellt habe“, sagt er. „Ich denke, ich war ein bisschen überrascht, sie alle zu sehen, aber das ist keine Entschuldigung.“

„Es gibt nichts Überraschendes an uns“, sagt Eilish und streicht mit einer knotigen ringverzierten Hand durch ihr silbergraues Haar. „Wir sind jeden Tag hier.“

Harry blinzelt. „Hier? Im Fahrenden Ritter?“

„Nun, manchmal steigen wir aus“, weist Corrie hin und nimmt ihr Strickzeug auf. „Draco fährt uns zu schönen Orten, nicht wahr, Mädels?“

„Wir waren letzte Woche in Brighton Pier“, sagt Danica. „Das hast du gesehen, nicht wahr?“

Corrie schnieft. „Ein netter Mann lieh mir sein Omniglas.“

Harry starrt sie verblüfft an. „Entschuldigung, wollen sie mir sagen, Draco Malfoy – der Mann der den Bus fährt“ er deutet auf den roten Vorhang, „lässt sie jeden Tag hier sitzen und nimmt sie zu Ausflügen mit?“

„Wir bezahlen unseren Teil“, sagt Eilish leicht empört.

„Natürlich tun sie das, ich meinte nur… ich kenne Draco von vor sehr langer Zeit und es überrascht mich einfach, das über ihn zu hören, nehme ich an“, gibt Harry zu. Er ist plötzlich völlig verwirrt.  

„Wir kommen hier seit Jahren her“, sagt Danica und scannt mit scharfem Blick sein Gesicht. „Und da sind noch andere.“

„Er sagt, er hat Ida nicht vergessen“, offeriert Eilish. „Und Audrey kommt montags. Und Merla kommt, wenn ihre Familie ins Ausland geht.“

„Diese verrückte Frau kommt auch montags“, redet Corrie dazwischen und schüttelt ihren Kopf. „Irgendetwas stimmt nicht mit ihr.“

„Du kannst nicht einfach jemanden verrückt nennen, bloß weil er keinen Tee mag“, sagt Danica vorwurfsvoll.

Ein bisschen schon, denkt Harry, aber er sagt es nicht. „Also, sie alle… kommen und steigen in den Bus und Draco fährt sie einfach herum?“

„Er ist ein lustiger Junge“, sagt Eilish mit einem liebevollen Lächeln.

„Er ist ein griesgrämiger Junge“, murmelt Corrie, aber auch sie lächelt.

„Ja, das ist er in bisschen“, sagt Harry, aber sein Blick schweift zum Vorhang und er fragt: „Sperrt er sich immer so aus?“

„Nur wenn wir Nervensägen sind“, sagt Danica vergnügt. „Ich denke unser kleines Spiel Zauberschnippschnapp war ein bisschen zu viel für ihn heute.“

Harry nickt, sieht sich den Tisch genau an und bemerkt, dass einige der Karten immer noch leicht qualmen.

„Er schmollt“, lacht Corrie.

Harry sieht sie an und denkt, dass er mehr an ihrer Antwort interessiert ist, als er es sein sollte. „Warum?“

Corrie lehnt sich zu ihm, die Stricknadeln klackern. „Weil ich ihn platt gemacht habe, als wir das letzte Mal gespielt haben!“

Ihr Lachanfall steckt die anderen beiden an und trotz seiner Verwirrung stimmt auch Harry bald mit ein.

„Ich mag dich“, verkündet Eilish atemlos. Sie dreht sich zu den anderen. „Sollen wir ihn behalten?“


                                                                                          * * * * *

* Snape explodiert, aber ich denke das werden die alten Damen nicht so nennen
** sowas wie Früchtebrot








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