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Scheinwerfer im Schnee (Übersetzung - Headlights in the Snow von Saras_Girl)

von linzi
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Draco Malfoy Harry Potter
01.12.2019
25.12.2019
25
74.386
40
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
01.12.2019 3.361
 
Anmerkung der Übersetzerin:

Dies ist eine weitere ÜBERSETZUNG einer Fanfiction von Saras_Girl.
Es ist ihre Adventskalendergeschichte aus dem Jahr 2016. Sie umfasst 25 Kapitel, die fertig übersetzt sind und ab heute täglich hier hochgeladen werden.

Das Original ist in englischer Sprache verfasst und u.a. unter folgendem link bei Archiv of Our Own zu finden:

https://archiveofourown.org/works/9103933/chapters/20693617

Alle Rechte, geistiges Eigentum usw. liegen bei Saras_Girl und ich habe natürlich ihre Erlaubnis diese Übersetzung hier zu veröffentlichen.


Anmerkung der Autorin:

Warnungen: EWE plus Fred lebt! Originalcharaktere, ziemlich viel Fluff
Zusammenfassung: Was ist groß und lila und riecht nach Tee? Harry ist dabei, es heraus zu finden.


                                                                                                * * * * *

Erster Dezember – Ein Bus im Nebel auf der Westminster Brücke

Harry blinzelt durch den Nebel und versucht seine Augen auf etwas zu fixieren, das ihn in einer festen Position verankert. Im Augenblick treibt er hilflos dahin, irgendwo zwischen der Eisenwand der Brücke und jemandem, der alle paar Schritte nach seinem Arm greift um sich auszubalancieren. Das warme schleichende Glühen des Feuerwhiskeys schirmt ihn angenehm gegen die kalte Nacht ab und nimmt ihm genug seiner Hemmungen, um ihn in den mitreißenden Chor „Hoch soll er leben“ einstimmen zu lassen.

Es ist mindestens das vierte Mal bis jetzt, allerdings fängt Harry an beim Zählen durcheinander zu kommen. Trotzdem, das ist in Ordnung - George ist ein großartiger Kerl und verdient es total, das in einem Lied gesagt zu bekommen. Er wird heiraten und jemand, der sich entscheidet solch eine bizarre und wundervolle Sache zu tun, sollte definitiv eine Party mit Geweihen und Feuerwerk haben und allem, was er verdammt sonst noch will. Natürlich ist es Freds Aufgabe als Trauzeuge gewesen, diesen Event zu organisieren, aber Harry hat bei einigen der feineren Details geholfen und so wird es für ihn heute Nacht keine Überraschungen geben.

Der Nebel lichtet sich leicht, bringt die Lichter des London Eye aus der Dunkelheit und lässt es in der Ferne aussehen wie ein schimmerndes kreisförmiges Gespenst. Harry wird langsamer, um es zu bewundern, und verliert das Gleichgewicht, als die Person hinter ihm mit seinem Rücken kollidiert.

„Entschuldige“, murmelt Ginny, die es irgendwie geschafft hat, sich in die Junggesellenabschiedsparty ihres Bruders einzuschleusen, ungeachtet dessen, dass sie auch auf der Gästeliste für Angelinas Junggesellinnenabschied steht. „Wozu hast du angehalten?“

„Ich habe etwas gesehen“, sagt Harry würdevoll. Er zeigt auf das Eye und schafft es dabei Ginnys Geweih schief zu schlagen. „Entschuldige.“

„Ooh, Leben jenseits des Nebels“, murmelt sie, schiebt ihren Arm durch Harrys und schubst ihn rechtsdrehend auf die falsche Seite der Brücke. „Wo zur Hölle gehen wir überhaupt hin?“

„Das geht dich überhaupt nichts an“, kommt eine Stimme aus dem Nichts. „Du solltest ja nicht mal hier sein.“

Jemand anderes lacht. „Ja, du bist hier hinter feindlichen Linien, Ginny. Du könntest ein Spion sein.“

„Also, es ist mein Junggesellenabschied und ich bin froh, dass sie hier ist“, sagt George scharf. „Es ist nicht fair, dass sie den ganzen Spaß verpassen soll, nur weil sie ein Mädchen ist.“

„Danke, George“, sagt Ginny. „Ihr seid doch alle nur neidisch, weil mir dieses Geweih besser steht als euch.“

Harry sagt nichts. Er ist sich ziemlich sicher, dass jeder von ihnen albern aussieht. Aber George hat darauf bestanden – es gibt keinen Junggesellenabschied ohne Hirsche*, und von daher wurde Fred in jeden Kostümladen im Großraum London entsandt und es wurde ihm verboten zurückzukehren, bis er nicht für jeden Eingeladenen ein Geweih erstanden hat. Plus Ginny.

Obwohl er sich selbst mit einem paillettenbesetzten Paar wiedergefunden hat, zählt er sich zu den Glücklicheren. Lee’s sind pink und flauschig und Percy, der erst spät gekommen war, trägt nun einen majestätischen Kopfschmuck einschließlich Geweih, welches eine blecherne Version von „Nehmt Abschied, Brüder“** spielt, wann immer es berührt wird.  

„Was macht Angelina bei ihrer Party?“ fragt Neville, zumindest glaubt Harry es ist Neville. Sein nördlicher Akzent ist ziemlich charakteristisch, aber Harry hat ihn nicht wirklich gesehen, seit sie den letzten Pub verlassen haben.

„Einen Wellnesstag“, sagt Ginny finster.

„Was spricht dagegen?“ fragt jemand anders. Von der groben Richtung ausgehend, aus der die Stimme kommt, schätzt Harry es ist Charlie. „Eine Runde schwimmen, sich massieren lassen, alles prima.“

„Es ist nicht diese Art Wellness“, sagt Ginny. „Wir müssen einen Sportkurs machen und dann werden wir in Kelpie-Schleim eingepackt und dann Mittagessen.“  

„Kelpie-Schleim?“ murmelt Harry verdutzt vor sich hin.

„Ja. Es soll bewirken, dass du dünner aussiehst und es lässt deine Haut ‘schimmern’“, sagt sie und Harry fühlt ihre grimmige Anführungszeichen-Geste eher, als dass er sie sieht.

„Warum?“ fragt George. „Ihr seht doch alle schon gut aus.“

Harry zuckt zusammen und tatsächlich, eine oder zwei Sekunden später jault George auf. Neville sieht seine Frau bewundernd an und sie schenkt ihm ein Haifischgrinsen.

“Mittagessen ist gut, immerhin”, wagt Lee sich einzuwerfen. “An Mittagessen ist nichts falsch. Tatsächlich könnte ich gerade ein Sandwich vertragen.“

„Du hast im letzten Pub drei Päckchen Schweinekrusten gegessen“, sagt Percy.

“Das war nur zum Aufwärmen”, erklärt Lee.

“Es ist kein richtiges Mittagessen”, sagt Ginny, während sie ihren Zauberstab in ihre Manteltasche stopft. “Es gibt Möhren-Sticks und Sellerie und etwas, das sich Tofu nennt und von dem ich mir nicht mal sicher bin, das es Essen ist.”

“Möchtest du, dass ich mal mit ihr rede?” fragt George. Er klingt entrüstet.

“Sei kein Idiot”, sagt Ginny lachend und nach einer Pause fügt sie hinzu, “Sollen wir einen Dönerladen suchen?”

“Ich fürchte, dafür wird keine Zeit sein, kleine Schwester”, sagt Fred.

Harry nimmt einen tiefen Atemzug der kalten dunstigen Luft und grinst. „Denkst Du, wir sind an einer guten Stelle?”

“Harry, ich denke, wir könnten es sein”, stimmt Fred zu. “In Ordnung, alle anhalten!“

In dem folgenden Chaos aus überraschtem Stolpern und auf die Füße treten, steht Harry schweigend da. Er ist ziemlich aufgeregt wegen des nächsten Abschnittes ihres Abends. Es ist lange her und er kann nicht anders, als den Atem anzuhalten während er wartet. Für lange Sekunden passiert nichts und dann springt die bullige lilafarbene Gestalt mit einem mächtigen Krachen aus dem Nebel hervor und zwingt alle auf einmal dazu zurückzutreten. Der Bus scheint im Nebel zu schimmern, er strahlt eine Aura von Magie und starker Nostalgie aus, genug um Harrys Herz in seiner Brust zum Rasen zu bringen.

“Ist das…?”

“Verdammt noch mal!”

“Fred, du brillanter Bastard!” George stürzt aus der Dunkelheit und nimmt seinen Bruder in eine Schwitzkasten-Umarmung, bis ihre beiden Geweihe verheddert sind und Bill helfend einschreiten muss.

Schließlich schwingen die Türen des Busses mit Zischen und Knarren auf und alle hören auf zu schwatzen, um in das schattige Innere zu gucken.

“Gab es da früher nicht einen Schaffner?” fragt jemand, aber Harry hört nicht wirklich hin.

Da ist etwas sehr vertrautes an dem Mann hinter dem Lenkrad und obwohl nicht die geringste Chance besteht, dass Draco Malfoy den Fahrenden Ritter lenkt, ähnelt dieser Mann ihm so stark, dass er nicht glauben kann, dass niemand anders es bemerkt hat. Sie drängeln sich einfach in den Bus, als wäre er nicht da, lachen, stolpern und rücken ihre Geweihe zurecht. Fred, die Nachhut bildend, lässt einige Extramünzen in die Metallschale fallen, mit der Aufforderung, dass der Fahrer „ein bisschen herumkurven soll, du weißt schon… wir haben es nicht eilig.“ Dann gesellt auch er sich zu den anderen und lässt Harry allein auf dem Bürgersteig.

Harry starrt den Fahrer an. Er nimmt das scharf geschnittene Profil wahr, das Haar, das in der beinahen Finsternis wie Silber glänzt, die kräftigen blassen Hände, die das überdimensionale Lenkrad nur ein klein wenig zu fest umklammern. Der Blick des Mannes ist starr geradeaus gerichtet, auf den Bereich des Asphalts, der gerade von den Scheinwerfern des Busses angestrahlt wird.

“Komm schon, Harry!” ruft Ron. Er stolpert zurück in den vorderen Teil des Busses und schlenkert von einer Metallstange auf ihn zu. “Charlie hat Drachenschnaps dabei und er sagt, wer zuletzt trinkt, muss zwei trinken.“

Als er das Wort ‚Drachenschnaps‘ hört, klettert Harry ohne zu zögern in den Bus. Er hat sich zum Probieren verschiedener einheimischer Getränke, die Charlie im Laufe der Jahre aus Rumänien mit nach Hause gebracht hat, überreden lassen und er erinnert sich an dieses eine ganz besonders - aufgrund dessen Neigung dazu, den kompletten Verlust seiner Sinne herbeizuführen. Das letzte Mal, als er ein einziges Glas Drachenschnaps wagte, war er in den tropfenden Kessel gegangen, hatte Tom, dem Wirt, seine unsterbliche Liebe erklärt und sich weinend über die Theke geworfen, als Tom sich weigerte mit ihm durchzubrennen. Das ist zumindest das, was Hermine ihm erzählt hat und die lügt nur äußert selten. Ron hatte darauf bestanden, dass er auch noch einen Striptease für die Gäste des Tropfenden Kessels hingelegt hätte, aber er neigt dazu, seine Geschichten etwas auszuschmücken.

Sich den Fahrer aus dem Kopf schlagend, eilt Harry nach hinten in den Bus, wo seine Freunde sich an einem großen runden Tisch niedergelassen haben. Erleichtert darüber, sie endlich alle wieder sehen zu können, blickt er mit Interesse auf die verschiedenen Stadien ihrer Trunkenheit. Fred und George sitzen nebeneinander unter einem riesigen glitzernden Kronleuchter, grinsend und einander Rippenstöße versetzend, während sie Charlie zusehen, wie dieser neun Gläser Drachenschnaps ausschenkt. Lee ist friedlich vertieft in das Glattstreichen des Flaumes an seinem Geweih, Percy runzelt die Stirn und zählt die Gläser und dann die Leute um den Tisch herum und dann wieder die Gläser, und Neville scheint zu versuchen Bill eine Geschichte zu erzählen, in der es, nach seinen Handgesten zu urteilen, entweder um Dampflokomotiven  geht oder um Sex.

„Setzt euch, beide, bevor es -“, beginnt Ginny, verstummt aber, als der Bus sich schlingernd in Bewegung setzt, für den Bruchteil einer Sekunde im Raum zu schweben scheint, bevor er mit einer Geschwindigkeit über die Brücke donnert, die ihre Augen zum Tränen bringt.

Harry wirft sich in einen Sessel, voll erwartend, dass der in dem Augenblick, in dem der Bus um eine Kurve fährt, über den Boden schlittert. Zu seinem Erstaunen bleibt er allerdings stehen, genau wie der ganze Rest der Möbel. Nur der Kronleuchter scheint durch die Bewegung des Busses beeinträchtigt zu sein und schaukelt und klirrt über ihren Köpfen wie eine Laterne im Sturm.

„Na, das ist mal eine nette Eigenschaft“, murmelt Harry. Er erinnert sich mit einem leichten Übelkeitsgefühl an seine vorherigen Fahrten und fragt sich, ob die Betten im Obergeschoss nun auch am Boden haften, oder ob sie überhaupt noch da sind.

Jetzt, als er beginnt sich an die Geschwindigkeit zu gewöhnen, schaut er sich im  Unterdeck um und findet es interessant zu sehen, dass sich abgesehen von dem hochleistungsfähigen Klebezauber der offensichtlich wirkt, sonst sehr wenig verändert hat. Der Bus riecht immer noch warm und leicht muffig, wie ein Beutel mit Lavendel, den man am Boden einer Schublade vergessen hat. Es ist ein seltsamer Geruch, aber nicht unangenehm, er sendet Harry augenblicklich zurück in seine Teenagerjahre.

Der Sessel, in dem er sitzt, ist alt und wackelig und aus dunklem Holz gemacht, mit gestreiften Polsterbezügen. Keiner der Sessel um den Tisch herum scheint zum anderen zu passen und der Tisch selbst ist, wie er jetzt bemerkt, mit einem riesigen weißen Spitzentuch bedeckt. Die Wände um ihn herum sind in einem sanften Violett Ton gestrichen und zwischen den Hinweisen, die Passagiere warnen „sitzen zu bleiben“ und „nicht diesen Knopf zu berühren“, hängen seltsame kleine Kunstwerke: schmale Wandteppiche, Skizzen und eine Sammlung von Aquarellen derselben Katze – ein ungeheuer großes, grau- und weißfarbenes Exemplar mit außerordentlich langen Schnurrhaaren. Der ganze Platz sieht aus, als wäre er für und von älteren Damen gestaltet worden und er hat keine Ahnung, wieso er das vorher nie bemerkt hat.

„Luft holen“, ruft der Fahrer plötzlich und Harry blickt gerade rechtzeitig auf um zu sehen, wie er den Hebel herunterzieht, der den ganzen Bus dünn quetscht.  

Diese Stimme kennt er definitiv, aber auf einmal sind alles, woran er denken kann, die langen, verzogenen Gesichter seiner Freunde und Rons sonderbar widerhallenden Gelächter, als er ihm seinen Drink reicht. Sie gleiten bedächtig zwischen zwei roten Doppeldeckern hindurch und als der Bus in seine übliche Form zurückschnappt und ab in den Nebel schießt, stellt Harry überrascht fest, dass er nicht einen einzigen Tropfen verschüttet hat.

„Auf ex, meine alten Kumpane!“ ruft George und Harry gehorcht und fragt sich, woher George gerade die Augenklappe bekommen hat.

Auch wenn er dieses Mal darauf vorbereitet ist, brennt der Schnaps wie Feuer und raubt ihm den Atem, beißt mit dem kräftigen Anisgeschmack in Mund und Kehle, dicht gefolgt von Pfeffer, Blutorange und Safran. Ihm ist schwindelig, er schließt die Augen und tut so, als säße er in einem schönen weichen Sessel, in einem vollkommen ruhigen Raum, ohne quietschende Bremsen, ohne Schleudern in Kurven und definitiv ohne einen auf seinem Fuß stehenden Ron. Als er seine Augen öffnet, sieht er Charlie ziemlich vergnügt ein zweites Glas für George ausschenken, der offensichtlich zu beschäftigt damit war, vorzugeben ein Piraten-Hirsch zu sein, um seinen Schnaps rechtzeitig auszutrinken.  

Erleichtert, dass er keinen weiteren Schnaps trinken muss, stimmt Harry in eine weitere ermutigende Runde von ‘Hoch soll er leben’ ein, dieses Mal mit der improvisierten letzten Zeile: ‘So trink es aus auf Ex!’

George gehorcht und knallt sein Glas auf den Tisch, begleitet von einem begeisterten Chor aus Gelächter und Applaus. Kurz darauf steigt ein alter Mann die Treppe runter und schaut verwirrt zu ihnen hinüber.  

“Was ist los?” fragt er. Er hat einen dicken Schlafrock um seinen Körper gewickelt. „Wer sind diese Leute?“

„Machen sie sich keine Sorgen wegen ihnen, Mister Barleycorn“, sagt der Fahrer, der immer noch im Schatten untergetaucht ist, als er über seine Schulter hinweg den alten Mann ansieht. „Es ist alles in Ordnung. Sie können zurück ins Bett gehen und ich werde einen Stillezauber sprechen.“

„Sind sie sicher?“ murmelt Mister Barleycorn, eindeutig nicht überzeugt.

„Ich dachte nicht, dass hier immer noch Leute schlafen“, wispert Fred entschuldigend.

„Ich auch nicht“, sagt Harry. Er beobachtet den nun getuschelten Austausch zwischen dem Fahrer und dem alten Mann, nach welchem Mister Barleycorn zurück ins Bett kriecht.

Die Augen fest auf den Fahrer gerichtet, entzieht er sich der Unterhaltung um ihn herum und wartet. Nach einer Weile kommt der Bus in der Mitte einer ruhigen Wohnstraße zum Stehen und die schemenhafte Gestalt klettert mit gezücktem Zauberstab aus dem Sitz. Vorsichtig führt er einen Zauber quer über die lila Decke aus, bringt die Luft um den Kronleuchter zum kräuseln und formt eine schimmernde Barriere über der Öffnung, die zu den Treppen führt. Er überprüft seine Arbeit für einen Moment und senkt dann seinen Zauberstab. Er blickt auf dem Unterdeck umher und trifft Harrys Augen.

Er sieht schnell weg, aber Harry hat genug gesehen. Er kennt diese Augen und er sollte immer seinen Instinkten trauen. Er stößt einen zitternden Atemzug aus und versucht, die sich windenden Aale in seinem Bauch zu beruhigen. Er dreht sich vom Fahrer weg und zurück zu seinen Freunden, gerade als der Bus sich wieder in Bewegung setzt.

„Du siehst furchtbar aus“, sagt Ginny hilfsbereit. „Soll ich dir noch einen einschenken?“

„Nein“, sagt Harry schnell und die anderen lachen. „Danke. Mir geht’s gut. Ich habe nur gerade etwas Eigenartiges gesehen.“

„War es das?“ fragt Lee und verdreht sein Gesicht bis ein Auge Gefahr läuft heraus zu platzen und das Gelächter verstärkt sich.

„Nein, aber danke”, sagt Harry, unsicher, ob er lachen oder würgen soll. “Ich glaube… ich glaube, ich habe Malfoy gesehen.“

Ron stöhnt und lässt den Kopf auf seine Arme sinken. „Wo hast du ihn gesehen? Ist er in den Wänden? Ist er an der Decke? Ist er unter meinem Kleid?“

„Welches Kleid?“ fragt Neville. Er richtet sein Geweih gerade und stützt mit großer Würde einen Ellenbogen auf den Tisch.

„Es ist ein symbolisches Kleid“, sagt Ron. „Hör auf dich auf die falschen Dinge zu pokussieren.“

“Po-kussieren”, wiederholt Ginny und kichert in ihre Hände.

„Richtig“, sagt George würdevoll. Er schlägt auf den Tisch um die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. „Die Sache ist die.“

„Oh Gott, er hat zwei gehabt“, sagt Bill. „Hat er zwei gehabt?“

„Hat er allerdings“, sagt Fred hocherfreut. „Wir sollten alle zuhören, was er zu sagen hat.“

„Ich danke dir, Fred“, sagt George. Er neigt  seinen Kopf so weit, dass sein Geweih in seinen Nacken rutscht. „Zu allererst, kein po-kussieren auf meiner Party. Das macht die Sache unangenehm. Zweitens, Ronniekin, du würdest in einem Kleid am attraktivsten aussehen. Drittens… ist das ein Wort? Oh, gut. Drittens, Harry, wenn du glaubst, du hast Malfoy gesehen, dann hast du das selbstverständlich. Nach allem, was wir wissen, ist Malfoy, wie der Geist der Alten - überall. Er ist mit uns in guten Zeiten. Er ist mit uns in schlechten Zeiten…“  

„Er ist mit uns wenn wir Unterhosen kaufen“, setzt Lee ein und hebt sein leeres Glas. Charlie schenkt nach.

„Er ist mit uns, wenn wir auf unseren Besen in die Höhe steigen“, sagt Ginny.

„Und wenn wir von ihnen runter fallen“, fügt Neville hinzu, inzwischen mit einem etwas verklärten Blick.  

„Er ist mit uns in tiefster Nacht“, sagt Bill in einem düsteren Tonfall.

„Und mit unserer Morgenlatte“, ergänzt Fred und seine Stimme ist so laut, dass sie ringsumher durch das untere Deck widerhallt, genau wie das Stöhnen und Gackern, das folgt.

„Sprich für dich selbst“, lacht Ginny. Sie steht auf, etwas unsicher. „Hoch lebe Malfoy, denn er ist omni… omni… ähm, er ist überall und macht all diese Sachen und das ist gut, denn…“, sie macht eine Pause und starrt runter auf ihren Bauch, der laut knurrt. „Ich will wirklich diesen Döner, jetzt.“

„Haben wir Zeit für einen kurzen Halt?“ fragt George Fred. „Ich denke, ein Snack ist angesagt.“

Fred konsultiert eine imaginäre Liste durch eine imaginäre Brille. „Weißt du, ich denke das haben wir.“

Seine Aussage wird von den meisten der Gruppe mit Jubel begrüßt und nur einem kleinen bisschen Beschweren von Percy, der es noch nie mochte, von einem Zeitplan abzuweichen, selbst wenn es der von jemand anderem ist.

„Fahrer, mein guter Mann!“ ruft Fred. „Zum Dönerladen, bitte!“

Harry glaubt nicht, dass er sich das sanfte Seufzen von dem Mann hinterm Steuer nur einbildet, aber der Bus wechselt bald auf eine andere Fahrspur und bevor er eine Entscheidung treffen kann, ob oder ob nicht mit Malfoy zu sprechen, halten sie außerhalb eines hell erleuchteten Ladens und die Türen zischen auf, um sie rauszulassen.

Wieder zurück an Bord ist die muffige Luft nun schwer von dem Geruch nach Fett, Knoblauch und gebratener Kartoffel. Alle anderen haben Draco komplett vergessen, zugunsten einer eingehenden und entschieden peinlichen Analyse von Georges bisherigem Liebesleben. Harry beteiligt sich daran. Er ist immer glücklich, wenn sie über die Dame mit den achtundzwanzig Katzen oder die, die die ganze Zeit an Fred interessiert war, diskutieren. Aber er kann scheinbar seine Gedanken oder seine Augen nicht davon abhalten immer wieder zu dem Mann im Fahrersitz zurückzuwandern. Die Neugierde zerrt an ihm, selbst durch den Schleier aus Alkohol und Gelächter, und am Ende gibt er nach. Als der Bus das letzte Mal in dieser Nacht anhält, stellt Harry sich selbst ans Ende der Reihe der Aussteigenden, sieht seine Freunde dem Fahrer danken und raus in die Nacht stolpern, so schlau wie zuvor.

Sich dem vorderen Teil des Busses nähernd, wartet er darauf, dass Ron aussteigt und lehnt sich dann vor.

„Hör mal, entschuldige all das komische Zeug, wir waren…“, er hält verwirrt inne.

Der Fahrer ist verschwunden.

„Komm schon Harry, beweg deinen Hintern!“ ruft Ron.

Harry wirft einen letzten Blick ins untere Deck, seufzt und folgt ihm.

                                                                                                * * * * *

* Junggesellenabschied im Englischen = stag party / ‚stag’ direkt übersetzt = Hirsch
** Originaltitel = Auld Lang Syne = eines der bekanntesten Lieder im englischsprachigen Raum, wird dort traditionsgemäß z.B. zum Jahreswechsel gesungen (sagt Wikipedia)
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