Geschichte: Freie Arbeiten / Projekte / 120er / Untold

Untold

von Xalita
KurzgeschichteAllgemein / P16
01.12.2019
31.05.2020
10
4.241
2
Alle Kapitel
14 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
26.12.2019 308
 
Triggerwarnung: Erwähnung von Vergewaltigung, Andeutung von Selbstmord

Trauriges, P18


Keeping a Secret – Ein Geheimnis behalten (26.12.19)

„Ich hoffe, das können Sie für sich behalten. Ein Geheimnis unter Kollegen.“ Er lacht und zwinkert mir zu, ohne zu wissen, dass seine Worte gerade meine Mauer eingerissen haben.
Mein ganzes verschissenes Leben soll ich schon Geheimnisse behalten. Diese geflüsterten Worte, die hingekritzelten Schmierereien, die Blutflecken der Leute, die mich angerempelt haben. Ü-b-e-r-a-l-l.

„Aber erzähl ihm bloß nichts davon.“ Vor zwei Wochen, meine beste Freundin. Sie hat ihren Mann betrogen.

„Wehe, du kannst deine Fresse nicht halten!“ Vor einem halben Jahr, ein Betrunkener. Er hat mich angegrabscht und hatte nach meinem Schlag Angst vor der Polizei.

„Es muss ja niemand erfahren.“ Vor drei Jahren, mein Vater. Er hat mir erzählt, dass er den Hund der Nachbarn überfahren hat.

„Bitte, bitte sag niemanden was!“ Vor sechs Jahren, eine Tennismitspielerin von mir. Sie hatte mir von dem Jungen vorgeschwärmt, in den ich verliebt war.  

„Deine Schwester sollte das nicht wissen.“ Vor zwölf Jahren, meine Mutter. Sie hat mich gebeten, über mein neu erlangtes Wissen darüber, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, kein Wort zu verlieren.

„Behalt das für dich, Kleine. Das ist jetzt unser Geheimnis.“ Vor fünfzehn Jahren, mein Onkel. Er hat mich in meinem eigenen Zimmer vergewaltigt, als er auf mich aufpassen sollte.

Und jetzt gerade, vor ein paar Sekunden, habe ich meinen Rock gehoben, um diesen dämlichen Job behalten zu können. Ich hasse mich dafür, dass ich schon wieder so schwach bin. Mir schon wieder sicher bin, dass das Geheimnis unausgesprochen bleiben wird.

So schließt sich also der Kreis.

Aber ich glaube, ich habe jetzt auch endlich mein eigenes Geheimnis. Etwas, von dem niemand weiß. Das ganz allein mir gehört.


Das Geheimnis, dass ich bald – vielleicht sogar schon heute Abend – gehen würde.
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