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Untold

von Xalita
KurzgeschichteAllgemein / P12
01.12.2019
02.12.2019
3
1585
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Trauriges, P12


Snow - Schnee (02.12.19)

Der Schnee knirscht unter meinen Schritten, während ich den kleinen Pfad am Bach entlang gehe. Er ist gefroren, wie jedes Jahr, wenn ich herkomme. Früher habe ich noch manchmal versucht, durch das Eis zu sehen und vielleicht einen Blick auf einen der Fische zu erhaschen – bis mir mein Sohn lachend erklärte, dass ich in den paar Pfützen vergeblich suche.
Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich daran denke. Er war damals sieben und ich unbelehrbar, hatte trotzdem immer wieder nachgeschaut. Mittlerweile ließ das meine Hüfte nicht mehr zu, aber ich mir bin sicher, dass die hypothetischen Fische mir das verzeihen.

Erst, als eine Schneeflocke auf meiner Nase landet, bemerke ich, dass ich in Gedanken versunken stehen geblieben bin. Ich hebe den Blick. Aus dem typischen ewig grauen Winterhimmel schweben mir zahlreiche kleine Flocken entgegen und versinken in dem weißen Flaum, der bereits auf der Welt liegt.

Unwillkürlich schiebt sich ein leichtes Lächeln auf meine Lippen. Damals hat es genauso geschneit, so still und klirrend kalt. Der Wald hat genauso geknistert und geglitzert und mein Atem ist genauso wie eine kleine Rauchwolke entwichen. Nur, dass damals mein Haar noch voll und haselnussbraun war – das hat er mir immer gesagt, wenn ich wütend war, „Schatz, dein Haar ist haselnussbraun und ich liebe dich dafür“ –, damals, zwischen Glühwein und Bratäpfeln.

Damals, als wir dieses eine furchtbar kitschige Paar waren, das Händchen haltend Schlittschuh gefahren ist und sich gegenseitig Lebkuchenherzen gekauft hat. Das sich eine gemeinsame Tüte mit gebratenen Mandeln statt zwei einzelnen gekauft hat und trotz langem Warten vor irgendwelchen Ständen noch gelacht hat. Als wir durch den Wald, diesen Wald, hinter dem Dorf spazieren gegangen sind und uns inmitten des tänzelnden Schnees geküsst haben.

Ich seufze leise und gehe weiter. Sein und mein Glück war damals so vollkommen, so endlos erscheinend. Wir haben uns geliebt, wirklich geliebt und diese Liebe hat uns verschmolzen, bis wir nicht mehr zu trennen waren.

Fünfzig Jahre später trage ich noch immer seinen Ring, ein silbern eingefasster Diamant. „Das Geld für alle Fälle“ hat er ihn immer scherzhaft genannt. Er wusste, dass ich ihn nie weggegeben hätte, aber trotzdem alberten wir herum.
Ein Zittern durchfährt meine Glieder und ich schiebe meine Hände tiefer in die Taschen des Mantels. War es schon immer so kalt gewesen? In dem Moment erblicke ich auch schon die kleine Pforte und verschnellere mein Schritt.


Aus dem Augenwinkel sieht es immer so aus, als würde er auf mich warten, als würde er sich an den grauen Stein lehnen und mir wie damals amüsiert entgegen schauen. Aber wenn ich auf den kleinen Pfad einbiege, ist es nur sein Grab, das mich erwartet. Wie immer. Und wie immer hängt sein Duft in der Luft, als wäre er gerade erst hier gewesen.
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