Weihnachten, was bist du?

GeschichteAllgemein / P12
01.12.2019
24.12.2019
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04.12.2019 1.271
 
Guten Morgen!

Heute wird es mal ein bisschen kitschig. Was war denn euer schönster Weihnachtsmarktbesuch?

Liebe Grüße
Lila



Das vierte Türchen


Last Christmas I gave you my heart
But the very next day you gave it away
This year, to save me from tears
I'll give it to someone special – Wham!


Es dämmerte bereits, als Judith aus dem Theater in die kühle Winterluft hinaus trat. Ein langer Probentag lag hinter ihr und sie freute sich auf eine warme Tasse Tee, ein schönes Bad und anschließend auf ihre Couch und die Kuscheldecke. Einerseits war es immer wieder aufregend, wenn neue Darsteller auf den bestehenden Cast trafen, andererseits bedeutete es auch Abschied nehmen und in diesem Fall von wirklich liebgewonnenen Kollegen, die Judith mittlerweile als Freunde bezeichnen würde. Was sollte sie in Zukunft nur ohne Milan machen, der von Anfang an so herzlich gewesen war und mit dem sie mittlerweile viele wunderschöne Erinnerungen teilte. Obwohl sie sich zunächst überhaupt nicht gekannt hatten, hatte die Chemie zwischen ihnen augenblicklich gestimmt, weshalb sich Judith in der neuen Umgebung sofort wohl gefühlt hatte. Auch die Trennung von ihrem Lebensgefährten hatte sie dank Milan erstaunlich gut verkraftet, wobei es wohl auch an der aufregenden Probenzeit gelegen hatte, die ihr kaum Zeit gelassen hatte, an etwas anderes als das Stück zu denken. Und nun sollten Milan und sie bald wieder getrennte Wege gehen. Als hätte ihr Kollege geahnt, dass Judith gerade an ihn dachte, klingelte ihr Smartphone.
"Ich habe gehört, ihr seid endlich mit den Proben durch", sagte Milan ohne eine Begrüßung und anstatt eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort. "Ich wusste schon gar nicht, was ich an meinem freien Tag so lange ohne dich machen soll!"
"Sehr witzig! Ausgiebig Frühstücken kannst du auch alleine und zum Couchpotato sein, brauchst du mich auch nicht", scherzte Judith amüsiert.
"Um auf den Weihnachtsmarkt zu gehen aber schon!", erklang plötzlich die Stimme ihres Kollegen nicht mehr aus dem Telefon, sondern direkt hinter ihr.
Erschrocken wirbelte Judith herum und konnte einen kurzen Ausruf des Schreckens nicht unterdrücken. "Wo kommst du denn her?"
"Na, ich wusste doch, dass du zur Bahnhaltestelle musst und da habe ich drinnen gewartet, bis du an mir vorbeikommst. Zum Glück hattest du es so eilig, sodass du gar nicht auf mich geachtet hast und als du dann draußen warst, habe ich angerufen", erläuterte Milan grinsend.
"Und du willst jetzt wirklich unbedingt auf den Weihnachtsmarkt?", fragte Judith in der Hoffnung ihr Kollege würde vielleicht doch noch verneinen. Doch ganz zu ihrem Leidwesen nickte Milan eifrig und zog sie daraufhin in die nächste Bahn.

Auf dem Stuttgarter Weihnachtsmarkt duftete es herrlich nach Glühwein, gebrannten Mandeln, Zimtwaffeln und Tannennadeln. Kaum schlenderten die beiden Darsteller an den kleinen weihnachtlich dekorierten Holzhäuschen entlang, war Judith davon überzeugt, dass es doch eine gute Idee gewesen war, den Feierabend hier zu verbringen. An einem Stand mit hölzernen Krippenfiguren und Weihnachtspyramiden blieb die junge Frau stehen. Schon als Kind war sie gerne mit ihrer Familie über die verschiedensten Märkte gebummelt und hatte sich als Erinnerung von jedem Markt eine andere Krippenfigur gekauft. Zuhause stand die Krippe dann jedes Jahr zu Weihnachten unter dem Weihnachtsbaum und zeugte von vielen verschiedenen schönen Erinnerungen an Familienausflüge. Sie musste unbedingt ihre Sammlung um eine weitere Figur erweitern. Gerade wenn sie an Weihnachten möglicherweise nicht so lange bei ihrer Familie sein konnte, würde die Krippe mit all ihren Figuren vielleicht an sie erinnern.

Es dauerte nicht lange und schon hatte sich Judith für eine Figur entschieden.
"Zeig mal, was du dir da gekauft hast", forderte Milan, kaum war Judith wieder zu ihm gestoßen. Begeistert präsentierte die junge Frau ihre Ausbeute. "Sollen wir das sein?", fragte ihr Kollege, nachdem er das Objekt eingehend betrachtet hatte. Tatsächlich war auch Judith der Gedanke gekommen, als sie die beiden Straßenmusikanten entdeckt hatte. Während der Mann mit seiner Gitarre spielte, sang die Frau neben ihm wie das Notenblatt in ihrer Hand verriet Stille Nacht.
"Ich dachte einfach, dass sie perfekt zu mir passt", antwortete Judith und ließ die Figuren wieder in der Schachtel verschwinden.
"Sie sind jedenfalls sehr schön! Aber weißt du, was noch viel schöner ist?", entgegnete Milan mit dem Blick auf einen Stand wenige Meter entfernt.
Die Darstellerin schüttelte den Kopf: "Nein, aber du wirst es mir gleich sagen!"
"Es gibt Poffertjes!", rief der kann daraufhin auch schon begeistert. Als gebürtiger Niederländer konnte er sich die kleine Pfannkuchen ähnliche Spezialität unmöglich entgehen lassen und während er kurz darauf genüsslich seine Poffertjes mampfte, lauschte Judith der leisen Musik.
Langsam näherten sie sich den Klängen, bis sie plötzlich einen jungen Mann entdeckten, der sich auf seiner Gitarre begleitete. Seine tiefe, rauchige Stimme erinnerte Judith an herbe Schokolade oder einen guten Whiskey. Der warme Klang hüllte sie regelrecht ein und ließ sie alles drumherum vergessen.
Für einen Moment musterte die Darstellerin den Musiker. Braune, lockige Haarsträhnen lugten unter der roten Wollmütze hervor und fielen ihm in die Stirn. Seine Augen, um die kleine Lachfältchen spielten, hatte er geschlossen, weshalb Judith nicht die Augenfarbe erkennen konnte.
Der Mann trug einen olivfarbenen Parka, der um seine breiten Schultern leicht spannte. Obwohl die Frau ein Stückchen entfernt stand, konnte sie die feinen Sehnen an seinen Händen erkennen.

Als der Sänger plötzlich Hallelujah von Leonard Cohen anstimmte, jagte es Judith einen wohligen Schauer über den gesamten Körper. Das Gitarrenspiel und seine Stimme harmonierten wundervoll und die junge Frau hätte ihm am Liebsten ewig weiter gelauscht, doch auch irgendwann ging dieser Song zu Ende.
Ein Räuspern riss sie wieder ins Hier und Jetzt zurück.
Rasch wandte sich Judith ihrem Kollegen zu, der sie mit einem wissenden Grinsen bedachte. "Dir hat die Einlage wohl sehr gut
gefallen, so seelisch wie du gelächelt hast", neckte Milan seine Freundin, der augenblicklich die Röte in die Wangen schoss. Ertappt wandte sie sich ab, nur um direkt in die grünen Augen des Mannes zu blicken, die sie neugierig musterten. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen,als die beiden sich ihm näherten.
Sie waren nun keine zwei Meter mehr entfernt, als sich Milan lachend an den Musiker richtete. "Ich glaube meine liebe Freundin hier, hat sich soeben in deine Stimme schockverliebt!", flötete er mit einer gespielten Unschuldsmiene. Empört schlug Judith ihrem Kollegen gegen die Schulter, blickte dann jedoch wieder dem Mann nervös in die Augen. "Du hast wirklich eine wahnsinnig tolle Stimme", gestand sie.
"Dankeschön!", antwortete der Mann verlegen.
"Bist du häufiger hier?", fragte Judith möglichst gelassen.
"Ja, hin und wieder. Man muss als ewiger Student ja schließlich gucken, wie man sich ein bisschen was dazu verdient", entgegnete er schmunzelnd.
Zustimmend nickte die Darstellerin, denn das kannte sie nur zu gut, Schließlich wollte man irgendwann den Eltern nicht mehr auf der Tasche liegen, aber so ein Studium war eine kostspielige Angelegenheit.
"Lust auf eine Runde Glühwein?", frage der Mann unvermittelt.
"Na klar!", erwiderte Milan, obwohl er ganz genau wusste, dass seine Kollegin nur selten Alkohol trank. Doch sehr zu seinem Bedauern klingelte in just dem Moment das Handy des Mannes, der sich daraufhin mehrfach entschuldigte, dass er nun doch nicht mitkommen konnte.

Am Abend lag Judith noch lange wach und dachte an die einzigartige Stimme des Musikers. Vielleicht hatte Milan recht und man konnte sich tatsächlich in jemanden nur anhand der Stimme schockverlieben. Jedenfalls verursachte die Erinnerung an die heutige Begegnung ein warmes Kribbeln in ihrem Magen und Judith hoffte sehr, dass sie den Mann mit der unverwechselbaren Stimme irgendwann wiedersehen würde.
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