Weihnachten, was bist du?

GeschichteAllgemein / P12
01.12.2019
09.12.2019
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Einen wunderschönen guten Morgen!

Ich hoffe euch hat die letzte Geschichte gefallen. Heute gibt es dann auch mal kein Rolf Zuckowski ;)

Viel Spaß!






Das dritte Türchen


Frosty the snowman was a jolly happy soul
With a corncob pipe and a button nose
and two eyes made out of coal
Frosty the snowman is a fairy tale they say
He was made of snow but the children
know how he came to life one day – Walter Rollins & Steve Nelson


Ungläubig rieb sich Uwe die Augen, als er aus der Pizzaria in den belebten Passeig del Born trat. Er hatte doch lediglich einen kleinen Zwischenstopp bei seinem Lieblingsitaliener in der katalanischen Metropole einlegen wollen und sich dann ein wenig länger dort aufgehalten als geplant, aber wie in aller Welt konnte ihm dabei das hier entgangen sein?!
Zarte weiße Flocken bahnten sich ihren Weg von dem grauen Wolkenhimmel auf die Straßen Barcelonas, wo sie allerdings augenblicklich schmolzen. Nur die Auto- und Häuserdächer waren bereits von einer feinen Schneeschicht bedeckt. Das Hupen der Autos drang von der nächstgelegenen größeren Straße zu Uwe und er musste schmunzeln, denn anscheinend handelte es sich tatsächlich um ein weltweites Phänomen, dass sämtliche Autofahrer bei den ersten Schneeflocken das Fahren verlernten und daher das reinste Verkehrschaos ausbrach. Allerdings musste Uwe seinen Mitmenschen hier zugute halten, dass sie nicht unbedingt häufig mit Schneefällen konfrontiert wurden. Der Mann erinnerte sich an die Worte seine Lebensgefährten, der ihm im vergangenen Jahr von den für viele Katalanen wohl berühmtesten Schneefall der 1960er Jahre erzählt hatte. Damals war Barcelona zu Weihnachten regelrecht in der weißen Pracht versunken. Seitdem musste es zwar immer wieder einmal zu einem richtigen Wintereinbruch gekommen sein, aber Uwe hatte bisher noch nie etwas davon mitbekommen.
Nachdem sich das Staunen über Schnee in Barcelona gelegt hatte, machte sich der Darsteller auf den Heimweg, denn sollte der Schneefall länger andauern oder gar zunehmen, würde er angesichts des drohenden Chaos so schnell nicht in seiner Wohnung ankommen. Zu seiner Überraschung gestaltete sich der Heimweg als problemlos und so hatte er rasch die Wohnung erreicht, in der er sich erst einmal den Schnee aus den Haaren schüttelte und sich anschließend ein warmes Bad einließ. Anschließen fotografierte er aus seiner Wohnung heraus die dünne weiße Schneeschicht und sendete das Foto seiner besten Freundin zu.
Es schneit bei euch in Barcelona?
Uwe konnte sich das ungläubige Gesicht seiner Freundin zu der Nachricht sehr lebhaft vorstellen.
Ja :D Verrückt, oder? Es hat aber schon wieder aufgehört :(
Kurz betrachte der Mann noch sein Mobiltelefon, als aber hinter dem Namen seiner Freundin kein Hinweis erschien, dass sie noch online war, legte er es auf den Wohnzimmertisch und wandte sich den Unterlagen daneben zu.
"So, es wird langsam Zeit, dass ich den Text drauf habe", sprach er zu sich selbst und studierte anschließend die Zeilen, bis ihm irgendwann die Augen zufielen.

Die ersten Sonnenstrahlen des abgebrochenen Tages kitzelten sein Gesicht. Verschlafen öffnete Uwe seine Augen zu kleinen Schlitzen, denn es dauerte eine Weile, bis er sich an die Helligkeit gewöhnt hatte. Auf der Wolldecke, die für eben jene Fälle, in denen der Darsteller auf dem Sofa einschlief, immer griffbereit lag, befanden sich noch seine Unterlagen vom gestrigen Abend. Vorsichtig schälte er sich unter der Decke hervor, bevor er nach dem Ringbuch griff und es auf den Wohnzimmertisch verfrachtete. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass ers kurz nach acht und somit für diese Uhrzeit wirklich ungewöhnlich hell war. Der Vibrationsalarm seines Handys hielt Uwe jedoch davon ab, zum Fenster zu marschieren. Stattdessen nahm er das kleine Gerät und entsperrte den Bildschirm. Drei entgangen Anrufe und mehrere Nachrichten hatte der Darsteller zu verzeichnen. Rasch öffnete er den Messenger Dienst und knöpfte sich die erste Nachricht vor.
Bitte melde dich, wenn du das liest! Ich mache mir mittlerweile wirklich Sorgen um dich!
Er wollte die Nachricht gerade schließen und nachsehen, wer ihm noch geschrieben hatte, als das vertraute Geräusch ihm verkündete, dass eine weitere Nachricht in eben diesem geöffneten Chat eingegangen war.
God zij dank! Du bist online, ich ruf dich an!
Und ehe sich Uwe versah, klingelte sein Smartphone.
"Geht es dir gut? Bist du verletzt...", platzte es aus Pia, kaum hatte Uwe das Gespräch entgegengenommen.
"Atmen, Pia!", unterbrach der Mann den Redeschwall seiner Freundin. "Jetzt nochmal ganz langsam und bitte von Anfang an."
Er konnte den tiefen Atemzug seiner Freundin hören, bevor diese wieder zu sprechen begann. "Geht es dir gut? Wo bist du denn gerade?"
"Ja, mir geht es gut und wo sollte ich schon sein? Ich bin natürlich daheim!", antwortete Uwe verwundert.
"Da bin ich aber erleichtert! Sie melden schon den gesamten Morgen, dass Barcelona im Schnee versinkt. Es sollen sogar schon Häuserdächer eingestürzt sein…"
Weiter kam die Niederländerin nicht mehr, da entfuhr es Uwe entsetzt: "Bitte was?"
Bevor Pia etwas antworten konnte, hatte der Darsteller die Vorhänge zur Seite geschoben und den Blick aus dem Fenster gerichtet.

Mit vor Staunen geöffnetem Mund stand Uwe wenige Minuten später im Hauseingang. "Ich melde mich wieder", beendete er das Gespräch mit seiner besten Freundin, als ihm bewusst wurde, dass Pia noch immer am anderen Ende der Leitung war. Zaghaft trat er anschließend aus dem Eingang und vernahm das wunderschöne Knirschen des Schnees. Jetzt wusste er, weshalb ihm die Helligkeit so sonderbar vorgekommen war, denn die Sonnenstrahlen wurden von den unzähligen winzigen Eiskristallen reflektiert und brannten in den Augen des Mannes.
Schwerfällig kämpfte er sich durch die dicke Schneeschicht, bis das Kinderlachen ganz deutlich zu vernehmen war. Eine Gruppe Jungen und Mädchen tobten durch die weißen Pracht, bewarfen sich gegenseitig mit Schneebällen, oder machten Schneeengel. Ihre geröteten Wangen ließen vermuten, dass sie schon eine Weile an der frischen Luft waren. Für einen Moment beobachtete Uwe die Kinder, die normalerweise nicht in den Genuss des weißen, kalten Nass kamen. Es war ein wirklich ungewöhnliches Bild, das sich dem Darsteller an diesem Morgen bot. Die sonst so belebte Promenade war bis auf die spielenden Kinder wie leergefegt. Auf den hochgewachsenen Palmen, die den Weg säumten, lag der Schnee, als wäre er eine Mütze für die grünen Zweige. Eine kalte Brise wehte in Uwes Gesicht und ließ das Meer, welches den Hintergrund dieses ungewöhnliches Bildes bildete, leicht kräuseln, allerdings schien die Kälte auch das Wasser träge werden lassen. Uwe zückte sein Mobiltelefon und richtete es auf die Landschaft aus. Das würde er später Pia schicken, die sicherlich große Augen machen würde. Der Darsteller wollte gerade den Auslöser betätigen, als er hart von einem Schneeball am Arm getroffen wurde. Ein Junge mit braunen Haare musterte ihn ertappt und in Erwartung nun Ärger zu bekommen. Uwe lächelte ihm jedoch freundlich zu, formte einen Schneeball und warf diesen ebenfalls in die Richtung des Jungen, der lachend auswich und sich im Anschluss wieder seinen Freunden zuwandte.
Uwe hingegen setzte zu einem zweiten Versuch an, ein Foto zu schießen, als der Junge, der zuvor den Schneeball geworfen hatte, plötzlich an der Jacke des Mannes zupfte.
In gebrochenem Spanisch fragte der Kleine, ob Uwe wisse, wie man einen Schneemann baue. Kurz überlegte der Darsteller, ob sich der Junge einen Scherz erlaubte, aber er konnte dessen großen, leuchtenden Augen nicht widerstehen. Kurz darauf formten Uwe, der Junge und dessen Bruder drei riesige Schneekugeln, die sie anschließend vorsichtig aufeinander setzten. Aus gefrorenem Treibholz und zwei kleinen Steinen machten die Jungen Arme und Augen, während Uwe drei wunderschöne, kleine Muscheln in der Schneedecke entdeckte und diese als Knöpfe an dem Schneemann anbrachte. Dann griff er nach einem Stück gefrorenem Tang und passte es in Form des Mundes in die obere Schneekugel. Zuletzt streifte einer der Jungen seine Mütze dem Schneemann über. Begeistert begutachteten die Kinder ihr Werk und der kleinere Junge verkündete, dass es Olaf sei. Der Größere schüttelte nur den Kopf und tätschelte seinen Freund die Schulter.
"Olaf ist ein schöner Name", sprach Uwe an den Jungen gewandt, der daraufhin seinen Bruder triumphierend musterte. Der zuckte nur mit den Schultern, dann verkündete er entsetzt, dass Michael und er schon seit einer halben Stunde Zuhause sein müssten.
"Danke, dass du den Schneemann mit uns gebaut hast!", rief Michael zum Abschied und folgte seinem Bruder.

Zwischenzeitlich hatte es wieder zu schneien begonnen und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Spuren der Kinder unter dem Neuschnee verdeckt wurden. Wieder zückte Uwe sein Smartphone, richtete die Kamera auf die Landschaft und startete die Videoaufnahme. Langsam bewegte er sein Handy, um das Panorama einzufangen. seine Kamera hatte gerade den Schneemann erreicht, als Uwe einen winzigen Augenblick zögerte. Hatte er sich das gerade eingebildet, oder hatte der Schneemann ihm zugewunken?
Rasch vollendete er die Aufnahme, nur um sie sich im Anschluss augenblicklich anzusehen. Und tatsächlich bewegte sich das Treibholz, welches als rechter Arm diente, leicht auf und ab und es wirkte so, als würde der Schneemann in die Kamera winken.
Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht des Mannes aus und nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihn niemand beobachtete, winkte auch er Olaf zum Abschied, dann trottete er davon. In dem Moment wünschte sich Uwe noch einmal Kind sein und an Magie glauben zu dürfen, der Schneemann sei tatsächlich zum Leben erwacht.
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