Türchen des Tages

von Kleeblume
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Chief Jim Hopper Elf "Elfie" Joyce Byers Maxine "Max/MadMax" Hargrove Michael "Mike" Wheeler William "Will" Byers
01.12.2019
24.12.2019
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Hollys Krippenspiel

Hawkins, Indiana
Dezember 1985


„Jonathan, wir kommen zu spät.“ Nancy warf einen Blick auf die nur noch halb funktionierende Uhr in Jonathans Auto. „Wir hätten viel früher losfahren müssen.“
„Ich war rechtzeitig da“, erwiderte Jonathan. Er fuhr kein bisschen schneller. „Du hast nur zu lange gebraucht, dich zu entscheiden, was du anziehen möchtest.“
Nancy zog eine Grimasse. Darauf wusste sie nichts zu erwidern. Sie musste zugeben, dass er recht hatte. „Tut mir leid, ich hätte dich nicht so anfahren sollen“, entschuldigte sie sich. „Aber ich habe Holly versprochen, dass wir kommen würden und sie war so aufgeregt. Wenn sie mich nicht sieht, denkt sie vielleicht, ich hätte es vergessen und bekommt noch mehr Lampenfieber.“
„Ist schon gut.“ Jonathan bog auf den Parkplatz von Hollys Grundschule ein und manövrierte sein Auto in die letzte freie Parklücke. „Will war viel zu schüchtern, um bei sowas mitzumachen. Aber ich hätte das Krippenspiel von meinem kleinen Bruder auch nur ungern verpasst.“
Noch bevor er richtig angehalten hatte, stieß Nancy die Beifahrertüre auf. Die kalte Luft, die ihr entgegenschlug, ließ sie zittern. Sie mochte Schnee, aber sie hätte auf die Kälte verzichten können.
Jonathan sperrte sein Auto ab und sah sich um. „Wo ist der Eingang?“
„Dort.“ Nancy deutete auf die Glastüren, über denen Tannenzweige mit Christbaumkugeln hingen.
Seite an Seite eilten sie in die Schule. Der Weg zur Aula war mit Pfeilen, die aus rotem und grünem Papier gebastelt worden waren, ausgewiesen.
Aus der Aula selbst drang noch gedämpftes Gemurmel und vereinzeltes Lachen. Es roch nach Kinderpunsch, Plätzchen und Lebkuchen.
„Komm.“ Nancy griff nach Jonathans Hand und zog ihn mit sich. Sie liefen an den hinteren Reihen vorbei, dann bogen sie in die zweite Reihe ein, wo Nancys Eltern und Mike bereits warteten.
„Gerade noch rechtzeitig“, brummte Ted.
Nancy unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. Dass gerade ihr Vater so eine Bemerkung machen musste, hatte etwas unfreiwillig Komisches. „Jetzt sind wir ja da“, flüsterte sie und strich ihren Rock glatt, bevor sie sich hinsetzte.
Keine Sekunde zu spät, denn genau in diesem Moment ging das Licht aus. Einzig und allein die kleine viereckige Freifläche vor den Stühlen wurde beleuchtet.
Das Getuschel verstummte allmählich und leise Musik setzte ein.
Eine Gruppe als Engel verkleideter Kinder trat aus der Dunkelheit auf das beleuchtete Rechteck.
Nancy rutschte auf ihrem Stuhl ein Stück vor. Holly stand mittendrin und ihre Augen tasteten das Publikum suchend ab. Mit den Händen umklammerte sie das Textblatt, das sie mitnehmen durfte, falls sie den Liedtext vergaß.
In Nancys Augen war das eher unwahrscheinlich, denn ihre kleine Schwester hatte zu Hause solange geübt, dass sogar Nancy das Lied fast auswendig konnte. Als Hollys Blick ihren traf, lächelte Nancy sie an und winkte ihr zu.
„Sie sieht aus wie ein echter kleiner Engel“, raunte Jonathan ihr zu.
Lächelnd nickte Nancy. Ihre Mutter hatte Hollys blonde Haare mit dem Lockenstab bearbeitet und durch das weiße Kleid und die Engelsflügel, die sie trug, sah sie tatsächlich aus wie einer.
Ihr blieb keine Zeit mehr, etwas auf Jonathans Bemerkung zu erwidern, denn im nächsten Moment begannen die Engel bereits zu singen.
Auch Hollys Stimme erinnerte Nancy an einen Engel. Aber sie wusste, dass sich das früher oder später noch verändern würde. Bei dem Gedanken fiel Nancy noch etwas anderes ein. Wie lange konnten Mike und sie die Geschehnisse, die die andere Seite betrafen, noch vor ihrer kleinen Schwester verstecken?
Je älter sie wurde, desto aufmerksamer würde Holly auch werden. Vielleicht würde sie früher oder später herausfinden, wo Will damals wirklich gewesen war und wo Elfie eigentlich herkam.
Nach den ersten Tönen, die sie gesungen hatte, entspannte sich Hollys Gesichtsausdruck und sie strahlte Nancy voller Stolz an.
Nancy richtete sich in ihrem Stuhl ein wenig auf und warf einen verstohlenen Blick auf ihren Vater. Er saß mit geschwellter Brust da und löste den Blick nicht von Holly.
Dann verstummten die Engel und das übliche Spiel begann mit den Hirten, die eine Sternschnuppe sahen.
Nancy lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und unterdrückte ein Seufzen. Sie konnte sich daran erinnern, dasselbe Stück in Hollys Alter selbst aufgeführt zu haben. Allerdings war sie damals einer von den Hirten gewesen und es hatte noch keinen Engelschor gegeben.
Nachdem die Heiligen Drei Könige ihre Geschenke gebracht und übergeben hatten, verließen die meisten Kinder die improvisorische Bühne wieder.
Zurück blieben nur noch Holly und ihre Schulkameraden, die erneut ein Lied einstimmten. Es hätte schöner nicht klingen können.
Sobald die letzten Töne verklungen waren, sprangen die ersten Eltern auf und applaudierten.
Nancy und Jonathan folgten ihrem Beispiel und klatschten solange in die Hände, bis ihre Handflächen schmerzten.
Holly schien nicht zu wissen, in welche Richtung sie zuerst schauen sollte und verbeugte sich ungeschickt, bevor sie die Bühne verließ und auf sie zugeeilt kam.
„Hey“, sagte Jonathan, doch sie lief einfach an ihm vorbei und reckte das Kinn vor Nancy.
Nancy ging in die Hocke und breitete die Arme aus. „Du hast schön gesungen, kleiner Engel.“
Ihre Schwester strahlte, umarmte sie kurz und hüpfte dann weiter zu ihren Eltern. „Ich war so aufgeregt und einmal habe ich ein falsches Wort gesungen, aber niemand hat es gehört und ich…“
„Langsam“, unterbrach Nancys Vater sie. „Wenn du so schnell sprichst, verstehen wir kein Wort.“
Nancy griff nach Jonathans Hand. „Lass‘ uns gehen“, murmelte sie. Holly würde sie jetzt nicht mehr brauchen. Seitdem Jonathan umgezogen war, wollte sie jede freie Minute, die sie mit ihm verbringen konnte, nutzen.
Jonathan zögerte. „Möchtest du wirklich schon gehen?“
Nancy nickte und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Wenn wir uns beeilen, haben wir das Haus noch eine Weile für uns allein“, flüsterte sie.
Nachdem sie sich von Nancys Eltern verabschiedet hatten, liefen sie Hand in Hand an den anderen Eltern vorbei und zurück nach draußen auf den Parkplatz.
In der Zwischenzeit hatte es wieder zu schneien begonnen. Eine dünne Schneeschicht bedeckte bereits den Parkplatz, der erst kurz vor dem Krippenspiel geräumt worden war.
„Es ist schön, dass du kommen konntest“, sagte Nancy, während sie ihre Handflächen aneinander rieb. „Ich habe dich vermisst.“
Jonathan legte einen Arm um ihre Schultern. „Ich dich auch“, erwiderte er. „Aber ich werde dich wieder besuchen kommen, so oft es geht.“
„Oder ich fahre zu euch“, fiel Nancy ein. Die Zeit, in der sie beide in Hawkins gewohnt hatten, fehlte ihr. Aber bis jetzt hatten sie es geschafft. Sie hatten gemeinsam das Böse besiegt, so ein paar Kilometer Abstand würde ihre Beziehung wohl kaum zerstören können.
Jonathan lächelte sie an und küsste sie auf den Mund. „Wie wäre es, wenn wir uns einfach abwechseln?“, schlug er anschließend vor.
Das klang nach einer guten Idee. Nancy nickte, als sie ihre Stirn an seine lehnte. „So machen wir es“, entschied sie.
Immerhin konnten sie einander so öfter sehen. Bis sie eines Tages vielleicht zusammenziehen würden, musste das funktionieren.
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