Türchen des Tages

von Kleeblume
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Chief Jim Hopper Elf "Elfie" Joyce Byers Maxine "Max/MadMax" Hargrove Michael "Mike" Wheeler William "Will" Byers
01.12.2019
09.12.2019
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Steves Plätzchen

Hawkins, Indiana
Dezember 1984


„Okay, ihr kleinen Schwachköpfe, hört mir doch endlich mal zu.“ Steve klatschte in die Hände und versuchte dadurch, sich in seiner maßlos überfüllten Küche Gehör zu verschaffen. Das Haus seiner Eltern war groß, aber Dustin und seine Freunde verstopften die Küche.
Außerdem hatte er nicht damit gerechnet, dass das Mädchen mit den Superkräften ebenfalls kommen würde. Steve zweifelte daran, dass sie überhaupt hier sein durfte. Der Chief machte auf ihn einen ziemlich strengen Eindruck.
Und ihrem und Mikes Verhalten nach zu urteilen würden sie beim Plätzchenbacken auch keine große Hilfe sein. Seit sie angekommen waren, hatten die beiden die Hand des jeweils anderen nicht ein einziges Mal losgelassen.
„Leute, seid doch endlich ruhig“, zischte Dustin seine Freunde an.
Die Gespräche verstummten augenblicklich.
Steve unterdrückte ein Seufzen, drängte sich an den Kindern vorbei und legte den Ordner, in dem seine Mutter ihre Rezepte sammelte, auf den Tisch. „Wer von euch hat schon mal Plätzchen gebacken?“
Will hob die Hand.
„Welche Plätzchen waren das?“
Der Junge hob die Schultern. „Naja, Mum und ich haben es versucht, aber sie sind verbrannt.“
Konnte Mrs Byers eigentlich wirklich so wenig mit Kochen und Backen anfangen? Steve musterte Will. Er war schlank, aber er sah auch nicht verhungert aus. Manchmal musste Will also schon etwas zu essen bekommen, das noch einigermaßen nahrhaft war.
Er sollte nicht schlecht über Mrs Byers denken. Immerhin hatte sie darauf verzichtet, ihm den Kopf abzureißen, obwohl er einen dieser Demohunde in ihren Kühlschrank gestopft hatte. Steve rechnete ihr das insgeheim sehr hoch an.
„Sonst noch jemand?“, fragte er hoffnungsvoll in die Runde. Es würde einfacher werden, wenn die Kinder zumindest ein bisschen Erfahrung hatten. Sonst musste er wirklich ganz von vorne anfangen. Dabei würde er selbst heute zum ersten Mal Plätzchen backen und das nur, weil Dustin ihn dazu überredet hatte. Steve hatte geahnt, dass er seine Zusage bereuen würde.
Elfie blinzelte ihn lediglich verständnislos an. „Was sind Plätzchen?“
„Du kennst keine Plätzchen?“ Steve stutzte. War Chief Hopper wirklich so ein Rabenvater?
Das Mädchen hob die Schultern und wandte sich an Mike.
„Du weißt, was Kekse sind“, versuchte dieser, es ihr zu erklären. „Plätzchen sind so ähnlich, aber man macht sie nur an Weihnachten.“
Elfie nickte. „So etwas wie Weihnachtskekse?“
„Plätzchen“, korrigierte Dustin. „Du musst unbedingt welche probieren. Sie schmecken superlecker.“
Steve fragte sich, ob es eine Süßigkeit gab, die Dustin nicht superlecker fand. Der Junge schien einfach alles zu mögen, sogar Lakritze.
„Also weiß eigentlich niemand so genau, wie man Plätzchen backt“, stellte Steve fest und nahm ein Blatt aus dem Ordner. Seine Mutter hatte ihm erklärt, das hier sei das einfachste Rezept. Wahrscheinlich war es das Beste, sich einfach daran zu halten. „Wir brauchen 300 Gramm Mehl, 150 Gramm Butter, 100 Gramm Zucker, 2 Eier, zwei Esslöffel Kakaopulver und Backpulver“, las er die Zutaten vor. „Das könnt ihr schon mal herrichten.“
Keines der Kinder bewegte sich vom Fleck. Stattdessen sahen sie alle die Schränke an.
„Was ist denn?“
Dustin war der Erste, der sich bewegte. Er streckte sich und nahm einen Eierkarton vom Kühlschrank. „Du solltest uns vielleicht zuerst sagen, wo wir die ganzen Zutaten in deiner Küche finden.“
Steve zeigte ihnen alle Regale und Orte. Keine fünf Minuten später wünschte er, er hätte das nicht getan.
In der Küche war ein riesiges Durcheinander ausgebrochen. Will hatte bei dem Versuch, den Zucker aus einem der oberen Regalfächer zu holen, Dustin angerempelt. Trotz größter Bemühungen hatte dieser das Ei, das er in der Hand gehalten hatte, auf den Boden fallen lassen.
„Ach, komm schon!“
Lucas hatte das Mehl gerade abgewogen und wollte es zum Küchentisch tragen, als er auf dem Ei ausrutschte.
„Pass doch auf“, beschwerte sich Max und klopfte sich das Mehl, das auf ihrer Jeans gelandet war, von der Hose.
Steve vergrub kopfschüttelnd das Gesicht in den Händen. Sie hatten noch nicht einmal richtig mit dem Backen angefangen und schon sah die Küche aus, als hätte hier ein Krieg stattgefunden. Seine Eltern würden ihn umbringen, wenn er das nicht rechtzeitig aufräumte.
„Ihr helft mir später beim Putzen“, knurrte er Mike an.
„Ich habe doch gar nichts getan.“ Er ließ endlich Elfies Hand los und sah ihn mit vorgerecktem Kinn an.
„Mike.“ Elfie trat neben ihn. „Ich kann es aufräumen“, sagte sie dann zu Steve.
Er hob die Augenbrauen. Dieses Mädchen war schlau, das musste er ihr lassen. Dadurch, dass sie kaum sprach, unterschätzte Steve manchmal, wie intelligent sie eigentlich war. „Würdest du das tun?“, hoffte er. In Situationen wie diesen beneidete Steve sie um ihre Superkräfte.
„Ja.“ Elfie streckte die Hand aus und krümmte die Finger. „Mach den Deckel vom Mülleimer auf.“
Steve tat, wie sie ihm sagte. Er öffnete den Schrank unter dem Spülbecken und hob den Deckel vom Mülleimer in der Küche.
Das Mehl und die Reste des Eis, das Dustin fallengelassen hatte, hoben vom Boden ab, schwebten durch die Luft und landeten im Müll.
Elfie wischte sich mit dem Ärmel ihres Pullis das Blut von der Nase und grinste ihn an.
„Danke.“ Steve holte eine große Schüssel, bevor er ein zweites Ei aus dem Karton nahm. „Ihr wiegt die Zutaten nacheinander ab und tut sie dann in diese Schüssel“, ordnete er an. Noch mehr Chaos wollte er auf jeden Fall vermeiden.
Dieses Mal ging es geordneter zu. Dustin schlug die Eier auf und warf den Inhalt in die Schüssel. Will schüttete den Zucker hinein, Lucas das Mehl, Mike die Butter und Max zum Schluss die zwei Esslöffel Kakao.
„Gut.“ Steve betrachtete die Masse, aus der einmal ein Teig werden sollte. Dann warf er einen Blick auf das Rezept und winkte Elfie, die bis jetzt ein wenig abseits gestanden hatte, zu sich. „Jetzt müssen wir den Teig kneten.“
„Kneten?“
Wie hielt der Chief es aus, dass er ihr jedes zweite Wort erklären musste? Steves Geduldsfaden war bereits jetzt aufs Äußerste gespannt. Gleichzeitig empfand er auch ein wenig Mitgefühl für dieses Mädchen. Er wusste, wie ungemütlich Chief Hopper manchmal werden konnte. In Steves Augen zählte dieser Mann nicht nur zu den ungeduldigsten, sondern auch zu den grimmigsten Menschen, die in Hawkins lebten. Mit ihm unter einem Dach zu wohnen war mit Sicherheit keine große Freude.
Mike trat vor und fasste mit seinen Händen in die Masse. „So“, sagte er und zeigte Elfie, wie man einen Teig knetete. „Willst du es mal versuchen?“
Sie trat an Mikes Seite und begann, seine Bewegungen nachzuahmen.
„Genau“, lobte Mike sie.
Steve verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich an die Tischkante. Elfies zögerlichen Bewegungen nach zu urteilen konnte es noch eine Ewigkeit dauern, bis der Teig tatsächlich wie Teig aussah.
„Fertig“, verkündete Mike nach einer Weile schließlich so stolz, als hätte er den Teig selbst geknetet.
Steve unterdrückte den Drang, die Augen zu verdrehen. Wie konnte man in diesem Alter nur schon so verliebt sein?
„Was machen wir jetzt?“ Dustin nahm das Rezept vom Tisch und überflog es. „Den Teig in Alufolie wickeln und 30 Minuten im Kühlschrank aufbewahren.“
Max hatte den Behälter mit Alufolie bereits entdeckt und brachte ihn zum Tisch. Sie und Lucas breiteten die Folie aus, während Will und Mike den Teig darauf gaben.
Mithilfe ihrer Kräfte wickelte Elfie die Folie darum, öffnete die Kühlschranktür und ließ den eingewickelten Teig hineinfliegen.
„So geht es natürlich auch“, sagte Steve gleichermaßen überrascht und fasziniert. „Darfst du deine Kräfte überhaupt so viel benutzen?“
Elfie hob die Schultern, tauschte einen Blick mit Mike und begann zu kichern.
„Ich schätze mal, das darfst du eigentlich nicht“, seufzte Steve. Er war es ja gewohnt, dass diese Kinder ihren eigenen Kopf hatten. Hoffentlich fielen Mikes Freundin keine Späße mit ihren telekinetischen Fähigkeiten ein, die ihn in irgendeiner Form betrafen.
„Und jetzt?“, wollte Lucas wissen.
Steve griff nach dem Wecker, der neben der Mikrowelle stand und stellte dreißig Minuten ein. „Wir warten, bis wir den Teig aus dem Kühlschrank holen können. Das dauert eine halbe Stunde. Dreißig Minuten“, fügte er schnell hinzu, als er Elfies verwirrten Blick bemerkte.

Bis die Uhr klingelte, hatte Steve die Ausstechformen und ein Nudelholz bereits hervorgeholt. Die Kinder unterhielten sich schon wieder lautstark über alles Mögliche, nur Dustin blieb in seiner Nähe und starrte gebannt auf den Wecker. Er müsste jeden Moment klingeln.
„Ich kann es kaum erwarten, unsere Plätzchen zu essen“, murmelte er.
„Hätte ich mir denken können.“
Der Wecker klingelte und alle fuhren gleichzeitig zusammen.
Elfie durchquerte den Raum und öffnete die Kühlschranktür ausnahmsweise so, wie es wahrscheinlich jeder Mensch ohne Superkräfte getan hätte.
Sie brachte den Teig zum Tisch, wo Dustin sich das Nudelholz schnappte.
Steve half Max dabei, den Teig auszuwickeln. „Jetzt nimmt sich jeder einen Ausstecher“, ordnete er an.
Anschließend kehrte er den Kindern den Rücken zu, heizte den Ofen schon einmal vor, holte die zwei Backblecke daraus und legte Backpapier darauf. „Wenn ihr die Formen ausgestochen habt, legt ihr sie da drauf und dann müssen wir sie nur noch in den Ofen schieben und warten, bis sie fertig gebacken sind.“
Rund um den Tisch gab es Gedränge. Max und Lucas begannen einen Streit, weil der andere beim Ausstechen nicht genügend Abstand und damit die Formen verunstaltet hatte.
Steve lehnte sich an den Kühlschrank und versuchte, ruhig zu bleiben. Hätte er gewusst, wie anstrengend Dustins Freunde sein konnten, hätte er dieser Idee niemals zugestimmt.
Sogar Will und Mike blödelten mit Dustin herum und stachen kaum eine Form aus.
Die einzige, die konzentriert Sternchen um Sternchen aus dem Teig stach und zum Blech brachte, war Elfie.
Es sah so aus, als würde es dieses Mal besonders viele sternförmige Plätzchen geben. Dafür lagen am Ende nur wenige Tannenbäume, Glocken, Engel und Sternschnuppen auf dem Blech.
Steve kratzte die letzten Reste des Teigs zusammen. „Dustin, kannst du die Bleche in den Ofen schieben und den Wecker stellen?“, bat er ihn.
Dustin kehrte dem Tisch den Rücken zu. Dann öffnete er den Ofen und schob die beiden Bleche nacheinander hinein. „Wie lange müssen sie gebacken werden?“
Steve wollte auf das Rezept schauen, doch Will war schneller gewesen. „10 Minuten.“
Schon nach wenigen Minuten breitete sich ein leckerer Plätzchengeruch in der Küche aus.
Dustin kniete sich vor den Ofen und begutachtete sein Werk. „Sie riechen genauso wie die von meiner Mutter.“
Steve seufzte erleichtert auf. Anscheinend hatten sie alles richtig gemacht. Er hätte es nicht übers Herz gebracht, die Kinder am Ende enttäuschen zu müssen, weil die Plätzchen, die er mit ihnen gebacken hatte, ungenießbar waren.
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