Türchen des Tages

von Kleeblume
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Chief Jim Hopper Elf "Elfie" Joyce Byers Maxine "Max/MadMax" Hargrove Michael "Mike" Wheeler William "Will" Byers
01.12.2019
24.12.2019
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Elfies Weihnachtsbaum

Hawkins, Indiana
Dezember 1983


Aus vor Staunen weit aufgerissenen Augen beobachtete Elfie, wie Hopper einen Baum in das Wohnzimmer seiner Hütte schleifte. Der Baum war anders als die meisten, die sie im Wald gesehen hatte. Im Gegensatz zu ihnen trug er noch immer eine Art grüne Blätter, die im Herbst nicht zu welken begonnen hatten. Und er roch anders. Ein bisschen nach Schnee, einem fremden Wald und etwas, das Elfie nicht definieren konnte.
„Guten Morgen, Kleine“, begrüßte Hopper sie, ehe er Mantel und Jacke auszog.
Elfie sog den Geruch des Baumes noch etwas tiefer ein und runzelte die Stirn. Sie waren umgeben von Wald, wieso brauchten sie einen Baum mitten in der Hütte?
„Morgen“, erwiderte sie und unterdrückte ein Gähnen. Sie durfte zwar ausschlafen, aber jeden Tag ein Wort und neue Dinge über das normale Leben, das Menschen wie Mike außerhalb des Labors führten, zu lernen, erschöpfte sie mehr als sie anfangs gedacht hatte. Elfie überlegte, welche Worte sie brauchte, um ihre Frage zu stellen. „Was das ist?“, versuchte sie es. Als sie noch jeden Tag mit Mike gesprochen hatte, war ihr das Reden leichter gefallen. Hopper gab ihr ein warmes Bett, etwas zu essen, zu trinken und Kleidung. Er gab sich Mühe damit, ihr Englisch, wie er die Sprache nannte, zu verbessern. Doch er redete nicht so viel wie Mike und seine Freunde.
„Was ist das“, korrigierte Hopper sie. „Nach dem Fragewort kommt das Verb.“
„Verb?“
„Tun- Wort.“ Hopper lehnte den Baum an die Wand. „Du fragst danach mit ,Was tut jemand?‘.“
„Okay.“ Elfie nickte. „Was ist das?“ Sie zeigte auf den Baum.
„Genau.“ Hopper strich über ihren Kopf und lächelte sie sie an. „Du bist ein kluges Mädchen.“ Inzwischen waren ihre Haare ein bisschen gewachsen. Elfie wünschte sich insgeheim, sie würden eines Tages genauso aussehen wie bei Mikes Schwester Nancy.
Sie strahlte Hopper an und genoss das Gefühl von Wärme, das sich in ihr ausbreitete. Nie hatte Papa solche Sachen zu ihr gesagt.
Hopper holte eine Art Topf hinter dem Fernseher hervor und stellte den Baum hinein. „Das ist ein Nadelbaum“, erklärte er unterdessen. „Eine Fichte, um genau zu sein. Sie haben keine Blätter, sondern Nadeln, die sie im Winter behalten. Außerdem ist das unser Wort des Tages.“
Elfie neigte den Kopf zur Seite. „Fichte oder Nadelbaum?“ Aus ihrem Mund klangen die Wörter komisch. Sie hatten nicht die gleiche Melodie wie das, was Hopper gesagt hatte.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Das machen wir ein anderes Mal. Wir haben etwas Besonderes mit diesem Baum vor. Er wird unser Weihnachtsbaum.“
„Weihnachtsbaum.“ Elfie versuchte, ihr Wort des Tages richtig auszusprechen. Sie wusste, was ein Baum war. Mike hatte einmal von Weihnachten gesprochen, aber in dem Versuch, es ihr zu erklären, hatte er so viele unbekannte Wörter und fremde Namen verwendet, dass sie am Ende verwirrter gewesen war als vorher.
„Genau.“ Der Weihnachtsbaum stand jetzt neben dem Fernseher. „Weißt du, was Weihnachten ist, Kleine?“
„Nein.“
Daraufhin erntete sie einen traurigen Blick von Hopper.
Hatte sie ihn enttäuscht? Sollte sie das Wort schon kennen und sie hatte es wieder vergessen? Sie hoffte, dass sie es nicht vergessen hatte. Hopper schien ein freundlicherer Mensch zu sein als Papa, aber sie war noch immer ein bisschen misstrauisch. Würde er sie auch in ein kleines, enges Zimmer sperren, wenn sie etwas falsch machte?
„Also gut“, seufzte er und kehrte ihr den Rücken zu. „Wie wäre es, wenn ich dir das beim Frühstück erkläre? Wie wäre es mit Waffeln?“
Bei dem Gedanken an ihr Lieblingsessen knurrte Elfies Magen.

Wenig später stellte Hopper einen Teller mit drei aufeinandergestapelten Eggos, Sahne und Ahornsirup sowie ein Glas Orangensaft auf ihren Platz am Tisch.
Als er sich setzte, knarzte sein Stuhl. „Weihnachten ist ein Feiertag.“
Elfie nahm Messer und Gabel in die Hand. Sie aß lieber mit den Händen. Aber Hopper wollte von ihr, dass sie Besteck benutzte. „Was ist… Feiertag?“
„Was ist ein Feiertag?“ Er trank einen Schluck aus seinem Glas Milch und überlegte ein paar Sekunden lang. „An einem Feiertag ist keine Schule und keine Arbeit. Du darfst zu Hause bleiben und normalerweise bei deiner Familie…“
Elfie blieb die Waffel im Hals stecken. Seit sie gesehen hatte, wie Mike und die anderen lebten, beneidete sie sie um ihre Häuser, Geschwister und Eltern. „Keine Familie“, sagte sie zu Hopper und ließ Messer und Gabel sinken.
„Doch.“ Hopper streckte die Hand über den Tisch aus.
Im ersten Moment zuckte Elfie zurück, doch er berührte lediglich sanft ihren Arm. Dann sah er ihr in die Augen. „Jetzt hast du eine Familie. Ich hatte auch lange keine Familie mehr, aber jetzt haben wir beide einander. Wir sind eine Familie.“
Elfie fühlte sich sofort besser. Sie lächelte ihn an. Wenigstens war sie jetzt nicht mehr allein. Jemand sprach mit ihr, tröstete sie nach ihren Albträumen und behandelte sie wie einen Menschen.
„Weihnachten“, fuhr Hopper fort, „ist am vierundzwanzigsten Dezember.“
„Vierundzwanzig zwölf?“
„Vierundzwanzigster zwölfter“, wiederholte Hopper. „Es ist eine Art Geburtstag, den man feiert.“
„Von wem?“ Das Konzept von Geburtstagen hatte sie noch nicht ganz verstanden. Elfie wünschte, sie wüsste, an welchem Tag sie Geburtstag hatte.
Hopper seufzte. „Weißt du, Kleine, das ist so kompliziert, dass ich es dir lieber ein anderes Mal erkläre. Das Wichtigste für dich ist erstmal der Baum. Jedes Jahr stellen wir uns einen Baum ins Haus und darunter legt der Weihnachtsmann dann die Geschenke.“
Es gab also nicht nur einen Weihnachtsbaum, sondern auch noch einen Weihnachtsmann? Elfie schluckte den letzten Rest ihrer Waffeln herunter. „Kann ich den Weihnachtsmann auch sehen?“ Sie wollte ihn unbedingt kennenlernen.
Zu ihrer Enttäuschung schüttelte Hopper den Kopf. „Er möchte leider nicht entdeckt werden. Deshalb kommt er in der Nacht vom dreiundzwanzigsten auf den vierundzwanzigsten Dezember heimlich in unser Haus und bringt die Geschenke. Aber damit er weiß, was du dir wünscht, musst du ihm eine Liste schreiben.“
„Ich kann nicht schreiben“, erkannte Elfie und ließ die Schultern sinken. Wenn schreiben genauso schwierig war wie sprechen, würde es eine Ewigkeit dauern, bis sie es konnte. Zwar hatte Papa ihr die wichtigsten Wörter und Zahlen beigebracht, aber es würde wahrscheinlich nicht reichen, um einen Wunschzettel zu formulieren. Der Weihnachtsbaum stand schon im Haus, also würde der Weihnachtsmann bald kommen. Bekam sie dann keine Geschenke?
„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte Hopper sie. „Wir überlegen uns gemeinsam, was du dir wünschen kannst und dann helfe ich dir dabei, die Liste zu schreiben. Aber das machen wir morgen. Dann wird unser Wort des Tages Wunschzettel sein.“ Er nahm ihren Teller und stand auf. Nachdem er das Geschirr in die Spüle gestellt hatte, verschwand er in seinem Schlafzimmer und kam wenig später mit einer Kiste wieder. „Heute schmücken wir den Baum.“
„Schmücken?“
„Genau.“ Hopper nickte. „Komm mit.“
Sie folgte ihm ins Wohnzimmer, wo er die Kiste auf dem Sofa abstellte.
Elfie beugte sich über sie und öffnete den Deckel. Die Kugeln, Lichterketten, Sterne und winzige Figuren faszinierten sie. „Hübsch.“
„Du kannst an den Baum hängen, was du möchtest.“ Hopper nahm eine der Kugeln und hängte sie an einen der Äste.
Zögernd tat Elfie es ihm gleich. Bald hatte sie ihre anfängliche Scheu überwunden und fand Gefallen daran, die Kugeln an die Äste zu hängen. Hopper half ihr mit zwei Lichterketten und steckte einen Stern auf die Spitze. Zum Schluss steckte er die Lichterketten ein.
Sobald sie zu leuchten begannen, starrte Elfie mit offenem Mund auf den Baum. Selten hatte sie etwas so Schönes gesehen.
„Gefällt er dir?“
„Hübsch.“ Sie grinste und setzte sich auf den Boden, um den Weihnachtsbaum zu betrachten.
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