Türchen des Tages

von Kleeblume
OneshotFamilie, Freundschaft / P12
Chief Jim Hopper Elf "Elfie" Joyce Byers Maxine "Max/MadMax" Hargrove Michael "Mike" Wheeler William "Will" Byers
01.12.2019
24.12.2019
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01.12.2019 1.646
 
Liebe Leser,
willkommen bei diesem kleinen Adventskalender, der euch die Wartezeit auf Weihnachten ein bisschen versüßen soll. Wenn alles nach Plan läuft, gibt es jeden Tag einen neuen Oneshot. Viel mehr gibt es nicht mehr zu sagen, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, würde mich über Rückmeldungen freuen und vor allem wünsche ich euch allen eine schöne Vorweihnachtszeit. :)


Hoppers Geschenk

Hawkins High School
Hawkins, Indiana
Dezember 1960


Joyce warf einen Blick auf die Uhr über der Tafel. Es hatte keinen Wert, zu versuchen, Mr Driscolls Schrift zu entziffern. Aus quadratischen Gleichungen wurde sie sowieso nicht schlau.
Warum Bob Newby sich so sehr für Mathematik interessieren konnte, war ihr ein Rätsel.
„Konnte jemand diese anspruchsvolle Aufgabe schon lösen?“ Mr Driscoll lehnte sich ans Pult und sah den Mathekurs über die Ränder seiner Brille hinweg an.
Joyce hob die Schultern und senkte den Blick auf ihren Block, an dessen Rand sie einen Weihnachtsbaum gekritzelt hatte. Er war viel schöner als der mickrige Baum aus Plastik, der jedes Jahr bei ihr zu Hause im Wohnzimmer stand. Und es lagen Geschenke darunter. Obwohl sie nicht damit rechnete, dass ihre Mutter sich dieses Jahr etwas für sie leisten konnte, freute sich Joyce trotzdem auf die Ferien.
Bobs Finger schnellte in die Höhe.
„Bob.“ Mr Driscolls Gesicht hellte sich auf, was ihn sofort sympathischer erschienen ließ. Kein Wunder, denn trotz seiner vielen Fehltage zählte Bob zu seinen Lieblingsschülern. Keine Aufgabe schien für ihn zu schwer zu sein. „Ja?“
„Für x1 habe ich minus zwei rausbekommen und für x2 drei.“
„Sehr gut.“ Mit einem anerkennenden Nicken nahm Mr Driscoll das Mathebuch vom Pult und blätterte darin herum. „Nachdem ihr jetzt alle wisst, wie ihr mit dieser Formel Gleichungen lösen könnt, macht ihr als Hausaufgabe bis Montag bitte die Aufgaben 8, 9 und 10 auf Seite 52. Einen schönen zweiten Advent wünsche ich euch.“
Joyce hatte Block, Mäppchen und Mathebuch verstaut, noch bevor er ausgesprochen hatte.
Karen, die an dem Tisch neben ihr saß, schüttelte grinsend den Kopf. „Ich wette, er ist noch nicht einmal da“, raunte sie ihr zu.
Joyces Wangen erhitzten sich, als sie sich ihre Schultasche über die Schulter hängte. Wahrscheinlich hatte Karen recht. Aber je früher sie kam, desto mehr Zeit hatte sie, ihr wie wild pochendes Herz und die Schmetterlinge in ihrem Bauch zu beruhigen.
Sie wünschte, sie könnte ihre Symptome auf ihre Zigarettenabhängigkeit schieben, doch sie wusste, dass sie weniger mit Nikotin als mit der bloßen Anwesenheit von Jim Hopper zu tun hatten.
Mr Driscoll ließ sie nicht gehen, bis es klingelte. Vor allen anderen eilte Joyce aus dem Klassenzimmer, schlängelte sich durch die schwatzenden Schülergruppen, die die Flure verstopften und duckte sich unter die Treppe, wo sie ihre Tasche auf den Boden stellte.
Mit einer Zigarette im Mundwinkel und einem Feuerzeug in der Hand, bückte sich Hopper unter den niedrigeren Stufen hindurch. Erst unter dem mittleren Teil der Treppe konnte er aufrecht stehen.
War er innerhalb des letzten Tages schon wieder gewachsen?
„Hi.“ Joyce streckte ihre Hand nach der Zigarette aus.
„So langsam habe ich das Gefühl, du kommst nur hier her, um kostenlos rauchen zu können.“ Er gab ihr die Zigarette trotzdem.
Joyce zog daran. Nach einem kurzen Husten hob sie die Schultern. „Meine Mum erlaubt es mir nicht und Geld, eigene zu kaufen, habe ich auch nicht.“ Als sie ihm die Zigarette zurückgab, wich Joyce seinem Blick aus. Es war ja nicht so, dass er dafür gar keine Gegenleistung bekam. „Außerdem habe ich die Englischhausaufgaben.“
Hopper lachte. „Das stimmt. Und damit hast du mich mehr als einmal gerettet. Mr Cooper hätte mich schon mindestens hundertmal nachsitzen lassen.“
Joyce lächelte ihn kurz an. Daran, dass sie sich manchmal fühlte, als würde sie seine Freundlichkeit ausnutzen, änderten seine Worte aber nichts.
„Hast du schon Weihnachtsgeschenke gekauft?“, fragte er.
Joyce seufzte und blickte dem Rauch, den er ausatmete, hinterher. „Von welchem Geld sollte ich denn Geschenke kaufen?“ Das bisschen, das ihre Wochenendschichten im Melvald’s einbrachte, brauchten sie und ihre Mutter, um Essen und Holz zum Heizen zu kaufen. Ihr Vater verbrauchte sein ganzes Gehalt, um seine Trinksucht zu finanzieren. Für den Rest seiner Familie blieb schon seit Jahren nichts mehr übrig. Egal, wie sehr sie Geschenke kaufen wollte, sie konnte es sich nicht leisten.
Hopper drückte ihr die Zigarette wieder in die Hand. Dann raufte er sich die sandfarbenen Haare. „Tut mir leid“, murmelte er. „Manchmal vergesse ich, dass nicht alle Familien so sind wie meine.“
„Schon okay.“ Joyce zog an der Zigarette. „Das tun die meisten. Ich bin es gewohnt.“
„Aber du könntest mir helfen, ein Geschenk für Chrissy zu finden.“
Lieber wäre Joyce im Erdboden versunken als Jim Hopper dabei zu helfen, ein Geschenk für seine Freundin zu finden. Ihr Verstand hatte es von Anfang an gewusst. Hopper interessierte sich nicht für die Schule oder für seine Zukunft, trank mehr als alle anderen in ihrer Jahrgangsstufe und schlief mit jedem Mädchen, das ihn ließ. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er Chrissy Carpenter gegen die nächste Cheerleaderin austauschen würde.
Aber ihr Herz hatte sich dennoch dazu entschieden, ihn zu mögen. Dabei wäre er unter anderen Umständen nicht einmal nur als normaler Freund für sie infrage gekommen. Nicht, dass jemand wie sie sich in der High School ihre Freunde aussuchen konnte, aber mit Karen, Claudia und Bob hatte sie wenigstens ein paar, mit denen sie sich recht gut verstand.
Und jetzt stand Joyce einmal mehr mit gebrochenem Herzen unter der Treppe, rauchte seine Zigaretten und wünschte sich, sie wäre so blond, langbeinig und attraktiv wie Chrissy. Doch sie war nur Joyce, die sich nicht einmal ihre eigene Packung Zigaretten leisten konnte.
„Ich kenne Chrissy kaum.“ Joyce verschränkte die Arme vor der Brust. Sie bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck. Allerdings hasste sie ihn für diese Frage und dafür, dass er wirklich nur etwas für Blondinen übrigzuhaben schien. Am meisten hasste sie sich jedoch selbst dafür, gedacht zu haben, sie musste etwas Besonderes für ihn sein. Wie hatte sie sich je erlauben können, derartige Gefühle für einen Idioten wie ihn zu entwickeln? Wahrscheinlich hatte er genau wie alle anderen lediglich Mitleid mit ihr.
„Du bist ein Mädchen“, erwiderte Hopper. „Was würdest du dir von deinem Freund wünschen?“
„Welchem Freund?“ Joyce schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. Vor Hopper würde sie mit Sicherheit nicht anfangen zu weinen. Das konnte sie heute Nacht, wenn sie alleine in ihrem Bett lag, immer noch tun.
„Ist dir nie aufgefallen, wie Bob dich ansieht?“
Joyce schüttelte den Kopf. Wie konnte ihr sowas auffallen, wenn derjenige, für den ihr verdammtes Herz sich entschieden hatte, eine Freundin hatte?
Hopper ließ die Zigarette auf den Boden fallen und trat sie aus. „Vielleicht solltest du ihm eine Chance geben.“
„Man fängt keine Beziehung mit jemanden an, weil man ihn nett findet.“ Joyce lehnte sich an die Wand neben ihr. Ihr gefiel die Richtung, in die sich dieses Gespräch entwickelte, ganz und gar nicht.
„Ich habe von einer Chance gesprochen“, betonte Hopper und erwiderte ihren Blick.
Joyce schüttelte den Kopf. „Es ist nicht fair, so zu tun, als würdest du dich für jemanden interessieren, nur, weil du denjenigen, den du willst, nicht haben kannst.“ Kaum hatte sie das gesagt, bereute sie es. Joyces Blick verschwamm. Das Leben war unfair, sie wusste das besser als jeder andere in ihrem Alter. Aber das machte ihre Situation nicht unbedingt besser.
„Soll ich ihm die Nase brechen?“ Hopper ballte seine riesige Hand zu einer Faust. „Du musst mir nur sagen, wie er heißt und ich kann es wie ein Unfall aussehen lassen.“
Joyce lachte kurz auf, woraufhin ihr eine Träne über die Wange lief. „Dann müsstest du dir selbst die Nase brechen“, murmelte sie in der Hoffnung, er würde es nicht hören. Wieso konnte sie nicht einfach die Klappe halten?
„Oh.“ Anscheinend hatte Hopper sie genau verstanden.
„Schon gut.“ Wütend auf sich selbst rieb Joyce sich die Tränen von den Wangen und nahm ihre Tasche vom Boden. „Ich hätte mir nie etwas auf geteilte Zigaretten einbilden sollen. Du warst einfach nur nett zu mir, weil du Mitleid hattest.“ Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und steuerte die nächsten Toiletten an, wo sie die Türe hinter sich zuknallte.
Wie hatte sie überhaupt auf die Idee kommen können, dass Hopper sich ernsthaft für sie interessiere? Oder irgendein anderes Mädchen? Verdammt, er interessierte sich so wenig für seine eigene Freundin, dass er nicht einmal wusste, was er ihr zu Weihnachten schenken sollte. Wieso war sie bereit gewesen, zu übersehen, dass er sich verhielt wie jemand, den die Gefühle anderer nicht zu interessieren schienen?
Mit einem Stück Klopapier tupfte sich Joyce die Tränen von den Wangen. Er war nicht besser oder anders als alle anderen. Sie hatte sich nur tief in ihrem Herzen gewünscht, dass es doch so gewesen wäre.

Am Montagmorgen fand Joyce eine originalverpackte Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug auf ihrem Platz in der Englischstunde.
Sie wollte beides in ihre Tasche stecken, als sie einen zusammengefalteten Zettel an der Rückseite der Zigarettenpackung entdeckte.
Sie faltete ihn auseinander und versuchte mit gerunzelter Stirn, die Schrift zu entziffern. Es dauerte eine Weile, bis ihr das gelang.

Joyce,

ich weiß, ich bin ein Idiot. Wahrscheinlich willst du das gar nicht lesen und ich habe Glück, wenn du es doch tust. Aber ich dachte mir, vielleicht freust du dich über die Zigaretten. Falls du mich eine Weile nicht sehen möchtest, musst du dir keine Sorgen darum machen, wo du welche auftreiben kannst. Falls du das noch möchtest, können wir irgendwann mal wieder welche teilen.
Frohe Weihnachten,
Jim.


Joyce schloss die Augen. Dann ließ sie die Zigaretten und das Feuerzeug so unauffällig wie möglich in ihre Tasche gleiten. Der Brief und dieses Geschenk ließen den Stich in ihrem Herzen nur noch mehr schmerzen. Trotzdem, vielleicht war Jim Hopper doch nicht der Idiot, für den sie ihn gehalten hatte.
Dass sie es sich nicht über dieses Geschenk gefreut hätte, wäre gelogen.
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