Viel zu lange her

GeschichteDrama / P16
Aaron "Hotch" Hotchner David Rossi Emily Prentiss
01.12.2019
24.12.2019
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Hi. :D

Herzlich Willkommen zu meiner diesjährigen Weihnachtsgeschichte. Dieses Jahr ist es ein kürzeres Projekt.

Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen.

Ich wünsche euch eine ruhige und besinnliche Adventszeit.


Liebe Grüße

Addison





1.  Starke Frauen weinen nicht


Der Einsatz war hart gewesen. Normalerweise war sie nicht so zart besaitet, aber wenn ein Mann im Weihnachtsmannkostüm drei Familien kaltblütig niedermetzelt, und das in nur drei Tagen ohne eine Abkühlphase dazwischen, war es für sie schon hart an der Grenze gewesen, nicht die Nerven zu verlieren. Als er schließlich eine vierte Familie überfallen wollte, war er ihnen endlich ins Netz gegangen.
Für das Team hatte dieser Einsatz schlaflose Nächte bedeutet. Und jetzt waren sie verständlicherweise alle ziemlich ausgelaugt. Emily hatte ihnen über die Feiertage frei gegeben, zwar mit Vorbehalt, weil es immer einen Grund geben würde, die BAU anzufordern. Aber dieses Mal würde sie alle Anfragen abschmettern. Sie hatten sich alle ein ruhiges Weihnachten verdient, fernab aller Grausamkeiten, die sie tagtäglich mit ansehen mußten.
Emily schlich mehr vom Auto in ihr Haus, als daß man es Gehen nennen konnte. Sie war so müde, daß sie kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte. Wenn sie jetzt ihre Couch im Wohnzimmer erreichen würde, dann würde sie auf der Stelle einschlafen.
Sie warf ihre Handtasche auf die Flurgarderobe und streifte sich die Stiefel von den Füßen. Achtlos ließ sie sie auf dem Boden liegen. Ihr Mantel fand auch nur den Weg auf den Fußboden. Für mehr war sie heute nicht mehr in der Lage.
Ihr Blick fiel auf den Anrufbeantworter, der wie wild blinkte. Die Anzeige verdeutlichte ihr mehrere neue Anrufe. Sie seufzte. Konnte man sie denn nicht ein Mal im Jahr in Ruhe lassen? Weihnachten war doch eine besinnliche Zeit. Und da sie keine Weihnachtsgeschenke mehr kaufen mußte, weil sie sich alles hatte liefern lassen, würde sie auch nicht mehr aus dem Haus gehen müssen. Für einen Moment dachte sie an ihren leeren Kühlschrank. Sie schüttelte den Kopf. Einkaufen würde sie auf morgen verschieben.
Wie sie einkaufen in der Vorweihnachtszeit haßte, und das zwei Tage vor Weihnachten. Überall würden die Leute die Supermärkte entern und kaufen, als wenn die große Hungersnot unmittelbar bevorstand. Sie bekam Kopfschmerzen bei dem Gedanken und drückte auf den Anrufbeantworter.
Der erste Anruf stammte doch tatsächlich von ihrer Mutter. Sie redete irgendwas von Weihnachten, was dieses Jahr ausfallen würde, und Karibik. Aber Emily hatte innerlich schon längst mit dem Gedanken „Was will sie denn jetzt schon wieder?“ abgeschaltet.
Der nächste Anruf kam von Andrew Mendoza. Sie mußte lächeln. Andrew war ihr in den letzten Wochen wirklich nahe gekommen, jedenfalls soweit sie das zugelassen hatte. Im Bett waren sie allerdings noch nicht gelandet. Dafür war sie noch nicht bereit gewesen. Aber geküßt hatten sie sich schon. Und sie stellte fest, daß sie schon lange dieses Kribbeln im Bauch nicht mehr gespürt hatte. Zuletzt war es ihr so ergangen, bei...
Sie hielt inne. Sie seufzte. Warum mußte der Gedanke an ihn ihr ausgerechnet jetzt den Feierabend vermiesen? In den letzten Tagen hatte sie erfolgreich versucht zu verdrängen, daß Hotch sich schon seit mehreren Monaten nicht mehr gemeldet hatte. Kein Anruf, keine Nachricht, kein Lebenszeichen. Er hatte sie abgeharkt. Sie war Vergangenheit. Ein wir gab es schon lange nicht mehr.
Damals war er gegangen und nie wieder zurückgekehrt, als wenn nie etwas zwischen ihnen gewesen wäre. Sie hatte versucht, das zu verdrängen, aber das war ihr sehr schwer gefallen. Über ihre erzwungene Trennung von jetzt auf gleich war sie nie hinweg gekommen. Selbst als sie damals in London gelebt hatte, hatten sie ihre Beziehung immer noch gepflegt. Auch wenn niemand davon gewußt hatte, hatten sie sich doch so oft wie möglich besucht. Und jetzt verschwendete er nicht einen Gedanken mehr an sie.
Sie ließ sich auf die Couch fallen, streckte alles von sich und starrte an die Decke.
Warum nur bereitete es ihr immer noch körperliche Schmerzen, wenn sie an ihn dachte? Er spukte ihr immer noch im Kopf herum. Sie versuchte, die Augen zu schließen und nicht mehr an ihn zu denken, aber das gelang ihr nicht wirklich. Immer wieder drängte er sich in ihre Gedanken.
Sie mußte sich ablenken, irgendwie. Penelope hatte doch vorhin irgendwas von Weihnachtsparty und Vorbereitungen geredet, als sie schon längst abgeschaltet hatte. Aber unterschwellig erinnerte sie sich daran, daß Penelope für Heiligabend etwas ganz Großes plante.
Eigentlich hatte sie ja gar keine Lust auf eine Party. Aber ein bißchen Ablenkung würde ihr gut tun. Und besser als hier herum zu sitzen und in den Fernseher zu starren, war es allemal.  
Sie nahm ihr Smartphone in die Hand und ignorierte gekonnt alle Anfragen, die zwecks Arbeitseinsatz rein gekommen waren, und lächelte bei einer Nachricht, die sie erst jetzt entdeckt hatte. Andrew hatte ihr vor ein paar Stunden geschrieben.   „Bin heute Abend auf der Weihnachtsfeier im Büro. Schade, daß du noch nicht zurück bist, wäre gerne mit dir dorthin gegangen. Melde dich, wenn du wieder zurück bist. Ich vermisse dich. Liebe Grüße und Küsse, Andrew.“
Sie lächelte. Flüchtig sah sie auf die Uhr. Es war schon 21 Uhr. An Schlaf war bestimmt nicht zu denken, wenn sie weiter ihren Gedanken nachhing. Also konnte sie sich auch ablenken. Außerdem wäre sie ein bißchen Spaß nicht abgeneigt.
Sie quälte sich von der Couch und lief ins Bad. Als sie in den Spiegel blickte, erkannte sie, daß die letzten Tage Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen hatten. Tiefe Augenringe zierten ihr Gesicht. Aber mit ein bißchen Schminke bekam sie das schnell in den Griff. Schließlich schlüpfte sie noch in das kleine Schwarze und verließ eine halbe Stunde später das Haus.


Die Männer von der SWAT - Einheit hatten ihre Büros vorübergehend in den FBI – Gebäuden, weil ihre Zentrale durch einen Rohrbruch vor zwei Monaten unbenutzbar geworden war.  
Die dröhnende Musik der Stereoanlage signalisierte ihr, daß alle wohl schon ziemlich angeheitert waren und die Weihnachtsmusik längst verband worden war. Jetzt dröhnte Musik aus den Lautsprechern, die man nur ertragen konnte, wenn man schon ein paar Drinks zu viel konsumiert hatte.
Emily blieb am Eingang des Großraumbüros stehen und sah sich um. Die Männer waren in ausgelassener Weihnachtsstimmung. Gläser mit alkoholischen Getränken wurden geleert als wäre es Wasser.
Eine Stripperin tanzte im Takt der dröhnenden Musik, und der Großteil der Männer feuerte sie lautstark an, auch noch den letzten Fetzen Stoff abzulegen.
Einer der Männer hatte sie entdeckt und kam auf sie zu. Er legte ihr den Arm um die Schultern, prostete ihr zu und grinste sie schelmisch an. „Na, Kleine, bist du gekommen, um deine Kollegin abzulösen?“ Er deutete auf die blonde Stripperin, die sich den grapschenden Händen immer wieder gekonnt entziehen konnte. „Ich würde dir auch ein ordentliches Trinkgeld geben, wenn du das hier ausziehen würdest.“ Er nestelte ungeniert an ihrem Kleid.
Sie schob seinen Arm energisch von sich. Und als er protestieren wollte, verpaßte sie ihm eine Ohrfeige.
Er rieb sich irritiert die Wange. „Das werde ich aber deinem Chef melden?“, entgegnete er etwas jämmerlich.
„Apropos Chef.“ Sie sah ihn provokant an. „Wo ist Mendoza?“
Der gut gebaute dunkelhaarige Mann wandte sich suchend um. „Keine Ahnung,... vorhin war er noch hier.“, lallte er ein bißchen. Er kam ihr wieder viel zu nahe. „Aber ich verspreche dir,...“ Er sah ihr direkt in die Augen. Sie konnte seinen alkoholischen Atem riechen, was Übelkeit in ihr aufsteigen ließ. „..., was du von ihm willst, kann ich viel besser.“ Er wollte sich an ihr festhalten, als sie gekonnt auswich. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich an der Wand abzustützen.  
Sie bahnte sich einen Weg durch die grölende Männerhorde.
„Hey, Prentiss.“ erkannte sie plötzlich einer der Männer wieder.
Sie überlegte einen Augenblick, ob sie sich an seinen Namen erinnerte. Aber der war ihr entfallen, auch wenn sie den blonden großgewachsenen Schönling schon bei ihrer letzten Begegnung nicht hatte übersehen können.
„Mendoza meinte, Sie wären in Dallas.“, stellte dieser irritiert fest.
„Wir sind gerade zurückgekommen.“, erwiderte sie. „Wissen Sie, wo ich Mendoza finden kann?“
Der blonde Mann sah flüchtig in Richtung der Bürotür seines Vorgesetzten. Doch dann tat er so, als wenn er es nicht wüßte. Er zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich ist er schon gegangen.“
„Sicher, daß er nicht in seinem Büro ist?“
„Ganz sicher.“, erwiderte er, ohne daß er ihr dabei in die Augen sehen konnte.
„Danke.“ Trotz seiner Aussage ahnte sie, daß er gelogen hatte. Sie ließ ihn stehen und ging in Richtung von Andrews Büro.
Sie klopfte an. Doch durch die lautstarke Musik konnte er ihr Klopfen wahrscheinlich nicht hören. Deshalb öffnete sie nach einigen Sekunden des Wartens die Tür und enterte sein Büro.
Was sie da erblickte, ließ sie sofort inne halten.
Eine blonde nackte Frau stand vorgebeugt vor seinem Schreibtisch und Andrew mit heruntergelassener Hose direkt hinter ihr. Durch den Lärm hatte er nicht einmal gemerkt, daß die Tür aufgegangen war. Mit Begierde widmete er sich der Blondine, und diese stöhnte und quietschte vor Vergnügen auf.
Sie war wie vom Donner gerührt. Sie hatte alles erwartet, aber das nicht. Das schlug dem Fass echt den Boden aus. Egal, was sie in ihrem Leben schon erlebt hatte, aber noch nie hatte es ein Mann gewagt, sie so offensichtlich zu hintergehen. Und leugnen konnte er es schon gar nicht, denn sie sah die Szenerie ja mit eigenen Augen vor sich.
Erst bemerkte er sie nicht, aber als die Blondine irritiert verstummte, blickte auch er zur Tür und erstarrte im selben Moment in seinen Bewegungen.
„Emily?“, brachte er nur etwas verdutzt über die Lippen, als wenn er glaubte, daß seine Augen ihm einen Streich spielten.
„Wie ich sehe, brauchst du mich heute Abend gar nicht.“ Sie schrie die Worte überdeutlich, um sicher zu gehen, daß er sie durch die dröhnende Musik auch verstand.
„Das ist...“, stammelte er verlegen und schob die Blondine verunsichert etwas von sich, um seine Hose hochzuziehen.
Wahrscheinlich wollte er ihr sagen, „Daß das nicht das wäre, wonach es aussah.“ Aber sie wußte, was sie gesehen hatte. Und von allen Männern, die sie näher als zehn Zentimeter an sich herangelassen hatte, war er der einzige gewesen, der so etwas gewagt hatte. Nicht einmal Ian Doyle war so dreist gewesen, und hatte anderen Frauen in aller Öffentlichkeit gevögelt, als er mit ihr zusammen gewesen war. War sie jetzt prüde, weil sie das abstoßend fand? Aber nein, über so etwas konnte sie einfach nicht hinweg sehen.
Sie wandte sich auf der Stelle um und verließ gefaßt Andrews Büro. Eine Szene würde sie ihm nicht machen, nicht hier. Da stand sie drüber.
Aus den Augenwinkeln hatte sie gesehen, daß Andrew sich beeilte, die Hose zu ordnen und sein Hemd hinein zu stopfen. Dabei fixierte er sie, wahrscheinlich, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. Doch das interessierte sie nicht. Sie machte, daß sie weg kam.
Doch das war leichter gesagt als getan, denn die grölende Meute hatte jetzt eine Art Polonaise gestartet und kreiste sie ein. Sie schob einen der betrunkenen Männer gekonnt beiseite und flüchtete.
An der Außentür sah sie sich noch einmal um, um zu schauen, ob Andrew ihr folgte. Doch da hatten seine Kollegen ihn schon in Beschlag genommen und umkreisten jetzt ihn und wollten lautstark, daß er mitmachte bei ihrer heiteren Runde.
Andrew hatte alle Mühe zu entkommen. Und das war ihre Chance, die Weihnachtsfeier auf dem schnellsten Wege zu verlassen.
Sie würde nicht weinen. Nein, die Blöße würde sie sich nicht geben. Starke Frauen weinten nicht, und sie war stark. Sie war es immer gewesen. Oder hatte sie sich all die Jahre etwas vorgemacht?
Dieses Arschloch hatte ihr verdammt wehgetan. Das konnte sie nicht so einfach verdrängen. Sie wollte es nicht, aber sie konnte sich auch nicht dagegen wehren, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten und sie tränenblind über den Parkplatz zu ihrem Auto stolperte.
„Emily!!!“, vernahm sie irgendwann in weiter Ferne seine rufende Stimme. Doch sie sah sich nicht um, sondern erhöhte die Geschwindigkeit, um schneller zu ihrem Auto zu kommen. Sie wollte ihm nicht die Gelegenheit geben, sich zu erklären. Er würde ohnehin nur lügen.
Etwas außer Atem erreichte sie ihr Fahrzeug und stieg ein. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie Andrew gerade noch einem Fahrzeug auf dem Parkplatz ausweichen konnte.
Sie steckte den Autoschlüssel ins Zündschloß und startete den Wagen. In dem Moment erreichte Andrew ihr Auto. Seine Hände klopften gegen die Scheibe auf der Fahrerseite. Sie schnallte sich nicht an, sondern gab gleich Gas und raste davon. Flüchtig blickte sie in den Rückspiegel und sah, wie Andrew sich vorbeugte und keuchend um Luft rang. Sie stellte sich vor, wie sie den Rückwärtsgang einlegte und ihn einfach umfahren würde. Aber dann sah sie gerade aus und fuhr davon.  



Wie sie nach hause gekommen war, wußte sie nicht mehr. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, sodaß es ein Wunder war, daß sie die Straße überhaupt hatte sehen können. Als sie zuhause angekommen war, stürmte sie aus dem Auto, denn sie hatte das Gefühl, Mendoza wäre immer noch hinter ihr her.
Sie schloß die Eingangstür gleich zwei mal hinter sich ab, ließ das Licht überall aus und ging dann duschen. Wie erstarrt stand sie unter dem warmen Wasserstrahl und blickte vor sich hin. Ihr wollten die Bilder von Andrew und dieser Blondine einfach nicht aus dem Kopf gehen. Verzeihen könnte sie so etwas nicht. Nein, nie im Leben. Manche konnten das vielleicht, aber nicht sie. In der Hinsicht hatte sie ein Elefantengedächtnis.
Irgendwann konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten, rutschte an der Wand herunter in die Knie, vergrub ihr Gesicht in den Händen und weinte. Das warme Wasser benetzte kontinuierlich ihre Haut. Doch sie bewegte sich nicht. Sie war wie erstarrt.
Selbst als es stürmisch an der Tür klingelte, erwachte sie nicht aus ihrer Starre. Denn sie wußte, es wäre ohnehin nur Mendoza, der seine Entschuldigungs – Tiraden loswerden wollte. Und darauf hatte sie keinen Nerv.
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