QuietWords’ und Tschuhs Wammy-Adventskalender 2019

von Tschuh
KurzgeschichteFamilie, Freundschaft / P12
Beyond Birthday L Matt Mello Near Watari
01.12.2019
10.12.2019
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Still war es geworden, seit es aufgehört hatte zu schneien. Kein Vogelzwitschern belebte die Landschaft, kein Wind heulte über die Felder, kein Schnee knirschte unter den Stiefeln der Kinder. Schwer und träge lag die weiße Decke auf den Ästen, Dächern und Pflastersteinen, als hätte er alles Leben erstickt. Winzigkleine Eiskristalle und lautlos tauende Frostzapfen, die unter dem Dach hingen, glitzerten in der Morgensonne. Nein, für Near war es kein beklemmender Winter – ganz im Gegenteil. Dies war die langersehnte Ruhe, die er sich schon seit Monaten herbeigewünscht hatte.

  Es war schon immer eine kleine Herausforderung für Roger gewesen, den kleinen Jungen mit dem dichten, weißen Haarschopf dazu zu bewegen, den Gemeinschaftsraum zu verlassen, in dem dieser sonst den Tag verbrachte, doch zu dieser Jahreszeit kam es gar nicht selten vor, dass Near sich auch mal von allein seine Schuhe anzog.

  Mit nahezu akribischer Sorgfalt formte er in seinen kleinen Fäustlingen die tollsten Figuren, stapelte sie aufeinander, und war wie üblich kaum von seiner Arbeit abzubringen. Oft war er sogar so sehr in seine Baukunst vertieft, dass er von den eisigen Temperaturen überhaupt keine Notiz nahm und sich am Ende des Tages einen furchtbaren Schnupfen holte. Dann musste er hilflos durch das Gartenfenster mit ansehen, wie Mello seinen schönen Iglu-Wolkenkratzer buchstäblich mit Füßen trat, während Matt mit den Schneeklötzen Tetris spielte – immerhin war er so anständig, sie dabei nicht vollkommen zu zerstören.

  Aber das war ja gerade das Spannende am Modellbau; man konnte seine Werke so oft auf- und wieder abbauen, wie man wollte. Und wenn etwas kaputt gegangen war, dann reparierte man es einfach. Das war deutlich spannender, als sich das fertige Konstrukt einfach nur anzusehen. Der Weg ist das Ziel. Eine Lektion, die Mello im Gegensatz zu ihm wohl noch lernen musste.

  Iglu-Wolkenkratzer und Schneeskulpturen waren jedoch nicht das Einzige, womit sich Near an so manchem weißen Wintertag im Garten die Zeit vertrieb. Es mochte zwar eine ganze Menge Anstrengung und Ausdauer erfordern, was beides zugegebenermaßen nicht unbedingt zu den größten Stärken des jungen Nachwuchsgenies gehörte, doch das war es ihm wert. Eine Schneekugel so lange durch den Hinterhof zu rollen, bis sie dick und rund und beinahe so groß wie er war, beanspruchte vielleicht etwas Zeit, doch dafür war das Ergebnis umso lohnender.

  Am Abend, nachdem die Sonne bereits untergegangen war und den verschneiten Garten in einen unheimlichen, dunkelblauen Schatten getaucht hatte, stand der Schneemann endlich vor ihm. Er war wunderschön und Near war ausgesprochen zufrieden mit sich. Roger hatte ihm sogar ein paar Kohlen und eine Karotte gegeben. Das Einzige, was jetzt noch fehlte, war …

  Unsicher zog der Junge die Stirn kraus und wickelte nachdenklich eine Haarlocke um seinen steif gefrorenen Finger. Doch, die Ähnlichkeit war nicht zu übersehen. Es war ein wenig schade um den alten Strohbesen, aber das goldene Reisig sah auf dem Kopf des Schneemannes wirklich um einiges besser aus als im verstaubten Schuppen. Bis morgen Nachmittag würde er vermutlich nicht überleben, wenn die anderen Kinder wieder nach draußen kamen … aber das war nicht schlimm. Der Weg war schließlich das Ziel.

  Near schmunzelte verstohlen und klopfte ein paar gefrorene Erdkrümel vom Bauch des Schneemannes. »Ich nenne dich … Mello.«
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