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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
27
33.617
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Dieses Kapitel
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07.12.2019 1.382
 
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7. Dezember

Es wurde Samstag und vor meiner Tür lag nichts. Irgendwie musste ich über mich selber schmunzeln, weil ich nun morgens immer gleich im Nachthemd zur Tür wetzte, wie ein kleines Kind.  Ich war schon ganz gespannt, was heute geschehen würde.

Zuerst ging ich zum Supermarkt. Dort saß Blacky angebunden vor der Tür und freute sich wie verrückt, als er uns sah. Ich band Daisy neben ihm an und hoffte, dass sich keiner beschweren würde, denn die zwei feierten laut bellend und miteinander rangelnd ihre Wiedersehensparty.

Innen traf ich natürlich gleich auf John und quatschte eine Runde mit ihm. Schnell kauften wir dann ein, damit unsere Lieblinge nicht so lange warten mussten.

Als wir wieder heraus kamen, hatten sie sich beruhigt und lagen aneinander gekuschelt da.
„Scheinbar freuen sie sich gar nicht, dass wir wieder da sind“, stellte ich fest.
Daisy hob nur gelangweilt ein Ohr, als sie mich sah und machte keinerlei Anstalten aufzustehen. Die faule Socke.
„Das haben wir gleich“, grinste John, zog die Hundeleckerli, die er gekauft hatte, aus einer seiner Einkaufstaschen und hielt sie hoch. „Gibt es hier einen Hund, der Appetit hat?“, fragte er.
Blacky hatte die Tüte sofort erkannt und sprang an John hoch und nach kurzem Zögern hatte er auch Daisy an der Hose kleben. Sie erhielten ihre Knabberei und wir machten beide los.

„Willst du das alles zu Fuß nach Hause schleppen?“, fragte John und sah auf meinen vollen Korb, den ich abgestellt hatte und die zwei Einkaufstaschen, die ich trug.
„Muss ich wohl, ich habe kein Auto“, erwiderte ich.
„Aber ich habe meins mit, komm, räum deinen Kram rein, dann lade ich dich zum Frühstück ein und bringe dich anschließend nach Hause!“
„Das ist aber nett“, erwiderte ich beglückt. Nicht nur, wegen der schweren Einkäufe, sondern auch, weil ich John so gern hatte und mit ihm mal wieder zu frühstücken, wäre bestimmt angenehm.

Wir verstauten alles in seinem Auto und gingen gegenüber zu unserem Bäcker, dem eine Konditorei mit gemütlichen Sitzecken angeschlossen war.
„Guten Morgen Mrs. Smith“, begrüßte John die rundliche Bäckersfrau, die gerade Brot in Papier einwickelte. „Ah, der liebe John und Miss Langdon, willkommen! Ken! Kundschaft! Da sind ja auch Daisy und Blacky!“, sie hatte kaum Luft geholt und war hinter dem Tresen hervor gekommen, um unsere Hunde zu begrüßen, die sich schon wieder wie toll gebärdeten.

„Wir setzen uns nach hinten, bekommen wir einen Kaffee, bitte?“, fragte John.
„Natürlich, ich bringe ihn euch gleich“, sagte sie außer Atem, lief wieder hinter den Tresen und wusch sich die Hände.
„Was möchtest du denn frühstücken?“, fragte John mich freundlich.
„Blaubeermuffins!“, seufzte ich verzückt und dabei verdrehte ich genießerisch die Augen. John und Mrs Smith lachten. „Ich nehme ein Schoko-Croissant, ein Mohnbrötchen und ein Frühstücksei“, ergänzte John und schob mich sanft nach hinten ins Café.

Wir setzten uns in eine gemütliche Ecke mit kleinen blauen Sesselchen.
Zuerst kam Ken, der Sohn der Smiths und brachte den Hunden ein Schälchen Wasser. Ken war ein sehr netter junger Mann in unserem Alter. Er war wie seine Mutter etwas kräftiger gebaut, was seiner Schönheit aber keinen Abbruch tat. Er war nämlich echt ein hübscher Mann mit blondem Haar und braunen Augen. Außerdem immer freundlich, ebenfalls genau wie seine Mutter.
„Danke, Ken“, sagte ich.
„Sehr gerne“, nickte er und lächelte mich an. „Der Kaffee kommt jetzt!“
Er ging wieder weg und ich musterte John, der entspannt da saß und sich umsah. John war irgendwie immer gelassen und gut gelaunt. Sein Blick wanderte zu mir und er grinste: „Du starrst mich an!“
„Stimmt“, gestand ich, „es ist schön etwas mit dir zu unternehmen, ich mag es, dass du immer so freundlich, gelassen und gut gelaunt bist…“
„Ich mag dich auch!“ Nun grinste er noch breiter.
Nun wurde ich ganz verlegen. Flirteten wir jetzt?

Mrs Smith brachte den Kaffee und Ken das Frühstück. Wir schlemmten genüsslich und missachteten die bettelnden Hundeblicke.
John fragte mich einiges zu meiner Arbeit in der Buchhandlung. Ich hatte ihm früher schon erzählt, dass ich Literatur studiert hatte und er wunderte sich immer, dass ich mit einem abgeschlossenem Studium ‚nur’ in einer Buchhandlung arbeiten wollte. Aber ich liebte die Arbeit dort, das war im Moment genau das, was ich wollte. Täglich den Geruch der Bücher einatmen, darin blättern, Kunden beraten, Empfehlungen aussprechen, Autoren-Lesungen organisieren und lesen, lesen, lesen…
„Du bist eine richtige Leseratte.“
„Das bin ich“, nickte ich und leckte mir genüsslich den Blaubeer-klebrigen Zeigefinger ab.
„Und ein süßes Schleckermaul.“ Seine Augen funkelten und er sah auf meinen Mund.
„Flirtest du mich gerade an?“, fragte ich und in meinem Bauch kribbelte es ganz ungewohnt.
„Hm, würde es dich stören?“, fragte er.

Würde es mich stören? Nein, ich mochte ihn doch sehr. Aber mochte ich ihn SO sehr? Würde ich mehr wollen? Ich war unsicher.
„Du überlegst aber lange“, meinte er schmunzelnd.
„Es stört mich nicht, aber es macht mich auch unsicher“, gestand ich ihm.
Er nickte. „Das kann ich nachvollziehen. Nun, ich habe Zeit, du kannst mir irgendwann mitteilen, ob du mit mir flirten magst.“

Irgendwie fand ich das gut. Er hatte nicht vor mich zu bedrängen und wir würden doch gewiss auch Freunde bleiben, wenn ich ihn bitten würde, unsere Beziehung so zu lassen, wie sie zur Zeit war. Oder?
„Okay“, hauchte ich erst einmal und nahm mir vor, darüber nachzudenken.
Irgendwie hatte ich seit ich hier in diesem Städtchen wohnte, noch keine Zeit und Lust gehabt überhaupt über eine Beziehung nachzudenken. Aber es gab gleich eine ganze Reihe Männer, die ich mochte und die ich mir vorstellen könnte… Wenn ich denn mal so darüber nachdachte…

„Oje, nun habe ich dich scheinbar ganz verwirrt?“, fragte John überlegend.
„Nicht wirklich, aber ich sollte mir vielleicht mal Gedanken über manche Dinge machen“, stellte ich fest.
„Ja, vielleicht solltest du das wirklich.“

Ken kam und fragte: „Braucht ihr noch etwas?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich nicht. Aber ich würde gerne nach Hause jetzt, meine Einkäufe müssen in den Kühlschrank.“
John erwiderte: „Das stimmt. Ich möchte zahlen, Ken.“
„Dann kommt einfach nach vorne, machen wir das da an der Kasse“, meinte Ken und sammelte unser Geschirr ein, um es gleich mitzunehmen.
Wir folgten ihm.
John zahlte und ich bedankte mich. Ken verabschiedete sich freundlich von uns.

Wir verstauten die Hunde auf dem Rücksitz und John fuhr mich nach Hause. Dort stieg er mit aus, öffnete den Kofferraum und meinte: „Ich helfe dir eben, die Sachen hoch zu tragen.“
„Das ist lieb“, antwortete ich erfreut und holte schon mal Daisy aus dem Wagen.
Ich trug den Korb und hielt Daisy an der Leine, schloss die Tür auf und John folgte mir mit meinen beiden Einkaufstaschen.

Ich sah noch schnell in den Briefkasten und fand tatsächlich einen Brief, warf ihn in den Korb und ging hinter John hoch. Er trug mir die Einkäufe bis zur Küche und ich bedankte mich noch einmal. „Kommst du heute noch zum Park?“, fragte er.
„Ja, so gegen 17 Uhr, wie immer, denke ich. Du auch?“
„Ja, dann sehen wir uns später, ich freue mich!“, lächelte er, streichelte kurz über meinen Arm und lief schon wieder raus.
„Bis später“, rief ich hinterher.

Danach packte ich meine Einkäufe aus und fand den Brief wieder. Als Absender stand nur „Miss Langdon“ darauf, sonst nichts und auf der Rückseite waren wieder die bunten Weihnachtsstempel und eine 7. Ah, mein heutiges Geschenk?
Gespannt öffnete ich den Umschlag.

Darin lag eine Eintrittskarte. Oh. Für das Neujahrskonzert des städtischen Symphonieorchesters. Sie würden Stücke von Brian Crain spielen. Meinem Lieblingskomponisten. Ich sank auf das Sofa und starrte auf die Karte. Daisy legte ihren Kopf auf mein Knie und sah mich an.
„Brian Crain“, seufzte ich.
„Wuff!?“, meinte Daisy und es klang wie eine Frage.
„Das frag ich mich auch. Wer weiß, dass ich Crain liebe? Es ist einfach unglaublich!“

Neujahr, 11 Uhr. Einlass ab 10:30 Uhr. Reihe 1, Platz 28.
Das würde einfach wundervoll werden!
Ich steckte die Karte an meine PIN-Wand und schaltete an der Musikanlage meine Crain-Favorite-List an. Sanfte Klavierklänge durchfluteten den Raum.
Aber tränkten auch meine Seele und mein Herz.



Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn





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