♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16
01.12.2019
01.01.2020
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04.12.2019 1.115
 
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4. Dezember

Am nächsten Morgen öffnete ich voller Spannung die Tür und fand: Nichts.
Nachdenklich sah ich mich um. Aber es war still im Haus. Links von mir wohnte Chris, ein allein stehender, ziemlich verwilderter, aber liebenswerter Kerl und unten neben Carol wohnte ein Paar, das ich kaum kannte. Sie waren beide ständig arbeiten und suchten auch nie das Gespräch, wenn man sie traf. Chris traf ich häufiger, besonders, wenn ihm mal wieder Zucker, Eier oder Kaffee ausgegangen waren und er bei mir klopfte und um Leihgaben bat. Aber heute war es still.
Kein Mensch, kein Geschenk. Etwas enttäuscht machte ich die Tür wieder zu.

Mittwochs musste ich nur bis mittags arbeiten, das war mein Entspannungstag. Nachmittags ging ich dann meist einkaufen oder unternahm längere Ausflüge mit Daisy, besuchte eine Freundin… Aber es war ja soooo kalt heute. Brr.
Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause waren Daisy und ich dann nur kurz im Park und danach flott auf dem Markt einkaufen. Dann liefen wir zügig nach Hause, ich war schon ganz durchgefroren.

Kaum war ich in meiner Wohnung, klingelte es Sturm. Das konnte nur der Postbote sein, ungeduldig wie immer. Ich joggte zur Tür und drückte den Türöffner für die untere Haustür. Wahrscheinlich hatte Tim wieder auf alle Klingeln gleichzeitig gedrückt, damit es schneller ging…
Ich öffnete die Wohnungstür und hörte unten auch gleich seine Stimme brüllen: „POST!“

Also zog ich mir Hausschuhe an und wollte gerade runter gehen, um in meinen Briefkasten zu sehen, als Tim vor meiner Tür erschien.
„Hi, schönste aller Frauen, ich habe hier ein Paket für Miss Langdon, sind Sie das etwa?“
„Ein Paket, für mich?“, fragte ich verwundert und trat zu ihm.
Als ich es nehmen wollte, zog er es grinsend weg. „Nichts da, ich muss zuerst Ihren Ausweis kontrollieren!“
„Du Spinner, gib schon her!“, verlangte ich lachend und versuchte, um ihn herum zu greifen und mein Päckchen zu ergattern. Daisy fand das wohl lustig und sprang auch sogleich bellend um Tim herum. „Himmel, seid ihr aufdringlich, nun gut, hier ist es!“
Er hielt mir das Päckchen vor die Nase, ich nahm es und tatsächlich stand dort „Miss Langdon“ und meine Adresse drauf. Auf dem Absenderfeld waren Stempel. Aber keine Adresse oder ein Name, nein, es waren ein Sternchen, ein Weihnachtsbäumchen und ein Engelchen. Voll kitschig, aber egal.

„Lustiger Absender“, schmunzelte Tim, „hast du etwa einen heimlichen Verehrer?“
„Habe ich“, erwiderte ich glücklich.
„Oh, muss ich nun eifersüchtig sein?“, fragte Tim und versuchte traurig zu gucken, was ihm gründlich misslang. Er war durch und durch eine Frohnatur.
„Ich weiß es noch nicht“, gestand ich ausweichend…
„Du weißt nicht, von wem das ist?“, fragte er verwundert.
„Nein, aber ich denke, es ist von der Person, die mir seit dem 1. Dezember täglich ein Geschenk vor die Tür gelegt hat.“ Ich drehte das Paket um und unten stand dick eine 4 drauf. Vermutlich für den 4. Dezember.
„Mist, dann habe ich wohl Konkurrenz“, stöhnte Tim und wischte sich theatralisch die Stirn mit einem Tempotuch ab.
„Du kannst ja auf einen Kaffee reinkommen und dein Glück versuchen“, bot ich ihm an.
Er lachte und wackelte mit den Augenbrauen. „Wie könnte ich da widerstehen. Aber ich habe nicht viel Zeit, ich bin heute noch nicht mit der Post durch!“
„Dann komm!“
Ich bat ihn herein, Daisy freute sich wie verrückt und während Tim die Jacke abwarf und Daisy durchknuddelte, machte ich uns schnell eine Tasse Kaffee.

Während wir diesen tranken, berichtete Tim mir von allen Nachbarn und seinen Erlebnissen rund um die Brief-Zustellung und es war immer wieder eine Freude für mich, ihm zu lauschen. Er hatte schon so viele lustige Dinge erlebt.
„Willst du das Paket nicht mal öffnen?“, fragte er und sah neugierig auf das Päckchen, das zischen uns auf dem Wohnzimmertisch stand. Wir saßen uns gegenüber und Daisy hatte sich neben ihn gekuschelt.

„Nein“, ich schüttelte den Kopf, „das ist für mich ganz allein und ich öffne es erst, wenn du weg bist.“
Er lächelte mich sanft an. „Dann mal los, ich muss jetzt sowieso weiter. Tschüß, ihr zwei Hübschen, bis bald!“ Er tätschelte Daisy noch einmal, sprang auf, nahm seine Jacke und ich begleitete ihn zur Tür.
„Danke für den Kaffee! Und wenn der Absender des Pakets nichts taugt, lass es mich wissen, ich bin immer für dich da!“ Er hauchte mir frech ein Küsschen auf die Wange und lief raus. Im Flur hörte ich ihn fröhlich pfeifen. „CAROL!“, brüllte er kurz danach unten begeistert und ich konnte mir gut vorstellen, wie er unsere alte, liebe Lady eine Runde durch die Luft wirbelte, vorsichtig wieder absetzte und davon lief. So ein verrückter Kerl. Aber ich mochte ihn sehr.

Ich schloss die Tür und setzte mich wieder ins Wohnzimmer, wo ich sofort das Paket öffnete. Geduld war noch nie meine Stärke gewesen.
Zum Vorschein kam ein weiterer Karton, darin diese Styroporflocken, um etwas zu schützen und dann fand ich: Eine Glaskugel. Behutsam hob ich sie heraus und betrachtete sie. Es war eine Schneekugel auf einem Podest. Ich drehte sie und schon flogen die kleinen Flöckchen mit buntem Glitter herum. Im Inneren befand sich eine kleine Elfe oder sollte das eine Ballerina sein und daneben ein weißer Schwan? Wunderhübsch. Ich liebte Schneekugeln.
Erneut drehte ich das Glas und entdeckte unter dem Ständer ein Aufziehrad. Oh, eine Spieluhr? Ich zog das Teil auf und schon erklang Musik.
Es war Laras Lied.
Meine Lieblingsmelodie. Dazu drehte sich nun die kleine Tänzerin im Kreis, die Flöckchen flogen und glitzerten und mir liefen die Tränen. Ich liebte diese Melodie so sehr, meine Mum hatte sie immer gesummt, als ich noch klein war und Granny hatte eine Schallplatte mit dieser Melodie besessen, die ich immer wieder gehört hatte. Eines Tages war der Plattenspieler kaputt gegangen und ich hatte mir vorgenommen, irgendwann das Lied zu suchen und auf CD zu kaufen oder eine mp3-Version zu finden… Und nun das.

Verträumt saß ich auf dem Sofa und sah der kleinen Tänzerin zu, hörte wieder und wieder das Lied.
Wer war das nur gewesen? Wer schickte mir solche Dinge? Wer wusste davon? Carol hatte ich das bestimmt mal erzählt. Jane auch. Vielleicht Steve? John? Chris? Tim? Ich wusste es nicht mehr… Auf dem Regal im Wohnzimmer standen auch schon mehrere Schneekugeln… So viele Nachbarn, Freunde und Kollegen waren schon hier gewesen…

Ich konnte es nicht fassen.
Aber es war so wunderschön.
Danke, dachte ich ein weiteres Mal und die Tänzerin drehte sich lieblich im Schneeflockenwirbel herum.



Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar


...und ein Bild der Spieluhr-Schneekzgel findet ihr in meinem Profil. ;-)



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