♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16
01.12.2019
09.12.2019
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3. Dezember

Am Dienstagmorgen huschte ich schon barfuß und im Nachthemd zur Haustür. Ich fand ein grünes Päckchen und holte es herein. Daisy schaute mir neugierig zu und wedelte mit dem Schwanz.
Schnell öffnete ich das Geschenk und fand einen Glasaufhänger darin. So ein Teil, das man an ein Fenster hängen konnte und das das Licht, je nachdem wie es darauf schien, in bunten Farben reflektierte. Ich hatte so etwas schon einmal gesehen, aber noch nie besessen. Der Anhänger hatte die Form eines Schneekristalls und gefiel mir sehr gut.

Ich holte Klebeband, kletterte mit einem Stuhl vor dem Wohnzimmerfenster hoch und klebte die Schnur des Kristalls an den Fensterrahmen. Es klirrte leise, als meine Flocke die Fensterscheibe berührte. Da es noch dunkel war, reflektierte das Kristall aber kein Licht.

Also stieg ich wieder hinab und machte mich für die Arbeit fertig.
Als wir die Wohnung verließen, schnupperte Daisy auf unserer Fußmatte herum. „Kannst du riechen, wer uns die Geschenke hingelegt hat?“, fragte ich meinen Hund hoffnungsvoll.
„Wuff“, sagte sie leise.
„Tolle Antwort“, sagte ich schmunzelnd und streichelte sie kurz.

Steve fragte in der Buchhandlung sogleich, ob ich wieder ein Geschenk bekommen hätte und ich berichtete ihm von dem Kristall.
„Das ist wirklich lieb von der Person“, stellte er fest. „Du hast das auch verdient, ich freue mich mit dir.“ Dann verschwand er mit Daisy im Büro, um Bestellungen zu bearbeiten.
Abgesehen von Janes Rätselraten zu meinem anonymen Geber, verlief der Tag ruhig. Am Abend hüpfte Daisy wild um mich herum.

„Du willst wohl heute in den Park, hm?“, fragte ich sie amüsiert.
„Wuff, wuff“, war die Antwort und klang wie ein begeistertes: Ja ja!
Also bogen wir in die Straße zum Park ab. Dort machte ich Daisys Leine los und wie der Blitz verschwand sie im Gestrüpp, um gleich darauf mit einem Ast in der Schnauze wieder heran zu hechten. Ich warf ihr artig den Ast immer wieder in verschiedene Richtungen, während ich gemütlich durch den Park spazierte. Daisy brachte mir den Ast nämlich ständig zurück.

Wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich es richtig schön gefunden. Es war still, weil abends kaum noch Menschen hier herum liefen, der Wind rauschte leise durch die Bäume und wehte die letzten Blätter herab. Ich beobachtete ihren wirbelnden Flug. Manchmal glitten sie auch sanft und leicht zum Boden, schwebten fast…

Nach einer Weile trafen wir auf John mit Blacky. Die Hunde begrüßten sich begeistert und liefen dann, sich wild balgend, über den Rasen, während John grinsend auf mich zu kam. Sein Haar war immer etwas zu lang, aber gepflegt. Er war groß, etwas schlaksig, aber auch sehr hübsch. Ich mochte ihn gern. Wir hatten uns durch die Hunde hier im Park kennen gelernt und inzwischen waren wir fast Freunde.
„Hi John“, sagte ich.
„Hi, meine Liebe, na, alles klar bei dir?“
„Ja, alles wie immer. Daisy brauchte wohl etwas Bewegung. Aber mir ist kalt“, erwiderte ich.
„Dann lass uns doch den Hunden zügig hinterher gehen“, schlug er vor, „dann wird dir warm.“
Ich folgte ihm auf die Wiese, wo wir dann an unseren Hunden vorbeigingen und eine große Runde drehten. Die beiden folgten uns mit etwas Abstand und fielen dabei immer wieder fröhlich übereinander her.

John erzählte mir von seiner Arbeit. Er war Lehrer in einem Gymnasium und unterrichtete Biologie. Ich hörte ihm gerne zu, er war ein guter Erzähler. Manchmal hörte ich lustige Geschichten über seine Schüler, aber sehr oft auch Wissenswertes, weil er ein unglaublich schlauer Mann zu sein schien. Er kannte jede Pflanze, jedes Tier und konnte sehr gut die Dinge erklären.

„Dann hast du bald Ferien, nicht wahr?“, fragte ich ihn.
„Ja, aber es ist bis kurz vor Weihnachten Schule. Dann sind erst 2,5 Wochen Ferien. Ich wollte zu meiner Mutter fahren. Was machst du?“, fragte er und sah mich interessiert an, während wir einen kleinen Hang hinauf stiegen.
„Nichts Besonders. Vermutlich werde ich viel lesen, einen schönen Film sehen, Musik hören und mich darüber freuen, dass ich es warm habe.“
„Was, ganz allein?“, fragte er besorgt und sah mich entsetzt an.

Ich musste lachen, das war so diese typische Reaktion, wenn ich davon erzählte.
„Mach dir keine Sorgen, John. Weihnachten bedeutet mir nichts, absolut nichts. Ich habe keine schönen Kindheitserinnerungen und fühle mich auch nicht einsamer als sonst an den Feiertagen. Ich bin es doch gewohnt allein zu sein. Für dieses ganze Weihnachtstheater habe ich nichts übrig.“
Sein Blick war nun ungläubig. „Okay, dass jemand den Kommerz nicht mitmachen will, kann ich verstehen. Aber Weihnachten ist doch so viel mehr! Man kann Freunde besuchen, zusammen sein, miteinander lachen, sich eine Freude machen. Dazu gibt es gutes Essen. Frische Plätzchen und erst der Duft nach Zimt, Orange und Vanille in der Luft!“ Er schloss genießerisch seine Augen und atmete ein. Ich konnte beobachten, wie er sich all die Dinge, die er aufgezählt hatte, vorstellte und damit im Glück schwelgte. Er sah sehr glücklich aus in dem Moment und ich freute mich mit ihm.
„Es ist schön, dass es dich so erfreut, John. Genieß es bei deiner Mutter. Ich brauche das alles nicht!“

Daisy kam angerannt und sprang an mir hoch. Ich legte sie wieder an die Leine.
„Verabschiede dich von Blacky, Süße, wir gehen jetzt nach Hause!“
„Wuff“, machte Daisy und Blacky bellte gleich dreimal begeistert.
„Tschüß, John“, rief ich und zog mit Daisy ab.
„Tschüß ihr zwei. Schönen Abend noch!“, rief John. Er blieb auf dem Hügel noch stehen und sah mir nachdenklich hinterher. Der Gute.

Zuhause machte ich wieder mein Schmetterlingslicht an. Wieder war es dunkel und mein neuer Kristall konnte keine Sonnenstrahlen brechen. Aber er reflektierte das Kerzenlicht und malte helle Schattenbilder an die Wand.
Nachdenklich sah ich dem Geflacker zu.
War ich wirklich zu einsam? War ich traurig, weil andere feierten?

Daisy schmiegte sich an mich und ich kraulte sie. Ich hatte doch diesen süßen Hund und war nie allein. Mir ging es gut und ich erfreute mich, an den kleinen Dingen im Leben. An den unscheinbaren.
An meiner Gesundheit und Freiheit. Dass ich genug zu Essen hatte und ein warmes Dach über dem Kopf. An meinem Hund und Büchern, der Natur, Gesprächen mit Steve oder John…
Am Licht einer Kerze und dem Geflacker eines Glaskristalls.


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