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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
27
33.617
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26.12.2019 2.250
 
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26. Dezember

„Was machst du denn da? Wieso bist du nicht im Bett?“, brummte Martin und schlurfte zu mir in die Küche. Es war der zweite Weihnachtstag und ich war überhaupt nicht mehr müde gewesen…
„Ich backe neue Kekse, die ersten sind ja schon alle weg!“
„Hm, das riecht gut“, murmelte er, umfasste mich von hinten und schmiegte sich an mich.
Was für ein schönes und schon so herrlich vertrautes Gefühl. Ich sog glücklich seinen unvergleichlichen Duft in meine Nase…
„Aber eigentlich sind die nicht alle für uns, sondern eher für Bobby und seine Kumpel. Ich dachte, ich bringe sie ihnen heute Nachmittag, damit sie auch ein bisschen Weihnachtsstimmung haben.“
„Du bist unglaublich“, summte er in mein Ohr.
„Ich bin jetzt fertig, ich muss nur noch meine Hände abwaschen. Dann können wir frühstücken.“
„Hm“, brummte es in meinem Nacken.
„Du müsstest mich schon loslassen“, lachte ich, „ich habe Schokolade an den Fingern kleben…“
Martin sah über meine Schulter nach vorne, schnappte sich meine Hand und steckte meinen Zeigefinger in seinen Mund.
„Hm“, brummte er und saugte an meinem Finger.
„Martin!“, kicherte ich empört.
„Du bist lecker, ich muss mehr von dir kosten“, sagte er, hob mich hoch und trug mich einfach ins Schlafzimmer.
„Martiiiin, du bist unmöglich!!!“
„Ja, unmöglich verrückt nach dir“, lachte er und schon lag ich im Bett und wurde ausgiebig probiert…

Eine Stunde später frühstückten wir endlich.
Mittags saßen wir bei Carol und freuten uns über ein tolles Mittagessen. Sie war richtig glücklich darüber, dass wir nun zusammen waren und strahlte uns unentwegt an. Sie freute sich, dass Martin bald in unser Haus ziehen würde und fand einfach alles sooooo schön, die Gute. Nach dem Mittagessen machten wir mit Daisy einen Spaziergang zu den Obdachlosen und brachten ihnen Kekse. Carol hatte noch welche dazu gepackt und die Männer freuten sich sehr.

Am Spätnachmittag trudelten einer nach dem anderen unsere Freunde ein. Chris mit Mick, Hannah, Tim, Steve, Jane – es wurde wieder richtig voll in meiner Wohnung. Sie hatten alle genug von Verwandtschaftsbesuchen und wollten uns gratulieren. Es war eine sehr lustige Runde. Leider waren John und Ken nicht dabei, weil sie Verwandte weiter weg besuchten. Aber James kam abends noch überraschend mit Giuseppe dazu, was mich wirklich sehr freute.

Giuseppe musterte Martin und mich.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte Martin.
„Alles ist in beste Ordnung“, grinste er. „Ich habe mir nur vorgestellte, welche Farbe die Haar von euer Kind habe wird.“
Fragend sah ich ihn an.
„Blonde Engel, schwarze Teufel – da kommte bestimmte rote Hexe bei raus!“ Das sagte er todernst und alle lachten.
„Ich habe nichts gegen rote Haare“, meinte Martin schulterzuckend, „Hauptsache mein Sohn sieht nicht so aus wie du.“
Ich hätte brüllen können, aber ich riss mich zusammen. „Wenn er so aussähe wie Giuseppe, fände ich das nicht so dramatisch, aber wenn er so sprechen würde wie er….“
Wir kicherten und Giuseppe lachte mit. Dann umarmte er uns beide.
„Ich freue mich für euche. Ihr seid eine schöne Paar!“

Hannah wollte dann wissen, wie es dazu gekommen war, dass wir Heiligabend ein Paar wurden und ich erzählte von Martins Ausflug in die Welt der Alkoholiker.
„Nicht dein ernst?“, fragte Hannah fassungslos. „Das hätte ich dir nicht zugetraut, Martin. Alkohol, in der Menge! Und dann hat er in deinem Bett sofort weiter geschlafen?“, wandte sie sich wieder an mich.
Ich nickte. „Ich habe sogar ein Beweisfoto!!!“
„Nein!“, rief Martin entsetzt, aber ich hatte schon mein Handy gezückt und, das Foto des schnarchenden Weihnachtsmanns mit abgeknickter Rose in meinem Bett, machte die Runde. Ich musste doch gleich einmal seinen Humor testen. Martin nahm es dann doch recht gelassen und lachte mit.

Mick spielte derweil mit Daisy und es war sehr lustig zuzuschauen, wie viel Spaß die beiden miteinander hatten.

„Wie war denn dein Heiligabend im Kinderheim?“, wollte Tim von Hannah wissen.
„Sehr schön. Heiligabend ist immer unser ganzes Team da und wir essen mit den Kindern und danach wird gesungen, ein Film geguckt, gespielt. Die Kollegen sind dann nach Hause gegangen und ich bin geblieben, das war schon etwas anstrengend, weil besonders die jüngeren Kinder so aufgeregt waren. Bis ich sie dann alle im Bett hatte… Danach habe ich Christkind gespielt und Geschenke unter den Baum gelegt.“ Sie lächelte.

„Wie viele Kinder sind denn im Kinderheim?“, fragte Jane interessiert.
„Im gesamten Kinderheim zurzeit cirka 60. Die sind auf 6 Familiengruppen verteilt. Ich habe im Moment 9 Kinder in meiner Gruppe. Wir sind 4 Erzieher, die sich in der Betreuung dieser 9 Kinder abwechseln. Du musst dir da keine Schlafräume mit 60 Betten vorstellen“, schmunzelte Hannah. „Heutzutage hat jede Familiengruppe eine eigene Wohnung, die 9 Kinder darin Einbettzimmer oder die jüngeren auch Zweibettzimmer und die Erzieher halt einen Raum, wo jeder von uns vieren seine Bettwäsche hat und bei jedem Dienst sein Bett neu beziehen muss. Das ist aber kein Akt, geht ja schnell. Dazu haben wir noch ein Büro und natürlich ein eigenes Bad mit Dusche. Die Kinder haben zwei Badezimmer mit je einer Badewanne und 2 Duschen und Toiletten. Die größeren haben aber auch ein Waschbecken in ihrem Zimmer. Dazu natürlich ein großes Wohnzimmer für alle, ein Esszimmer und eine Küche. Wobei wir wochentags nicht selber kochen. Im Keller des Kinderheims ist eine Großküche, eine Köchin und mehrere Küchenhilfen, die schicken uns mittags ganz praktisch das Essen in kleinen Aufzügen direkt in die Küche. Also alles fast wie in einer normalen Familie.“

Die anderen staunten, denn so hatte sich das keiner vorgestellt. Aber ich hatte Hannah schon oft dort besucht und kannte ihre Gruppe. Es war total gemütlich da und die Kinder völlig in Ordnung. „Die Kinder sind heutzutage dort auch meist keine Waisen, wie früher. Es sind fast alles Kinder, die vom Amt aus der Familie geholt wurden, wegen Vernachlässigung, Misshandlung und so weiter…“, ergänzte ich Hannahs Erzählung.
Hannah nickte. „Genau, von unseren insgesamt 60 Kindern sind im Moment nur 2 Waisen und das sind Flüchtlingsschwestern, deren Mum auf der Flucht starb.“
„Oh“, sagte Jane betroffen.

„Und am Weihnachtsmorgen haben sie sich über die Geschenkemassen gefreut?“, fragte ich.
„Oh ja“, nickte Hannah. „Es war echt viel. Wir haben dieses Jahr wieder sehr viel weggelegt, das kriegen sie dann im Laufe des Jahres erst zu Ostern oder zum Geburtstag…“

„Wo kommen denn so viele Geschenke her?“, wunderte Martin sich.
Hannah erklärte, was ich schon wusste. „Jedes Heimkind bekommt vom Staat monatlich Geld. Für Essen und Unterkunft, das fließt natürlich allgemein in die Heimkasse. Jedes Kind persönlich bekommt Kleidergeld, Geld für Schulmaterial und Sonderausgaben. Dazu gehört z.B. das Taschengeld und mal Geld fürs Kino, Schwimmbadbesuche usw. Wir Erzieher verwalten das Geld und geben es den Kindern, so wie wir es für richtig erachten. Also wenn eines eine neue Hose braucht oder Schuhe, nehmen wir das Kleidergeld usw. Kleidung kaufen wir immer neu, wir möchten nicht, dass die Kinder das Gefühl haben, sie müssten nur Spenden tragen. Man soll ja auch nicht nach außen hin sehen, dass es Heimkinder sind! Von dem Sonderausgabengeld haben wir dann früher die Weihnachtsgeschenke gekauft. Das war auch immer genug, wir konnten jedem Kind immer mindestens die zwei wichtigsten Wünsche erfüllen. Aber das hat sich in den letzten Jahren gravierend geändert. Die großen Firmen in der Stadt, z.B. Autohändler oder Kaufhäuser fragen an, was die Kinder sich wünschen. Dann malen die Kinder ihre Wünsche auf eine Karte. Das Kaufhaus stellt im Advent Weihnachtsbäume auf und hängt die Karten daran. Die Kunden können dann gezielt das Geschenk für ein Kind kaufen, sprich bezahlen. Das ist ja schon süß, wenn auf einer Karte steht: ‚Ich heiße Livvy, bin 6 Jahre alt und wünsche mir ein neues Kleid für meine BabyBorn-Puppe.’ So etwas kaufen die Leute dann gerne. Wenn am Ende etwas fehlt, wird es vom Händler gestiftet. Die Händler bringen uns dann alle Wunschgeschenke kurz vor Weihnachten und brüsten sich in der Presse für ihre Werbung dann damit, dass sie dem Kinderheim Geschenke für 1000 Dollar oder mehr überreicht haben. Tja, und es werden jedes Jahr mehr. Dieses Jahr hatten wir pro Kind locker 20 Geschenke, den Kids fallen schon keine Wünsche mehr ein… Wir haben dann in weiser Voraussicht schon Schulmaterial für den Sommer dazu malen lassen, da brauchen wir immer zum Schuljahresbeginn vieles neu… Das haben wir jetzt alles weggelegt. Wir brauchen im kommenden Jahr absolut kein Geld für Geschenke auszugeben, es ist schon alles da!“

„Das ist echt unglaublich“, meinten unsere Freunde. Mit so etwas Verrücktem, hatte keiner gerechnet, aber ich wusste, dass das jetzt schon ein paar Jahre so lief und immer ‚schlimmer’ wurde.

„Würden sie sich auch mal so gut um wirklich Bedürftige kümmern“, brummte ich und dachte an die Obdachlosen.
„Du denkst an Bobby?“, fragte Hannah mich.
Ich nickte.
„Da hast du dich ja drum gekümmert“, stellte Steve fest, „der blonde Engel hat wieder für die Obdachlosen gesammelt“, stand heute Morgen in der Zeitung.
„Oh“, hauchte ich überrascht. „Das wollte ich aber nicht, dass die einfach so etwas schreiben ohne mich zu fragen!“
„Es wurden keine Namen genannt. Bobby wurde wohl von dem Pressemensch befragt und hat behauptet, dass dich alle ‚blonder Engel’ nennen und keiner wüsste, wer du bist. Ihm war doch klar, dass du das lieber nicht an die große Glocke hängst, er kennt deine Bescheidenheit.“

Himmel, war das peinlich. Aber Hannah rettete mich. „Linda hilft ja nicht allein, Carol hat diesmal auch mitgesammelt und Martin behandelt die Obdachlosen jetzt kostenlos in seiner Praxis und besorgt ihnen Medikamente.“
Ich drückte Martins Hand. „Aber das müsst ihr nun auch nicht an die große Glocke hängen“, meinte er.

„Da haben sich ja die zwei richtigen gefunden“, lachte Tim.
„Bobby trägt jetzt immer die Medikamente für die Apotheke aus. Ich habe ihn schon häufiger dabei getroffen“, sagte Jane.
„Den Job hat doch auch Linda ihm besorgt. Sie hat sich in der Apotheke für ihn verbürgt. Bobby arbeitet jetzt 4x pro Woche drei Stunden dort“, wusste Chris zu berichten.
Oh man, hier kam auch alles raus…

„Warum wurde er überhaupt obdachlos, können wir ihm nicht noch mehr helfen? Er ist so nett“, meinte Jane.
„Er war verheiratet und von Beruf ist er Elektriker. Er hat früher also ganz normal gearbeitet und gelebt. Aber seine Frau starb an Krebs. Das hat ihn so sehr mitgenommen, dass er Alkoholiker wurde. Dadurch verlor er seinen Job, konnte Rechnungen nicht mehr bezahlen, seine Familie hat sich von ihm distanziert… Betrunken hat er dann Sachbeschädigungen begangen und Ärger mit der Polizei bekommen. Aber nun hat er das besser im Griff, er trinkt nicht mehr zu viel, nur so viel, wie er braucht, um ruhig zu bleiben. Er fühlt sich mit seinen Kumpels wohl und hat da auch etwas Verantwortung übernommen, kümmert sich um sie und schleppt sie notfalls zu mir in die Praxis.“
Hach, das war es also. Kein Wunder, dass es Bobby schwer fiel darüber zu reden. „Das wird Miss Simmons ja gut gefallen, wenn solche Menschen in die Praxis kommen“, schmunzelte ich.
„Tja, ich habe ihr einmal mehr gesagt, was Sache ist“, erwiderte Martin vergnügt.
„Ach, diese Simmons ist deine Angestellte, oder? Die Linda so angemeckert hat, als sie mit Daisy rein kam?“, fragte Hannah und Martin nickte. „Genau, die Frau arbeitet gut, ist aber manchmal etwas zickig.“

„Und Bobby hat dir dann erzählt, wie er obdachlos wurde? Ich hatte ihn mal vorsichtig gefragt, aber da hatte er Tränen in den Augen und abgewinkt.“
„Nein, er hat es mir nicht selbst erzählt. Lucas war einmal da, der jüngere Obdachlose, der hat es mir erzählt“, erklärte Martin.
„Ah. Dann sollten wir nicht darüber reden, es ist Bobby bestimmt unangenehm“, überlegte ich.
„Ich denke wohl, dass keiner aus unserer Runde ihn hier darauf anspricht, aber so haben wir vielleicht alle mehr Verständnis für sein Leben.“
Unsere Freunde nickten betroffen.

„Was haben wir nur für ernste Themen heute, lasst uns doch mal über fröhlichere Dinge reden. Hannah, erzähl uns doch mal, welche Farbe deine Unterwäsche heute hat“, sagte Tim lächelnd.
Wir brachen in schallendes Gelächter aus und Hannah verprügelte Tim mit einem Kissen.
Aber Tim hatte es wie immer geschafft uns aufzuheitern und nun sprachen wir wieder über lustigere Dinge.

Später verabschiedeten sich alle nach und nach und Martin und ich blieben allein zurück.
Wir kuschelten noch auf dem Sofa und lasen jeder ein Buch in friedlicher Eintracht.
Zwischendurch sah ich auf meine Weihnachtslichter und fühlte Friede in mir. Der Nachmittag klang in mir noch nach.
Ich wurde geliebt, gebraucht und geschätzt. Ich hatte viele tolle und zuverlässige Freunde und nun so einen lieben Mann an meiner Seite.

Ich sah zu ihm und er sah von seinem Buch auf und mich an.
„Was ist los, Miss Langdon?“, fragte er und nahm zärtlich meine Hand in seine.
„Ich bin glücklich, Dr. Endaile!“, erwiderte ich lächelnd.
„Das freut mich zu hören“, meinte er und küsste mich sanft. „So soll es sein. – Ich bin auch glücklich, sehr glücklich!“

Er legte die Bücher weg und schob mich zurück.
„Ich werde Ihnen jetzt zeigen, wie glücklich ich bin, Miss Langdon und wie sehr ich Sie liebe“, hauchte er und streichelte mich.
„Ja, lieb mich“, seufzte ich und gab mich ihm hin.

Das war definitiv das beste Weinachten meines Lebens gewesen.


Personen-Übersicht:

Linda Langdon mit Daisy
Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris – Nachbar, Mick – sein Sohn
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin Endaile – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – berste Freundin
James Fletcher – Physiker, Kunde
Bobby mit Jacky – Obdachloser
Miss Simmons – Krankenschwester in Martins Praxis
Lucas – jüngster Obdachloser




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