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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
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33.617
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22.12.2019 1.321
 
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22. Dezember

Wieder ein Sonntag und wieder eine Kerze mehr? Ich sprang aus dem Bett, lief zur Tür und sah nach. Auf Mr. oder Mrs Nobody war Verlass. Die vierte Kerze – zumindest sah das Paketchen genauso aus wie an den drei Sonntagen davor. Ich nahm es und packte es im Wohnzimmer aus. Dieses Mal waren Schneekristalle im Glas, bzw. wieder Löcher, durch die das Licht fallen würde. Es passte zu dem Kristallglas am Fenster und zur Lichterkette. Ich stellte es zu den anderen drei Kerzen. Nun hatte ich Schmetterlinge, Libellen und Gänseblümchen im Schnee. Fröhlich zündete ich alle vier Lichter an. Mein Adventskranz war vollständig.

Mein Handy blinkte. Ich nahm es und sah, dass Martin mir gerade geschrieben hatte.
„Guten Morgen, ich bin zurück. Die Fortbildung war gut, aber ich war ziemlich fertig gestern Abend. Ich habe einen Kollegen gefunden, der in Erwägung zieht hierher zu ziehen! Ist das nicht toll? Wie geht es Daisy, ist alles gut?“

Ich freute mich für ihn. Das klang doch gut. Ich sah zu Daisy, die in ihrem Korb lag und an einem Knochen nagte. Wenn ich ihm schreiben würde, dass es ihr schlecht ginge, würde er bestimmt kommen, oder? Ich grinste. Dann schrieb ich:

„Das ist ja toll, ich freue mich, dass du Verstärkung bekommst. Auch, dass die Fortbildung gut war. Daisy geht es leider extrem schlecht, ich fürchte, sie segnet bald das Zeitliche.“ Abschicken, pling.

„Machst du Witze?“, fragte er sofort zurück.
„Hm“, schrieb ich zurück. Ich sendete mal ein Herzchen dazu. Ich zitterte vor Aufregung.
„Du möchtest, dass ich komme und nach ihr sehe?“ Ein Lach-Smiley kam hinterher, mit Herzchen in den Augen…
„Ersteres ja, zweites, hm, wenn du das für nötig erachtest.“
„Du willst also eigentlich nur, dass ich zu dir komme?“ Eine Rose flog hinterher.
„Hättest du denn Lust mit mir zu frühstücken?“, fragte ich, Kaffeetasse inklusive…
„Natürlich. Aber ich bin noch nicht mal geduscht!“
„Ich nehme dich auch ungeduscht. – Also war dein erster Gedanke nach dem Aufwachen mir zu schreiben?“
„Ehm, ja.“ Ein Smiley mir roten Bäckchen. Wie süß.
„Ich habe sogar einen Adventskranz!“
„Soll mich das anlocken?“ Ein breit grinsendes Smiley.
„Hilft es denn?“
„Okay, ich dusche eben und dann komme ich rüber.“
„Okay, lass dir Zeit, ich bin auch noch nicht angezogen, muss eh eben mit Daisy raus und hole uns dann Brötchen. Du hast ja einen Schlüssel für unten, den für hier oben lege ich dir unter die Matte.“
„Bis gleich, ich freu mich.“ Herzchen und Blümchen.

Wie Teenager, dachte ich vergnügt und flitzte in die Dusche.
Kurz danach waren wir draußen und dann bei Ken im Laden.
„Hi, wie schön dich zu sehen! Du möchtest deine Dinkelbrötchen?“
„Guten Morgen, ja bitte und…“
Hm, was mochte Martin denn zum Frühstück? Bei John wusste ich das, bei Chris auch, aber bei ihm?
Ken sah mich fragend an. „Carol?“
„Nein, Martin“, erwiderte ich.
Ken lächelte und packte zwei weitere Dinkelbrötchen dazu.
„Ernsthaft?“, fragte ich überrascht.
Ken nickte grinsend. „Wenn du ihn noch glücklicher machen willst, pack ich noch einen Blaubeermuffin dazu, na ja, in Anbetracht der Tatsache, dass du es bist – wohl besser zwei!“
Er packte uns zwei Blaubeermuffins in eine zweite Tüte.
„Danke“, erwiderte ich verlegen.
„Von Herzen gerne, grüß ihn schön, ich wünsche euch einen schönen 4. Advent!“
„Mach ich, dir und deiner Mum auch. Danke, Ken!“
Ich zahlte, nahm meine beiden Tütchen und joggte mit Daisy wieder nach Hause.

Als wir die Wohnung betraten, duftete es schon nach Kaffee. Martin war in der Küche, hatte den Tisch gedeckt und meine 4 Kerzen dazu gestellt.
„Guten Morgen“, begrüßte ich ihn erfreut.
„Guten Morgen“, erwiderte er lächelnd und bückte sich zu Daisy, die natürlich sofort um ihn herum raste und Zuneigung suchte.
„Hi, Daisy, ich freue mich ja auch, dich zu sehen. Zeig mal deine Pfote!“
Daisy ließ sich kraulen und hielt ganz still, als er sie untersuchte. „Das sieht super aus, du bist als geheilt entlassen, Daisy!“

Ich musste schmunzeln, legte die Tüten auf den Tisch und wusch mir die Hände.
Martin kam auch zur Spüle und ich reichte ihm die Flüssigseife.
„Du hast ganz rote Wangen“, stellte er fest.
„Ich habe mich ziemlich beeilt“, gab ich zu.
„So große Sehnsucht nach mir?“, fragte er lächelnd.
„Vielleicht!“, erwiderte ich frech und ging zum Tisch. Nicht, dass er sich noch etwas darauf einbildete.

Wir frühstückten gemütlich und ich fragte ihn nach seiner Fortbildung. Danach wollte ich wissen, welcher Kollege denn überlegte, ihm zu helfen. Anschließend fragte Martin, wie meine Obdachlosen-Almosen-Sammlung gelaufen wäre und er war ganz überrascht zu hören, dass seine Granny mich begleitet hatte.

Irgendetwas roch hier ungewohnt, dachte ich und sah mich um.
Im Wohnzimmer hing eine Orange an einem roten Band von der Decke. „Hast du das da hingehängt?“, fragte ich erstaunt.
Martin nickte. „Das ist eine Orange mit Nelken, das kannst du ein paar Tage hängen lassen, es riecht ganz wundervoll.“
„Stimmt“, nickte ich, „danke!“
Was für eine tolle Idee. Das war wohl dann der berühmte Weihnachtsduft.
Ich holte ein paar von den selbstgebackenen Plätzchen und erzählte Martin von der Backaktion. Er probierte und befand sie für gut.

Es klopfte an der Haustür. „Hm, ich erwarte niemanden. Eigentlich müsste es Chris sein, der klopft immer, besonders wenn ihm Kaffee, Eier, Milch, Mehl oder alles andere ausgeht“, erklärte ich und lief zur Tür.
Es waren Hannah, Chris und sein Sohn. Ebenfalls mit Brötchentüten bewaffnet.
„Oh, guten Morgen, ihr seid zu spät, wir sind schon fast fertig mit dem Frühstück“, begrüßte ich sie vergnügt und bat sie herein.
„Wer ist denn ‚wir’?“, fragte Hannah natürlich sofort und stürmte in die Küche.

„Hi, Mick, schön dich mal wieder zu sehen“, begrüßte ich Chris’ Sohn und er strahlte mich an. „Find’ ich auch cool, darf ich mit Daisy spielen?“, fragte er sofort zurück. Daisy klebte eh schon an seinem Bein, die Frage war wohl überflüssig.
„Na klar!“
Kind und Hund verschwanden im Wohnzimmer, wo sie gleich über den Boden kugelten. Wie der Vater, so der Sohn, dachte ich amüsiert und Chris wirkte glatt etwas enttäuscht, weil Daisy mal nicht an ihm klebte…
„Möchtest du auch auf dem Boden herumrollen oder frühstücken?“, fragte ich ihn.
„Essen ist immer besser als spielen“, erwiderte er und schlenderte in die Küche.

Hannah quatschte schon Martin voll und hatte den Tisch erweitert und Gedecke dazu gelegt. Sie kochte Kakao für Mick und war schon wieder ganz in ihrem Element.
Ich fand es okay, aber auch ein wenig schade, denn es war durchaus nett gewesen, mit meinem Mr. griechischer Gott allein zu sein…
Aber das war nun nicht zu ändern.
Es wurde dann doch noch ganz lustig, weil Hannah mal wieder überquoll vor Witz und gegen Mittag verabschiedete sich Martin dann. Er musste noch ins Büro. Schade, dachte ich und begleitete ihn zur Tür.

„Ich wünsche dir noch einen schönen Nachmittag, Engelchen“, sagte er grinsend.
„Danke, mein Lieber, dir auch, über den Akten…“
„Bis hoffentlich sehr bald!“ Er hauchte mir einen Kuss auf die Wange und schon war er weg.
Das hoffte ich auch sehr…

Also verbrachte ich den Rest des Tages mit meinen anderen Gästen. Nachmittags kam John dazu und fragte, ob ich eine Runde mit in den Park gehen würde. Aber ich hatte keine Lust und die anderen waren auch noch da, so ging dann Mick mit Daisy mit.
Abends brachte Chris den Jungen dann zu seiner Mutter zurück und auch Hannah verabschiedete sich.

So malte ich noch etwas, dachte über den Tag nach und das Gefühl in mir, dass sich in meinem Leben gravierend etwas verändert hatte. Aber vor allem auch in meinem Herzen.


Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris – Nachbar, Mick – sein Sohn
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin Endaile – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – berste Freundin
James Fletcher – Physiker, Kunde
Bobby mit Jacky – Obdachloser
Miss Simmons – Krankenschwester in Martins Praxis
Lucas – jüngster Obdachloser



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