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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
27
33.617
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Dieses Kapitel
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21.12.2019 1.149
 
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21. Dezember

Am nächsten Morgen war Chris weg, ich hatte ihn nicht weggehen gehört. Aber auf Hannahs Blatt hatte er geschrieben: „Sie hat mich ja leider wieder nicht rangelassen!“
Diesmal lachte ich laut auf, der Mann war so unmöglich.

Heute war Samstag und ich musste nicht arbeiten. Samstags hatte Steve immer zwei Aushilfen da, Studenten, die sich über den Nebenjob freuten. Für mich war das genau richtig, ich wollte bewusst nicht so viel arbeiten. Deshalb liebte ich meinen Job bei Steve auch so, weil er sich auf meine Wünsche eingelassen hatte.

Ich huschte zur Haustür und fand ein kleines, perfekt eingepacktes Päckchen. Goldenes Papier mit roter Schleife. Ich holte es rein und öffnete es. Es war mein Lieblingsparfum. Chanel No 5. Du lieber Himmel. Das war megateuer.
Wieder überlegte ich, wer das wissen könnte… Aber eigentlich wohl jeder, der schon mal in meinem Badezimmer gewesen war. Auf meinem Geburtstag letzte Woche waren allesamt hier gewesen und zwischendurch auch im Bad.
Aber wer gab schon wieder so viel Geld für mich aus? Erst diese teuren Bücher, die Malsachen, die Schneekugel-Spieluhr, die Pyramide und nun das. Liebevoll streichelte ich über den Karton und freute mich wirklich, zumal meine Flasche gerade leer geworden war. Ich stellte die neue ins Bad, benutzte ein wenig davon und fühlte mich wohl damit. Das war mein Duft. Weil er der Duft meiner Mum gewesen war, dachte ich traurig.

Aber heute war keine Zeit zum trauern. Ich wusch mich kurz und schlüpfte in warme Klamotten. Ich machte mir ein Brot auf die Hand, suchte zur Feier des Tages auch mal meine Handschuhe heraus, holte meinen Zieh-Koffer und dann ging es los.
Daisy lief neben mir runter. Unten stand Carols Haustür offen und ein Bollerwagen stand davor. Was hatte sie denn vor? Ob sie einen Großeinkauf machen wollte und Hilfe bräuchte?
„Carol?“, rief ich an der Tür.
Sie kam gleich eifrig angewetzt.
„Guten Morgen! Brauchst du Hilfe? Wolltest du einen Großeinkauf machen?“
Sie lachte. „Guten Morgen, nein Kindchen. Aber DU brauchst doch Hilfe!“
„Ich?“, wunderte ich mich.
„Na klar, du wolltest doch jetzt losziehen und für die Obdachlosen sammeln. Nun, ich halte das für eine ausgesprochen gute Idee und helfe dir!“ Sie wickelte sich in einen riesigen Schal ein und ich musste lachen.
„Das ist ja toll!“
„Finde ich auch“, grinste sie.

So zogen wir durch die Straßen. Carol hielt Daisy und zog den Koffer und ich zog den Bollerwagen. Das erschien mir angenehmer für Carol, denn der Wagen war doch sperriger als der Koffer, ich wollte ja nicht, dass sie Rückenschmerzen bekam. Wir klingelten einfach bei allen Nachbarn und gingen in Geschäfte. Von mir kannten das schon alle, denn ich machte das regelmäßig alle drei Monate. Daher waren auch nur wenige Mitmenschen abweisend, die meisten hatten sogar schon Spenden bereitgestellt und mich erwartet. Der Bollerwagen füllte sich mit gut erhaltenen Kleiderspenden, Decken, Geschenken in Form von Kosmetikartikeln, Süßigkeiten, Obst und haltbaren Lebensmittelspenden. Schon nach zwei Stunden waren wir voll beladen und gingen zum Treffpunkt der Obdachlosen. Ich fand es besser, ihnen die Sachen dort persönlich zu übergeben, diesem Obdachlosenheim, wo sie gegen eine kleine Gebühr duschen und schlafen konnten, traute ich nicht.

Es waren mehrere Männer unter der Brücke am Fluss. Dort hatten sie ein Lager aufgebaut, Feuer brannten in Tonnen und die Polizei ließ sie gewähren, da sie nichts anstellten.
Als sie uns kommen sahen, kamen uns sogleich drei Männer entgegen und halfen uns den Wagen und den Koffer über den holprigen Weg zu ziehen.

Carol begrüßte jeden Mann per Handschlag und wünschte ihnen frohe Weihnachten. Sie bedankten sich und wir luden die Sachen aus.
Bobby umarmte mich. „Danke, du Weihnachtsengel“, brummte er.
„Gerne, du lieber Mann. Ich habe auch Geldspenden bekommen und gehe jetzt noch zum Supermarkt. Magst du mir helfen?“, fragte ich. „Du weißt besser, welche Lebensmittel gebraucht werden?“
„Das mache ich“, nickte er dankbar. Er wusste genau, dass ich ihnen das Geld nicht geben würde, ebenso wie die Spender, weil die Männer nämlich alle ein Alkoholproblem hatten und wir das nicht unterstützen wollten.
„Lass Daisy hier, sie darf eh nicht in den Supermarkt und Lucas wird sich um beide Hunde gut kümmern“, schlug Bobby vor.
Lucas nickte und lächelte mich mit seinen Zahnlücken an. Er war noch so jung, dachte ich immer besorgt, wenn ich ihn sah. Aber ich wusste, dass er den Hunden nichts antun würde, im Gegenteil. Daisy saß schon neben ihm und ließ sich kraulen.
„Danke, Lucas!“, sagte ich. „Daisy, du bleibst bei Lucas, okay, ich komme bald wieder!“ Daisy legte sich neben Lucas und somit konnte ich beruhigt gehen.

So zogen wir zu dritt noch mal los, brachten aber Carol auf dem Weg zum Supermarkt nach Hause, weil sie nicht mehr konnte. Im Supermarkt kauften wir hauptsächlich Konserven, weil sie die einfach warm machen konnten. Gesunde Ernährung sah anders aus, dachte ich traurig, aber es war nicht zu ändern.

Als wir den Supermarkt voll bepackt verließen, winkte Ken uns von der Bäckerei aus zu. Wir gingen zu ihm.
„Ich habe noch Brot für die Männer gebacken“, verkündete er und reichte uns noch zwei große Tüten voller Backwaren.
„Danke, Ken“, sagten Bobby und ich im Chor.
Er lächelte, winkte und verschwand wieder im Laden.

Wir spazierten zurück und luden erneut alles aus. „Ich habe noch etwas Geld übrig, davon werde ich euch jede Woche etwas Obst kaufen und es vorbei bringen, damit ihr etwas Gesundes dazwischen habt, okay?“, fragte ich Bobby.
„Das ist lieb, danke!“, sagte er. „Warum tust du das immer?“
Nachdenklich musterte er mich.
„Ich weiß nicht. Weil ihr es braucht und es sonst keiner tut?“
Bobby umarmte mich. „Dich hat uns echt der Himmel geschickt.“
Es war mir etwas peinlich.
„Ich gehe jetzt, Jungs, mir ist kalt. Schöne Weihnachten!“
Die Männer brummten auch: „Schöne Weihnachten“ und „Danke!“

Lucas gab mir Daisy an der Leine zurück.
Ich winkte noch mal. Bobby hatte mir den leeren Koffer in den Bollerwagen gestellt, der sich nun ganz leicht ziehen ließ und so wanderte ich nach Hause zurück.
„Sie riecht immer so gut“, hörte ich Lucas sagen.
„Sie ist ja auch eine Lady“, brummte Bobby und ich fühlte, dass sie mir nachsahen. Die armen Kerle.

Als ich nach Hause kam, war Hannah schon da und hatte Mittagessen für uns gekocht.
„Na, dann wärm dich mal auf, du blonder Engel!“
„Blonder Engel?“, fragte ich irritiert zurück.
Sie zuckte mit den Schultern. „Wusstest du nicht, dass sie dich überall so nennen?“
Ich schüttelte den Kopf.
Hannah lächelte mich warm an. „Du hast so viel mehr Weihnachten in dir, als du glaubst, Liebes!“


Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin Endaile – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – berste Freundin
James Fletcher – Physiker, Kunde
Bobby mit Jacky – Obdachloser
Miss Simmons – Krankenschwester in Martins Praxis
Lucas – jüngster Obdachloser





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