♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16
01.12.2019
01.01.2020
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2. Dezember

Am nächsten Morgen musste ich zur Arbeit. Als ich die Tür öffnete, lag dort erneut ein Geschenk. In rosa Papier gehüllt.
Daisy schnupperte begeistert daran und ich nahm es ihr schnell weg.
Diesmal öffnete ich es ohne nachzudenken. Ein kleines Buch kam zum Vorschein.
„Wie Sie Ihren Hund dazu bekommen, Ihnen zu gehorchen!“
Ich blätterte es auf. Dann lachte ich leise. Es war ein Buch mit Comics und lustigen Geschichten rund um Hunde und ihre Verrücktheiten. Ein satirisches Buch, indem der Hund am Ende immer das bekommen würde, was er wollte. Das sah lustig aus. Ich freute mich schon darauf es zu lesen.

Was für eine liebe Idee. Auf der Rückseite des Buches klebte eine 2.
Hm, heute war doch noch nicht der 2. Advent?
Aber der 2. Dezember, fiel mir ein. Ob das ein Adventskalender werden sollte?
Würde ich etwa nun täglich ein Geschenk bekommen? 24 Tage lang?
Wer sollte das wollen, wer wollte mich derart erfreuen?

Ratlos streichelte ich über das Buch. Ich hatte noch nie einen Adventskalender gehabt. Meine Kindheit hatte ich bei meiner kranken Oma verbracht, die sich kaum um mich gekümmert hatte. Sie starb, als ich gerade volljährig war und ich verkaufte ihr Hab und Gut, um mir damit mein weiteres Leben zu ermöglichen.
Ich war immer allein gewesen, hatte keine Familie…

Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass sich hier wohl jemand bemühte, mir etwas Gutes zu tun. Es musste jemand sein, der hier herein kam, der mich kannte… Wusste, dass ich Schmetterlinge mochte und einen Hund hatte und gerne las?

Da ich zur Arbeit musste, legte ich das Buch auf die Kommode und wanderte mit Daisy los. Carol war heute nicht zu sehen. Aber die Haustür war nur angelehnt. Wie unachtsam. Ob mein heimlicher Geschenkebringer sie aufgelassen hatte?

Auf dem Weg zur Arbeit zählte ich im Geiste alle Menschen auf, die ich kannte. Aber es waren so unendlich viele. Vom Chef bis zur Kollegin, von den Nachbarn bis zu den anderen Hundebesitzern im Park, vom Bäcker bis zum Postboten…
Ich konnte mir keinen von ihnen als Geschenkelieferant vorstellen.

Im Buchladen begrüßte ich den Boss. „Guten Morgen, Steve, ich bin da!“
Daisy lief zu ihm ins Büro, um sich ihr Leckerli abzuholen und Steve rief ein „Guten Morgen“ zurück.
Ich zog meinen Mantel aus und begann mit der Arbeit. Neue Bücher mussten einsortiert werden oder für Kunden zum Abholen bereit gelegt werden.

Mittags besorgte ich im Laden nebenan etwas zu Essen für Steve und mich.
Während wir dann aßen und Daisy sich genau zwischen uns legte, um auch ja kein Häppchen zu verpassen, erzählte ich Steve von den beiden Geschenken.
„Das ist ja echt ein Ding. Du hast wirklich keine Ahnung, von wem sie sind?“, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. „Wirklich nicht, mir fällt niemand ein.“
„Na, jedenfalls muss der Mensch dich sehr mögen“, sagte er lächelnd, „ist ja eigentlich klar, wer mag dich nicht?“
Ich wurde etwas rot. Er sagte immer solche netten Dinge über mich.
Ob er die Geschenke gebracht hatte?
Hm, nein, das war irgendwie undenkbar.
Steve war immer freundlich und hilfsbereit, oft nachdenklich, las gerne, weshalb er wohl auch dieses Geschäft hatte, aber dass er so etwas tun würde, dachte ich nicht. Das passte einfach nicht zu ihm.

Mittags kam meine Kollegin Jane dazu, sie arbeitete nur nachmittags, weil da im Laden mehr los war. Steve, das alte Plappermaul, erzählte ihr gleich von den geheimnisvollen Geschenken vor meiner Tür und auch sie reagierte überrascht und neugierig.
Den ganzen Nachmittag überlegte sie, wer wohl so etwas Liebes für mich tun würde.
Aber wir kamen zu keinem Ergebnis.

Abends ging ich mit Daisy nach Hause, kuschelte mich aufs Sofa, zündete das Schmetterlinge-Flackerlicht an und las das Hundebuch. Es war sehr lustig und ich musste ständig kichern. Der Hund in der Geschichte machte fast die gleichen Dummheiten wie Daisy.
Ich las das Buch ganz durch und als ich es zuklappte, dachte ich, dass mein Schenker mir wirklich eine Freude gemacht hatte. Das war ein vergnüglicher Abend gewesen.
„Danke“, hauchte ich in die Stille meiner Wohnung.



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