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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
27
33.617
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Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
17 Reviews
 
13.12.2019 1.102
 
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13. Dezember

An diesem Morgen fand ich ein Paket auf der Fußmatte. Daisy schnupperte daran und lief dann wieder weg. Es schien zumindest nichts Appetitliches für sie darin zu sein, dachte ich amüsiert.
Ich trug es herein und öffnete es. Oh, eine Lichterkette. So etwas hatte ich noch nie besessen. Für mein Fenster, hm. Kleine Lämpchen mit Schneekristallen drum herum, es passte zu meinem Glaskristall.
Aber ich hatte keine Ahnung, wie man so etwas befestigte. Aber das war auch egal jetzt, ich musste eh zuerst einmal los.

In der Buchhandlung war die Hölle los, das Weihnachtsgeschäft boomte und ich war ziemlich platt, als ich endlich raus kam aus dem Laden. Ich lief noch kurz mit Daisy durch den Park, aber wir waren später als sonst und ich sah John nicht.

Da ich noch Lebensmittel brauchte und keine Lust hatte, morgen früh aufzustehen, liefen wir noch zum Supermarkt. Morgen war nämlich mein Geburtstag und ich wollte ausschlafen!
Mit zwei vollen Taschen liefen wir dann nach Hause. Auf halben Weg stieß ich mit einem Mann zusammen. „Oh, Entschuldigung“, wollte ich gerade sagen, als ich erkannte, wer es war. „Bobby“, sagte ich erfreut.
Bobby grinste in seinen Bart. „Sieh an, unsere kleine Bücherfee! Was meinst du, Jacky, sollen wir der Lady eine Tasche abnehmen?“
„Oh, das ist doch nicht nötig“, antwortete ich, aber Bobby hatte mir schon eine Tasche abgenommen und Jacky, seine Hündin, winselte Daisy erfreut an. Daisy winselte zurück.
Bobby nahm die Tasche und drehte sich herum. „Dann mal los“, bestimmte er und ich folgte ihm.
Er ging langsam, bis ich zu ihm aufgeschlossen hatte. „Wie geht es dir, ich habe dich lange nicht gesehen?“, fragte ich interessiert.

„Sehr gut, denn dadurch, dass du mir diesen Job beschafft hast, verdiene ich jetzt ganz gut und kann mir das Obdachlosenheim leisten!“
Ich würde ja nie begreifen, warum die armen Leute dort zahlen mussten. „Das freut mich“, sagte ich erleichtert. Es beruhigte mich, dass er somit nicht mehr gezwungen war, in irgendwelchen Bushaltestellen-Häuschen oder unter der Brücke zu schlafen. Bei der Kälte!
„Die Arbeit macht dir Spaß?“, fragte ich weiter.
„Es geht so. Spaß wäre etwas übertrieben, aber es ist völlig okay. Es gibt mir das Gefühl, mal wieder für etwas gebraucht zu werden.“
„Das stimmt. Du wirst gebraucht, Bobby, allein schon, weil du so freundlich und hilfsbereit bist!“
„Das denkst aber nur du“, erwiderte er lachend, „die meisten Leute halten mich für unnötigen Ballast!“
„Was andere denken, ist egal, Bobby, du darfst das nicht glauben“, versuchte ich ihn zu trösten.

„Warst du denn auch beim Arzt?“, fragte ich und betete, dass er es zumindest versucht hatte. Sein Auge sah schon weniger entzündet aus, als vor zwei Wochen. Es war nur noch leicht gerötet.
Er hielt an und sah mich an. „Siehst du, es ist fast wieder heile!? Ich habe Augentropfen und eine Salbe!“
Ich nickte. „Das ist prima. Also hat der Arzt dich kostenlos behandelt?“
Bobby nickte. „Ich habe es genauso zu ihm gesagt, wie du es vorgeschlagen hast. Da wurde er ganz weich und hat mich behandelt.“
Danke, Martin, dachte ich erleichtert. Er war ein guter Mensch, ich hatte im Gefühl gehabt, dass er seinen Eid, den Menschen zu helfen, ernst nahm.

Vor meiner Tür stand Steve. „Was machst du denn hier?“, fragte ich überrascht.
„Ich vermute, der ist dir aus der Tasche gefallen…“ Er hielt mir baumelnd meinen Schlüsselbund vor die Nase.
„Oh ja!“, rief ich erschreckt. So was war mir noch nie passiert.
„Hi, Bobby“, grüßte Steve meinen Taschenträger. Danach schloss er grinsend meine Tür auf. „Erhalte ich eine Tasse Tee bei dir? Ich habe eiskalte Füße, ich warte schon eine halbe Stunde hier.“
Gott, war das peinlich. „Ihr kommt beide mit rein und bekommt Tee und die Hunde etwas zu fressen!“, beschloss ich und so wanderten wir alle in meine Wohnung hinauf.

Während ich die Einkäufe verstaute, setzte Steve schon Teewasser auf und Bobby gab den Hunden Wasser und ein paar Hundecracker in Daisys Napf.
Danach setzten wir uns gemütlich mit dem Tee ins Wohnzimmer und ich zündete meine beiden Kerzen an.
Steve sah sich die Kerzen und meine anderen Geschenke an. „Was hast du heute bekommen?“, fragte er.
Ich wies auf den Karton mit der Lichterkette. „Das da, aber ich hatte noch keine Zeit mir zu überlegen, wie ich das befestigen soll…“, erklärte ich.
„Was ist das denn alles?“, wunderte sich Bobby.
Steve erklärte ihm, dass ich einen geheimnisvollen Weihnachtswichtel hätte und Bobby schmunzelte. „Das ist ja toll!“
Danach stürzten sich beide Männer auf den Karton, holten meine Lichterkette heraus und befestigten sie in friedlicher Eintracht an meinem Fenster. Ich fand es etwas kitschig, aber als sie sie dann einschalteten, doch auch irgendwie hübsch. Etwas erleichtert stellte ich fest, dass es zumindest nicht die ganze Zeit bunt blinkte.

„Na ja, wer’s braucht“, brummte Bobby und betrachtete sein Werk. Ich musste kichern, er war wohl genauso ein Weihnachtsmuffel wie ich…
„Ich finde es hübsch“, stellte Steve fest. „Es macht das Zimmer irgendwie heimeliger…“

Wir quatschten noch etwas und dann verabschiedeten sich die Männer. Ich bedankte mich noch mal fürs Taschentragen, Schlüsselbringen, Deko verteilen und drückte Bobby eine Tüte mit Nüssen und Obst in die Hand. Er zwinkerte mir zu und schon waren sie weg.

Nachdenklich trat ich an mein neu beleuchtetes Fenster und sah hinaus. Steve und Bobby traten unten gerade auf die Straße. Steve kraulte einmal Jacky, zog dann seine Brieftasche hervor, gab Bobby einen Geldschein, tätschelte seinen Oberarm freundlich und ging davon. Danke, Steve, dachte ich. Er war so ein lieber Mann.
Nächste Woche würde ich in der Nachbarschaft wieder eine Runde Lebensmittel und Kleidung sammeln und Bobby und seinen Freunden bringen. Sie waren alle sehr lieb, aber Bobby war mir besonders ans Herz gewachsen. Ich hatte ihn einmal gefragt, wie es dazu kam, dass er auf der Straße lebte, aber da hatte er abgewinkt und Tränen in den Augen gehabt. Was mochte der arme Mann nur erlebt haben?

Ich seufzte und Daisy, die meine Stimmung spürte, berührte sanft mein Bein.
„Keine Sorge, mir geht es gut“, flüsterte ich und kraulte sie. „Lass uns schlafen gehen, es war ein langer Tag!“

Aber bevor ich zu Bett ging, legte ich noch die Pralinen, die ich gekauft hatte, vor meine Tür auf die Fußmatte. Ich schrieb auf eine kleine Blumenkarte: „Danke, du unbekannter Weihnachtswichtel, lass es dir schmecken!“



Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – berste Freundin
James Fletcher – Physiker, Kunde
Bobby mit Jacky - Obdachloser









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