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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
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33.617
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Dieses Kapitel
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11.12.2019 1.145
 
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11. Dezember

Am nächsten Morgen lag ein sehr großes Paket vor meiner Tür.
Behutsam trug ich es herein und öffnete es.
Es waren Aquarellfarben und ein Malblock.
Sanft streichelte ich über die Farbtöpfchen und ein Paket verschiedener Pinsel.

So lange hatte ich schon nicht mehr gemalt. Farben waren immer so teuer. Letztens noch hatte ich am Schaufenster des Bastelladens gestanden und überlegt mir Farben zu kaufen, mich dann aber dagegen entschieden. Hatte ich mit jemandem darüber gesprochen? Oder hatte mich wer beobachtet? Hm.
Heute war mein kurzer Arbeitstag und nun wusste ich schon, was ich am Nachmittag machen würde.

Die Stunden in der Buchhandlung verflogen im Nu. Ich ging nur kurz mit Daisy in den Park, traf tatsächlich John und redete ein wenig mit ihm. An der Haustür traf ich Tim, der mich ebenfalls kurz in ein lustiges Gespräch verwickelte und dann lief ich schnell hinauf.

Ich stellte mir einen Stuhl ins Licht und zog meine Staffelei hinter dem Schrank hervor, um sie davor aufzubauen. Dann begann ich zu malen und vergaß Hunger, Durst und alle Gedanken.
Ich versank im tiefen Grün des Waldes, den ich malte. Es war wunderschön und erfüllte mich mit Ruhe.
Als ich gerade den letzten Pinselstrich gemacht hatte und mein Werk musterte, klopfte es an der Tür.

Das klang nach Chris. Ich ging zur Tür und öffnete ihm. Tatsächlich stand er da, in zerfetzter Jeans, einem kariertem Hemd, das ihm schief geknöpft über der Hose hing. Lässig lehnte er im Türrahmen. „Na, Prinzessin?“, fragte er und ließ seinen Blick einmal über mich gleiten.
„Hi“, erwiderte ich lächelnd.
„Hast du noch Kaffee da? Ich hab’ echt keine Lust bei der Kälte raus zu gehen?“, fragte er, während ich zur Seite trat und er schon an mir vorbei zur Küche lief und dabei mit Daisy kämpfte, die ihn ausgelassen begrüßte. Er kam nicht bis zur Küche und lag ruckzuck auf dem Teppich, wo er sich mit meinem Hund um die Wette rollte.
Jedes Mal das gleiche Theater, stellte ich kichernd fest.

Als die beiden fertig waren sagte ich: „Ja, ich habe Kaffee!“
„Prima, dann nehme ich einen!“ Er grinste mich am Boden sitzend an und Daisys Gesicht war gleich neben seinem und grinste mich ebenso an.
Herrlich!

Ich machte uns Kaffee.
„Oh, du hast gemalt?“, fragte Chris.
„Jepp“, rief ich und trug dann zwei Kaffeetassen ins Wohnzimmer. Chris warf sich auf meine Couch und Daisy legte sich zufrieden zu ihm.
So nahm ich den Sessel.

„Ich habe dich gar nicht gesehen und gehört in den letzten Tagen?“, stellte ich fest.
„Stimmt, ich war voll im Stress. Ich hatte viele Aufträge und fast nonstop gearbeitet.“
Chris war selbstständig und saß so ziemlich den ganzen Tag am PC und entwickelte irgendwelche Programme. Damit kannte ich mich nicht so gut aus.
„Dann ist ja das Einkommen gerade gut?“, fragte ich.
Er nickte und schlürfte Kaffee. „Genau, es ist perfekt. So darf es immer sein! – Und du hast dir also Farben gekauft?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, geschenkt bekommen!“ Ich erzählte ein weiteres Mal von meinen Päckchen.

„Das ist eine tolle Sache. Als Kind bekam ich auch immer Päckchen, meine Mum hat sie täglich woanders versteckt und ich musste sie immer suchen“, erzählte er. Das klang auch nett und spannend. „Fährst du zu Weihnachten zu ihr?“, fragte ich.
„Nein, sie hat mit ihren Freundinnen eine Reise auf die kanarischen Inseln gebucht. Sie will Weihnachten in der Sonne verbringen.“
„Das ist doch eine gute Idee. Mir ist es auch zu kalt“, stellte ich fest. „Was machst du dann zu Weihnachten?“
Er zuckte mit den Schultern. „Vermutlich wird meine Ex mir einen Tag meinen Zwerg aufs Auge drücken, dann werde ich mit ihm etwas Schönes machen. Ansonsten hab ich nichts vor oder vielleicht verführ ich auch eine Runde meine süße Nachbarin!“ Er wackelte mit den Augenbrauen und ich musste lachen.
„Hast du schon gegessen?“, wechselte er das Thema und ich schüttelte den Kopf.
„Dann bestell ich uns Pizza, ich habe gerade voll Hunger!“
Er zog ohne eine Antwort von mir abzuwarten sein Handy aus der Hosentasche und wählte.
„Giuseppe? Ja, hier ist Chris. Bringst du mir und meiner heißen Nachbarin was zu essen?“, fragte er. Er lachte und nickte. Jetzt musste ich lachen. Manchmal war er echt wie ein Kind. Giuseppe würde wohl kaum sehen, dass er nickte… „Ach so, ja, nee, wie immer. Bravo. Gracie!“

„Ist in 30 Minuten da“, teilte er mir mit und kraulte Daisy.
„Prima. Du kommst gar nicht auf die Idee, mich mal zu fragen, oder? Ob ich Pizza möchte? Welche Pizza ich möchte? Ob ich sie mit dir essen möchte?“
Nachdenklich musterte er mich. „Ich habe dich nicht gefragt, Prinzessin, weil du eh ja gesagt hättest. Bei Pizza sagst du nie nein und Giuseppe und ich wissen, was du isst. Warum sollte ich das fragen?“
Ich seufzte. „Einfach so aus Prinzip.“
„Ach so. Hm. Ich wollte dich nicht verletzen oder gegen Regeln verstoßen. Ich bin halt irgendwie immer so, hm, anmaßend?“
„Nein“, lachte ich, „ein bisschen bestimmerisch, würde ich es nennen, aber so schlimm ist es nicht.“
„Ich darf also bleiben?“, fragte er.
„Natürlich, wie könnte ich mir einen Abend mir meinem Lieblingsnachbar und meiner Lieblingspizza entgehen lassen?“
Nun grinste er wieder. „Sag ich doch!“

Kurz danach kam mein Lieblingsitaliener und regte sich darüber auf, dass ich mit diesem Nichtsnutz von Computerfreak allein sein wollte. „Rufe mich ane, wenn er dich ärgerte, ich dann komme und retten dich!“
Ich musste schmunzeln. „Okay, das mache ich. Vom Regen in die Traufe!“
Giuseppe guckte mich ratlos an und ging wieder, während Chris lauthals lachte. „Ich glaube, das hat er nun nicht kapiert.“
„Ich fürchte auch“, sagte ich vergnügt und holte uns Besteck.
Wir futterten die Pizza und mir wurde bewusst, dass wohl viele Leute wussten, was ich gerne aß. Ob Chris hinter den Geschenken steckte? Zutrauen würde ich ihm das, er hatte das Herz am rechten Fleck und mochte mich. Andererseits erforderte ein tägliches Geschenk Zuverlässigkeit und Chris war alles andere als verlässlich…

Während wir aßen schaltete Chris den Fernseher ein und da ein Film begann, der ganz nett klang, kuschelte ich mich zu ihm auf die Couch nach dem Essen und wir sahen gemeinsam den Film. Irgendwann lag ich in seinem rechten Arm und Daisy in seinem linken. Es war angenehm und ich fühlte mich wohl. Chris war eingeschlafen, schnarchte leise und sah echt süß aus.

Ich betrachtete mein Bild auf der Staffelei und nahm mir vor beim nächsten Mal Schmetterlinge und Libellen zu malen. Auf einer Gänseblümchenwiese. So würde ich mir etwas den Sommer zurückholen.

Das war ein schöner Tag gewesen. Ich schmiegte mich an Chris an und… schlief ein.



Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – beste Freundin





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