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♥ PROSA: ★ 24 große Fragezeichen

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
01.12.2019
01.01.2020
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33.617
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10.12.2019 1.427
 
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10. Dezember

Gespannt flitzte ich zur Haustür und fand ein flaches, blaues Päckchen. Ich holte es herein und öffnete es. Oh. Eine CD von Brian Crain. Die hatte ich tatsächlich nicht, es waren nämlich Weihnachtslieder. ‚Traditional Christmas!’ las ich auf dem Cover. Ich persönlich wäre ja niemals auf die Idee gekommen mir eine CD mit Weihnachtsmusik zu kaufen. Trotzdem freute ich mich. Musik von Crain konnte niemals schrecklich sein… Ich würde mir das am Abend anhören.
Nun musste ich erst einmal zur Buchhandlung.

Steve entließ mich abends eine Stunde früher, da er den Laden einfach schließen wollte, weil er noch einen Versicherungstermin hatte. Mein Angebot den Laden eine Stunde allein zu hüten, lehnte er ab. „Ach was, das ist unnötig, wenn wir einfach schließen, kommen eventuelle Kunden garantiert einfach morgen wieder. Ich habe dich und Jane nicht gern im Dunkeln abends allein hier!“
Ich musste schmunzeln, er war immer so fürsorglich.
„Danke“, sagte ich und joggte mit Daisy nach Hause.

Dort lief ich gleich Carol in die Arme.
„Oh, so früh Feierabend?“, fragte sie erstaunt.
„Ja, wir haben heute etwas eher zugemacht, Steve hatte noch einen Termin.“
„Dann komm doch rein und trink einen Tee mit mir. Ich habe auch Muffins!“ Sie grinste breit. Meine Muffinsliebe war scheinbar inzwischen sehr bekannt…
„Aber nur wenn sie mit Blaubeeren und von Ken sind“, erwiderte ich amüsiert.
„Natürlich, andere kämen mir doch gar nicht ins Haus. Mein Martin isst die nämlich auch am liebsten und wollte gleich vorbei kommen. Aber ich habe auch welche mit Schokolade gekauft, die mag ich nämlich am liebsten!“

Wir lachten und ich ging mit in ihr Wohnzimmer. Während Carol den Tee zubereitete, fragte sie, ob ich eigentlich herausgefunden hätte, wer mir am 1. Advent das Geschenk vor die Tür gelegt hatte. So erzählte ich ihr von den weiteren Geschenken, die ich erhalten hatte. Carol staunte. „Das ist ja eine tolle Geschichte. Sowas! Wie kommt der Mensch denn immer ins Haus?“
„Ich habe keine Ahnung, Carol, ich hatte schon den leisen Verdacht, dass du den Schenker hier herein lässt?“ Forschend sah ich sie an.
„Ich? Nein, das wüsste ich aber. Also ich war es nicht! Aber wenn mich jemand gefragt hätte, hätte ich es getan“, fügte sie lachend hinzu. „Geh doch eben oben die CD holen, die würde ich gerne mal hören. Ich mag Brian Crain auch!“
So lief ich also fix in meine Wohnung, holte die CD und auch etwas zu Futtern für Daisy.

Carol legte die CD
in ihren Player und wir tranken schon etwas Tee, als sich plötzlich die Tür öffnete und Martin herein trat. Er hatte wohl einen eigenen Schlüssel.
Carol strahlte: „Martin!“
„Granny“, strahlte er zurück und seine weißen Zähne blitzten.
Irgendwie sah dieser Mann immer aus wie frisch aus dem Urlaub.

Er umarmte seine Granny herzlich und küsste ihre Wange. Danach sah er zu mir. „Wie schön, dich wieder zu sehen. Geht es dir gut?“
„Ja, alles bestens“, nickte ich und Granny schob ihn auf den Stuhl zwischen uns.
„Das freut mich zu hören!“, sagte Martin und musterte mich, mit seinen leuchtenden, blauen Augen, so dass mir ganz warm wurde.

Dann goss Carol ihm Tee ein und lud ihm gleich zwei Muffins auf den Teller.
„Willst du mich mästen, Granny?“, fragte er amüsiert. Kens Muffins waren nämlich immer überdimensional groß.
„Ach was! Du hast den ganzen Tag gearbeitet, nun iss mal, Junge!“ Carol strahlte glücklich und Martin fügte sich. Auch ich aß genüsslich meinen Muffin.
Daisy setzte sich zwischen uns und schmachtete abwechselnd Martin und mich an.
„Daisy, Muffins sind überhaupt nicht gut für Hunde, tut mir leid“, sagte Martin und kraulte ihr zärtlich mit seinen großen Händen die Ohren.
„Sie hatte gerade auch etwas zu Essen, mach dir keine Sorgen“, erklärte ich und warf meinem verfressenem Hund einen strengen Blick zu, was ihn überhaupt nicht interessierte.

„Und, habt ihr nun viel zu tun in der Buchhandlung?“, fragte Martin mich, „geht das Weihnachtsgeschäft schon los?“
Ich nickte. „Ja, es ist schon einiges mehr als sonst. Viele Bestellungen vor allem, weil die Leute bestimmte Bücher wollen. Steve macht im Moment Sonderangebote, um mit Amazon mithalten zu können. Bei uns ist deshalb zur Zeit auch alles portofrei und zu jedem Buch gibt es einen kleinen Kalender für 2020 gratis dazu.“
„Das kann ich mir gut vorstellen, dass die Internet-Bestellerei euch Konkurrenz macht. Gott sei Dank hat Steve die einzige Buchhandlung im Ort. Ich hoffe, er kann sich auf Dauer halten.“
„Das hoffe ich auch. Aber ich denke schon. Wir haben ja auch viele Veranstaltungen, Lesestunden für Kinder, Autorenlesungen und eben immer wieder Angebote. Das wird beständig von den Kunden angenommen. Bis jetzt läuft es gut.“

„Was hast du denn da für Musik laufen, Granny?“, fragte Martin und lauschte. Die Musik war nämlich unüberhörbar, weil sie zu laut war. Carol hörte ja schlecht…
„Das ist meine CD“, erklärte ich und berichtete ein weiteres Mal von all den Geschenken, die ich erhalten hatte.
Martin hörte interessiert zu. „Das ist wirklich eine tolle Sache und wie ich sehe, freust du dich?“
„Ja, sehr. Ich hätte auch nicht gedacht, dass so ein Adventskalender mir solche Freude bereiten würde“, gab ich zu.
„Du hattest vorher noch nie einen, oder? Granny hat mir erzählt, dass du ohne all die Kinder-Weihnachtsfreuden aufgewachsen bist...?“, fragte Martin sanft und musterte mich mit Sorge im Blick.
„Keine Sorge, Martin, ich habe es nicht vermisst, denn ich kannte es ja nicht. Mir geht dieser ganze Weihnachtsrummel eher immer etwas auf den Nerv… Ich mag es gerne ruhig.“
„Das passt zu dir“, stellte er fest. „Aber die Adventszeit und Weihnachten können auch sehr schön sein. Wenn man sich täglich auf eine Überraschung freut und zum Fest von lieben Menschen umgeben ist…“ Er lächelte Carol an und drückte einmal sanft ihre Hand. Sie lächelte zurück.
Ich freute mich, dass die beiden sich einander hatten.

Ich fragte mich, wie alt Martin war, aber traute mich nicht zu fragen, ich wollte nicht unhöflich sein. Aber ich vermutete, dass er etwas älter war als ich. Er wirkte immer sehr bedacht in allem, was er tat. So vernünftig. Er musste an die 30 sein oder sogar etwas darüber, überlegte ich, da er ja ein Medizinstudium hinter sich hatte und eine eigene Praxis führte.
Carol fragte nach einer Freundin, ob sie in der Praxis gewesen wäre und somit wechselte das Thema und ich konnte die beiden beobachten. Sie waren beide so lieb und ich fühlte mich wohl in ihrer Gegenwart.

„Die CD ist sehr schön“, stellte Carol plötzlich fest.
„Mir gefällt sie auch“, gab ich lächelnd zu.
„Mir auch“, lächelte Martin. „Daisy scheinbar auch!“ Sie lag auf seinem Fuß und schien eingeschlafen zu sein.
„Ich kann dir gerne eine Kopie machen, Carol“, schlug ich vor.
„Das wäre lieb“, strahlte sie.

Martin wollte noch einen Tee und so verging eine weitere Stunde mit netten Gesprächen, bis er sich erhob. „Ich muss nach Hause, Granny. Ich habe noch Büroarbeit vor mir…“
„Dafür hast du doch Angestellte!“, empörte die alte Dame sich.
Martin lachte. „Nein, einen großen Teil muss ich selber machen, aber das ist in Ordnung, das gehört dazu. Nur muss ich bald loslegen, sonst habe ich nachher noch eine Nachtschicht vor mir!“

Ich stand ebenfalls auf. „Ich gehe auch hoch, Carol. Herzlichen Dank für den Muffin und den Tee.“
Carol erhob sich, holte meine CD aus ihrem Player, gab sie mir und begleitete uns zur Tür.
„Das war ein schönes Kaffee-Kränzchen, so ganz ohne Kaffee“, schmunzelte sie. „Es war wundervoll euch beide hier zu haben, das können wir noch mal wiederholen!“
„Sehr gerne“, sagte ich und drückte einmal ihre Hand.
„Einen schönen Abend noch“, sagte Martin zu mir und ich versank im Blau seiner Augen.
„Dir auch“, hauchte ich und ging dann mit Daisy die Treppe hoch, während Martin seine Granny noch küsste und zur Haustür hinausging.

Das war wirklich ein schöner Nachmittag gewesen. Ich brannte noch die CD für Carol und hörte sie dann gleich noch mal an, während ich meine Wäsche machte. Dabei dachte ich an Martin und verglich ihn in Gedanken mit John. Und Tim. Und Chris….
Oje. Was war nur mit mir los? Irgendwie fühlte ich mich ganz sentimental heute. Ob das an der schönen Musik lag?

Mit einer weiteren Tasse Tee lag ich schließlich auf der Couch und hing meinen Überlegungen nach und im Hintergrund erklang Crains Weihnachtsmusik zum dritten Mal.


Personen-Übersicht:

Carol – Vermieterin
Steve – Chef in der Buchhandlung
Jane – Kollegin aus der Buchhandlung
John mit Blacky – Biolehrer und Hundebesitzer im Park
Tim – Postbote
Chris - Nachbar
Giuseppe – Pizzabäcker/Lieferant
Martin – Carols Enkel und Arzt
Ken Smith – Bäckerssohn
Hannah – beste Freundin






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