Adventskalender des Chaos (2019)

von Jiki
OneshotDrama, Romanze / P12 Slash
Anthony J. Crowley Beelzebub Dagon Erziraphael Hastur
01.12.2019
08.12.2019
10
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Anweisungen




„Jetzt spuck‘s schon aus, Engel...“

Aziraphale blinzelte von den Buchseiten, an denen seine Augen bis eben noch geklebt hatten (zumindest hatte er Crowley das glauben machen wollen), auf und in die goldenen Augen hoch, die (weil sie sich innerhalb von Aziraphales Wohnung über dem Buchladen aufhielten) nicht von der Sonnenbrille geschützt wurden. „Wie bitte?“

„Sag, was du unbedingt loswerden willst.“

Es machte ihn zugegebenermaßen nervös, dieser intensive, forschende Blick. So unsicher hatte Aziraphale sich lange nicht mehr in Crowleys Anwesenheit gefühlt. Und nervös zu sein, wenn Crowley in der Nähe war, war schon immer eine komplizierte Sache gewesen. Es war nie eine unangenehme Art der Nervosität gewesen. Jetzt wohl schon ein wenig. Denn er wusste nicht, wie er diese Sache, im Hinblick auf Crowleys allgemeinen Gemütszustand, ansprechen sollte, ohne den Anderen (im schlimmsten Falle) zu verletzen. Crowley selbst bemühte sich zwar stets, den Anschein zu wahren, dass alles in Ordnung war und es ihn nicht weniger kümmern könnte… Aber Aziraphale dachte bei sich, dass sie sich schon seit Anbeginn der Zeit so ähnlich gewesen waren… Wenn Aziraphale sich unsicher fühlte, vielleicht ging es Crowley eben so – nur dass dieser eben weitaus besser darin war, Schwächen wie diese zu verbergen.

Also fasste er sich ein Herz und machte den ersten vorsichtigen Schritt in die Richtung, in die seine Gedanken immer mal wieder abschweifen würden, sobald er Zeit hatte, über die vergangene Nicht-Apokalypse nachzudenken: „Crowley… Ist dir eigentlich so richtig bewusst… dass wir die Apokalypse verhindert haben?“

Der Dämon sah ihn an, als würde er über den zurzeit nicht dort vorhandenen Rand seiner Sonnenbrille skeptisch durch Aziraphale hindurchsehen. „Was für eine Erkenntnis, Engel.“

„Nein…! Ich meine… Hast du für dich allein eigentlich jemals richtig realisiert, dass wir jetzt wirklich… ohne Himmel und Hölle sind…?“

„Du meinst, dass wir jetzt auf unserer Seite stehen?“, fragte Crowley betont unbeschwert und zufrieden mit sich selbst.

Aziraphale unterdrückte das Verlangen, mit den Augen zu rollen. Er wusste ja, wo diese Formulierung hergekommen war. „Wenn du es so ausdrücken möchtest… Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern. Es ist ein komisches Gefühl, nach unzähligen Millennia komplett frei zu sein. Nicht so, dass ich mich gar nicht daran gewöhnen könnte, es fühlt sich auch nicht falsch an… Aber es ist irgendwas anderes als ‚komplett richtig‘, wenn das Sinn ergibt…? Als hätte ich ein Puzzlestück zurechtgeschnitten, damit es an eine bestimmte Stelle passt. Ich bin zufrieden mit dem Endergebnis. Es geht mir gut. Aber es fühlt sich an, als hätte es nicht sein sollen.“

„So, als wäre das ganze Universum dagegen gewesen und nur wir beide hätten genau dafür gekämpft?“

„Ja, genau!“

„Das ist, weil das ganze Universum gegen uns war, bevor wir uns durchgesetzt haben“, erklärte Crowley gleichmütig. „Sag bloß, du vermisst Gabe und seine Leute?“, setzte er noch neckend hinterher.

„Vermissen würde ich es nicht nennen, nein“, sagte Aziraphale stirnrunzelnd, „ich bin froh, dass Abstand zwischen ihnen und mir ist… Es fühlt sich wie etwas an, das ich nur schwer beschreiben kann.“

„Na, dann muss es ja etwas richtig Kompliziertes sein“, sagte Crowley sarkastisch.

„Was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein?“

„ ‚Vermisst‘ du die alten Zeiten?“

„Was, mit dem Pack da unten?!“

Aziraphale nickte.

Das Konzept von Zusammenarbeit dort oben unterschied sich grundsätzlich von dem dort unten. Das hatte er recht schnell begriffen.

Der Körpertausch-Trick war ein spontaner Einfall gewesen, aus einer Notsituation und Agnes Nutters weitsichtiger Freundlichkeit heraus entstanden. Es war keine Zeit gewesen, großartig zu planen. Sie hatten gewartet, bis sie im Bus gesessen hatten, sich vergewissert, dass niemand sie beachtete und dann hatten sie getauscht. Sie waren noch zu Crowleys Wohnung gegangen, um ein wenig zu üben. Sie kannten sich gut, aber man konnte ja schließlich nie vorsichtig genug sein.

Beim Betreten des Wohnzimmers wäre Aziraphale beinahe über einen undefinierbaren Glibber gestolpert, der nach „Hölle“ gestunken hatte – schlimmer als der Geruch des Bösen. Es hatte nach grausamem Tod gerochen.

Jedoch hatte Crowley ihm auch nach einem langen, entsetzten Blick seinerseits aus nie so wirklich erklärt, was genau hier vorgefallen war. Es hatte aber auch kein Genie gebraucht, um sich zusammenzureimen, was hier ungefähr vor sich gegangen sein könnte. Und Aziraphale war das beißende Gefühl nicht losgeworden, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach eine Mitschuld an diesem Geschehen getragen hatte.

Am Ende hatte Aziraphale die undefinierbare Masse beseitigt, da Crowley aufgrund des Weihwasser-Anteils vermutlich in Flammen aufgegangen wäre, hätte er es versucht.

In der Hölle selbst war es um einiges mehr spürbar gewesen. Erst war Aziraphale überrascht gewesen, dass sie Crowley überhaupt eine Verhandlung gewährt hatten, anstatt ihn einfach direkt zu verurteilen. Nun gut, es war keine faire Verhandlung gewesen, aber das hätte er in erster Linie sowieso nicht erwartet. Was Aziraphale unerwartet erwischt hatte, war die Tatsache, dass sich alles gar nicht so sehr um Armageddon gedreht hatte und die Tatsache, dass Crowley ihnen aktiv einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Der Schwerpunkt schien hauptsächlich woanders gelegen zu haben.

Auf der Tatsache, dass Crowley einen von ihnen beseitigt hatte. Vermutlich die Schleimmasse in dessen Wohnzimmer.

Als hätte Crowley ins Wespennest gestochen und würde nun dafür gestochen werden. Oder vielleicht viel mehr wie ein Wolfsrudel, das einen Gefallen Kameraden in gemeinsamer Stärke rächte.

Er vermutete nicht, dass es im Himmel ähnlich gelaufen wäre, hätte Aziraphale einen anderen Engel erwischt – nicht dass ihm der Gedanke wirklich einmal gekommen wäre oder er die Unverfrorenheit besitzen würde, etwas Derartiges zu planen. Vermutlich hätte man sich oben seine Gedanken dazu gemacht, aber wäre ultimativ zu dem Schluss gekommen, dass es dann wohl so hatte sein sollen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied zwischen Himmel und Hölle, der schon seit dem Fall bestanden hatte: Oben entschuldigte man vieles mit der Tatsache, dass alles nach dem göttlichen Plan verlief, unten akzeptierte man die Norm nicht und versuchte dagegen zu rebellieren – egal wie aussichtslos es erschien und das Böse nun mal die Saat seines eigenen Verderbens trug… Aus diesem Blickwinkel betrachtet erschien es nicht einmal unrealistisch, dass einen von ihnen zu töten, schwerer gewogen hatte, wenn es auch niemand direkt so bewogen hatte.

Aziraphale hatte dort unten und in Crowleys Körper eine Menge dieser Art negativer Schwingung aufgeschnappt. Das lässt ein empathisches Wesen nicht so leicht los…

Nicht, dass Crowley nicht wahrscheinlich seine Gründe gehabt hatte. Die Hölle war immer noch die Hölle. Aber auf diese Weise war Aziraphale auf den Gedanken gekommen, dass Crowley die Hölle möglicherweise eher vermissen könnte als Aziraphale den Himmel, mit all seiner Güte, die letztendlich bloß eine Fassade für kühle Berechnung und Machtkämpfe zu sein schien.

Natürlich war auch nicht allzu viel Zeit gewesen, sich seinem aufkeimenden Mitgefühl, selbst für Wesen der Hölle, hinzugeben. In allererster Linie hatte Aziraphale Crowley und sich beschützen müssen. Also hatte er den Gedanken schnell an irgendeinen Rand seines Bewusstseins geschoben, wo er ihm hoffentlich nicht mehr dazwischenfunken würde, und hatte der Show seinen Lauf gelassen.

„Nah...“, holte Crowley ihn nun aus seinen Erinnerungen zurück, „die da unten sind zum größten Teil Arschlöcher.“

„Du… erinnerst dich an nichts, dass du nicht vielleicht zumindest ein bisschen missen würdest?“

„Nicht wirklich“, erwiderte Crowley kühl und zuckte mit den Schultern. Aziraphale musste ihn bekümmert angesehen haben, denn der Dämon ging nun mehr auf die Details ein: „Was gibt es da zu missen, Engel? Du würdest eine andere Antwort bekommen, würdest du jemanden aus Beelzebubs Innerem Kreis fragen, schätze ich, aber ich bin ‚nur‘ ein gewöhnlicher Dämon. Zeit meines Daseins in der Hölle hab‘ ich dort nie allzu enge Bindungen geknüpft und mit den Trauerklößen wäre das auch nicht sonderlich interessant geworden. Selbst wenn dem so wäre, die da unten hassen mich mittlerweile. Ich war sowieso nie sonderlich gut darin, Anweisungen zu befolgen. Deswegen bin ich ja in erster Linie gefallen… Aber plötzlich, in dieser einen Hinsicht, wird erwartet, dass das zu deinem Skillset gehört…“

Aziraphale seufzte. „Ja, das haben wir wohl mal mehr gemein, mein Lieber...“

„Die fehlende Fähigkeit, den Anweisungen unserer Vorgesetzten zu folgen, hat uns an diesen Punkt hier gebracht, Engel“, erinnerte Crowley und breitete die Arme aus, um weitläufig auf Aziraphales Wohnung zu zeigen, während er doch die Gesamtsituation meinte, „alles ist nach dem göttlichen Plan verlaufen, ansonsten wäre es anders gekommen.“

Aziraphale nickte und lächelte beseelt. Er konnte nicht leugnen, dass sein längster und engster Freund recht hatte.

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A/N: Ich erkenne das Muster ja selbst, dass ich Crowley ständig unsympathisch und kaltherzig erscheinen lasse! x‘D Ich würde sagen, ich gelobe mit den Folgekapiteln Besserung, aber da würde ich wohl mit einer ‚echten‘ FF eher Besserung geloben können, denn dieser Adventskalender ist nun mal wie er ist. xD
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