Adventskalender

KurzgeschichteAllgemein / P16 Slash
30.11.2019
09.12.2019
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Vincent Jeremiah Nielson, 14 Jahre, Schüler
Sohn von Abigal und John Nielson, neun ältere Brüder (Lucas, Gideon, Joshua, Judah, Aaron, Noah, Paul, Stephen, Isacc)

Vincent Jeremiah, wie sehr ich diesen Namen doch liebte. Vincent, der Siegreiche. Und Jeremiah nach meinem Großvater, dem einzigen, dem ich je die Wahrheit gesagt hatte. Zumindest bis jetzt. Ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Meine Eltern. Sie waren gläubig. Sehr gläubig sogar. Ich wusste nicht, ob sie den Namen, den ich erwählt hatte, gut heißen würden. Schließlich hatten sie uns allen, mir und meinen Geschwistern biblische Namen gegeben. Schon deshalb musste zumindest der zweite Name ansatzweise mit der Bibel zu tun haben. Und der bescheiden Meinung meines vierzehn Jährigen ich´s nach erfüllte Jeremiah genau diesen Zweck. Hoffentlich würden Mum und Dad das genau so sehen, wie ich und mein Großvater, der von allen nur Jay genannt wurde. Er hatte mir auch versprochen, dass ich bei ihm wohnen könnte, sollten meine Eltern mit meiner Entscheidung nicht zurecht kommen. Schließlich wollte ich ihnen heute sagen, dass ich nicht länger ihre kleine, ihre einzige Tochter war.

Neun Jungen hatte meine Mutter das Leben geschenkt, bis endlich eine kleine Tochter durch sie das Licht der Welt erblickt hatte. Und heute würde diese Tochter, Dinah Elizabeth, wie sie getauft worden war, ihnen sagen, dass sie kein Mädchen war. Es niemals sein würde. Vierzehn Jahre lang, hatten sie mich in Kleider und Röcke gezwängt. Doch damit war heute ein für alle mal Schluss. Noch einmal besah ich mich im Spiegel, ja, so gefiel mir das gleich viel besser. Erst vor ein paar Wochen hatte ich die Klamotten zusammen mit Grandpa Jay gekauft und fühlte mich in ihnen wohler, als in allen anderen, die ich besaß. Doch ich konnte sie bisher nur tragen, wenn ich bei ihm zu Besuch war. Bisher.

Heute war Samstag. Also der geeignete Zeitpunkt um die ganze Familie zusammen zu trommeln, um ihnen die Wahrheit zu erzählen. Es war nicht einfach 17 Personen gleichzeitig zu versammeln. Doch egal, was wir auch vorhatten, es gab zwei Zeiträume in der Woche, in denen wir zu Hause sein mussten. Sonntags zwischen neun und zwölf zur heiligen Messe. Und Samstags zum gemeinsamen Frühstück. Und genau diesen Zeitraum hatte ich gewählt, um mich ihnen zu offenbaren. Ich hatte Grandpa eingeladen. Als moralische Unterstützung. Er müsste eigentlich jeden Moment eintreffen. Ich hatte mir vorgenommen, heute einmal als letzter zum Frühstück zu erscheinen. Meine Klamotten würden sonst nur vorzeitig Fragen aufwerfen. Sonst musste ich immer lange, rosa, lila und bläuliche Röcke und dazu passende Schuhe und Blusen tragen. Doch das alles hatte ich heute gegen eine lange Hose, und ein ordentliches Hemd eingetauscht. Es saß nicht perfekt, doch es fühlte sich richtig an. Ich stieß reflexartig die Luft aus. Ich hatte überhaupt nicht gemerkt, dass ich sie angehalten hatte. Noch nie in meinem Leben war ich so aufgeregt, wie in diesem Moment. Nicht einmal, als ich meinem Großvater die Wahrheit anvertraut hatte. Wobei man, um der Wahrheit Gehör zu verleihen sagen musste, dass er mich eigentlich gefragt hatte. Direkt und ohne, dass ich darauf vorbereitet war. Er hatte mich völlig überrumpelt und war durch meine Fassade gebrochen. Ich hatte es nicht geschafft, ihn in diesem Moment anzulügen und zu meinem Glück war Grandpa zwar gläubig, lebte aber nicht hinterm Mond. Er war es auch gewesen, der mich bisher zu allen Terminen beim Psychiater gefahren hatte. Doch wenn ich einen Schritt weiterkommen wollte, brauchte ich die Unterschrift meiner Eltern. Meiner Erziehungsberechtigen. Und dazu musste ich es ihnen sagen. Was ich machen würde, sollten sie die Dokumente nicht unterschreiben, wusste ich noch nicht so recht. Dann würde ich vermutlich noch vier Jahre so leben müssen, wie ich geboren worden war. Oder ich musste vor Gericht ziehen. Doch an beide Möglichkeiten wollte ich erst einmal nicht denken. Das schlimmste, dass ich mir bisher ausgemalt hatte war, das sie mich vor die Tür setzten und dafür hatte ich zumindest vorübergehend eine Lösung.

Ich würde das schon schaffen. Irgendwie. Und wenn nicht mit der Hilfe meiner Eltern und Geschwister, dann mit der meines Granpas. Zu meinem Glück war ich eines seiner zwei Lieblingskinder. Isaac Ephraim war das andere. Er war nur zwei Jahre älter als ich und damit das zweit jüngste Kind. Wir beide waren die Nachzügler der Familie. Zwischen Isaac und unserem nächstälteren Bruder Stephen lagen fast acht Jahre. Keiner hatte mehr damit gerechnet, dass es noch mehr Nachwuchs geben würde, doch unsere Eltern hatten alle Zweifler eines besseren bewährt. Nach dem fünften Sohn hatte meine Mutter gesagt, sie würde so lange Kinder gebären, bis Gott ihr eine Tochter schenken würde. Sie hatte nie daran gezweifelt, dass Gott ihr noch eine Tochter schenken würde und tatsächlich war es 23 Jahre nach dem ersten Sohn tatsächlich so gekommen. Verdammt, mein ältester Bruder, Lucas war mittlerweile 37 Jahre alt und hatte selbst schon drei Kinder. Abigail, Hannah und Jethro. Vermutlich würde er aus allen Wolken fallen. Er hatte mich immer auf Abigail und Hannah aufpassen lassen, weil er fand, dass sie ein weibliches Vorbild brauchten, dass ihrem Alter möglichst nahe war. So wie eine große Schwester. Und Abigail war mittlerweile fünf Jahre alt.

Vermutlich würde nur Isaac, mit dem ich mir ein Zimmer teilte nicht völlig verwirrt und erstaunt reagieren. Er hatte mich schon öfter in Gespräche verwickelt, die in diese Richtung deuteten. Zu meinem Glück hatte er bei Grandpa übernachtet. Ich wusste nicht, wie mein Großvater ihn dazu überredet hatte, doch ich war im Dankbar dafür, die Nacht für mich allein zu haben. Die Türklingel riss mich aus meinen Gedanken. Das mussten Grandpa und Isaac sein. Also schön, gleich war es soweit. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich konnte förmlich sehen, wie es meine Geschwister aus allen Winkeln des Grundstücks an den Frühstückstisch zog, der fasst jährlich erweitert werden musste. Ich wusste nicht, wie lange wir es noch schaffen würden, jeden Samstag wirklich alle gemeinsam an einem Tisch zu essen. Ich hörte meine Mutter nach mir rufen. Sie klang ungeduldig. Sie war es nicht gewohnt, dass sie auf mich warten musste. Auf Gideon und seine Frau. Ja. Und vielleicht noch auf Judah und Joshua. Aber niemals hatte sie bisher auf mich warten müssen. Ein letztes Mal besah ich mich im Spiegel. Dann nahm ich all meine Mut zusammen, öffnete die Tür und machte mich auf. Die Treppe hinunter, zu den anderen, die schon am gedeckten Tisch auf mich warteten. Ja, es war soweit. Ab heute würde ich Vincent Jeremiah Nielson heißen. Ab heute würden sie mich Vince nennen müssen. Und egal, was sie davon halten würden, sie würden nichts daran ändern können.
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