Polarlichter

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
30.11.2019
08.12.2019
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Sieben Stunden und vierzehn Minuten.
Mit meinem Finger verblendete ich den Concealer unter meinen Augen. Ich schminkte mich kaum und jeder Beauty-Guru hätte geweint, wenn er gesehen hätte, dass ich weder Pinsel noch Schwämmchen dafür benutzte, aber wenn ich die nächsten Nächte wieder so gut schlafen würde, wie diese Nacht, könnte ich in Zukunft auf die Farbe unter meinen Augen verzichten.
Diese Nacht bin ich nur einmal aufgewacht – worauf ich sehr stolz war –, nachdem mich ein merkwürdiger Traum geweckt hat. In meinem Traum haben sich ein Adler und ein Wolf bekriegt. Sie haben sich gegenseitig die Augen ausgekratzt, bis wenig später das Blut der toten Tiere den Schnee rot färbte. Naja, Träume waren zwar immer merkwürdig, aber was ihn so komisch machte, war nicht die Handlung selbst, sondern, dass er sich so echt angefühlt hat. Noch immer konnte ich mich an die stechende Kälte und den Geruch nach feuchtem Holz und Tannennadeln erinnern.
Es ist nur ein Traum. Mehr nicht. Sagte ich gedanklich zu mir selber, während ich nach der Bürste griff, um meine noch leicht feuchten Haare zu kämmen. Und bald ist Vollmond. Da träume ich eh immer wirres Zeug.
Freya hatte wirklich Recht. Ich musste mal wieder unter Menschen kommen; ich wurde sonst wirklich verrückt, wenn ich das noch nicht war. Ich flocht meine blonden Haare noch zu einem Zopf, damit sie mir bei dem windigen Wetter nicht ständig ins Gesicht fielen, steckte ein Paar Ohrringe ein und verließ das Bad, da ich Freya gestern noch versprochen habe, mit ihr zu frühstücken, bevor sie zur Arbeit musste.
Freya war Grundschullehrerin. Das war schon immer ihr Traumberuf gewesen. Naja, bis auf in der zweiten Klasse, wo sie unbedingt Prinzessin werden wollte. Ihr Mann Leif arbeitete in der Fischzucht, was hier in Norwegen ein gängiger Berufszweig war.
Ich hingegen wollte immer Architektin werden. Als ich als Kind einmal zu Weihnachten ein Puppenhaus geschenkt bekommen habe, habe ich die Puppen links liegen lassen und stattdessen die nackten Holzwände mit Geschenkpapier tapeziert.
Als ich mit siebzehn Jahren, dank G8, mich in der Uni einschrieb und vier Jahre später, mit meinem Master in der Tasche, mich bei meinem ersten Arbeitsgeber bewarb, traf mich der Schlag, als ich merkte, wie langweilig der Alltag als Architektin wirklich war. Nach einigen Wochen hatte ich mich  daran gewöhnt, dass mein Job hauptsächlich aus Rechnen bestand und meine Kreativität bei den meisten Budgets unerwünscht war. Glücklich war ich aber nicht.
Aber hier in Norwegen sollte sich alles ändern. Schon seit Monaten schrieb ich hunderte E-Mails an ältere Menschen mit zu viel Geld auf dem Kontor, die mein neues Projekt finanziell unterstützen sollten. Und obwohl ich wusste, dass ich mich trotz der Handvoll Sponsoren erst einmal ordentlich verschulden würde, konnte mich nichts und niemand von meinem Traum abbringen, ein Hotel mitten in den verschneiten Bergen zu bauen.
Aber erst einmal musste ich für dieses Projekt den richtigen Ort finden, weshalb ich heute einige Stunden für einen mehr oder weniger geschäftsmäßigen Spaziergang mit Anubis eingeplant habe, um die Gegend besser kennen zu lernen.
Und als wüsste der Berner Senne schon, was ihm heute bevorstand, kam er schwanzwedelnd auf mich zu gelaufen, als ich das Wohnzimmer betrat. Ich begrüßte ihn mit einer kurzen Kuscheleinheit und lief dann in Richtung Küche.
„Guten Morgen, Emma. Spiegel- oder Rührei?“, fragte mich eine gutgelaunte Freya mit ihrer morgendlichen Sing-Sang-Stimme.
„Ach, guten Morgen, Emma“, begrüßte mich auch Leif, der neben Freya am Herd stand und seinen Arm um ihre Taille gelegt hatte. Sein Deutsch hatte einen starken Dialekt, aber man konnte ihn gut verstehen und außerdem rechnete ich es ihm hoch an, dass er Freyas Muttersprache gelernt hat, obwohl sie sich entschieden hat, zu ihm zu ziehen und nicht anders herum. „Gut geschlafen? Tut mir leid, dass ich dich gestern Abend nicht vom Flughafen abholen konnte. Die Arbeit hat etwas länger gedauert.“
„Ja, ich hab gut geschlafen. Und danke, dass du noch mit Anubis Gassi ge-“ Ich konnte den Satz nicht beenden, da Leif mich fest umarmte. Leif war ein sehr herzlicher Mensch. Die Familie stand bei ihm immer an oberster Stelle und da ich Freyas Schwester war, gehörte ich für ihn nun mal zur Familie. An aller oberster Stelle stand jedoch Freya. Seit ich sie das erste Mal zusammen erlebt habe, wusste ich, dass etwas sie verband. Als wären sie für einander bestimmt. Nach sieben Jahren Ehe waren sie immer noch so verliebt, wie am ersten Tag. Und so wie Leif Freya ansah, wollte jede Frau angeschaut werden. „Danke, dass ich vorrübergehend bei euch wohnen darf“, bedankte ich mich, als der Lockenkopf wieder von mir abgelassen hat.
„Ach, dafür musst du dich nicht bedanken. Du kannst so lange bleiben, wie du möchtest.“ Leif deutete mit einer Handbewegung an, dass wir uns setzen sollten.
Das Frühstück war toll. Und das lag nicht nur an den Kochkünsten der beiden. Es tat vor allem gut, wieder einmal normale Gespräche führen zu können. Freya erzählte vorfreudig über ihre nächste Ultraschalluntersuchung und über den Job. Leif hingegen erzählte uns etwas über ihre gemeinsamen Freunde, weshalb ich mich ein bisschen ausgeschlossen fühlte und nur mit einem Ohr zuhörte. Sie veranstalteten heute Abend anscheinend eine Party. „Kommst du auch mit, Emma?“, wollte Leif wissen. „Natürlich kommt sie mit!“, bestimmte Freya für mich, sah ihren Mann kurz vorwurfsvoll an und griff über dem Frühstückstisch nach meiner Hand. Wieder hatte sie mich bevormundet, aber diesmal sagte ich nichts dagegen, da ich gestern ihr und mir selber versprochen habe, mich zu bessern und mich mehr unter Menschen zu mischen.
Als wir drei dann los mussten – die zwei zur Arbeit und ich zu dem Termin mit meinem Makler – nahm Freya mich mit und setzte mich mit dem Auto an der vereinbarten Adresse ab.
Der Tag verging wie im Flug. Die Häuser, die mir der Maker zeigte, waren allesamt schön. Aber leider auch alle viel zu teuer für eine Person und Hund. Doch mir blieb ja nichts anderes übrig, als weiter zu suchen, weshalb ich einen weiteren Termin mit meinem Makler vereinbarte.
Der Sprachkurs langweilte mich ein wenig, weil der Lehrer von Null anfing und ich schon einige Vokabeln und Grundinformationen von Freya wusste. Dennoch schrieb ich fleißig mit und so kam die Zeit schnell um.
Sogar der Yoga-Kurs war viel zu schnell vorbei. Ganz im Gegenteil zum Norwegisch-Kurs war ich hier bei den Fortgeschrittenen und hatte einige Schwierigkeiten mein Gleichgewicht geschweige denn meine Körperspannung zu halten. Aber alle anderen Kursteilnehmer hatten kein Problem damit und gaben mir ein paar Tipps.
Nach dem Yoga war ich zwar verschwitzt und habe mich mit meiner Unsportlichkeit wahrscheinlich vor allen zum Affen gemacht, aber ich fühlte mich so gut, wie lange nicht mehr.
Normalerweise wäre mir der heutige Tag schon genug Interaktion mit anderen Menschen gewesen und im Normalfall hätte ich mich, nach einem ausgiebigen Bad, in eine Decke eingekuschelt und mich bei einer Folge meiner Lieblingsserie in fiktive Welten gerettet. Aber heute dachte ich nicht mal daran, sondern schnappte mir, nach einer kurzen Dusche Freyas Jacke und Anubis‘ Leine, um mit ihm im Wald spazieren zu gehen. Sogar die Party heute Abend erschien mir nicht, wie die reinste Qual.
Das Haus lag mitten in der Natur. Nur wenige hundert Meter weiter führte ein schmaler Trampelpfad tiefer in den Wald hinein. Kaum hatte ich den Pfad betreten fühlte ich mich, als hätte ich die Schwelle zu einer andern Welt betreten. Am Boden war es so windstill, dass es mir vorkam, als wär die Zeit stehen geblieben. Nur ein paar Zweige über mir wogen sich sachte im Wind. Ein paar Vögel, die trotz des eisigen Winters, der sich anbahnte nicht in den Süden geflogen sind, zwitscherten fröhlich vor sich hin und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Außerdem fielen dicke Schneeflocken herab und bedeckten den Waldboden mit einer dünnen Schicht Weiß. Als mir nach etwa fünfzehn Minuten immer noch niemand entgegen gekommen war, entschied ich mich Anubis von der Leine zu lassen.
„Lauf nicht zu weit weg“, sagte ich ihm, wuschelte ihn hinter den Ohren und ließ ihn laufen. Anubis lief los, verließ auch den Pfad, blieb aber immer in Sichtweite. Das sah ihm ähnlich. Er hatte zwar seinen eigenen Kopf, suchte aber immer meine Nähe. Nach nur wenigen Minuten kam er mit einem Stock im Maul angelaufen.
Ich nahm seinen Fund entgegen und spielte ein wenig Tauziehen mit ihm, ehe ich den Stock wegwarf und Anubis wie ein Wirbelblitz hinter dem Ding her sauste. Keine Minute später kam er wieder angerannt. Wir spielten das Spiel eine Weile. Anubis hatte seinen Spaß und ich Zeit, all meine Gedanken zu ordnen und zur Ruhe zu kommen.
Obwohl es langsam schon dunkel wurde, fühlte ich mich mehr als wohl zwischen all diesen uralten Fichten und Tannen. Der Trampelpfad hatte noch keine Abzweigung gemacht, weshalb ich auch wusste, dass ich den Rückweg auf Anhieb finden würde, mal davon abgesehen, dass das Netz selbst hier am wohl unbewohntesten Stückchen der Erde immer noch besser war, als in der Stadtmitte von irgendeiner deutschen Großstadt.
Dennoch wurde mir nach kurzer Zeit mulmig zu mute. Die Vögel hatten aufgehört zu singen und der Wald schien mit einem Mal, als wäre er unbelebt. Aber das, was mir wirklich Sorgen machte, war, dass ich gemerkt habe, dass Anubis schon seit einiger Zeit nicht mehr bei mir war.
„Anubis!“, rief ich und pfiff nach ihm. Ich lauschte konzentriert in den Wald hinein, aber es tat sich nichts. „Anubis?“, versuchte ich es noch einmal, diesmal lauter. War er nicht nach rechts gelaufen? Ich verließ den Trampelpfad und ging einige Schritte in den Wald hinein, während ich den Boden nach Pfoten-Abdrücken untersuchte. Ich pfiff noch einmal nach meinem Hund und wollte seinen Namen rufen, als mir die Tatzen-Abdrücke im Schnee auffielen. In meinem Hals bildete sich ein Kloß. Was hat Freya gestern bei der Autofahrt noch einmal gesagt? Wenn ich einen Bären sah, sollte ich rennen. Und dieser tellergroße Abdruck sah verdammt nochmal nach einem Bären aus.
Mein Herz fing an schneller zu schlagen und meine Hände an zu schwitzen. Mist! Anubis war da draußen. Vielleicht war er verletzt. Oder war er zu weit weg, um meine Rufe zu hören?
Er ist ein Hund. Er hat einen super Geruchssinn und findet sicher von allein wieder nach Hause. Aber was wenn nicht? Ich war hin und her gerissen.
Sicher war nur, dass der Tatzen-Abdruck nicht älter als eine Stunde war, denn erst dann hatte es angefangen zu schneien. Voll Panik lief ich zwischen den Bäumen umher und suchte die Gegend ab.
„Ist das dein Hund?“
Vor Schreck machte mein Herz einen Aussetzer und ich wirbelte herum. Ein Mann, Mitte Zwanzig, stand dort am Wegesrand. Zu seinen Füßen Anubis, der so unschuldig mit dem Schwanz wedelte, als wüsste er nicht, was er mir für einen Schrecken eingejagt hat. „Oh Gott, ja“, entkam es mir auf Deutsch. Ich lief die wenigen Schritte zum Pfad und leinte den Berner Sennen an. Das Freilaufen konnte er sich in den nächsten Tagen erst einmal abschminken. Mein Herz würde weitere Überraschungen sicherlich nicht überleben.
„Ja, das ist mein Hund. Ich hoffe, er hat sie nicht erschreckt“, sagte ich auf Englisch und sah dem fremden Mann erstmals ins Gesicht. Er war hübsch. Aber er sah nicht aus, wie diese Fitness-Blogger, oder Instagram-Models. Nein. Er sah aus wie Kunst. Seine gerade Nase, die braunen Locken und vor allem seine selbstsichere Körperhaltung erinnerten mich ein wenig an die antiken Mamorstaturen, die ich während meines Architekturstudiums zu Genüge analysieren musste. Nur hatte mein Gegenüber deutlich maskulinere Züge. „Ich bin Emma Roth“, stellte ich mich vor und sah kurz runter zu Anubis, um nicht weiter so auf seine Lippen zu starren.
„Nein, dein Hund war ganz lieb. Ich bin übrigens Damian Aasen.“ Verdammt seine Stimme war auch noch heiß. „Du kommst nicht von hier, oder?“
Mein Blick wanderte unauffällig seinen Körper hinab und mir wurde ein wenig mulmig zu mute. Denn  Damian trug keine Sportsachen, die hätten erklären können, warum er abends im Wald war. Als wäre es schon nicht komisch genug, dass wir uns hier, in dieser unbewohnten Gegend über den Weg liefen, trug er über seinem Pullover keine Jacke. Es schneite und obwohl ich mit meinem Zwiebel-Look dick eingepackt war, fror ich wie ein Nacktmull in der Arktis.
Also müsste Damian entweder gegen die Kälte abgehärtet sein, oder er war ein komischer Psychopath. Vorsichtshalber ging ich einen Schritt auf Abstand und ging gedanklich die Selbstverteidigungstechniken durch, die ich vor wenigen Wochen in dem Crashkurs gelernt habe. Ich würde ihn zuerst auf die hübsche Nase schlagen. Nein. Erst würde ich ihm in die Eier treten und dann sein Jochbein brechen.
„Ich komme aus Deutschland und bin gestern hier her gezogen. Aber vielleicht kennst du meine Schwester Freya Evensen. Sie wohnt schon länger hier“, erklärte ich und sah wieder zu ihm auf. Falsche Entscheidung. Alle meine Härchen stellten sich auf und ein wohliger Schauer lief mir den Rücken hinunter. Alles in mir schrie danach Damians Nähe zu suchen und ihm mein Herz auszuschütten, aber zum Glück hatte ich noch genug Anstand, Rationalität und Stolz. Solche Gefühle hat noch nie jemand in mir ausgelöst. Nicht einmal Simon, bei unserem ersten Kuss.
Damians Blick war wirklich schwer zu deuten. So, als würde er jedes meiner Worte, jede meiner Bewegungen aufsaugen wie ein Schwamm und sie nie wieder vergessen wollen. Er spielte das stille Gewässer, aber in ihm tobte die stürmische See. Er sah mich an, wie Leif Freya. Bestimmt eine hinterlistige Masche von attraktiven norwegischen Männern, um naive Frauen rumzubekommen.
„Ja, ich kenne Freya. Sie engagiert sich sehr für die Gemeinde hier. Aber wir haben noch nicht viel miteinander geredet. Ich wohne im Nachbarort.“ Damian machte eine kurze Pause und man sah, wie es in seinem Kopf ratterte, als würde er nach den richtigen Worten suchen, dabei war sein Englisch definitiv besser als meins. „Kann ich dich nach Hause begleiten? Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass du bei Dunkelheit im Wald bist.“ Ich nickte und wir gingen los.
„Dein Hund heißt Anubis?“, fragte Damian und ein verschämtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Der ägyptische Gott der Toten.“
Wir warfen beide einen Blick auf das Fettknäul, was ein paar Tannennadeln an der Nase kleben hatte. Nein, Anubis konnte wirklich keiner Fliege was zur Leide tun.
„Ich hab ihn aus dem Tierheim. Keine Ahnung, was die Vorbesitzer sich dabei gedacht haben“, lachte nun auch ich.
Ich richtete meinen Blick geradeaus und sah den Schneeflocken zu, wie sie im sachten Licht gegen Boden sanken. Damian beobachtete mich aus den Augenwinkeln. Das merkte ich. Und obwohl mir das bei jeder anderen Person unangenehm wäre, fühlte ich mich ein wenig sicherer dadurch.
„Sag mal, gibt es hier eigentlich viele Bären?“, fragte ich aus Interesse. Ich hatte nämlich nicht vor einen persönlich kennenzulernen. „Ich glaube, ich hab Bären-Spuren im Schnee gesehen.“
„Bären?“, wiederholte Damian ungläubig. „Nein, die leben nicht so nah am Waldrand. Dafür musst du schon tiefer in den Wald. Vielleicht war die Spur von einem Luchs oder einem Wolf. Die tun aber in der Regel nichts. Wovor du dich hier in der Gegend aber in Acht nehmen solltest, sind Vielfraße oder Kreuznattern.“
Na super. Schlangen. Das war ja fast noch schlimmer, als Bären. Vorsichtshalber lenkte ich meinen Blick doch auf den Boden.
„Kreuznattern können dich nicht töten“, erklärte Damian mir, als hätte er meine Gedanken gelesen. „Aber wenn du doch gebissen wurdest, ruf 113. Vielleicht bin ich ja gerade im Dienst.“
„Du bist Rettungssanitäter?“
„Fast. Arzt. Aber wegen den Tieren hier musst du dir wirklich keine Sorgen machen. Hier in der Gegend ist noch niemand wegen einem Tier gestorben.
Auch wenn seine Worte mich wohl beruhigen sollten, erfüllten sie ihren Zweck nicht ganz. „Na dann hoffe ich mal, dass wir uns nicht aus beruflichen Gründen wiedersehen“, scherzte ich, um auf andere Gedanken zu kommen.
„Das hoffe ich auch. Ich möchte nicht, dass dir was passiert, Emma“, sagte Damian und klang dabei so aufrichtig und liebevoll, dass mein Bauch anfing wie verrückt zu kribbeln. Alles in mir spielte verrückt. Damian agierte viel zu fürsorglich für einen Fremden, was in meinem Kopf alle Alarmglocken auslösen sollte, aber es tat sich nichts. Das Schlimme war auch noch, dass ich mich auf eine merkwürdige Weise zu ihm gezogen fühlte. Wir kannten uns gerade einmal zehn Minuten und es fühlte sich an, als würden wir uns schon seit immer kennen.
Der Pfad machte eine kleine Kurve und von da aus führte er nur noch geradeaus. Von hier aus sah ich schon die Straße, an der der Wald endete. Und dort hinten war Freyas Haus.
Damian neben mir drosselte sein Tempo und auch ich machte kleinere Schritte. Wenn wir die Straße erreichten, mussten wir uns trennen. Und irgendein tiefer Trieb in mir wollte genau das verhindern. Ich wollte es mir nicht eingestehen, schließlich hatte ich nach der Trennung mit Simon entschieden, dass alle Männer Schweine waren und ich in Zukunft die Finger von ihnen lassen würde. Aber das war, bevor ich Damian und seinen wunderschönem Lächeln begegnet war.
„Emma.“ Seine Stimme war so rau und weich zugleich. Noch nie hatte jemand so meinen Namen ausgesprochen. Und ich wollte ihn gleich noch einmal hören. Aber anstatt meinen Namen zu wiederholen, sagte er: „Es tut mir leid.“
Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen und wollte ihn gerade fragen, was er denn bitteschön falsch gemacht hat, als sich – ohne Vorwarnung – eine warme Hand in meinen Nacken legte und die andere mein Kinn anhob.
Erschrocken schnappte ich nach Luft, dann lagen seine Lippen schon auf meinen. Eine wohlige Wärme strömte durch meinen Körper. Sein Geruch nach Nelken und Tannennadeln benebelte meine Sinne und für einen kurzen Moment ließ ich mich fallen, vergaß alles um mich herum, auch mich selbst. Ohne nachzudenken öffnete mein Mund sich einen Spalt und ich erwiderte den sanften Druck seiner Lippen. Ich hatte die Kontrolle verloren. Der Kuss hatte den Damm, der mich vor meinen eigenen Gefühlen beschützte, eingerissen und nun kam die Flut.
„Du miese Schlampe! Ich hab alles für dich getan und jetzt zerstörst du unsere Beziehung.“ Seine roten Augen waren wütend zu Schlitzen verzogen. Er roch nach Alkohol und Gras. Ein krankes Lachen verließ seine Kehle. „Du hast mir gesagt, du liebst mich. Mir gesagt du wärst meins.“ Grob griff er nach dem Kragen meiner Bluse und zog so daran, dass zwei Knöpfe aufrissen. Seine andere Hand griff in Richtung meiner Brüste. „Fass mich nicht an!“, meine eigene Stimme war vor Angst so schrill, dass ich sie kaum selbst wiedererkannte. Er lachte: „Ach, vor einer Woche hast du mich noch angebettelt, dass du mehr willst. Komm, sag das nochmal. ‚Simon, bitte nimm mich. Bitte.‘ Los!“
Seine Nägel gruben sich in meine Brust und ich zuckte vor Schmerz zusammen: „Au, du tust mir weh!“
„Ich tu dir weh?“, wiederholte er. In seiner Stimme lag ein wenig Gekränktheit, aber vor allem purer Wahnsinn. „Oh nein, Emma. Ich zeig dir noch, wie das ist, wenn ich dir weh tue.“ Mein Kopf wurde in den Nacken gezogen. Dann bekam ich keine Luft mehr.
Panisch rang ich nach Luft und schreckte auf. Ich taumelte zwei wacklige Schritte nach hinten. Dann lief ich los.
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