There's no justice, except your own

von Ebenherz
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
Renji Yomo Uta
27.11.2019
27.11.2019
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Renji Yomo rannte. Er rannte und rannte als ob es um sein Leben ginge, doch es war viel mehr. Nicht sein Leben war in Gefahr.
Schnell bog er um eine Ecke und dann wieder in eine Gasse zur anderen Seite. Es war kalt und außerdem noch nass auf den Straßen, vor wenigen Augenblicken erst hatte der Regen in Tokyo nachgelassen, deshalb war der Asphalt noch von großen Pfützen übersät. Eine davon brachte Renji zu Fall. Er schlug hart gegen die Fassade und rutschte dann auf den Bürgersteig.

Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er es geschafft hatte sich wieder aufzurappeln. Jede vergeudete Sekunde konnte ein Leben kosten. Atemlos und keuchend rannte er weiter durch die Nacht. Seine Seiten, Bauch und Lungen brannten wie Feuer, doch seine Sorge brannte heißer. Wie ein schwarzer Schatten stürmte er durch die Straßen. Es waren keine Passanten in dieser Gegend, die Büros waren hauptsächlich noch hell erleuchtet und die wenigen die ihren Feierabend genossen hatte der starke Regen von den Straßen gefegt. Er hatte also freie Bahn.

Natürlich war die Stadt laut, das war sie immer. Irgendwo hörte man das Rattern der Bahn aus dem dichten Lärm des Abendverkehrs heraus. Ab und zu heulte eine Sirene auf. Doch für all das hatte er keine Aufmerksamkeit, nicht für die Geräusche und nicht für die bunten Lichter und Reklamen die so allgegewärtig waren.
Sein einziger Gedanke war es nicht zu spät zu kommen. Gleich hatte er es geschafft, seine Muskeln spannten sich automatisch und seine Sinne schärften sich. Das vertraute Ziehen in den Augen stieß durch seinen ganzen Schädel. Er war bereit zum Angriff als er um die letzte Straßenecke bog.

Seine Aggressivität war wie weggefegt.
Auf der Straße, unter der hellen Neonbeleuchtung eines Nudelimbiss, lag eine zierliche Gestalt einer Pfütze.
Er konnte das Gesicht nicht sehen, doch das silberne Haar das in der leichten Brise wogte verriet es ihm. Er kam zu spät.
Silberblondes Haar... wie sein eigenes.
Der Schwarze Mantel mit den hübschen Stickmustern, den er ihr zum Geburtstag geschenkt hatte.
Sie war...

Plötzlich lösten sich, ebenfalls wie Schatten, zwei hohe Gestalten aus dem finsteren Hintergrund. Zäh wie flüssiger Teer glitten sie aus der Dunkelheit und traten an die junge Frau heran.
"Gehen sie bitte zurück, sie haben hier nichts verloren. Das ist eine Angelegenheit des CCG, deshalb..."

Einer der beiden Männer im dunklen Trenchcoat war auf ihn zugegangen um ihn des Tatortes zu verweisen, doch jetzt schaute er Renji nur feindseelig in die Augen. Seine Ghulaugen.
" Verdammte... Da ist noch einer. Wir sollten..."
" Wir nehmen die da mit. Diese Art von Kralle kann uns ganz bestimmt von Nutzen sein."
Bei diesen Worten rann es Renji kalt den Rücken herunter. Dann stieg die Wut in ihm auf.
"Ihr Verdammten... Ihr nehmt sie nirgendwo mit hin, verstanden?"
Wortlos standen sich die Kontrahenten mehrere Sekunden gegenüber. Ihre Blicke kreuzten sich. Renji warf dem Trenchcoat einen hasserfüllten Blick zu. Dieser quittierte mit einer arroganten Teilnahmslosigkeit, die den Ghul in den Wahnsinn trieb.
"Verschwindet hier bevor... bevor ich mich vergesse!"

Er ging in eine Angriffspostition und ließ seine Federkrallen leicht aus seinem Rücken hervorstechen. Seine Augen mussten nun in der Dunkelheit vor Mordlust leuchten.
"Ich schätze die Lage so ein."
Entgegnete der Mann mit ätzender Gelassenheit.
"Dass du hier ganz eindeutig die schlechtere Position einnimmst. Verschwinde besser, sonst bereust du es."
Er schob seelenruhig seine Brille zurück in Postion, nahm sie dann ab und korrigierte anscheinend den rechten Bügel. Was für ein Kerl war das denn?!
"Glaubt ihr wirklich..."

Renjis Stimme war zu einem perfekten Spiegelbild seiner Seele mutiert: Hasserfüllt und bereit jeden Moment auszubrechen.
"DAS ICH SIE EUCH SO EINFACH ÜBERLASSE?"
Seine Haltung hatte von Aggressivität zu blindem Wahnsinn gewechselt und er stürtzte brüllend auf die Beamten los. Im Sturm brachen seine Krallen in voller Größe hervor und er hieb in rasender Geschwindigkeit mit Flügeln und Händen nach den verhassten Gegnern.
Die Trenchcoats stoben auseinander und ließen die Schlösser ihrer Koffer aufschnappen. Heraus wuchsen, genau wie Yomos Krallen, mächtige Werkzeuge in sehr abstrakter Form. Sie machten jedoch keine Anstalten ihn ihrerseits anzugreifen, sondern verwendeten ihre Waffen lediglich um den tobenden Ghul abzuwehren.

"Ziehen sie sich zurück, ich decke sie!"
Presste der eine Beamte hervor, doch sein Kollege reagierte überhaupt nicht. Der Weishaarige hob nun seine Quinke zum Angriff und hieb seinerseits in schier unmenschlicher Geschwindigkeit auf den Ghul ein. Doch für Verteidigung interessierte dieser sich gar nicht. Renji war egal wie tief seine Wunden geschlagen wurden und wie brutal die Waffe seinen Körper durchbohrte. Plötzlich war er nahe an seinen Gegner heran und hieb ihm die Faust ins Gesicht, sodass der Mann durch die Luft flog und gegen eine Laterne krachte. Sofort sprang der Zweite dazwischen und hinderte Renji daran dem Gestürzten den finalen Streich zu versetzen.
"Verschwinden sie endlich, Arima, ich habe das im Griff."
Der Angesprochene stand scheer atmend da und sondierte die Situation. Selbst der Ghul hatte innegehalten. Wieder kehrte Ruhe ein.
"Wir müssen Verstärkung holen, auf ihn sind wir nicht vorbereitet."
"Einverstanden."

Der Weißhaarige nickte und nahm einen kleinen Zylinder aus einer Innentasche.
"Wir werden uns wiedersehen. Dann werde ich sie ausweiden und ihre Zellen unserem Labor zukommen lassen."
Schnell riss er einen Ring aus dem Gegenstand und schleuderte ihn Renji vor die Füße. Gerade noch konnte der Ghul die Augen zukneifen und den Arm schützend vor sein Gesicht legen, da detonierte die Blendgranate vor ihm.
Das gleisende Licht erfüllte seinen Zweck und es verging eine gefühlte Ewigkeit, bis er seine Augen wieder öffnen konnte.
Die beiden Männer im Trenchcoat waren samt ihrer schwarzen Koffer verschwunden.

Er stand allein auf der Kreuzung. Es war still geworden.
Da war ein seichtes, fast lautloses Husten.
Er schaute zu Boden und erinnerte sich der jungen Frau zu seinen Füßen.
"Renji... Bist du?..."
Sie hustete röchelnd und ein Schwall Blut ergoss sich in die Pfütze in der sie lag. Keine Pfütze die der Regen gemacht hatte.
"Du hast mich gerettet. Mein..."
Sie wurde erneut von einem Husten, noch erbärmlicher als das erste, unterbrochen.
Er sank zu ihr auf die Knie und hob sie vom Boden auf.
"Ich bin da! Ich bin hier, bitte bleib bei mir."
Seine Augen füllte sich mit Tränen und er begann zu schluchzen.
"Ich bin immer bei dir gewesen, Renji. Schon immer. Ich..."
Sie schloss die Augen und lächelte ihn sachte an.
"Deine große Schwester hat immer auf dich aufgepasst, stimmt doch oder?"
Renji konnte nichts erwidern. Sein Körper reagierte nicht. Er wollte etwas sagen doch es gelang ihm nicht.
"Bitte... Renji... Ich bitte dich um eine Sache. Geh zu Arata... sag meinen Kindern... sag meinem Mann dass ich..."
Sie bewegte die Lippen doch er konnte sie nicht verstehen.
"Ihnen was sagen? Hikari, bitte, bleib bei mir! Bitte... Schwester... du hast mir versprochen auf mich aufzupassen, weißt du's noch? Hikari?"
Ihre Lippen bewegten sich nicht mehr. Sie sagte nichts mehr. Sie hörte ihn nicht mehr...

Renji Yomo kauerte auf der Kreuzung, in einer Lache aus Blut und mit dem toten Körper der Person die er am meisten geliebt hatte, und weinte. Weinte um seine Schwester. Weinte bis er nicht mehr weinen konnte.
Als die Tränen versiegt waren hallte ein einziger Name in seinem Kopf wieder.
Nicht der Name seiner Schwester. Nicht Hikari.
Ein Anderer.
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