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Wie Sonnenblumen im Winter

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
André Matthäus Ben Decker Florian Winter Robin Sturm Stephan Sindera Tom Mayer
27.11.2019
24.05.2020
90
140.547
9
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21.05.2020 2.090
 
Ein unangenehm lautes Rasseln lässt ihn hektisch umherschauen, Dunkelheit schnürt seine Brust zu. Er ist einsam, nur ein abgerissener Puppenkopf liegt neben ihm auf den Boden, ein Auge fehlt. Plötzlich steht Sabrina vor ihm, lächelt ihn übertreiben an, ihre braunen, angespitzten Zähne leuchten im grellen Scheinwerferlicht. “Iss!” sagt sie, hält ihm einen Löffel unter die Nase. Er erkennt Maden, die sich durch das Reis-Gemüse-Gericht schlängeln. Er dreht den Kopf weg, kneift entsetzt die Augen zu. “Iss, eisblauer Engel” zischt sie, packt seinen Hals, drückt ihn mit aller Kraft nach hinten. Er spürt die Gitterstäbe in seinen Rücken drücken, die schweren Ketten seine Hände nach unten ziehen. “Nein!” sagt er, schüttelt wild den Kopf hin und her, knallt dabei immer wieder gegen die Gitterstäbe. “Schatz” sagt Sabine. Ihre Augen werden groß, das ganze Gesicht verzieht sich zu einer Fratze. Sie sieht aus wie der Joker, kommt immer näher, noch näher, viel zu nah - dann schleckt sie mit einer langen Zunge durch sein Gesicht. Ein stechender Schmerz durchfährt ihn, er weiß dass sie ein Messer in sein Bein gesteckt hat. “Schatz!!” schreit sie plötzlich viel zu nah an seinem Ohr - die Ketten ziehen immer weiter, schwer liegen sie auf ihm, drücken ihn immer weiter hinab. Er kann sich kaum bewegen, krümmt sich immer weiter zusammen -  

“Schatz!!” rüttelt Dennis an Eriks Schulter, versucht ihn irgendwie aus seinem Alptraum zu wecken. Erik wirft seinen Kopf wild hin und her, murmelt immer wieder “NEIN!” Schweiß steht auf der Stirn seines Freundes. “Joker” sagt Erik plötzlich, Dennis schaut verwirrt auf ihn herab. Er kommt gerade vom Nachtdienst, hat das Wühlen seines Partners gehört und nachgesehen, was los ist. Da Erik überhaupt nicht auf seine Ansprache zu reagieren scheint, bleibt Dennis nur eine Möglichkeit: er hievt sich auf das Bett, setzt sich auf Erik, packt dessen Schultern, schränkt seine Bewegungsfreiheit damit massiv ein. Den Kniff lernen sie in der Ausbildung, wenn Randalierer überhaupt nicht mehr von selbst runterfahren können.

Bei Erik scheint es zu helfen, denn er wehrt sich nur noch kurz gegen die Fessel, dann wird er schlagartig ruhig und schlägt verwirrt die Augen auf. Dennis atmet tief und erleichtert durch, klettert wieder von Erik runter. Bleibt auf der anderen Seite im Bett sitzen und legt eine beruhigende Hand auf den Oberarm.

Erik keucht immer noch, unruhig fliegt sein Blick hin und her. “Dennis?” fragt er mit gebrochener Stimme - dann wird ihm klar was passiert ist und er läuft schlagartig rot an. Das ist das erste mal, dass Dennis etwas von seinen Alpträumen mitbekommt, denn wenn sein Freund neben ihm schläft, kommen keine. Aber wenn er alleine schläft, jagen sie ihn
seit gefühlten Monaten. Er konnte sie erfolgreich vor seinem Freund geheim halten - bis jetzt. Er wollte ihm einfach nicht noch mehr Sorge und Kummer bereiten. Er war doch erwachsen verdammt! Damit muss er alleine fertig werden!

“Sag mal...passiert das öfter?” fragt Dennis sanft, legt sich in Straßenklamotten einfach neben Erik, der kuschelt sich eng an ihn, legt ein Bein quer über dessen Körpermitte.

“Hmm..naja. Ich. Manchmal?” druckst erik herum, schämt sich so schwach zu sein. Er vergräbt sein Gesicht an Dennis Brust, schaut ihn nicht an.
Dennis kennt Erik inzwischen sehr gut, weiß und spürt es einfach, wenn sein Freund ihn anlügt. “Hey, du sollst mich nicht anlügen. Ja oder nein?” wird seine Stimme strenger, plötzlich macht er sich unendliche Sorgen um Erik. Der wird knallrot, ihm ist es sichtlich unangenehm. Aber so geht es doch auch nicht weiter.

Erik setzt sich plötzlich gerade auf, schaut ihn aus wässrigen Augen an. “Ich...jedes mal ohne dich. Sie kommt immer wieder...was soll ich denn noch machen? Das ist so peinlich, es soll endlich aufhören!....” stammelt Erik, krallt sich in Dennis Uniformhemd.

“Wie  - ohne mich?” fragt Dennis nach. Jetzt kommen sie endlich zum Kern der ganzen Sache. Plötzlich fällt ihm der Trick ein, den Moritz Erik verraten hat. Ob die Kerze auch bei Erik funktioniert?

“Immer wenn du nicht bei mir schläfst, kommt sie und quält mich in meinen Träumen. Der Käfig, die Ketten….ich komm da einfach nicht raus…” schluchzt Erik, hockt da wie ein heulendes Elend auf dem Bett. Dennis zieht ihn wieder in eine liegende Position, streichelt langsam und beruhigend durch seine Haare. “Und warum sagst du nichts?” fragt er wenig später leise, legt eine Hand unter Eriks Kinn, zwingt ihn so, ihn anzuschauen. Erik läuft knallrot an und will sein Gesicht wegdrehen. Aber Dennis hält es unerbittlich fest - da muss er jetzt durch. “Ich hab dir schon genug Sorgen bereitet. Und gegen Nachtschicht kannst du sowieso nichts machen….ich heul immer nur rum. Ich muss damit alleine fertig werden, kann ja nicht angehen” plötzlich ist Erik sauer auf sich selbst. Er will so nicht weiter leben. Mit Angst im Dunkeln, Angst alleine im Bett zu schlafen. Vor allem will er Dennis nicht noch mehr Sorgen bereiten.  

“Warte kurz hier, ich habe eine Idee” springt Dennis plötzlich auf. Erik hört wie er im Wohnzimmer kramt, die Sideboard-Tür schlägt lauter als nötig zu. “Psshh” macht Dennis aus Reflex, Erik muss leicht grinsen.

Kurz darauf steht Dennis mit einer Kerze und Streichhölzern wieder am Bett. Erik ahnt, was jetzt kommt. “Ich kann vielleicht nicht immer körperlich neben dir liegen, aber gedanklich bin ich sowieso immer bei dir. Und damit du das nicht vergisst, stellen wir dir eine Kerze hier hin. Die machst du immer an, wenn ich nicht neben dir schlafe. Du erzählst ihr alles was dich bedrückt und in der Flamme verbrennen die Sorgen. Ehe du dich versiehst bin ich schon wieder bei dir. Wollen wir das mal probieren?” lässt Dennis Erik die Wahl. Der schaut erst skeptisch drein, dann nickt er zögerlich.

“Und jetzt machen wir frühstück auf der Terrasse, es ist nämlich schön sommerlich draußen. Dabei erzählst du mir einfach alles, okay?”

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Ein Stadtteil weiter sitzen sechs verschlafene Männer am Frühstückstisch, der von Moritz hastig gedeckt wurde, bevor er mit Robin zum Dienst fuhr. Tom schenkt Kaffee ein, gießt Stephans Tee auf und stellt die fertig aufgebackenen Brötchen auf den Tisch. “Geht ja weiter wie in Manchester” grinst Marc, nimmt einen großen Schluck aus seiner Tasse “Fehlen zwar ein paar, aber der Kern ist hier.”

Florian sieht aus wie überfahren, aber der Schmerz in seinem Bauch ist deutlich abgeebbt. Sein Veilchen pocht und seine Rippen schmerzen ein wenig, aber er fühlt sich trotzdem erstaunlich ausgeschlafen.

Ben neben ihm gähnt herzhaft, schmiert sein Brötchen mit langsamen Bewegungen. Muri brummelt neben ihnen vor sich hin, Tom sieht aus als würde er jeden Moment wieder einschlafen.

Nur Stephan sitzt da, wie aus dem Ei gepellt, selbstzufrieden schmiert er schwungvoll eine Brötchenhälfte nach der anderen und verteilt sie wahllos auf die Brettchen seiner Kollegen.
Als Muri ihm einen bösen Blick zuwirft und “wie kann man morgens nur so fröhlich sein” in seine Kaffeetasse murmelt. “Wer hat heute Dienst von euch?” fragt Stephan in die Runde. Alle heben die Hände.

Ben wirft einen skeptischen Blick auf Florian. “Schau mich nicht so an, Benny. Mir gehts gut” zischt Florian, dreht sich nicht mal zu seinem Kumpel. Der schnaubt in die Brötchenhälfte, die er gerade zum Mund führt. “Ist klar. Du bleibst schön hier. Ich melde dich bei Wiebel für heute krank” bestimmt der blonde dann. Florian wirft ihm nun doch einen empörten Blick zu. “Das wagst du nicht” zischt er “ich kann für mich selbst bestimmen.”

“mhm...genau. Das blaue Auge tut doch weh, oder? Und erzähl mir nicht, dass deine Rippe heile ist. So wie du dich bewegst, ist da mindestens was angeknackst. Du bleibst hier, keine Diskussion” redet Ben ihn nieder. Seine Stimme lässt dabei kein Widerspruch zu.

“Du bist wie Rob” mischt sich Stephan plötzlich ein “der muss auch immer den dicken Macker markieren.”

“Nicht.Hilfreich” wirft Florian ihm einen vernichtenden Blick zu.

Die anderen grinsen vor sich hin. “Wie ein altes Ehepaar” grinst Muri, lehnt sich an Tom. “Ignorieren wir den Fakt, dass er “Benny” gesagt hat, sevgilim?” damit blickt er aus treudoofen Augen von unten zu Ben hoch. Beide prusten daraufhin in ihre Tassen und kichern wie kleine Kinder.

Marc schüttelt amüsiert den Kopf. Die jungen Kollegen sind manchmal besser als Kino. Dann wirft er einen Blick auf die Uhr über der Tür und verabschiedet sich. Er muss noch mit seinem Hund raus und Wäsche macht sich auch nicht von alleine.

Da sie alle noch frische Wäsche aus Manchester in ihren Taschen haben, beschließen sie laufen zu gehen und dann gemeinsam auf die Wache zu fahren.

Florian räumt in der Zeit das Frühstück weg, legt ihre Bettsachen vom Sofa zusammen und genießt eine lange Dusche. Den großen blauen Fleck an seinen Rippen ignoriert er geflissentlich. Er will zum Dienst, sonst machen ihn seine Gedanken verrückt. Allein hier unter der Dusche beschleicht ihn wieder das beklemmende Gefühl, hilflos ausgeliefert zu sein. Der Moment im Flugzeug, als ihm das Messer an den Hals gehalten wurde, wird ihn wohl noch länger verfolgen seufzt er innerlich auf. Dienst wird ihn ablenken, beschließt er und greift, nur mit Handtuch bekleidet im Wohnzimmer nach seinem Handy. Er will Wiebel anrufen, die Situation schildern und in den Innendienst verlegt werden. Zumindest für heute ist es besser so.

“Wer sind sie?” ertönt plötzlich eine männliche Stimme hinter ihm und Florian fällt vor Schreck fast das Handy aus der Hand. Den Akzent kenn ich schießt es ihm durch den Kopf. Vor ihm steht ein junger Mann in cremefarbener Hose, blauen Schuhen, blauem Pullover und weißem Hemd. Die blonden Haare sind ordentlich frisiert. “Was machen sie hier?” fragt der junge Mann weiter, mustert ihn aus zusammengekniffenen Augen. “Wer sind sie überhaupt? Und wie kommen sie hier rein?” stellt Florian Gegenfragen, sein Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Woher kenn ich nur diesen Akzent?

“Ich habe gefragt zuerst” wird sein Gegenüber ungeduldig, mustert ihn von Kopf bis Fuß. Sein Blick bleibt einen Tick länger als nötig an Florians nackter Brust hängen. Dann erhellt Erkenntnis das Gesicht. “Kennen Sie Moritz?” wird Florian weiter ausgefragt, der Ton wird schneidender. “Sie haben eine Affäre?” kommt der Mann langsam und drohend auf ihn zu.

Florians Gedanken rasen: Wie bitte? Er und Moritz eine -was- bitte? Wie kommt er bitte darauf? Und wer ist das überhaupt?

“Moment, moment” hebt Florian abwehrend die Hände. macht schnell zwei Schritte zurück. “Mein Name ist Florian Winter. Ich bin ein Kollege von Moritz und Tom. Ich habe hier geschlafen, weil wir gestern...was geht sie das überhaupt an?” unterbricht Florian sich selber.

“Was mich das angeht?” wird der Mann plötzlich laut. “Mein Bruder heiratet und der Kleine Schmarotzer hat Affäre mit Kollege.”

Plötzlich dämmert es Florian, wer da vor ihm steht. Bruder? ...dieser Akzent…

“Sie sind Toms Bruder?” fragt Florian nach, will gerade weiter erklären, wird aber von einem Schlüsselgeräusch unterbrochen.

“David!” ruft Tom erstaunt aus. “Co tu děláš?” (Was machst du hier?) Hinter ihm schauen Stephan, Muri und Ben neugierig auf die beiden Männer im Wohnzimmer.

“Ich helfe dir zu sehen!” sagt David und will auf Florian los gehen. Ben stellt sich blitzschnell zwischen sie und schirmt Florian ab.

“Bei was?!” fragt Tom, fordert eine Erklärung. Sein Blick ist scharf und unerbittlich.

“Dein angeblich so süßer Verlobter hat eine Affäre!” schleudert David in den Raum, aus seinen Augen sprühen wütende Funken.

Verdutzt schauen sich die Männer an, dann müssen sie lachen. “Mo? Mit Florian? Was?” Tom ist überfordert. Ben muss ein lachen hinter der Hand verstecken, dann klären sie den armen David auf.

“Ahh…..tschuldigen Sie” hält Toms Bruder wenig später peinlich errötet seine Hand zu Florian, zieht den Beamten in eine herzhafte Umarmung. Der lässt es überrumpelt zu, löst sich und verschwindet im Bad um sich fertig anzuziehen. Nebenbei telefoniert er mit Wiebel. Der seufzt genervt auf: "Ja. Sowas ähnliches habe ich schon befürchtet, nachdem was Robin hier auf der Wache erzählt hat!" Er verspricht den Dienstplan anzupassen.

“Ich finde es ja lieb, dass du dich so einsetzt, aber was willst du hier?” wiederholt Tom seine Frage, als sie alle wenig später geduscht und in frischen Klamotten auf dem Sofa zusammen sitzen.

“Ach nichts...wollte nur mal nach dir sehen…” druckst David herum. Tom schaut ihn skeptisch an.

“Wir müssen los!” schreit Muri plötzlich, springt auf und sprintet mit seiner Tasse in der Hand in die Küche. Ein Gewusel entsteht als alle aufspringen und sich gleichzeitig um die Garderobe drängeln. “Ich räum hier auf!” schreit David in die Menge, bekommt ein dankbares nicken von Tom zugeworfen. Dann sind sie aus der Tür.

David grinst und reibt sich die Hände. Jetzt kann er seinen Plan doch noch in die Tat umsetzen.
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